Regen

Georg verlor an einem Regennachmittag im September die Lust an der

Arbeit so gänzlich über dem Verlangen, in den Regen hineinzugehn, daß

er, kaum gedacht, in festen Schuhen, Gummimantel und Mütze vor der Türe

stand, mit weitoffenen Nüstern die kalte, frische Feuchte der Luft in

die Lungen ziehend.

Wundervoll war die Leere des verschleierten Parks. Georg ging; der Regen

fiel mit fast lieblicher, mit liebkosender Leichte, hinwehend über die

Lichtungen der Wiesen, hingebungsvoll sich mitunter ganz in Seele, in

nebelnde Feuchte auflösend, in Schleiern sich einsenkend in die ruhig

duldenden Wipfel. Die aufgeweichten Wege schienen noch nie betreten.

Noch war alles Laub tiefgrün, hier und da zart gelb gesprenkelt; nur wo

Nußbäume standen, leuchtete das nasse Gelb. Die Gruppen der Bäume und

Gebüsche, von der Regenumschlingung zusammengeschlossen, schienen

schöner aufgeteilt. Gleichmäßig rieselte die Stille mit dem Säuseln der

Feuchte; alles bewahrte Ruh im Empfangen der Erquickung.

In linden Gedanken sich selber umschweifend, gelangte Georg an den

grauen, dampfenden Spiegel des Teichs, an die Bank, wo vor langem Sigurd

den Kaddosch gesprochen. Esther, kleine Esther -- was war aus ihr

geworden am Grunde der großen Wasser? -- Ein Regentag, gewaltsamer als

dieser, wars, da kamen die Beiden herein, triefend und lustig, und es

gab Verkleidungen und Gelächter.

Matt, sehr verblaßt glänzten die Farben der Erinnerung durch den

Nebelregen der Jahre.

Ist es nicht doch besser geworden? dachte Georg; und ernster? >Ein guter

Geist hält über mir die Wage ...< Ich weiß noch: hier saß ich, wie ich

Balto-Borusse geworden war, und fragte mich, welches Gewicht einmal dies

Erlebnis haben würde. Um richtig wägen zu können, dürfte wohl noch nicht

genügend Zeit verstrichen sein, aber ich denke doch: über die letzten

Folgen bin ich hinaus. Ein leichter Herzfehler, Meidung alkoholischer

Getränke, die Erinnerung an Tozzi, an Schwalbe --, das ist wohl alles,

soweit ich sehe, und nicht eben viel.

Georg wanderte weiter in einer plötzlichen Sehnsucht nach seinem Vater.

-- Ich könnte doch eigentlich viel mehr von ihm haben, stellte er fest,

und deshalb ist es doch schade, daß er nie schreibt. Nein, für

Gedankenaustausch ist er nicht zu haben -- gesetzt, ich hätte was zu

tauschen --; sein Leben beschränkt sich auf Leistung. -- Überdem fiel

ihm eine Andeutung aus Magdas letztem Brief ein, als ob sein Vater es

wieder mit dem Gehen versuchte; er hielt das wohl geheim oder ließ

merken, daß es unbeachtet bleiben sollte, solange kein Erfolg sich

zeigte. Sonderbarer Mensch, der er doch war! Sollte er wirklich der

kranken Frau wegen sich freiwillig diese Fessel an den Fuß gelegt haben?

Und weshalb wollte er nun los? Freilich war er jünger, als man seine

Väter sich so denkt, drei-, vierundvierzig, und konnte noch bald

ebensoviel vor sich haben ...

Georg war im weiten Bogen zum Ende der Lindenalleen gelangt und ertappte

sich in der Richtung zu Cordelias Hause. Auf die Uhr blickend, fand er,

daß sieben nahe bevorstand. Vielleicht war sie da, -- sie pflegte ja

allabendlich die Blumenstöcke zu gießen und den Vasenblumen frisches

Wasser zu geben. Und wenn sie nicht kam, -- konnte es nicht einmal ganz

schön sein, ohne sie in ihrem Duftkreis zu weilen?

