Renate, mit Saint-Georges und Magda, die vor ihrer Rückkehr nach Berlin
noch einige Zeit bei ihr bleiben wollte, aus Helenenruh heimgekehrt,
suchte ihr Zimmer auf, um sich umzukleiden.
Die Fenster im Wohnzimmer standen weit offen; es war wie im Freien, der
Septembernachmittag drinnen wie draußen leicht, bläulich und
durchgoldet. Auf ihrem Schreibtisch fand Renate eine kleine Druckschrift
-- Feruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst -- aus der
ein kleiner Zettel fiel; von Ulrikas Hand stand darauf gekritzelt: Ich
bin in der Kapelle. Bogner sitzt im Garten.
Das Mädchen trug mit dem Chauffeur Koffer und Hutschachteln herein.
Renate legte Jacke und Hut ab, auf einmal ein wenig wehmütig, ohne
erkennen zu können, weshalb. Ob es schon die Luft des Hauses war, die
sie wieder bedrängte? -- Sie trat ans Fenster und vergaß für Augenblicke
die trübe Wallung über dem Anblick weißer, goldiger Wolkenstreifen im
Blau über den noch schweren und dichtgrünen Massen der Gartenbäume.
Und siehe da: Bogner saß -- natürlich drehte er ihr den Rücken zu! --
auf einem Feldstühlchen vor einem roten Busch, ein großes Skizzenbuch
auf den Knien, aber die rechte Hand, die Renate sichtbar war, lag völlig
still; er betrachtete nur.
Und dort zur Linken -- ja, da saß der Onkel, nicht anders scheinend als
ein friedlicher Patriarch, kahlhäuptig und weißbärtig, auf der weißen
Bank in der Grotte von Buschwerk, neben der ein Birkenbaum, goldgelb im
Laub, leichte Wache hielt, vor sich den Rasenplatz. Gedämpft aus der
Kapelle ward die Orgel hörbar -- alles war wie zuvor, nicht leichter,
nicht schwerer, aber -- da es wieder neu war -- schwerer ließ es sich
auch wieder an.
Renate ging ins Schlafzimmer, zog eilig Rock und Bluse aus, wusch sich
im Badezimmer, legte dunkelblaue Seidenstrümpfe, die ihr grad in die
Finger gerieten, an, kleine blaue Schuh und irgendein weißes Kleid,
locker und schlicht von oben bis unten, beim Zuhaken bemerkend, daß es
einen hohen, anschließenden Kragen hatte, mit kleiner Rüsche, in
Wellenform geschweift unter Kinn und Ohren. Als sie ihre Schatztruhe
öffnete, überkam sie Erinnerung. Der freie Raum darin, den die
aufgeschichteten Lederkästen ließen, war angefüllt mit dem bunten,
glitzernden Gewirr des Alltagschmucks; sie griff hinein und zog ein
Bündel langer Ketten heraus in allen Farben, blaugrün, rosenfarben,
weiß, gelb und gelbgrün; ein mattgoldner Armreif fiel zurück, und sie
ließ das Ganze wieder sinken, legte die Hand auf einen der Kästen und
dachte an ihr erstes Halbjahr im Hause, wo der Onkel und Josef
allwöchentlich gewetteifert hatten in Geschenken, die dann sie, immer
eines bis zum nächsten, tragen mußte, abwechselnd einen Tag um den
andern. Kleine Verse hatten sie dazu gemacht --
Eine Chatelaine --
Perlen nennt man Tränen.
Tränen sind aus Salz --
Schling sie um den Hals.
Ihre Augen verschleierten sich; sie löste eine lange Kette von
fingernagelgroßen, länglichen Perlen aus Lapislazuli, hartblau mit
goldenen Spuren, aus den übrigen, legte sie über den Nacken und ließ sie
vorn bis zum Schoß herunter fallen. So ging sie, Ulrikas Heft an sich
nehmend, hinunter.
