In Dankbarkeit der Deine

Im Begriffe, seinen Namen zu schreiben, hielt Georg ein. -- Was ist denn

das? sagt er schwer aufatmend, was hast du denn da gemacht? Du hast ja

gelogen. An sie hast du nicht gedacht, sondern hast Cordelia empfunden,

und das Gefühl nur ein wenig umgewandelt, daß es paßte ...

Aber wenn es paßt, mußte er sich widerlegen, so hats doch seine

Gültigkeit irgendwie. Eben war es so, daß ich nicht an Magda denken

konnte, wenn ich es aber wirklich tue, ernstlich, so empfinde ich auch,

wie ich schrieb, und -- ja, und das vor allem wars, was ich empfand: sie

wird immer bleiben, immer --

Und Cordelia? Ist es denkbar, je ohne sie zu sein?

Jetzt höre ich auf zu denken für mindestens drei Stunden, dachte er

ärgerlich lachend, unterschrieb, faltete und schloß den Brief in einen

Umschlag, den er adressierte, worauf er sich erhob, um in der Sofaecke

nun ganz die Dämmerung zu genießen und die Erinnerung an die

Zärtlichste, die Einzige ...

Im Niederlassen jedoch merkte er, daß er sich auf etwas Hartes,

Buchartiges setzte, und zog unter sich ein großes Heft im Aktenformat

mit blauen Pappdeckeln hervor, schlug es auf und las im Zwielicht das

groß und geschwungen -- als Titel -- von Cordelias Hand geschriebene

Wort: Theodosis; darunter, kleiner: Tragödie.

War das eine Rolle? Er hatte noch nie den Namen gehört. Auch schien ihm

jetzt, als er das Blatt umschlug und Verse fand, die Handschrift

Cordelias anders als jetzt, nicht so ausgeschrieben, jugendlicher; und

schon im Begriffe, das oben stehende Personenverzeichnis zu lesen --

Pelagios, Thespesios hatte er schon erhascht -- hielt er sich zurück,

von einer Art Duft oder Hauch berührt, der ihm Einhalt bot; schlug das

Heft wieder zu und legte es auf den Tisch.

Und dann hörte er deutlich durch das Regengeräusch das Nahen eines

Automobils; es ward lauter, kam ganz nahe und verstummte dann. Das mußte

sie sein. Georg war im Nu durchs Zimmers, die Treppe hinunter, trat

unter die Säulen vor der Tür, als sie eben den Weg heraufkam, ohne Hut,

im grünen Regenmantel, und hielt sie im nächsten Augenblick in den

Armen.

Im Zimmer oben zog er sie eifrig zum Sofa, als sie das Heft bemerkte und

-- zum erstenmal glaubte er diese Bewegung zu sehn -- die Augen

feindlich zusammenzog. -- »Hast des gfunden?« fragte sie.

»Es lag in der Sofaecke. Sollt ichs nicht sehn?«

»Warum net gar? Die alte Sach.« Damit hatte sie's aufgenommen, ging zum

Kastenschrank, zog unten eine Lade auf und legte es hinein. Im

Zuschieben mit Händen und Knien schien sie sich zu verlieren, richtete

sich langsam wieder auf und trat an das Fenster.

Erinnerungen, dachte Georg; sie ist traurig geworden. -- Nein, diesmal

will ich nicht, wie man immer tut, Zartgefühl nur durch Schweigen

beweisen. Erinnerung will gelöst sein, nicht zerdrückt -- und er ging

leise zu ihr, zog sie an sich und fragte behutsam, über ihr Haar

streichelnd: »Warum hast du's fortgelegt?« -- Sie schwieg. Wie ihr Haar

duftete! Sie atmete stark.

»Möchtest du mirs nicht vorlesen?« fragte er wieder, da er ein leises

Nachgeben in ihren Schultern zu spüren meinte. »Oder spielen?« setzte

er, noch leiser, hinzu.

Eine lange Weile blieb sie still. Dann, heftiger atmend, fragte sie

weich: »Woher weißt denn, daß ich spielen kann?«

Nun hielt ers für das beste, zu schweigen. Immer tiefer und schwerer

wogte ihre Brust.

»Möchtest du's denn gern?« flüsterte sie kaum hörbar und räusperte sich.

-- Er drückte sie an sich. »Wart ein Weilchen«, sagte sie schnell,

drückte sich um ihn herum, lief durchs Zimmer und verschwand.

