Georgs Kopf sank langsam vornüber auf das Blatt und lag fest. Als die
Umnachtung wieder gewichen war, sprang er auf, riß alle Kraft, die zu
erreichen war, zusammen in das Jagen seines Herzens, sah Hesekiel stehn
und sagte: »Weißt du, was geschehen ist, Hesekiel?«
»Is ein Unglück geschehn, Herr Doktor?«
»Es -- es scheint so, Hesekiel. Sage mir jetzt -- kannst du mirs genau
sagen: warst du allein im Haus, als du gingst?«
»War ganz allein, Herr Doktor, sell kann i --«
»Wann bekamst du diesen Brief?«
»Gestern abend, Herr Doktor. Gnä Frau gab ihn mir. Gestern abend wars,
so um halber acht herum.«
»Und was sagte sie?«
»Sehr lieb und gut war s', wie halt immer. Gab mir den Brief und sagte,
daß ich ihn bringen soll, heint, wenn dunkel wär. Ach, Herr Doktor, is
am End gar g'storm, gnä Frau?« Hesekiel fing an zu weinen.
Georg legte ihm bewußtlos die Hand auf die Schulter. -- »Ich muß sie
sehn,« fuhr er dann auf, »ich muß wissen, muß -- Hesekiel, sage mir --
besinne dich, sage mir: weißt du die -- die andre Wohnung von gnä Frau?«
»Sell weiß i net, Herr Doktor.« Georg sah es wieder dunkel werden. »Man
könnt am End -- am End könnt ma nachschlagen im Adreßbuch ...«
Natürlich, mein Gott! das gabs ja, Adreßbuch ... Georg lief ins
Ankleidezimmer, wühlte Mütze und Mantel hervor, dann stand er wieder vor
Hesekiel, sah gleichzeitig den Stoß Blätter noch ungelesen auf dem Tisch
liegen, raffte ihn samt dem Brief auf und steckte ihn in die Tasche.
Hesekiel nahm er mit sich ins Freie und schickte ihn mit irgendwelchen
Worten nach Haus.
Cordelia nicht mehr da! Nicht mehr da, mehr da, mehr da ... Das Ende ...
das Ende ... Georg jagte die Allee hinab, über den Platz, auf ein
erleuchtetes Schild >Schloßwende< zu, stand dann vor einer Theke, eine
Frau gab ihm ein Adreßbuch, er blätterte, suchte, er fand endlich:
Severin, Karl, Tischler; Severin, Doktor; Severin -- plötzlich,
furchtbar deutlich: Severin, V., Privatiere, und C., Schauspielerin,
Inselbrückstraße 9, Hinterhaus 2 Treppen.
Georg lief wieder durch schwarze, nasse Straßen mit Laternen.
Inselbrückstraße -- ganz in der Nähe -- Gerberstraße -- Inselbrücke --
da war die Hartwigstraße, er bog ein ... Severin, V., Privatiere ... O,
sie hatte eine Schwester! -- Georg mußte an einer Laterne stehen bleiben
und den Schweiß von der Stirn trocknen. Er merkte plötzlich, daß er sich
fürchtete. Inselbrückstraße, eine verrufene Gegend ... Er schüttelte den
Kopf und ging weiter mit lahmen Füßen, dann wieder schneller durch die
enge Buchbinderstraße, wo es fast finster war. Er hörte Schritte hinter
sich, längere Zeit, plötzlich eine Stimme, die seinen Namen sagte, blieb
stehn und drehte sich um. Ein großer, breitschultriger Mensch zog den
Hut, es war -- war? -- Josef von Montfort. Merkwürdig sah sein Gesicht
aus ...
»Aufs höchste entzückt, lieber Prinz! Sie erinnern sich doch meiner?«
Der fast schmerzhafte Händedruck brachte Georg zu sich. »Ja, da streift
man so herum durch abenteuerliche Gegend, und da findet man die
Erlauchten. Aber -- mein Gott, Prinz, wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?«
Georg fühlte, daß sich ein Arm um seine Schulter legte, daß er
weitergeführt wurde, und vergaß sein Erstaunen über die Begegnung vor
großer Erleichterung.