In der Halle jedoch hielt ihr lebensgroßes Spiegelbild sie auf. -- Wie
seh ich denn aus? fragte sie sich erstaunt, ich bin ja ganz fremd
geworden! -- Aus dem weißen Kleidhals mit der blauen Kette stieg ihr
Gesicht, fast so braun wie ihr Haar; die Wangen glühten röter als sonst,
auch der Mund, und die Augen, tiefer liegend, schienen in dunklerem
Feuer zu stehn. Plötzlich fühlte sie sich so angeprahlt von den eigenen
Farben und Gluten, daß ihr das Blut in die Wangen schoß und sie sich
abwandte. -- Wofür denn nun all das, wofür? Was soll denn ich damit, und
ich brauchte es ebensowenig mehr zu tragen wie den Schmuckberg da oben,
der bald zwei Jahre im Finstern liegt. --
Überdem fiel ein Schatten von draußen herein, der Onkel erschien in der
Tür. Auch seine Stirn, die kahle, schöngewölbte, war gebräunt, die
heitern Augen hatten keinen Blick, fast verhangen vom Weiß des Bartes.
Seltsam hoch und spitz -- fast wie bei einem heiligen Antonius eines
alten Bildes -- war sein kahler Kopf. -- So ging er vorüber und hinaus.
Die Hände gefaltet sah Renate ihm nach.
Eine Weile später stand sie ein paar Schritt hinter Bogner. Auf dem
Blatt war ein Durcheinander, von allen vier Rändern ins Weiße
gezeichnet, Blätter, Zweige, ganze Stücke des Busches, einzelne Blätter
haargenau, ihre Drehung, Schattung, Glanz und Zahnung, Ansatz am
Stengel, Verknotung im Ast, alles hundertmal lebendiger geworden im
Durchgang durch seine Augen, als die Augen Renates es am wirklichen
Gewächs wahrnehmen konnten. -- Ach, hier war Leben, hier wars! --
Leise ging sie wieder davon, setzte sich auf die Bank, auf der sie zuvor
ihren Onkel gesehn hatte, und versuchte, sich in die Zeit der
Friedliebenden Gesellschaft zurückzuversetzen, indem sie nicht zu Ulrika
ging, da die Zeit zur Begrüßung von selber herankommen würde. Sie
öffnete die Druckschrift, sah zu Bogner hinüber, sah empor und erblickte
das Gesicht von Saint-Georges' Bruder zart und rosig an seinem Fenster,
nickte ihm zu und winkte. Er, tief errötend wie stets, sprach ins Zimmer
hinein, und gleich darauf erschienen Magdas Gesicht und
schwarzbekleidete Schultern, die nickte und lächelte, dann auch
Saint-Georges. -- Sie zogen sich wieder zurück. Renate blätterte zum
Anfang des Buches, hier und da einen Blick hinein stechend, blieb haften
mit einem und las:
>Und was kann schließlich die Darstellung eines kleinen Vorgangs auf
Erden, der Bericht über einen ärgerlichen Nachbar -- gleichviel ob in
der angrenzenden Stube oder im angrenzenden Weltteile -- mit jener
Musik, die durch das Weltall zieht, gemeinsam haben?<
Hineinsinnend in das königliche Wort hob Renate die Augen. Auf der
Veranda stand Magda, schmal, im hängenden schwarzen Kleid, aber schön
bräunlich von Antlitz. Bogner hatte wohl ein Geräusch gehört, drehte
sich um, sah Magda, winkte ihr zu und erhob sich. Bogner war braun wie
ein Affe, an den seine Augenhöhlen jetzt mehr als früher erinnerten;
hier war Einer immer brauner als der Andre. Jetzt entdeckte er auch
Renate, lächelte, warf sein Buch zu einigen andern in den Rasen, kam und
streckte ihr die Hand hin. Sie möchte nur entschuldigen, er säße schon
ein paar Wochen jeden Tag hier und studierte, ja, er wollte nun die
ganze Friedliebende Gesellschaft malen, ein bei ein, sechs Meter lang,
fünf Meter hoch. Nein, sitzen brauche ihm niemand, antwortete er auf
Renates Frage, wäre alles schon fertig von damals her.