Es war ganz dunkel geworden. Georg, am Fenster stehend, dachte: Ich

sollte nie fragen! sagte sie im Anfang -- und nun kommt es doch, ganz

von selber. So ist es im Leben. Eine wirkliche Elsa hätte auch nicht

geradezu gefragt: Wer bist du? Wo kommst du her? -- Eines Tages hätte es

sich von selber ergeben, und dann wäre es auch vermutlich nicht halb so

schlimm gewesen, wie der Lohengrin ankündigte ...

Er mußte jedoch lange warten, bis sie wieder kam. Still und ernst, auf

unhörbaren Füßen erschien sie im dunklen Raum, dunkel selber im Haar und

dem schweren, schwarzen Mantel; nur ihr Gesicht schimmerte sehr weiß.

»Setz dich ins Sofa«, bat sie, und er tats. Sie blieb vor dem

Kastenschrank stehn, legte still eine Hand in die andre und sprach, das

Gesicht zum Fenster gewandt, erst nach langer Zeit:

»Theodosis war eine arme Seele. Sie war stumm geboren und blind. Dennoch

fand sich ein Mensch, der sie liebte, dem sie vermählt wurde, und der

von einem Nebenbuhler erschlagen ward in der selben Nacht. Nun kommt ihr

alter Lehrer Thespesios, der sie als Kind lehrte, den Druck seiner

Finger in ihrer Hand zu verstehn und zu erwidern, und sagt ihr, was

geschehn ist. Der Schrecken durchbrennt sie, sie lodert auf, sie kann

sprechen.«

Cordelia schwieg. Georg, in seltsam tiefer Erregung, da er ihre Stimme

noch nie so gehört hatte, so tief und tönend, so voll aufkeimender

Musik, sah ihre Augen durch den Raum wandern, mit fernem Blick,

unsäglich ernst, bis zu ihm, doch sah sie ihn nicht an.

Auf einmal glitt von ihren Schultern der Mantel -- ihr Leib glänzte fast

metallisch auf in der Dunkelheit --, glitt bis zu den Hüften, wo ihre

linke Hand ihn hielt; die Rechte streckte sich ein wenig vor, steif, als

würde sie von einer andern gefaßt. Sie hielt den Kopf lauschend

vorgesenkt; dann entflog irgendwo ein gurgelnder Laut: »Weh über mich!«

Die Rechte noch in derselben Haltung, fuhr die Linke zum Munde, in ihrem

Blick war Entsetzen, der Mantel war am Boden, aber jetzt -- kaum daß

Georg noch Worte vernahm, so flutete eine maßlose Stimme durch den Raum,

wie ein Engel in tosenden Flügeln --

»Mein Mund! was ist mit meinem Mund? er brennt!

Wehe, ich brenne! eine Flamme schlug

Aus meinem Mund, und alles steht in Brand.

Was ist? ich höre eine schreckliche

Entstellte Stimme. Meine Stimme ists!

Ich konnte sie nicht halten ...«

Sie war still: sie stand noch immer wie zuerst. Georg bebte am ganzen

Leib. Diese nie gekannte Stimme! Diese singende Kraft, diese

schwelgrische, üppige Musik, und Verse, die sie schwang wie Fackeln und

Dolche, lodernd, triumphierend, in seine Brust. Und nun -- nur die Arme

ein wenig zu einer hülflosen Gebärde des Umarmens ausgestreckt, tiefer

gebeugten Leibes -- sang sie weiter:

»O Stein an meinem Mund, o kalte Säule!

O Mund, ich schließe dich an diesen Stein,

So stumm warst du, so eisig diese Nacht,

Da über dir ein andrer Mund verglühte,

In dich hineindrang, aber du warst Stein ...«

Sie warf die Hände empor und rückwärts zum Genick, empor das Gesicht:

»Nun schrei, zerborstner Stein, nun gell es aus,

Daß ich nur höre diese grauenvolle,

Verworfne Stimme, die nur ward zum Schrei

Erschaffen, nur zum Schrei!«

Wieder vornüber sinkend, faltete sie die Hände in der Höhe der Brust,

sie wand sich zart, Georg sah jetzt ihr Gesicht, entfremdet, die Augen

geschlossen, schmal geworden; sie lächelte Gram:

»O meine Kindheit!