»Ich verstehe, ich verstehe schon«, hörte er begütigend hinter sich
sprechen. »Ein Unglück, ein Schmerz, eine Tote vielleicht? Kopf hoch,
mein Junge, nur ruhig, nur ruhig! Wohin geht der Weg?«
Georg sagte: »Zur Inselbrückstraße. Ich bekam einen Brief. Ich -- jemand
wohnt dort, der ... Ich war nie dort ... Ich wäre dankbar ...«
»Gewiß, aber gewiß! Nun nur ruhig! Wir werden alles an uns herankommen
lassen. Inselbrückstraße -- eine böse Gegend. Und die Nummer? Sehen Sie,
da ist die Brücke schon!«
Die Brücke, überragt von eisernen Trägern und Balken, lag schwarz im
Schein ferner Laternen, umrieselt von leuchtendem Nebel. Georg nannte
die Hausnummer. Als sie fast hinüber waren, sah er zu seiner Linken, am
gemauerten Flußufer hinunter die Inselbrückstraße, Laternen, dampfend,
dunkle Häuser und helle Fenster. Montfort, der die Hand unter seinen Arm
geschoben hatte, schwieg. Gestalten kamen, nicht als ob sie gingen,
sondern wehten, weibliche, in Pelzen und riesigen Hüten, ein Mann
schlich an der Hauswand, zwei weibliche blieben stehen, Georg sah ihre
gefärbten Gesichter deutlich im Vorbeigehn. Er hörte Montfort etwas
murmeln, fühlte sich angehalten und blieb stehn. Nun bekam er sich
wieder fest, las von einem, viereckig um eine Lichtkugel gebogenen
Glasstreifen >Unionkino< in roten Lettern und sah eine transparente
Glaswand darunter leuchten von Schrift und gemalten Indianern. Daneben
war ein schmaler Hausflur und daneben eine große, dunkle Torfahrt mit
geschnitzter Tür, über der in einem kleinen blauen Oval deutlich eine
goldene Neun erschien. Montfort erfaßte den Drücker und bewegte ihn, die
Tür war zu.
»Das war zu denken«, sagte er. »Und dies Haus --«
Indem lehnte sich zu einem offenen Parterrefenster neben der Torfahrt
ein fettes Weib heraus, rief: »Man Geduld, meine Herren, ich komme
sofort!« und verschwand.
»Um Gottes willen, das ist ein Bordell!«
»Ja, da wollen wir nicht hinein. Kommen Sie, es wird sich anders machen
lassen.« Montfort zog ihn zu dem Hausflur, in dem Georg jetzt einen
Billettschalter entdeckte. Montfort bezahlte, empfing zwei rote
Billetts, sie traten auf einen Vorhang zu, der den Flur versperrte, doch
wurde er im selben Augenblick von drinnen zurückgeschlagen. »Erster
Platz!« rief eine weibliche Stimme, ein Mann ließ sie eintreten, Georg
sah Finsternis, dann einen Lichtkegel, der aus dem Hintergrund breit
nach vorn flutete, darunter eine Menge beleuchteter Gesichter,
ebensolche gerade vor sich, etwas höher, Stehende, die nun vor ihnen
bereitwillig auseinander wichen, da der Mann sie den Gang hinunter
führte. Sein Gesicht war Georg plötzlich ganz nahe, indem er sagte:
»Einen Augenblick, meine Herren, es wird gleich hell.« Dann ging er
wieder nach vorn.
Eine Weile standen sie, und Georg sah das Flimmern und Zucken der
schwärzlichen Bildfetzen auf der Leinwand. Dann fühlte er sich an der
Hand ergriffen, Montfort zog ihn zu einer Tür, über der ein Licht war
und auf einem Pappdeckel >Erfrischungsraum< zu lesen stand. Nun war da
ein kleiner Flur mit Türen links und rechts und schräg gegenüber. Auf
der linken stand wieder >Erfrischungsraum<, über der rechten >Toilette<,
Montfort trat zu der gegenüberliegenden -- ein rotes Licht neben der
Aufschrift >Notausgang< brannte darüber --, öffnete sie, sie standen in
einem dunklen Hof. In der Nachthöhe hier und da schwebte ein leuchtendes
Fenster. In der Rückseite des Vorderhauses waren viele große Fenster
hell, und Georg konnte durch ein offenes in einem erleuchteten Raum
einen Mann sehn, der sich ein wollenes Hemd über den Kopf streifte,
worauf ein gelber Vorhang davorfiel.
Und nun fiel ihm ein, daß er hier Cordelia suchte ...
Im Finstern hinten waren zwei wandgroße Öffnungen, in denen es gräulich
dämmerte. Montfort murmelte etwas von Speichern und dem Fluß, während
Georg hinter ihm über das glitschige Pflaster ging. Eine Türöffnung war
da, ein Flur, ein Treppenhaus, und auf einmal ein kleiner Lichtkegel,
der umher tastete. »Wieviel Treppen?« fragte Montfort; Georg erwiderte:
»Zwei!« Sie tasteten sich vorwärts, stolperten über Stufen, dann sah
Georg im Lichtschein der kleinen Taschenlaterne das Geländer und die
Stufen der Treppe und folgte Montfort hinan, krampfhaft bemüht, zu
vergessen, was bevorstand. Das Steigen dauerte endlos, die Hand am
Geländer. Endlich stand Montfort vor einer Türe still und sagte: »Wir
sind oben.«
Sie mußten unter dem Dach sein. Der Lichtkegel schöpfte aus der Tür ein
Porzellanschild heraus, auf dem klar und leserlich der Name >Severin<
stand. An der glatt braun gestrichenen Türfläche war nur ein metallener
Knopf. Indem erlosch das Licht.