Alsbald, die stille Alleestraße zwischen Gärten und Landhäusern bergan

geschlendert, öffnete Georg das Gittertor und stieg den gewundenen Weg

hinan zum Hause, das nun ganz in einen Kranz von Dahlien eingefaßt war,

schwarzroten, eigelben, weißen und feuerfarbenen, alle Häupter übersät

mit metallblanken Tropfen. Unter der Vorhalle aber saß, ganz still und

so vertieft, daß er nichts umher sah noch hörte, ein kleines Buch vor

den Augen, Hesekiel. Auf Georgs Anruf kehrte er erschrocken in sich

selbst zurück, dienerte heftig und lief herbei, wehmutvollen Mundes,

aber heiterer Augen. Georg fragte, was er denn lese; er brachte das

Buch, ein Neues Testament.

Ob er denn auch verstünde, was er lese.

»Gnä Frau hat mirs angestrichen, was i lesen derf. Sehr schön is, sehr

schöne Sprüch.«

Richtig fand Georg hier und da ein paar Zeilen, einen Absatz dick mit

Bleistift eingerahmt. »I solls auswendig lernen,« erklärte Hesekiel

diensteifrig, »sie hört mirs dann ab.«

»Na dann sag mir doch auch mal einen Vers! Einen, den du gern hast, --

oder vielleicht die gnädige Frau ...«

Hesekiel zog die Stirn in Falten, schwer sich besinnend. »Es sind halt

so viele«, äußerte er bedenklich, fing aber im nächsten Augenblick an zu

sprechen und brachte stotternd, aber ganz richtig zusammen:

»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben

wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn,

darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn, den Spruch hat gnä

Frau so schön gefunden.«

»Sehr schön, Hesekiel!« Er lächelte mühselig. »Verstehst du's denn

auch?«

»I woaß net so gnau. I denk mir schon was. Mir san katholisch, mir zwa«,

erklärte er plötzlich.

»Ah, du und die gnädige Frau?«

»Ja, mir san katholisch.«

Georg wußte nun nichts mehr, gab dem armen Teufel sein Buch wieder und

ging ins Haus.

Sanft grüßend empfing ihn das kleine Wohnzimmer, dämmrig, enger als

sonst. Georg trat ans Fenster, und ihm kam, da er jenseit des ums Haus

führenden Kiesweges große Sonnenblumen stehen sah, die Häupter gesenkt,

schwer von Regenperlen, -- wieder Magdas Brief ins Gedächtnis: er hatte

so in Tränen gestanden, so gebeugt in Wehmut um die Gestorbene. -- Georg

hatte ihr gesagt, unfähig falscher Gefühle zu scheinen vor ihr, daß ihm

keine Mutter gestorben war, und dies hatte ihren Schmerz fast vertieft.

Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber ...

Georg fand, daß er die ganze Stelle im Gedächtnis behalten hatte, so

hing eines im andern. -- Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Auch in

diesen Worten war eine Erinnerung an Magdas sanfte Gestalt. -- Darum wir

leben oder sterben, so sind wir des Herrn. -- Es klang sehr tröstlich;

klang nach Händen, die nichts entgleiten lassen.

Georg hatte Lust, ihren Brief zu beantworten; nicht zu beantworten, --

was gäbe es zu antworten auf Schmerz? -- aber zu schreiben. Allein wie

anfangen?