O meine Sehnsucht, süß und schmerzenvoll!

Da alle Welt voll Lieder war und klang,

Wie tönte jedes Ding, wie sprach von Liebe

Das kleinste auch, dran meine Hände rührten,

Du Becher, draus ich trank, du Ring, du Vase,

Glücklich beredt, und lächelte mich an,

Daß ich euch liebte tief aus meinen Schmerzen.

Dann manchmal schiens, als sei doch einmal alles

Verstummt, und kein Geräusch als in den letzten,

Versteinerten Tiefen, dunkel in mir murmelnd,

Die Stimme, meine Stimme, die vergrabne,

Arbeitende ... Ich konnte ihr nicht helfen.«

War das denn Spiel? Übermannte sie jetzt wirklicher Schmerz? Aber da

wich schon die Qual, sie lächelte wieder, doch fielen die Hände

auseinander, fielen ab, unwissend geschlossen bis zu ihren Schenkeln, wo

sie haften blieben, und sie stand nun, eine hülflos gekrümmte Figur ...

»Wie sollte sie

Einst süßer tönen! ach, wie sollte sie

Liebkosen! all die stummen Herzen sollten

Von ihr gestillt und fröhlich sein. Es würden

Die alten, göttlichen, unsichtbaren Flügel

An ihren Schultern wieder sichtbar werden,

In Himmel tragen, die entgegenschweben ...«

Ihre Stimme, zu innigster Innigkeit versüßt, verhauchte im Geflüster der

brünstigsten Sehnsucht:

»Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern

Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt

Die Erde, ja die Erde klingt, die alte.

Alles wird klingen, alles ist voll Liebe,

Wir Menschen sind geliebt, wir sind geliebt,

Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken,

Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...«

Mein Gott, sie sprach ja von sich selbst! Das war ja sie, sie, und

stockte nun, besann sich, sagte stumpf: »Nun schreit sie bloß!« und flog

plötzlich in ihren Armen empor in den Raum, stand langausgestreckt nach

oben, schmerzausjauchzend wie eine knatternde Flamme:

»Ach, was aus mir

Jetzt Worte schleudert, nennt ihr Sprache, ach,

Nur meine Stummheit ists, die reden lernte

Und alles überschreit! O daß ich sänge!

Eindränge in die Seelen mit Gefühl,

Die Namen stammelnd, Namen, blühend, Kinder,

Im Welken Himmlische, und Worte, Worte ...«

War es denn zu Ende? Georg wagte nicht, sich zu bewegen. Sie stand immer

noch wie zuletzt, die Augen geschlossen. Dann schien sie zu wanken.

Georg sprang auf und kam eben rechtzeitig, sie aufzufangen. Sie fiel

abgebrochen gegen ihn wie eine Säule. Er fühlte sie schweißbedeckt und

eiskalt am ganzen Leib, aber sie war nicht ohnmächtig, sie zitterte, er

raffte den Mantel vom Boden, selber zitternd, und hüllte sie hinein,

während Gedanken in ihm schwirrten wie Funken. Sie an sich drückend,

flüsterte er stumm: »Ich weiß ja, ich weiß ja nun alles. Ärmste, du hast

nie spielen dürfen, was du konntest, du hattest -- ach, was weiß ich,

wie es war, aber nun ... Komm,« sagte er sanft, »komm, leg dich hin,

komm, es ist ja nun gut! ich weiß ja nun ...«

Da horchte sie auf. »Was weißt du nun?« hauchte sie.

»Ach -- alles; was dir fehlt, wer du bist. Aber das hat nun ein Ende.

Ich kann ja alles für dich tun, ich --«

»Was willst du tun?« fragte sie, seltsam schmelzend und ergeben.

»Ach ... Du weißt doch: das Theater ist doch nichts ohne meinen Vater,

und ich selber ... man hat doch alles für Geld. O die Schurken, nun weiß

ich alles! Was soll ich tun, Herz? Soll ich morgen zum Intendanten gehn?

Willst du hier bleiben? Willst du nach Berlin? Sag doch, Herz, du

bekommst ja!«

»Zum -- -- In--ten--danten?« sagte sie vergehend. Ihm schmolz das Herz

in der Brust. Mein Gott, warum hatte sie denn nur geschwiegen, immer

geschwiegen!