Das dauerte wieder endlos ... Anklopfen -- Warten -- Anklopfen, lauter.
Die Schläge dröhnten durch das Haus. -- »Wir müssen öffnen«, sagte
Montfort. Das Licht blitzte wieder auf und erlosch, Georg hörte rütteln;
gleich darauf flog die Tür gegen seine Stirn, daß er zurückfuhr.
»Nun bitte ruhig sein,« flüsterte Montfort, »ich werde vorangehn. Aber
da ist ja Licht!« Er zauderte.
Undeutlich quoll das rötliche Leuchten aus dem Hintergrund, wie es
schien, über eine Wand empor, die halbhoch war. Im wiederaufleuchtenden
Laternenschein gewahrte Georg Schränke, einen Stuhl, ein Sofa an den
Wänden eines kleinen Korridors, dann erlosch das Licht wieder, und
Montfort sagte leise: »Ich habe etwas gesehn, warten Sie«, worauf Georg
ihn nach links hinüber gehn sah.
Dort -- er zuckte zusammen -- stand ein Mensch, stand ganz gerade und
still; nur den Kopf hielt er tief gesenkt. Darüber war das bleiche
Quadrat eines schrägen Fensters im Dach.
»Nein,« hörte er Montfort laut und langsam sagen, »das kann sie nicht
sein«, und trat zitternd näher. »Machen Sie doch Licht«, sagte er.
»Man muß nicht alles beleuchten.«
Und nun sah Georg, da das Dunkel sich aufhellte, einen Kopf mit
weißlichem Haar, das Genick und eine Schnur, die nach oben verlief. Arme
standen seitlich ab. Alle Kraft zusammennehmend, zischte er wütend:
»Machen Sie doch Licht!« -- Aber er fuhr doch gepeitscht zurück, als er
die kleine, in Kleidern schlottrige Figur mit abstehenden Armen und
hängendem Kopf dastehen sah, die zwischen Zahnreihen hervorstehende
Zungenspitze, das Zahnfleisch, zurückgeraffte Lippen, die lange spitze
Nase im weißen Gesicht und nun auch das Weiße in halboffenen Augen, aus
denen ein schiefer, listiger Blick zu ihm sprang. Dennoch fiel eine
Berglast von seiner Brust. »Das Gespenst«, flüsterte er heiser. Und
dann, erklärend: »Ihre Schwester.«
»So, so. Aber was hat sie denn da?« Indem machte der Arm des Leichnams
einen Ruck und hielt Georg einen langen Papierstreifen hin. Montfort
lenkte den Lichtkegel darauf, faßte das Handgelenk und drehte es herum,
fing dann an zu lesen:
»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben
wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn,
darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.«
Er hatte schön und ruhig gelesen, und als Georg jetzt hinzutrat, konnte
er sehn, daß es Cordelias Schrift war. In plötzlicher Kälte und
Gelassenheit drehte er sich darauf um, öffnete eine lose kleine
Tapetentür und fand sich in einem großen Raum mit zur Hälfte schrägem
Dach, in dessen Hintergrund auf einem Tisch ein schöner messingner
Tempelleuchter mit einigen halb herabgeschmolzenen Kerzen brannte.
Darunter funkelte etwas Blutrotes, ein Glas, und dahinter, an der Wand,
stand ein Bett, über das Cordelias schwarzer Seidenmantel gebreitet war,
weit, bis auf den Fußboden herab.
Lange Zeit kam Georg nun nicht weiter. In seine Augen brannte der rote
Becher, und dahinter zeigten sich unbekannte Erscheinungen: eine Frau in
einem dunklen Laden mit einem Kopftuch, ein Schaufenster voller Lampen
und Geschirr auf Regalen, ein altes, plumpes Kirchenschiff, -- bis er
plötzlich, weit rechts von dem Glase, am Ende des Bettes, zwei weiße
Füße gewahrte, die gegeneinander gewinkelt emporstanden. Und jetzt zog
Cordelias Antlitz wehend vorüber in einem schmerzlichen Gefühl. Er trat
näher an das Bett, es waren Umrisse eines Körpers unter den schwarzen
Seidenfalten zu erkennen, die stark glänzten. Hier sollte Cordelia
liegen ... Und dies waren ihre Füße ...