Jetzt, vor dem Sekretär sitzend, gewahrte Georg sich selber zur Linken

hinter dem bläulichen Glasschleier des Spiegels, ein wenig sonderbar

nicht nur durch die prunkvolle Umrahmung von Leisten und Gespiegeltem,

den Kerzen und der mattblauen Vase, die heute dort stand, den Rand

überhängt von gelben Rosenköpfen, sondern durch die Verschleierung vor

allem, die ihn sich selber wie in einem andern Zimmer erscheinen ließ,

dasitzend einsam, ohne Stunde, ohne Zeit, nicht vergehend. So einsam

also sieht man immer aus, wenn man allein ist, dachte er. Es war

beklemmend hinzusehn, er wollte sich schon wegwenden, entdeckte jedoch

nun in seinen, übrigens wie immer scheinenden Zügen etwas Neues, eine

kleine, neben dem linken Mundwinkel eingegrabene Falte, deren Herkunft

er nicht begriff, bis er, unbemerkt den Mund verziehend, spürte, daß

diese Mundbewegung etwas wie -- Verachtung ausdrückte. -- Dazu, sagte

er, entschlossen sich abwendend, scheint mir denn doch wenig Ursache. --

Es sei denn Verachtung deiner selbst, fuhr eine andre Stimme in ihm

fort, die er indes überhörte, in Cordelias Schreibmappe nach Briefpapier

suchend.

Er fand aber zuerst einen Brief mit seiner Adresse von ihrer Hand

darauf, schön, groß, rund, klar in Lateinschrift geschrieben, drehte ihn

herum -- er war offen --, dachte, es sei vermutlich solch einer, wie er

ab und zu bekommen hatte, sei's weil sie ihm einmal absagen mußte, sei's

aus keinem triftigeren Grunde als dem, ein Zeichen zu senden, einen

zärtlichen Gedanken, einen kleinen Vers, -- und richtig, als er den

Bogen erwartungsvoll herauszog und entfaltete, las er Verse:

O komme, Geliebter, es freun sich die Fluren,

Der Storch und der Star und verwandte Naturen.

Weiß schimmern die Birken auf grünender Trift,

Da ich schreib in die Rinde mit brennendem Stift:

O komme, Geliebter, zu festlichen Stunden,

Wir wollen uns tränken, wir wollen uns munden!

Die arme Seele.

Nun da bin ich ja! freute sich Georg, aber wo bleibst du? -- Wie

lieblich sie das wieder zusammengeleimt hatte, gar nicht empfindsam,

klein und frisch wie ein Veilchenstrauß! Sie war ein Juwel.

Aber er wollte doch an Magda schreiben, und damit ließ sich nicht

anfangen. Indem geriet ihm, als er mit einem verlorenen Blick hinter

sich die Bücherregale streifte, die im Eck neben dem Sofa

zusammenstießen, Irene in den Sinn, nach der Magda gefragt und die er

gestern wieder einmal mit einem Detektivroman im Arbeitskorb gefunden

hatte. Und im selben Augenblick hatte er eine so schöne Hohnrede über

sie, mit soviel aparten und glatten Wendungen im Kopf, daß er hastig ein

paar frische Bogen aus der Mappe fingerte, seinen Halter zog und zu

schreiben begann.

Liebe Magda:

Dies also, dies ist Irene Herzbruch! Dein Wunsch, von ihr zu hören,

umarmt den meinen, von ihr zu reden. Gut, fangen wir an, liefern wir

eine Beschreibung.

Daß sie mit ihrem Mann vor ein paar Monaten ihre Langenhagener

Sommerwohnung bezogen hat, weißt Du, vermutlich auch, daß sie diese

Wohnung -- eine Photographie bekommst Du -- mit Herzbruchs Schwester,

Dora Vehm und deren Mann teilen. Nachdem ich dreimal ganze und halbe

Tage draußen gewesen bin, habe ich die Männer übrigens noch kaum zu

Gesicht bekommen. Dr. V. hat seine Praxis und Sprechstunden in der

Stadt, H. dito seinen Verlag. Dora Vehms erinnerst Du Dich vielleicht

von Irenens Hochzeit: prachtvoll anzusehn, mit dunkler Haut, schwarzem

Haar, schwarzen, glänzenden Augen und einer schönen, sicheren und freien

Haltung. Die Stimme manchmal etwas schrill, zum Beispiel, wenn sie sagt:

