Und vielleicht -- auch wenn ich aus dem roten Becher getrunken habe --
nimmt es noch kein Ende mit ihr.
Dann werd ichs wissen.
Erhalte mir Dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben!
bittet
die arme Seele
Cordelia.«
Georg legte die Blätter leise zusammen und erhob sich. Es war still. Er
suchte in sich, die tiefgebrannten Flammen der Kerzen im Blick. Er
versuchte, zu begreifen, daß hier Tod war, und was das war: Tod? Aber er
fand nur eine unerkennbare Fremdheit. Nicht Angst, nicht Grausen, nicht
Schmerz, -- nur eine feierliche Schwere, die nicht drückte. Er heftete
noch einmal die Augen auf das Lächeln der Toten, zog schnell den Mantel
darüber hoch, nahm das rote Glas an sich, löschte dann eine nach der
andern die Flammen und ging leise durch den Raum auf den Lichtspalt der
Türe zu, jetzt merkend, daß von dorther der Geruch des brennenden Tabaks
kam, den er schon längere Zeit unbewußt wahrgenommen hatte.
Josef Montfort wandte sich im Stuhl um, in dem er, den Rücken der Tür
zugewandt, in der Nähe eines Sofas saß, das an der Wand stand. Er
rauchte, an der Erde stand eine Kerze im Blechleuchter, ein Wasserglas
mit rötlichem Bodensatz und eine Flasche Wein. Es hätte behaglich
ausgesehn, wenn nicht auf dem Sofa der weibliche Körper gelegen hätte;
allein als Georg, Ekel und Schauder, die heftig in ihm aufstiegen,
überwindend, hinzutrat, war auch hier nichts Abscheuliches mehr.
Montfort hatte der Toten die Hände zusammengelegt, sie lag grade, die
Augenlider waren geschlossen, die Zungenspitze verschwunden, der Mund
geschlossen, sie sah müde, friedfertig und gut aus. Montfort zeigte ihm
alles deutlich, indem er die Kerze hochhielt und leuchtete. Dann gab er
ihm auch den Zettel in die Hand, den die Tote gehalten hatte, und Georg
steckte ihn in die Tasche zu dem übrigen. --
Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Dem Herrn? dem Herrn? Nun gleich,
das Wort enthielt ja wohl alles, und wenn Cordelia es für die Schwester
geschrieben hatte, so war auch hier alles geschehn.
»Wollen wir gehn?« fragte er Montfort. Der nickte, ließ ihn voran bis
zur Tür und löschte das Licht.
Die Taschenlaterne leuchtete ihnen nach unten. Im Hof fiel es Georg ein,
daß sie kaum würden aus dem Hause kommen können, doch zeigte Montfort,
ehe er etwas sagen konnte, einen Schlüssel, lächelte ein wenig mit einem
Auge und sagte: »Ich sorge für alles.«
Auf der Straße, überm Fluß brauten Nebel und nächtliche Dämmerung. Die
Laternen waren erloschen. Montfort warf das Ende seiner Zigarre über das
Geländer, die rote Flugbahn erlosch, er sagte, Georg unter den Arm
nehmend:
»Ich muß Sie um einiges bitten, lieber Freund. Erstlich, zu vergessen,
daß Sie mich hier sahn, jedenfalls vor jedem, der mich kennt. Ich weile
unbekannt hier. Zweitens sich nicht weiter zu wundern, daß Sie mich
trafen. Es dürfte Ihnen ja kaum unangenehm gewesen sein. Mich selbst
wundert es durchaus nicht, da ich seit Kindesbeinen, möchte ich sagen,
die Gewohnheit habe, an Stellen aufzutauchen, wo sich das Fürchten
lernen läßt. Gelernt habe ich es leider nie. Das Unglück meines Lebens.
Nun -- ich hoffe, wir plaudern ein ander Mal darüber. Sehen Sie, da sind
wir über die Brücke. Übrigens -- mit Ihrer Erlaubnis würde ich nichts
dagegen einzuwenden haben, wenn Sie mir ein Bett anböten für die Nacht;
bis zu dem meinen wäre es verteufelt weit in Anbetracht der Stunde. --
Ja, noch etwas: mein Gesicht. Sie haben vermutlich bemerkt, daß etwas
damit nicht in Ordnung ist. Nun -- auch darüber werden wir plaudern,
wenn uns das Leben wieder zusammenführen sollte, was, wie ich hoffe, in
für Sie weniger schwerer Stunde der Fall sein wird.«
Georg, willenlos übergossen von der plätschernden Suada, blieb nun
stehn, da sie bei der ersten Laterne angelangt waren, blickte Montfort
an, blickte zu dem Glaskäfig auf, in dem der Glühstrumpf atmete, und
dachte: Habe ich denn nun alldas geträumt? Wann stand ich denn schon
einmal neben einer solchen Laterne? War das nicht -- als ich Renate zum
ersten Mal sah? -- Er zuckte zusammen. Seine linke Hand fühlte die
Papiere in der Tasche, seine rechte das warme Glas. Kein Traum. Cordelia
war tot. Aber auch kein Schmerz kam hoch in seiner Brust; im Dunkel
wehte es auf, lächelte tief, und entschwand. Georg ging weiter.
Allein! sagte jemand tonlos in seiner Nähe; allein, allein, allein.
Hier enden des fünften Buches neun Kapitel oder ebenso viele
Monate.
Sechstes Buch.
Fragmente aus den halkyonischen Jahren III
oder
Die Schleuse