Und nun sollte der Mantel von oben aufgehoben werden, dann würde etwas
-- da -- sein ...
Georg wußte nicht, wie, doch nun hatte er den Mantel aufgeschlagen, und
dort lag ein Gesicht und -- es schien Cordelias Gesicht.
Er beugte sich darüber und sah von oben auf zwei festgeschlossene
Augenlider unter einer fremden, sehr reinen Stirn, von der das braune
Haar zur Seite gestrichen war. Aber dann -- ein Schauder, nie gekannt,
rieselte durch seinen ganzen Leib -- sah er das Lächeln eines Mundes,
das ausströmte, mit einem namenlosen Triumph, gegen sein Herz.
Plötzlich war alles in ihm ausgelöscht und vernichtet. Nur das Lächeln
noch strömte sich unaufhörlich aus. Das ganze, weiße, weiche, sanft
gerundete Antlitz unter ihm schwieg in tiefem Schlaf; schwieg sich in
Ewigkeit aus, schwieg, leuchtete ihn an mit grenzenlosem Schweigen. Und
auch das Lächeln schwieg, schwieg und gebot Schweigen. Da war nur dieser
Mund, der sein Lächeln festhielt; festhielt mit beiden hochgebogenen
Winkeln, um nicht aufzuhören mit Lächeln, nicht auf-, nicht aufzuhören
mit Lächeln.
Und dies war jenseits; jenseits von allem, von jedem Ahnen und jedem
Wort. Sie lag und wußte; wußte, daß sie schlief; lächelte, lag,
lächelte, weil sie wußte, alles wußte, alles, alles ...
Georg wandte sich langsam fort. Hier war nichts mehr. Kein Tod, kein
Schmerz, kein Verlust. Nur -- Ende. Sie war drüben.
Aber, unwollend die Hände in die Manteltaschen senkend, fühlte er
Papiere in der einen und erkannte beim Herausziehn Cordelias Schrift.
Längere Zeit verging, während es ihm einfach schien, die Blätter in eine
der Kerzenflammen zu halten, allein das Gefühl: Cordelia, jene, die
Andre, habe sie geschrieben und für ihn bestimmt, hielt ihn zurück. Nach
einem Stuhl umherblickend, hörte er ein leises Geräusch; in der
rötlichen Lichterdämmerung des Raumes stand die hohe und dunkle Gestalt
Josef von Montforts, der zum Bett hinsah -- seltsam, mit einem
lebendigen und einem starren Auge, und wie der Länge nach mittwärts
gespalten schien sein Gesicht. Georg winkte ihm, näherzukommen, sah ihn
herzutreten und vor das Bett, worauf er nach einem Blick auf das Antlitz
überrascht zurückfuhr, dann wieder sich überbeugte und in dieser Haltung
verblieb, so lange, daß Georg, einen Stuhl entdeckend, ihn herbeitrug.
Nun stand Montfort wieder aufrecht, den Blick in die Leuchterflammen
geheftet, und sagte nach einer Weile wie zu sich selber langsam: »Das
war ja fast zum Fürchten ...« Dann wandte er sich zu Georg.
»Sie wollen etwas lesen?« fragte er mit Zartgefühl gedämpft. »Ich werde
nicht stören. Sie werden mir aber erlauben, daß ich Sie nicht allein
lasse in diesem Hause.«
Er neigte ernst den Kopf, und Georg sah ihn auf den Fußspitzen durch den
Raum zurückgehn und hinter der kleinen Tür verschwinden, -- wobei er
sich nun des abscheulichen Leichnams erinnern mußte, der dort hing, doch
hinderte ein Streifblick auf den unwandelbar lächelnden Mund alle
weiteren Gedanken. Er stellte den Stuhl neben das Bett, setzte sich so,
daß er das schlafende Antlitz mit jedem Blick über den Rand des Papiers
erreichen konnte, faltete die Bogen auf und las.
»In der Haide; im April
Ein ganzer Monat fast ist vergangen, seit ich Dich zum erstenmal sah,
und zu einem Entschluß bin ich nicht gekommen. So bin ich hierher
gefahren in den kleinen Haideort, dessen wunderlicher Name Cananoë
lieblich an Kindheit und die geheimnisvollen Kähne der Indianer
erinnert, die man Kanoee nannte. Es ist kühl, windig, der Himmel bewegt
-- zum Abschied, zum Willkommen? -- er selber weiß es kaum, wie es
scheint, ob es Herbst ist oder April hier unten in der Welt. Meine
Fenster zu ebener Erde im kleinen Bauernhaus gehen auf den Obstgarten
hinaus, der noch ganz kahl ist, und ich kann beim Schreiben durch den
Raum hinten die braune, kahle Haide zu Hügeln mit schwarzen
Wacholderstauden ansteigen sehn, und dahinter den blauen Himmel, in den
kleine und größere Wolkenballen lichtweiß unaufhörlich hineinquellen ...