Nein, das ist ja rasend komisch! -- (N. b. daß sich doch alle Frauen im

gesellschaftlichen Umgang solche Übertriebenheitsworte angewöhnen

müssen, wie rasend, oder himmlisch oder reizend.) Diese tüchtige Frau

ist Urheberin einer Volksspeiseanstalt, wo Arbeiter und Frauen für 40

oder 50 Pfennige ein nahrhaftes Mittagbrot bekommen, und diese Anstalt

leitet sie ganz allein, teilt sogar nicht unhäufig selber das Essen aus;

ferner ist sie Vorsitzende irgendeines Frauenvereins; ferner leitet sie

ihren Haushalt; ferner hat sie Freunde, denen sie lange Briefe schreibt;

ferner singt sie, und gar nicht schlecht; ferner geht sie in viele

Konzerte, Theater, Vorträge, Vorlesungen; ferner ist sie in der schönen

Literatur verblüffend bewandert, und auf ihrem Tisch liegen Knoop,

Kierkegaard, Hamsun und die Geschichte des Dr. Bürgers von Hans Carossa;

und schließlich hat sie zwei entzückende Kinder von drei und fünf

Jahren, Knaben und Mädchen, mit denen sie, ungelogen, niemals weniger

als eine volle Hälfte des Tages zusammen ist. Da soll einer sich ein

Beispiel nehmen. Und nicht etwa, daß dieses Ganze ein verfitzter

Rattenkönig oder Schlangenballen wäre, aus dem all diese

unterschiedlichen Verrichtungen mal dieses mal jenes Haupt züngelten, um

was zu verschlucken, sondern ohne Unrast, ohne Fahrigkeit, auf einer

einzigen, sanft und ebenen Linie rollt ein solcher Tageslauf einer

solchen Frau ab, sie ist heiter, gelassen und fröhlich, und hat immer,

immer noch für ein Dreizehntes Zeit in der zwölften Stunde.

Ach so, ich wollte von Irene schreiben. Du merkst, daß ich diese Frau

anbete und verehre. Von dem Denkmal, das ich ihr in meinem Herzen

gesetzt habe, war dies eben ein freilich sehr kümmerlicher Abdruck. Ein

Hurra allen wackeren Frauen, würde Bernhard Kellermann sagen. Also nun

Irene.

Als ich das erstemal zu ihr kam, -- ja, also das Haus siehst du sehr

schön auf einem Hügel liegen, der von der Chaussee langsam flach

ansteigt: zu unterst sind Gemüsefelder, dann kommt ein Blumengarten --

alles noch neu und sehr spärlich, zumal um diese Jahreszeit, dann Wiesen

mit dem Haus in der Mitte; die rückwärtige Seite ist mit der >Hecke<

bewachsen, wie man das hier nennt, das heißt also Buschwerk und

Unterholz, Haselstauden, Eschen, Weiden, auch Tannengestrüpp, ein wahres

Dickicht, Wassertümpel und zuletzt ein kleiner, abgenutzter Steinbruch.

Ja, also da fand ich Irene, ihrer Stimme folgend, die von weither

gellend hörbar war: Sie! Sie haben ja ihren Fusel noch dick in den

Augen! Was Sie sind? Sie sind weiter gar nichts als ein besoffenes

Schwein, wissen Sie das? Gehn Sie mal nach Hause und schlafen Ihren

Rausch aus -- und so weiter. Ja, da stand sie breitbeinig im Bohnenbeet,

einen Spaten schwingend, aber der so beschimpfte Gärtner war wirklich

äußerst betrunken und gerade dabei, tätlich zu werden. Ein andermal fand

ich sie mittags auf dem Rasen im Dickicht mit einem Roman von

Skowronnek. Und das drittemal trug sie mit der Forke von einem kleinen

Handwagen den Kompost und verteilte ihn über die Melonenbeete.

Dies wäre Irene? Freilich, freilich! Und was wäre viel dagegen zu sagen,

wenn nicht -- ja, wie soll ich das beschreiben?