Indem kam Ulrika von der Kapelle her, gelbweiß gekleidet, und war
richtig auch so braun wie ein Mulatte, nein, eher kupfern, und sie sagte
gleich tief beschämt, ihr Haar sei nun glücklich übergeflossen. Das Heft
auf der Bank neben Renate entdeckend, raffte sie's auf und sagte, sie
müßte Renate eine Stelle vorlesen. Während sie noch suchte, kamen Magda
und Saint-Georges, es gab ein langes Händegeschüttel, dann hatte Ulrika
gefunden und las:
»>Wohl ist es der Musik gegeben, die menschlichen Gemütszustände
schwingen zu lassen: Angst, Beklemmung, Erstarkung, Weichheit,
Aufregung, das Überraschende< und so weiter --« sagte Ulrika -- »>ebenso
den inneren Widerklang äußerer Ereignisse, die in jenen Gemütsstimmungen
enthalten sind. Nicht aber den Beweggrund jener Seelenregungen< -- und
so weiter! Nun: >Ebenso vergeblich ist es, moralische Eigenschaften,
Eitelkeit, Klugheit in Töne umzusetzen, oder gar abstrakte Begriffe wie
Wahrheit und Gerechtigkeit ... Könnte man denken, wie ein armer, doch
zufriedener Mensch in Musik wiederzugeben wäre? Die Zufriedenheit, der
seelische Teil, kann zu Musik werden; wo bleibt aber die Armut, das
ethische Problem, das hier wichtig war: zwar arm, jedoch zufrieden. Das
kommt daher, daß »arm« eine Form irdischer und gesellschaftlicher
Zustände ausdrückt, die in der ewigen Harmonie nicht zu finden ist.<«
Ulrika sah sich triumphierend um. Renate aber hörte weder ihre Worte,
noch was die Andern sagten, ganz gefangen in ihren Blick, der von ihr,
die allein saß, über die vor ihr Beisammenstehenden glitt, gefesselt von
den Gesichtern, Ulrikas lebhaftem, Magdas im Zuhören äußerlich
abwesendem, und Georges' gelassenem, leicht ein wenig sarkastischem.
Länger haftend an seinem, dem ägyptischen König in diesem Augenblick, wo
es sich glättete und der Blick aus lichten Augen nach oben ging,
ähnlicher als jemals scheinenden Gesicht -- hörte sie auch ein paar
seiner Worte -- vom verräterischen Glanz des Bestrickenden an der
schönen Form -- und wußte auf einmal, weshalb sie wehmütig geworden war
beim Anblick von Ulrikas Zettel oben, den sie wieder vor sich sah. Ja,
damals, als es die Friedliebende Gesellschaft gab, lag in der Halle
wohl, oder auf der Sonnenuhr, oder sonst irgendwo, solch ein
Papierschnitz mit einem Namen, dem er galt, und einem Ort in Haus oder
Garten, und nur die Handschrift zeigte an, wer ihn hingelegt hatte. In
ihrer Schreibmappe mußten noch ein paar zu finden sein.
Aber wir sind ja Alle wieder da! Magda, Bogner, Ulrika, Georges! Irene,
Jason, Georg, Benno sind irgendwo in der Stadt -- ja, warum ist es nicht
wie früher? wer fehlt denn? Ach Gott, Esther, hab ich dich wirklich so
vergessen? Und Sigurd ... wo mochte der sein? -- Könnte es nicht doch
werden wie damals?
Da sah sie die Andern wieder vor sich stehn, schweigsam jetzt, jeder
nachsinnend über etwas, wie es schien, sonderbar still, jeder für sich
mit seiner inneren Welt, umgeben vom Grün, von der warmen, herbstlichen
Luft -- und doch alle von Nachdenklichkeit eigentümlich vereint. Es war
so traumhaft ...
Nein, das war gewesen! Und das hier -- das waren die Schatten davon, die
zusammen kamen, um den alten Ort anzusehn. Es war --
Renate stand auf, die Andern lösten sich, und Ulrika legte den Arm um
sie, fragte dies und das, erzählte, doch kam der Maler alsbald, seine
Bücher unterm Arm, und nahm sie mit fort, denn er wollte durch den Wald
laufen, und sie wollte mit. Ulrika immerhin schien froher und offner als
jemals.
Auf einmal war Renate allein mit Saint-Georges; auch Magda war gegangen.