Und unaufhörlich wechseln Sonnenschein und Beschattung. Zu hören ist
nichts als der Wind und fernes Schnattern von Enten.
Und so will ich denn einmal mein ganzen Leben ausbreiten vor mir und vor
Dir, denn ich ahne wohl, daß Du einmal diese Zeilen lesen wirst.
Ausbreiten wie ein elendes Gewand, an dem alles und alles zerrissen ist.
Und muß wohl anfangen mit dem Anfang. Wie soll der Anfang heißen? -- Es
war eine arme Seele.
(Denn sie war ein paar Jahre im Paradiese der Kindheit und dann immer im
Fegefeuer.)
Das Haus, in dem sie geboren wurde, hätte seinem Namen nach das
allerheiterste sein müssen, und für die arme Seele, die sieben
Kinderjahre darin verlebte, war es das auch. Viele schöne, blondhaarige
und schwarzhaarige Wesen in himmelblauen und rosenfarbenen Gewändern
waren im Wachen und Träumen um sie her, pflegten sie, badeten und
liebkosten sie und lachten beständig, und als sie erst so alt war, daß
sie Märchenbücher lesen konnte, wußte sie ganz genau, daß es Feen waren,
und sie ein Königskind, alldieweil nur solch eines Feen und Elfen zu
Dienerinnen haben konnte, alle Tage Schokolade trinken und Zuckerwerk
essen, soviel sie mochte. Dazu gab es allezeit, besonders aber am Abend,
eine himmlische, geheimnisvolle Musik zu hören, auch des Nachts, wenn
sie einmal aufwachte, Musik und Gesang, Gelächter und Gläserklirren aus
den schönen Zimmern und Sälen voller Spiegel und Lampen und kostbarer
Teppiche. Und von Allen wurde sie liebgehabt, wurde geküßt und gedrückt,
war immer die einzige ihrer Art und führte das wunderbarste Leben. Du
verstehst wohl, daß es ein Freudenhaus war. -- Ihre Mama, eine große,
dunkle Frau mit blitzenden Steinen in den Ohren, war die Herrin, der all
die Schönen dienten und zuweilen böse von ihr gescholten wurden. Dann
legte die arme Seele sich ins Mittel, es gab Gelächter, und alles war in
Ordnung.
Diese herrlichen Tage dauerten, bis die arme Seele sieben Jahre alt war.
Da kam auf einmal ein großer Jammer und Aufruhr, die Mama lag ganz
bleich zwischen Kerzen und grünen Bäumen, Alle weinten, obschon es sehr
feierlich war und nicht traurig, also weinte sie auch. Dann kam ein
großer, starker Mann mit einem schwarzen Schnurrbart, der schon manchmal
die arme Seele auf seine Knie genommen hatte, wenn er einmal da war, und
gesagt, er wäre ihr Papa. Er gefiel ihr nicht besonders; böse schien er
nicht zu sein, aber er roch häßlich und nahm die arme Seele mit fort.
Nun wurde es beinahe noch herrlicher. Die Feen waren zwar weg, aber
dafür kamen die Tiere. Alle Tiere aus den Bilderbüchern kamen, waren
ganz zahm und fraßen aus der Hand, Pferde, ganze Reihen und in allen
Farben, schwarze, braune und weiße, die buntesten Katzen, Hunde aller
Arten, vom kleinsten Rehpinscher bis zum riesigen Neufundländer, Affen
in bunten Soldatenjacken, ein großes Schwein, eine Menge Gänse, Ziegen
und Esel und die ernsten Kamele, und vor allem zwei ungeheure, graue
Elefanten. O und auch wilde gab es, die einen durchdringenden, ganz
betäubenden Geruch ausströmten und nur durch Eisenstangen gesehen werden
konnten, Löwen, Tiger, Jaguare und Leoparden, und das war mit das
herrlichste, ganz klein im Dunkel zu stehn und in dem wilden, starken
Geruch und sie hinter den Gittern am Boden liegen zu sehn, ganz schlaff
wie Häute, aber sie atmeten heftig, und auf einmal, wenn sie den Kopf
hoben, erschienen ihre gelben Augen, die eine Weile Ausschau hielten in
weite Ferne ...