Sieh mal, wenn die Frau eines Rittergutspächters, dessen Dasein reineweg

von seinen Äckern, Beeten und Ställen abhängt, sich so gehabte, da wäre

das trefflich, obzwar auch dann noch zu fragen wäre, ob hierzu der Weg

über ein Kloster vonnöten gewesen wäre. Was ist alte, älteste männliche

Forderung an eine Frau? Daß sie das Notwendige mit Anmut tue. Was heißt

Anmut? Eben jene Leichtigkeit und Gelassenheit der Gebärde, jene

Unscheinbarkeit, ja Unsichtbarkeit des Tuns, jenes Darüberschwebende des

Ganges, so daß von allem Kräfteaufwand nichts eigentlich vor andern

Augen erscheint, als der Überschuß und die Freiheit zu andern Dingen,

eben jene Anmut Dora Vehms, welche genau die des Trapezkünstlers ist,

der nach jeder Vorführung, ein Lächeln auf den Lippen und mit

ausgebreiteten Armen vortänzelnd, dem Zuschauer vorzuspiegeln hat, daß

seine Leistung Kinderspiel sei, abgetan zwischen zwei kleinen Atemzügen.

Sie aber geht in diesen Dingen bis zur Selbstvernichtung auf. Wenn sie

morgens früh um fünfe ihre Hühner füttern muß, so schläft sie natürlich

Glock neune ein. All dies, um im Winter selbst eingeweckten Spargel und

selber eingekochtes Pflaumenmus essen zu können. »Und das Ganze«, hören

wir meinen Vater sagen, »ist denn wie an die Wand --, usw.« Langsam

umnachtet sich ihr Geist. Bücher liest sie keine, außer den oben

angezeigten. Für derbe Worte und Redensarten hatte sie immer eine

Vorliebe; Rhinozeros ist ihr Lieblingswort, das sie ja freilich am

fröhlichsten an sich selber verschwendet. Siehe sie dastehn: in einem

lachsfarbenen Morgenrock, Rüschen an Hals und Ärmeln wie immer, mit

ihren sanft und länglich gerundeten Hüften -- noch sind sie's -- tausend

goldne Lockenwirbel ums krebsrote Gesicht, indem sie sich mit dem

Zeigefinger vor die Stirn tippt und sagt: Ich Rhinozeros!

Schließlich weiß man ja nicht, wie lange sie's treiben wird. Ferner ist

auch die Abwesenheit ihres Mannes in Erwägung zu ziehn, aber wiederum --

die sozialwissenschaftliche Hauptabteilung seines Verlags, und die neue

Zeitschrift gleichen Charakters, die er jetzt zu gründen im Begriff ist,

könnten ihr genug Gelegenheit bieten, mit ihm zusammen ein gemeinsames

Leben ernster und würdiger, wirkender und fortwirkender Tätigkeit zu

führen, anstatt daß sie sich Sommers abrackert, um Winters essen zu

können. Sauwohl fühlte sie sich, sagt sie, und überhaupt sei dies die

wahre Bestimmung des Menschen, zu essen und zu trinken und dafür zu

sorgen, daß man zu essen und zu trinken habe. Ihre Geige, wenn du danach

fragen solltest, ist seit Monaten vergessen. Gewiß: Bau und Einrichtung

von Haus und Garten mußte sie so ziemlich allein bewerkstelligen, und es

ist ja auch reizend geworden, aber wozu? Sie wohnt ja nicht, sie hat ja

immer bloß zu tun. Ihre Kleider sind entzückend, sie macht sie selbst,

Renate auch, aber ich habe Renate nie am Schneidertisch gesehn.

Ja, wären nicht die Kinder -- du weißt, ich liebe Kinder -- und Dora

Vehm, so würde ich diesen Verkehr vermutlich aufgeben. Manchmal ist ja

auch H. abends anwesend, und auch der Doktor ist ein feiner, freilich

sehr stiller, in sich gekehrter Mensch, aber da braucht man nur

irgendeine Sache unterm Himmel zu berühren, so giebt es ein schönes,

ernstes Gespräch, man fühlt einen feinen Keim in die Brust fallen, und

die Stunde war nicht umsonst.

Ehrlich, Magda: Im Gastbuch unseres Korps fand ich die folgenden,

sonderbaren Verse meines Papas, soviel ich weiß die einzigen, die er je

gemacht hat, frei nach Storm:

Habe niemals eine Meinung!

Innerstes bleibt stets verborgen.

Was am Nachbarn du bedauerst,

Tust du heute, tust du morgen.