Da merkte er, daß sie weinte. Und dann war sie auch schon in ein

Schluchzen ausgebrochen, daß ihm das Herz stillstand vor Grauen. Sie

schüttelte sich minutenlang wie ein rasendes Tier, dann brüllte es aus

ihr heraus, sie fiel vornüber so schwer, daß sie ihn mitriß, er mußte

knien, um sie zu halten, sie lag halb am Boden, er richtete sie auf, sie

wimmerte, er sah ihr Gesicht, aus den geschlossenen Lidern schossen

stromweis die Tränen, während der Mund sich verzerrte, und sie fiel

wieder um, er richtete sie mit Mühe auf, sie fiel ihm über den andern

Arm, lag am Boden, schluchzte, schluchzte, schluchzte, sie schüttete

Schmerz aus, wimmernd aus keuchender Brust, als würden eiserne Stücke in

ihr zerbrochen, und es nahm kein Ende.

Georg konnte nur noch neben ihr sitzen und ihre Hand festhalten, selber

wie erfroren vor Mitgefühl, bis der Ausbruch langsam zu erlöschen

begann, das Weinen leiser wurde, das furchtbare Zittern aufhörte; bis er

es dann wagte, sie aufzurichten und zum Sofa zu führen, wo sie sich

hinbetten ließ und dann still wurde. Er trocknete ihr geschwollenes

Gesicht, die immer noch fließenden Augen mit seinem Tuch, doch nahm sie

es nun fort, schob sich ein wenig höher in den Kissen, öffnete die Augen

und sah ihn an. Ihren Blick -- dunkel, kaum sichtbar im Dunkeln, da sein

Schatten noch über ihr lag -- verstand er nicht, auch schloß sie die

Lider bald, lag still und sagte leise:

»Weißt du, Georg -- wir wollen noch ein wenig warten ...«

»Ach, nun wieder warten!«

»Ja, Georg. Sieh mal: -- -- es ist doch nun alles anders geworden, als

ich dachte. Ich muß mich ja nun ganz -- herumdrehn. Ich -- ich möchte

aber nicht, daß du in -- in dies hineingerätst, was ich jetzt bin.« Sie

sah ihn nun wieder an und schien zu lächeln. »Sein Stolz hat halt a

jeds. Ich möcht auch schon net hier bleiben, wenns einmal anders werden

soll. Da mach ich erst hier ein End, und dann -- in Berlin -- da bin ich

ganz frei, da hast mich dann ganz für dich und kannst mit mir machen.

Möchtst das net? Georg?«

Georg wand sich und war gar nicht einverstanden.

»Na, Georg, du mußt das doch einsehn! I kann doch net so auf einmal!

Sagn mir halt: Berlin. Is recht, Georg?«

Georg gab nach für den Augenblick. Es ist ja noch ein Monat Zeit,

einerseits -- und vielleicht hat sie ja auch recht. Wenn schon überhaupt

anfangen, dann ganz oben, dachte er, küßte sie dann zärtlich und ließ

sich von ihr das Haar glätten.

»Aber Cordelia,« mußte er nun gestehn, »was kannst du alles! Es ist ja

unerhört!«

»Ich kann schon was«, meinte sie mütterlich. »Und dann für dich ...«

»Wie du nur dastandest! Hast du wirklich die ganze Zeit mit

geschlossenen Füßen gestanden? Alles mit den Armen gemacht und mit der

Stimme? Kind, was hast du für eine Stimme!«

Sie lächelte sanft, schloß die Augen, seufzte und streckte sich aus.

»So ist gut, Georg. So liegen ist gut. Und nimmer viel reden, weißt! Ich

ruh mich ein wenig. Wir haben ja noch die ganze Nacht.«

Die ganze Nacht ... Er deckte sie sorgfältig mit dem Mantel zu bis ans

Kinn, tastete nach ihrer Hand darunter und hielt sie. Ein wenig wandte

sich ihr Gesicht herüber. Sie lag still. Und so saß er bei ihr,

glücklich, dankbar, gut sein zu dürfen, hülfreich. Der Herbstregen

schlug schwer gegen die Scheiben. Er hörte den Gang der Pendeluhr durch

das Geräusch der Wassers, langsam, seelenruhig, und sein Innres ebnete

sich, hinschwellend durch die immer sanftere Stunde, der verhangenen

Ebene gleich, zu den zaubrischen Wäldern der Zukunft.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 85 / 124 题