Die Menschen dahier waren mit der armen Seele stets lustig und
freundlich, jedenfalls die Männer, die fürchterlich stark waren oder
fürchterlich gelenkig; sie meinten es gewiß gut, wenn sie die arme Seele
mit einer Hand an die Decke schwangen, aber ihr Geruch war schwer zu
ertragen. Die Frauen hier kümmerten sich weniger um die arme Seele,
gingen bei Tage grau und mürrisch umher und strahlten erst am Abend,
wenn die Vorstellung kam und alles anfing zu glänzen.
Und alle paar Tage gabs eine andre Stadt zu sehn und dazwischen
wundersame Reisen in der langen Wagenkolonne. Sind denn alle Wandertage
durch das flache Land Sommer- und Sonnentage gewesen? Die wenigsten
waren es wohl, aber nun ist da nur ein unendliches Lerchengetriller,
unendliches Himmelsblau, sind die gelben Wände der Kornfelder, aus denen
man mit vorsichtigen Armen große rote Mohnblumen und blaue Cyanen
herausholen durfte, sind die weißen Landstraßen mit den vielen Schatten
der grünen Wagen und der Pferde, die kurzen, wunderlichen Schatten, die
unter einem fortzogen, wenn man sich abmühte, darauf zu treten, und sind
die schmalen grünen Streifen zwischen Straße und Grabenrand, auf denen
man sich immer wieder lange, lange bis zum Schreien und Winken der ganz
klein gewordenen Kolonne vergessen konnte, im Suchen nach einem
Vierblatt unter den aberhundert kleinen grünen Blättern des Klees.
Ein komischer alter Mann war da, der immer kaute, ganz vertrocknet im
Gesicht, schief, mit einem Holzbein, ein gewesener Clown, dem einer von
den Löwen das fleischerne zerrissen haben sollte, der war ihr Lehrer. Er
muß viel mehr Kenntnisse gehabt haben, als die arme Seele damals ahnte;
viel später merkte sie erst, was alles sie gelernt hatte, ohne je in
eine Schule gegangen zu sein.
Im Zirkus zu arbeiten brauchte sie nicht. Sie hatte sich gleich beim
ersten Versuch etwas gebrochen, wobei sich herausstellte, daß ihre
Knöchlein zu zart waren für diese gefährliche Arbeit. So wars ein
glückliches Leben, und das >Schönste< darin ist noch nicht einmal
beschrieben.
Später aber wurde alles immer blasser und farbloser, sie wuchs heran,
und eines Tages starb auch ihr Vater. Sie und ihre Schwester kamen
damals zu einem Onkel ins Haus, der sie ungern nahm, sich aber später
mit der armen Seele ganz gut vertrug, ein strenger, trockner Mann,
knochig und wortkarg, der einen kleinen Weißwarenladen hatte in einer
süddeutschen Stadt und Guttempler war. Hier ging die arme Seele auch
eine Zeitlang in eine richtige Schule, aber dann kam eine böse Zeit
endloser Kämpfe und Schmerzen, denn sie wollte nun Schauspielerin
werden. Sie hatte schon im Zirkus alle möglichen Dichter und Stücke
gelesen, und schon als sie noch klein war, angefangen, die Leute dadurch
zu belustigen, daß sie ihnen vormachte, wie sie waren, worin sie es mit
den Jahren zu großer Fertigkeit brachte. Und die Kämpfe gingen vorüber,
die arme Seele bekam einen Lehrer, und einen andern Lehrer, sie kam in
eine andre Stadt, lernte und lernte, und das Leben bestand nur noch aus
Lernen und Theater und Theaterleuten, und eines Tages hatte sie
ausgelernt, und jeder prophezeite ihr eine glänzende Zukunft. Sie hatte
auch schon einen schönen großen Vertrag mit einer guten Bühne in der
Tasche, und die lange, lange Qual fing an.
Ja, wie ist das? Man meint, man hat eine feurige Sonne in der Brust, und
nun wird nur der Vorhang hochgezogen, und die Sonne strahlt, daß alle
Bühnenlampen erblinden müssen. Und wie ist das? Ein Theater ist da, da
soll man spielen. Aber da sind Viele, die spielen wollen, für jede Rolle
bald zwei und drei, man muß warten, o man hat ja Geduld, die Sonne
brennt, es tut weh, aber sie brennt, und man wartet. So spielt man die
kleinen Rollen, kommt in ein Zimmer, verneigt sich, giebt die Hand, wie
mans gelernt hat, und man wartet und hat viel Zeit, weiter zu lernen und
-- da sind nun die Männer. Man mag sie nicht, sie riechen schlecht und
haben böse Augen und -- man wartet vielleicht auf einen, denn -- man ist
eine arme Seele, die nicht viel weiß von der Welt.