»Ach Georges,« sagte sie, »ich muß mich ins Gras legen, glaubst du, daß
es was schadet?«
Nein, er glaubte es nicht. Also streckte sie sich längelangs in den
hohen Halmen und verdorrten Blumenstauden auf dem Rücken aus, blinzelte
gegen den immer goldeneren Himmel und fühlte wonnig an Schultern und
Rücken, Füßen, Waden und Kniekehlen überall die andrängende, mächtig
tragende Feste der Erde, auf der sie -- die Augen schließend, fühlte sie
es mit Macht -- in ungeheurer Sicherheit, vom riesigsten Rücken
getragen, durch Helles und Dunkles, Tage und Nächte, jahrlang durch
gewaltige Räume umrollend dahingetragen wurde. Ja, einen Augenblick
glaubte sie zu spüren, wie es hinter ihr, im Westen stieg, wie sie
selber nicht lag, sondern stand, ausgebreiteter Arme, wie angenagelt an
die immer sonnenaufgangwärts umrollende Kugel, selig gekreuzigt,
schmerzlos im Herbsttag, gefüllt mit goldenen Adern von himmlischer
Luft, nur ein leichtes Gewebe selbst, im Gras ausgebreitet, von
purpurnen und goldenen Fäden und Maschen, in dem das wunschlos pochende
Kleinod schwebte, liebevoll, ihr Herz.
So lag sie lange Zeit, still, die Augen zu, vor dem verschlossenen Blick
das leise Brennen der unsichtbaren Helle; hoch über ihr rauschte es
selten einmal und ward wieder still, schauderte etwas leicht auf und
beruhigte sich wieder, eine kühle Welle lief über ihr Gesicht, ein Haar
oder zwei wehten kitzelnd über Nase und Wange, ein Tier kroch juckend
über ihre Hand, rings wehte kaum vernehmbar das Gras, die gedämpfte
Natur krachte unhörbar leise im Saft, sie ruhte, Renate ruhte.
Aber jetzt mußte sie den Kopf heben, die Lider halb öffnen und
Saint-Georges ansehn, über ihre Füße hinaus spähend; er saß in der
Bankecke, einen Arm auf der Rückenlehne, ein Bein auf dem Sitz, und
schaute schräg in die Höhe; seinem Blick folgend, sah Renate zwischen
den Steinfiguren auf dem Dach, die hell besonnt im Lichten standen, zwei
farbige Tauben laufen; es blitzte Weiß in der fernen Bläue auf, eine
dritte schwang sich zu den andern.
»Georges,« sagte sie, sich wieder legend, »seit langem ist es mir dann
und wann, als ob ich warte; oder ungeduldig bin; oder -- -- ist Warten
gut, Georges, oder nicht?«
Einige Zeit verging, bis sie ihn sprechen hörte. »Jeder Mensch,« sagte
er, »dessen Geist Augen hat, zu sehen, bekommt von Anbeginn die Richtung
zuerteilt, in der sie sein Leben lang stehn: ins Heute, ins Gestern, ins
Morgen gerichtet. Das sind die drei Temperamente; vier giebt es nicht.
Wer allzutief ins Gestern blickt, dem verfärbt es das Morgen, wie Rot
das Weiße grün färbt; wer allzuscharf nach Morgen späht, der erblindet
fürs Heut, der wird unruhig, vielleicht unselig. Wer nur aufs Heute
schaut, wird leicht bodenlos -- ohne Gestern -- und erbarmungslos --
ohne Morgen. Die Menge blickt halben Auges verschwommen -- nach allen
drei Seiten. Der große Einsame blickt ganzen Auges tief und klar -- nach
allen drei Seiten.«
»Ach,« sagte Renate dankbar, »eine Antwort hast du mir glaub ich nicht
gegeben, aber es ist wunderbar, auf dem Rücken zu liegen und nach
Schmetterlingen zu gucken.«
»Herbstschmetterlinge, Renate,« hörte sie ihn antworten, »die Flügel
grau, von Weisheit verstaubt.« --
»Sage mir, Georges,« fing sie nach einer Weile wieder an, »wenn ich denn
schon unruhig bin, warum rühre ich mich nicht mehr?«
»Wir lesen«, sagte er langsam, »im Leben der Bienen von Maeterlinck über
die Bienenkönigin: sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt
sich Zeit.«
Alsbald riß Renate die Staude aus, die sie gerade in der rechten Hand
hielt, und warf sie nach ihm hin, jedoch mehr zum Schein, denn sie
machte die Augen deshalb nicht auf. Auf einmal kam ihr auf dem Weg über
Bogner Cornelia Ring ins Gedächtnis, sie fragte nach ihr, hörte Georges
etwas antworten und sagte, verloren in Gedanken: »Josef wurde ihretwegen
in vielen Häusern nicht eingeladen ...«
»Ja, das geht auch nicht«, meinte Saint-Georges. Die Augen geöffnet, sah
sie das Skurrile in seinem Gesicht.
