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Georg -- sein ganzes Blut lag ihm im Innern, zu einem glühend kochenden
Klumpen geballt -- sah sich jetzt aufstehn, zur Wand gehn, die Arme
dagegen legen und den Kopf auf die Arme und -- -- nein. Nahe vor ihm lag
ein schlafendes Gesicht, die Augen fest geschlossen, aber der Mund
lächelte vor sich hin, hatte nicht aufgehört zu lächeln, schwelgte im
Lächeln und wußte, wußte ...
Er sah auf das Blatt. Da war wieder der siedende Katarakt, an dem er
eben gestanden hatte, war diese Feuersbrunst von Leiden, die in seinen
Ohren leiblich getost hatte, dies Gigantengehämmer der Qual. All dies in
Cordelias Brust, seiner Cordelia, der immer heitern, immer kindlichen,
seligen, immer -- nein, einmal war der Schmerz ausgebrochen, das Untier,
aufbrüllend, alles zerfetzend mit dem Hieb seiner Pranken, einmal ...
Einmal ist nichts, und hier war das Lächeln.
Georg nahm die Blätter wieder vor und las weiter.
»Du hast gesehen, Georg, daß die arme Seele eine Schwester hatte, und
hast sie wohl abstoßend gefunden. Da die arme Seele selber sie kannte
vom ersten Blick des Lebens, war sie die Häßliche immer gewohnt. Und
diese Häßliche hatte ja auch das >Schönste<. Das >Schönste< war vom
ersten Bewußtsein des Lebens an, später erst lernte sie, daß die
Schwester es hatte, daß es sich von ihr immer bekommen ließ, und noch
später, daß es sich nur von ihr bekommen ließ, und daß niemand sonst
davon wissen durfte; und noch viel später endlich, daß es kein
>Schönstes< war, sondern ...
Wenn die arme Seele kaum in ihrem Bett lag am Abend, das Licht gelöscht
war und Alle gegangen, die beim Auskleiden und Waschen geholfen,
gescherzt und gelacht hatten, dann ging leise die Tür, die viel ältere
Schwester kam herein und stieg zu ihr ins Gitterbett, und dann ...
Laß, Georg, laß! laß doch los, Georg, ich kann ja nicht!
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Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon
auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und
Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und plötzlich
ist alles verwandelt. Ich weiß so viel, alles glaube ich zu wissen, ich
glaube, ich darf ...
Es ist fast, als hätte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du
bist ein Mann -- Männer verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar
nicht meinte, also hast Du verstanden.«
Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber --, -- er
wußte nicht weiter. Er las.
»Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich weiß es, und doch -- ich glaube,
ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange
gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester
überwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr läßt. Ein halbes Jahr,
das genügt, und mehr ist unmöglich.
Ein halbes Jahr Glück. Mir ist eingefallen, daß ich ja die Sonne habe.
Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, daß sie nur vor Vielen brennt,
aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.
Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? daß man sagt:
spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glücklich, bins schon, ich brauche
nichts zu erfinden, nur die Lüge muß ich verbergen, nur dazu ein wenig
Spiel; und ein wenig, wenn es -- wenn es einmal schwer ist, zu spielen.
Oh ja, nun werde ich spielen!«
Georg fühlte die Glut auf der eigenen Stirn. -- Also das wars? Sie hat
gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei
gelobt, daß ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich hätte ihr am Ende noch
das Letzte zerstört.
Er suchte die Zeile, wo er aufgehört hatte, wieder und las:
»Ein halbes Jahr -- und dann der Tod. Ein halbes Jahr lügen und dann die
Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glänzt; und ich sehe die Stunde,
wo Du dies liest. Weißt Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme,
Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte
und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzählen auf
das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weißt Du
noch den Anfang, vor einem Monat, weißt Du nun, warum Du mich gar nicht
verstehen konntest? Weißt Du, wie ich in Deine Tür kam und vor Staunen
verging?«
Georg sah und wußte alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit,
und wie sie am Boden kniete und sagte: »Ich bin dein eigen« ... Und
dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den
Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und
weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie
einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, -- und er hatte nichts
gewußt. Sie hatte die Hölle unter ihre Füße gestampft und stieg herauf,
wie ein Engel rein, sie ... Georg faßte behutsam den Mantel und zog ihn
über ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die
weiße, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie
gekannt, legte den Mantel wieder darüber, das Lächeln ihres Mundes
scheuchte ihn ganz zurück, er gewahrte die Blätter in seiner Hand und
las, entschlossen, zu Ende zu kommen.
»Genug, Georg, genug. Ich weiß nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst
Du jetzt, ich hätte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar
nicht, denkst, ich hätte es versuchen sollen, hätte den Tag herankommen
lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wäre und ausgeschrien
hätte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, daß ich dem
Vampir so habe erliegen können, so in seiner Gewalt blieb ... Ach,
fünfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit -- und nichts ist mehr zu
retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ...
wozu? Töten -- nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah für
den Fernen, aber ich weiß, daß man dazu geboren wird oder anders nicht
dazu kommt -- vor dem eigenen Tod.
Ich komme, Georg.
So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brücke, als sie
auf Dich wartete und dachte: entweder -- oder. Nur ein wenig
hinausgerückt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu können für ein
halbes Jahr.
Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?
Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, weiß ich, ist alles gut, ist
alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod
und Leben ganz gleich, nur nötig das Leben, weil es lebt. --
Ich bin müde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese
Blätter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mußt. Ich sehe
die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust,
und daß sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.
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Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal
ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht
mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist
Abschied.
Glück und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glück und Segen, die
arme Seele ist nicht sehr betrübt, obgleich es schwer ist, von Dir zu
gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht
mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglättet, all
das viele Leid ...