Da geht man zum Feind, der der Direktor ist, und bittet um eine Rolle.
O, ja, gewiß, die Rolle ist da, sie wartet schon, der Direktor ist
einfach und kühl, und man möchte sterben vor Schreck und Beseligung: die
große Rolle!
Da kommen nun die Proben, und es geht ja nicht? Was ist nur, warum es
nicht geht? Es ist alles schlecht und verkehrt, was man sich in den
langen, langen Nächten ausgedacht und geprobt hat und so sicher wußte,
und es sind ja nun auf einmal lauter Feinde da, die lachen und kaum noch
antworten, und kaum noch nicken, wenn man grüßt. Der Regisseur ist da,
ein Feind, der gerät ganz außer sich über das unmögliche Spiel. Wo ist
denn die Kraft geblieben? Wartet nur bis zum Abend, Geduld, es wird
besser werden, die Sonne brennt, -- aber sie ist so klein geworden,
täglich wird sie kleiner und schwächer, sie sieht einer Sonne gar nicht
mehr ähnlich, vielleicht war es gar keine? Alle lachten und sehen, wie
klein sie ist, Alles und Alle sind kalt, und die Sonne erlischt, man hat
die Rolle nicht mehr, man steht auf der Straße.
Oder war es vielleicht nicht so? Vielleicht war es ganz anders? Es ist
lange her ...
Da ist eine andre Bühne. Da ist ein Freund, ein guter Mensch, nun wird
alles gut werden. Eine Rolle ist da, nicht so groß, aber gut genug, um
zu zeigen, wieviel heller die Sonne brennt, und es geht ja vorzüglich,
der Freund hilft, Alle staunen. Ein Tag kommt, da ist der gute Freund
nicht mehr der Freund, er riecht, er ist ein Feind geworden, aber was
schadets? Die Sonne ist da, die Sonne genügt.
Der Abend ist da, die Sonne kann nicht ihre ganze Kraft brauchen, aber
man sieht sie hell genug, und daß sie heller sein könnte. Man ist
zufrieden, man schläft wieder einmal, man hofft -- aber was steht denn
in den Zeitungen? Es war nichts, es war alles so übertrieben, kein
Verständnis für den Umfang der Rolle, in ganz verkehrten Händen, eine
Anfängerin, die bescheidener sein sollte ...
Sinds denn schon Jahre geworden? War es denn so? War es nicht ganz
anders? viel mehr? Wie gingen denn die Jahre? Ging man denn immer
spazieren im Park, im Feld, in den Straßen? Nähte man die alten Kleider
immer noch einmal um? -- sie lachen schon lange im Salonstück, so geht
es nicht weiter, mein Fräulein! -- Aber meine Gage ...
Gage liegt auf den Straßen reichlich genug zum Aufheben. Die arme Seele
will die Gage von der Straße nicht, sie wartet, sie hat ja Geduld, sie
steht Tag für Tag im häßlichen Zimmer und lernt, für später, die Sonne
brennt, sie vertausendfacht ihre Kraft in tausend Gestalten, Alle haben
die Sonne in der Brust, sie sehnt sich, sie lernt, sie lernt, sie
hungert, sie weint längst nicht mehr ...
Ach, kann man das schreiben? Es war ja nicht so, es war ja alles ganz
anders. War die Welt etwa schlecht? Warfen sie sich Alle über die eine
arme Seele her und wollten sie zerdrücken? Die Welt ist nicht schlecht,
die Menschen sinds nicht, es will, sagt der kluge Georg, ein jeder nur
das Seine und will sich nicht hindern lassen dabei, aber -- die arme
Seele hatte kein Glück.
Kein Glück? Es sind Jahre geworden, aber nun ist das Glück da, der Tag
ist da, der -- Tag ist. Eine Rolle ist da, und alles geht sehr schnell,
eine Aushilfe, der Direktor zuckt die Achseln, aber man kann ja die
Rolle, im Schlaf kann man sie, und man spielt, und die Sonne brennt und
strömt aus Augen und Kehle, aus den Gliedern und dann -- am Morgen nach
dem glückseligen Abend, wo sie Alle ihr um den Hals fielen, der armen
Seele, und sie küßten und weinten, und sie kaum schlief vor Trunkenheit
-- was steht in den Zeitungen der kleinen Stadt? O welche Empörung! War
das nicht Babel? War das nicht abscheuliche Realistik? (Und war doch nur
Stil gewesen, nur Stil, so dumm ist die kleine Stadt!) Die Welt war
nicht gut am Morgen, die Menschen hatten alles vergessen, was die arme
Seele für unvergeßlich gehalten, in den Zeitungen stand, daß man es
vergessen müßte, der Direktor war ja nicht unfreundlich, es tat ihm
leid, aber -- Sie sehen, Severin, Sie sind nicht für hier ...