»Hätte ers heimlich tun sollen?«
»Heimlich, Renate? Was ist heimlich? Alle tun, was er tat, nur meist in
mehr sporadischer und ebenfalls mehr widerwärtiger Form. Aber sie tun es
mit allerhöchster Erlaubnis ihrer Frauen, Mütter und Schwestern -- ich
nehme die Bräute aus, denn sonderbarer- oder auch rührenderweise gilt
Brautzeit gemeinhin als Schonzeit, und dann ist es natürlich auch so,
daß jede Mutter, jede Frau immer im eignen Sohn oder Mann eine Ausnahme
sieht. Also sie tun es, mit der Erlaubnis, es heimlich zu tun; z. B.
nachts, wenn die Gesellschaften zu Ende sind, in die Bars und Bordelle
zu fahren, wie das hier und wohl in allen Städten üblich ist. Die
Gesellschaft -- aber ich weiß nicht, ob du --«
»Nur zu, Georges,« sagte Renate, »ich sagte es ja schon: es ist
wunderbar, im Grase zu liegen und von der Gesellschaft reden zu hören.
Sprich von der Gesellschaft, wir haben ja schon davon angefangen, vorhin
bei Busonis Wort.«
»Die Gesellschaft«, redete Saint-Georges, »hat durchaus nichts gegen
Unmoralität, sondern braucht sie im Gegenteil notwendig als Würze und
als Hintergrund, wie gewisse Dinge nur weiß aussehn, wenn man sie auf
was Schwarzes legt. Die Gesellschaft, wenn du das etwa glauben solltest,
hat -- wovon das Wort herkommt: von _mores_ und _mos_ gleich Gewohnheit
-- kaum Moral, sondern sie hat Sitten, und giebt danach Gesetze,
bestraft daher nicht die Sittenlosigkeit, sondern allein die
Sittenwidrigkeit. Sie wird daher ferner immer das Geheime dulden; was
sie nicht duldet, ist die Ausnahme. Zum Beispiel Bogner. Sie kennt
keine Dirnen -- als Dame -- aber uneheliche Mütter -- als
Fürsorgevereinsmitglied. Sie hat Verbote nötig, um sich Grenzen zu
ziehn, nicht Gesetze, um das Übel zu tilgen. Sie überwacht nicht
tuberkulöse Väter _in spe_, sondern versucht, tuberkulöse Kinder zu
heilen. _Dito_ Geschlechtskranke, Trunksüchtige und dergleichen. Sie
verurteilt die Prostitution -- als Gatte -- und unterhält Bordelle --
als Gemeinderatsmitglied. In diesen wieder überwacht sie die Insassen,
aber nicht die Gäste. Sie ist gegen die Trunksucht, weil sie die
Gesundheit untergräbt, und verachtet den Abstinenten, weil er ihre
Gesundheiten nicht ausbringen will. Sie erlaubt einer Dienstmagd von
vier Sonntagen zweie zum Ausgang, um sich zu vergnügen, und jagt sie zum
Teufel, wenn sie guter Hoffnung ist. Sie hat den Frauen nacheinander das
Tanzen, Reiten, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Radfahren, Studieren
verboten und wieder erlaubt. Sie erlaubt dem Ehebrecher, den Ehemann zu
töten, und sie tötet den Ehemann, der sich ans Gesetz wendet. Sie
erlaubt, die Ehe zu brechen, aber sie erlaubt nicht, sie zu zerbrechen.
Sie verabscheut das Laster, aber sie füllt die Gerichtsverhandlungen.
Die Gesellschaft weiß nichts von Logik, sondern nur von Gewohnheit, hält
für schädlich nicht das Zerstörende, sondern das Neue, will nicht
verbessern, sondern verdecken, will nicht bestrafen, sondern sich
schützen, sie verbannt nicht, sondern läßt verhungern. Sie hat ein
Gutes: gar kein Gedächtnis. Sie gleicht der Fliege vollkommen. Sie setzt
sich auf alles; sie ist völlig geschmacklos.«
Ach, wie angenehm das plätschert, dachte Renate und fragte, warum er
Bogner erwähnt habe. Saint-Georges lachte mit Behagen.