So würde ich mir auch nicht diese Meinungsäußerung über die gute Irene

erlaubt haben, wenn ich nicht selber während der Trassenberger Monate

ernstlich an mir selber gefeilt und mich besonnen hätte, was ich war,

und wer ich sein soll. Ich habe auch ganz tüchtig gearbeitet, denn das

abgebrochene Altenrepener Semester drückte kräftig genug, und wenn auch

Greifbares nur wenig dabei herausgekommen sein mag -- ein Überblick,

flüchtig genug, über das gesamte, über dies ungeheuerlich horrende

Besitz- und Arbeitsfeld Papas -- so habe ich doch Arbeitslust und

Zukunftseifer in reichlichem Maße davongetragen. Froh bin ich dabei --

darf ich das einmal sagen? -- daß Du, immer Gütige und Verstehende,

meinem Wege treu geblieben bist, und mit mir hoffst, und mit mir

vertraust. Denn das tust Du doch, nicht wahr? Deine Briefe taten mir so

wohl! Wirst Du nicht bald einmal wieder nach A. kommen, damit ich Dich

singen hören kann? Oder ist die Stimme noch immer nicht so weit? Nein,

nein, rede mir Du in deiner Bescheidenheit das nicht aus: Dein Gesang

ist besser als Irenens Einmachegläser. Weiland Josef Montfort schenkte

mir einmal -- der Großmütige! -- ein Wort; es ist von Salomo und lautet:

Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben. Aus dem Herzen

kommt Deine Stimme, aus einem allwissenden Herzen, Magda, ich muß es

sagen, und ist Leben und muß Leben wirken.

Irene hat ihr Herz eingeweckt; möge sie sich im Winter ihres

Mißvergnügens daran laben. --

Georg hielt inne. Der Nachsatz, fand er, hatte den Abschluß verdorben;

nun konnte er so nicht enden, und ein Übergang war schwer zu finden.

Auch schien ihm noch etwas zu fehlen, ja, die Hauptsache war mit den

wenigen Worten gegen Ende doch noch nicht ausgesagt, sein dankbares

Gefühl für sie und ...

Er stand auf, trat ans Fenster, merkte, daß der Regen stärker

niederrauschte, und schloß es. Sogleich dämpfte sich der Lärm, aber

Georg gewahrte auch, daß es dunkler geworden war mittlerweil, er mußte

zum Ende kommen. Da verschleierte sich der Raum langsam vor seinen

Augen, er sah noch vom Sofatisch her etwas Rotes dunkel glimmen, das

Rubinglas, das er einmal mitgebracht hatte. Es quoll undeutlich in ihm,

er sah wieder den für Magda bestimmten Brief liegen, setzte sich davor

und schrieb:

Ich mußte eben die Feder hinlegen und lange am Fenster stehn. Es ist

dämmrig, der Regen schlägt an die Scheiben. Esthers Volière fand ich bei

Irene, wo ist Esther? -- Wie sind wir Alle auseinander gewirbelt! Daß

wir immer wohl dies und jenes unternehmen können, aber halten läßt sich

nichts davon. Wer hielte sein eigenes Herz, geschweige denn fremde?

Unwiderstehlich angezogen treiben wir zu immer neuen Wirbeln hin, und

schaurig ist, daß, was am wildesten glühte, am eiligsten erkaltet.

Ferne, liebe Freundin, ich weiß nichts von Dir, aber wie den guten,

immer gleichen Benno hier -- natürlich vergaß ich den Allzubescheidenen

zu nennen, als ich eben die Hiergebliebenen zählte -- so sehe ich Dich

dort: ein Bleibendes im Getümmel, eine sanfte Säule im Kreisen, einen

immer steten, leisen, aber in jeder Stille um so geheimnisvoller

vernehmbaren Ton, und ich denke: tausend Saiten des aufgeregten Daseins

schwirren und rasseln ihr verworrenes und bezauberndes Spiel: eine Saite

ruht immer und tönt tagein, tagaus, jahrein, jahraus immer den gleichen,

himmlisch einfachen, und o so tröstlichen Klang!

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 84 / 124 题