Aber die Sonne, ein Widerglanz ganz klein saß er doch in einer
Zeitungsspalte, ein Keim, der aufging, und da war man in einer andern
Stadt und spielte sich aus, das Glück war da, die Sonne brannte, brannte
sehr schön im klassischen Stück. Aber im klassischen Stück war das
Parkett leer, im Salonstück saßen die Offiziere und Damen, -- die
Toiletten der Severin waren unmöglich, und waren doch so schön, wie die
größere Gage erlaubte, die Sonne brannte ...
Warens schon viele Jahre?
O der wahn--witzige Durst! O die wütende Sehnsucht! O die Verzweiflung!
All die vergebene Arbeit und Müh! Man ging wieder spazieren. O brennende
Nächte, Fleiß, Fleiß, Fleiß, und Darben, die arme Seele wurde mager und
häßlich, was schadete das, sie wartete auf den Tag, sie hatte keine
Sorge mehr um Hunger, um Scham und Verzweiflung, wenn eine Rolle kam und
ihr wurde ein Hemd angezogen, das reichte kaum zu den Knien, und die
Stimme des alten Feindes sagte: Sie müssen wohl selber sagen, Severin,
mit den Beinen ... Tage und Nächte. Alle Bücher gelesen, alle Rollen
studiert, alle Werke, Geschichte, Kostümkunde, Biographien, die Sonne
brannte, ein Morgen kam, grau, grau, sie war allein, kein Licht mehr.
Schon viele Jahre ...
Da kam ein Mensch. O zart, o schön und ganz sanft wie ein Engel. Sein
Blick durchbohrte die arme Seele, er war rein. Verkündigung, dachte sie,
o Engel, bist du's? Ein Dichter, er hatte ein Stück geschrieben,
Theodosis, das wurde aufgeführt, die arme Seele sollte spielen, sollte
sagen:
Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern
Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt
Die Erde, ja die Erde klingt, die alte.
Wir sind geliebt, wir Menschen sind geliebt,
Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken,
Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...
Und da -- gnädiger Gott! -- war die Erwartung zu groß? Wars schon
zuviel? Da erkannte die arme Seele, daß sie all die Zeit noch ein andres
Leben mit sich getragen hatte, geheim, von dem niemand wissen durfte,
aber Er, Er mußte es wissen, er würde nicht richten, sie dachte: du bist
rein, alles ist rein vor dir, auch dies Leben. Er war rein, aber er war
zart. Er ertrug nicht den Anblick, er ging fort. Keiner erfuhr, wohin.
Als Jahre dahin waren, konnte die arme Seele in einem Zeitungsblatt
lesen, daß im Walde eine Leiche gefunden war.
So furchtbar war ihr andres Leben ... Ich zeige es auch Dir.
Erlosch die Sonne? Das Stück ward nicht gespielt, die arme Seele brach
durch.
Nein, es kam ja das Glück. Wie hatte der große Mann von ihr gehört, in
der königlichen Stadt, vor dem die Könige spielten und in Gold und Seide
gingen? Wie konnte denn das Firmament sich neigen wollen? Die arme Seele
sollte dort hinauf, die Sonne sollte vor Allen brennen, der große Mann
wollte es. Die Seele war nicht gebrochen.
Die Sonne brannte, es war ein alter Vertrag, in dem stand: noch ein
halbes Jahr, die arme Seele wollte ihn halten. Weshalb? Sie hatte zuviel
Geduld gehabt. Der große Mann würde warten, noch ein halbes Jahr, die
Sonne brannte, der große Mann wartete nicht.
Aus wars mit der armen Seele. Abend und Nacht und Morgen, die Sonne war
aus, aus war das Leben.
Nun, wie war es denn? Warum saß die arme Seele im Theater wieder wie
jeden Abend? Freilich, sie war nun zufrieden mit allem, sie wußte, lange
dauerte es nicht, die Menschen waren ganz fern, der armen Seele war
leicht, die Menschen hatten sie glücklich gequält.
Sie hatten mich glücklich gequält, Georg, und an diesem Abend kamst Du.
Deine Augen sagten: bist du's? Deine Augen sagten: steh auf! Deine Augen
sagten: geh voran, ich komme.
Eine Brücke. Wo warst Du, Georg? Glück und Segen, dachte die arme Seele,
er kommt, etwas soll noch sein. Und kommt er nicht, so ist hier die
Brücke, das Wasser ist unten, es geht ja schnell.