Glück und Segen, geliebter Herr, und höre nun von dem anderen Leben!«

* * * * *

Georg -- sein ganzes Blut lag ihm im Innern, zu einem glühend kochenden

Klumpen geballt -- sah sich jetzt aufstehn, zur Wand gehn, die Arme

dagegen legen und den Kopf auf die Arme und -- -- nein. Nahe vor ihm lag

ein schlafendes Gesicht, die Augen fest geschlossen, aber der Mund

lächelte vor sich hin, hatte nicht aufgehört zu lächeln, schwelgte im

Lächeln und wußte, wußte ...

Er sah auf das Blatt. Da war wieder der siedende Katarakt, an dem er

eben gestanden hatte, war diese Feuersbrunst von Leiden, die in seinen

Ohren leiblich getost hatte, dies Gigantengehämmer der Qual. All dies in

Cordelias Brust, seiner Cordelia, der immer heitern, immer kindlichen,

seligen, immer -- nein, einmal war der Schmerz ausgebrochen, das Untier,

aufbrüllend, alles zerfetzend mit dem Hieb seiner Pranken, einmal ...

Einmal ist nichts, und hier war das Lächeln.

Georg nahm die Blätter wieder vor und las weiter.

»Du hast gesehen, Georg, daß die arme Seele eine Schwester hatte, und

hast sie wohl abstoßend gefunden. Da die arme Seele selber sie kannte

vom ersten Blick des Lebens, war sie die Häßliche immer gewohnt. Und

diese Häßliche hatte ja auch das >Schönste<. Das >Schönste< war vom

ersten Bewußtsein des Lebens an, später erst lernte sie, daß die

Schwester es hatte, daß es sich von ihr immer bekommen ließ, und noch

später, daß es sich nur von ihr bekommen ließ, und daß niemand sonst

davon wissen durfte; und noch viel später endlich, daß es kein

>Schönstes< war, sondern ...

Wenn die arme Seele kaum in ihrem Bett lag am Abend, das Licht gelöscht

war und Alle gegangen, die beim Auskleiden und Waschen geholfen,

gescherzt und gelacht hatten, dann ging leise die Tür, die viel ältere

Schwester kam herein und stieg zu ihr ins Gitterbett, und dann ...

Laß, Georg, laß! laß doch los, Georg, ich kann ja nicht!

* * * * *

Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon

auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und

Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und plötzlich

ist alles verwandelt. Ich weiß so viel, alles glaube ich zu wissen, ich

glaube, ich darf ...

Es ist fast, als hätte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du

bist ein Mann -- Männer verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar

nicht meinte, also hast Du verstanden.«

Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber --, -- er

wußte nicht weiter. Er las.

»Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich weiß es, und doch -- ich glaube,

ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange

gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester

überwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr läßt. Ein halbes Jahr,

das genügt, und mehr ist unmöglich.

Ein halbes Jahr Glück. Mir ist eingefallen, daß ich ja die Sonne habe.

Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, daß sie nur vor Vielen brennt,

aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.

Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? daß man sagt:

spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glücklich, bins schon, ich brauche

nichts zu erfinden, nur die Lüge muß ich verbergen, nur dazu ein wenig

Spiel; und ein wenig, wenn es -- wenn es einmal schwer ist, zu spielen.

Oh ja, nun werde ich spielen!«

Georg fühlte die Glut auf der eigenen Stirn. -- Also das wars? Sie hat

gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei

gelobt, daß ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich hätte ihr am Ende noch

das Letzte zerstört.

Er suchte die Zeile, wo er aufgehört hatte, wieder und las:

»Ein halbes Jahr -- und dann der Tod. Ein halbes Jahr lügen und dann die

Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glänzt; und ich sehe die Stunde,

wo Du dies liest. Weißt Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme,

Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte

und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzählen auf

das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weißt Du

noch den Anfang, vor einem Monat, weißt Du nun, warum Du mich gar nicht

verstehen konntest? Weißt Du, wie ich in Deine Tür kam und vor Staunen

verging?«

Georg sah und wußte alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit,

und wie sie am Boden kniete und sagte: »Ich bin dein eigen« ... Und

dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den

Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und

weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie

einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, -- und er hatte nichts

gewußt. Sie hatte die Hölle unter ihre Füße gestampft und stieg herauf,

wie ein Engel rein, sie ... Georg faßte behutsam den Mantel und zog ihn

über ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die

weiße, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie

gekannt, legte den Mantel wieder darüber, das Lächeln ihres Mundes

scheuchte ihn ganz zurück, er gewahrte die Blätter in seiner Hand und

las, entschlossen, zu Ende zu kommen.

»Genug, Georg, genug. Ich weiß nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst

Du jetzt, ich hätte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar

nicht, denkst, ich hätte es versuchen sollen, hätte den Tag herankommen

lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wäre und ausgeschrien

hätte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, daß ich dem

Vampir so habe erliegen können, so in seiner Gewalt blieb ... Ach,

fünfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit -- und nichts ist mehr zu

retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ...

wozu? Töten -- nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah für

den Fernen, aber ich weiß, daß man dazu geboren wird oder anders nicht

dazu kommt -- vor dem eigenen Tod.

Ich komme, Georg.

So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brücke, als sie

auf Dich wartete und dachte: entweder -- oder. Nur ein wenig

hinausgerückt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu können für ein

halbes Jahr.

Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?

Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, weiß ich, ist alles gut, ist

alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod

und Leben ganz gleich, nur nötig das Leben, weil es lebt. --

Ich bin müde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese

Blätter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mußt. Ich sehe

die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust,

und daß sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.

* * * * *

Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal

ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht

mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist

Abschied.

Glück und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glück und Segen, die

arme Seele ist nicht sehr betrübt, obgleich es schwer ist, von Dir zu

gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht

mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglättet, all

das viele Leid ...

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 90 / 124 题