»Bogner?« sagte er. »Bogner lief als Knabe weg und kam wieder als Mann.
Er machte Besuche, in einen sehr schönen Schoßrock gekleidet, mit einer
lichten Weste, anstatt in Samtjacke und Schlapphut daher zu kommen, oder
wie es jetzt Mode ist, in Wickelgamaschen und Joppe. Das war schon
gefährlich. Er zeigte sich weder geistreich noch boshaft, weder
unmanierlich noch blödsinnig, er war artig. Das war schon sehr
gefährlich. Er ließ aber seine Augen im Zimmer umherwandern, und siehe
da, alle Schande ward ihm offenbar. Weder die unmoderne Einrichtung mit
Sofaumbau, die längst hatte ersetzt werden sollen, noch die Sofaschoner
-- Antimakassars, sagte man früher dazu --; weder das Loch im Teppich,
noch der zerbrochene Glühstrumpf, weder die schmutzigen Gardinen, noch
die ungewaschenen Fenster, nichts sahen sie seinen Augen entgehn. Ich
kenne Leute, die Leute kennen, die ... und die sagten es mir. Natürlich
sah er gar nichts dergleichen, aber die ihn sahn, mußten es glauben,
denn was kann man denn anders sehn, wenn man so sieht wie er, als
Schäden, Flecke, Löcher. Furcht voreinander ist der erste Eckstein der
Gesellschaft, Renate. Aber weiter. Er übersah das Ölstilleben von der
Tochter des Hauses und fragte nach der Miniature eines längst begrabenen
Urgroßvaters, der nichts hatte erben lassen. Er legte die Photographie
des Schwiegersohns wortlos fort und nahm einen alten, grünen
Porzellanmops in die Hand, unter dessen Hinterteil er zwei gekreuzte
blaue Schwerter entdeckte, die noch nie ein Mensch gesehn hatte. Er
machte auf einen schief hängenden Starenkasten aufmerksam, der sein
Dasein verfehlte, aber seit Jahren schon so hing und das Bild des
Gartens vervollständigte. Er nannte eine gemeine weiße Rose: welch
schöne Clara Watson! und verachtete das verblüffende Wachstum der
Araukarie. Er bat um die Erlaubnis, eine Skizze vom Kohlenkeller machen
zu dürfen, in dem doch alle leeren Boonekampkrüge der Hausfrau
aufgestapelt waren, und er malte keineswegs das Porträt der Braut in
Pastell. Er schickte kein Bild zur Ausstellung der heimischen
Kunstgenossenschaftler, und als er einmal daselbst betroffen wurde, bat
er gerade den Kustos um ein Glas Wasser, weil er vor einer Landschaft
des Stadtmalermeisters an einem Lachkrampf erstickte. Er --«
»Ach, Georges, das ist doch nicht wahr!«
»Nein, natürlich ist es nicht wahr,« rief er aus einem Gelächter, »aber
ist es nicht glänzend erfunden? Hätte er doch von der Musik der
Farbgebung, dem Rhythmus der Flächen und der seelischen Dynamik des
Pinselstrichs geredet, so wäre es gegangen. Er aber sagte überhaupt gar
nichts. Welch ungeheure Boshaftigkeiten also mußte er verschweigen. Er
hätte auch die fürchterlichsten Lästerungen, Frivolitäten und
Frevelmeinungen äußern dürfen, denn mit dergleichen verhält es sich seit
alters so, daß der Bourgeois sie verdammt und verabscheut, wenn sie in
Büchern stehn, wenn aber jemand sie äußert, so heißt es: das sagt er nur
so! Der Bourgeois glaubt nicht nur nicht, was ein Andrer sagt, wenn es
fremd und erschreckend klingt, sondern glaubt nicht einmal, daß der
Andre selber es glaubt. Wäre er aufrichtig, für welch schaurige Lügner
müßte er alle Sonderlinge und Eigengänger halten. Früher wurde von einem
Manne verlangt, daß er tut, was er denkt. Milder Denkende rieten
späterhin, es genüge, zu sagen, was man denkt. Heute giebts schon
niemand mehr, der denkt, was er denkt. Und von Bogner sagen sie ja nun:
er hat süffisante Augen.«
»Ach,« rief Renate, sich aufrichtend, »nun weiß ich, daß du die Wahrheit
sagst! Da auf der Bank habe ich gesessen und dies Wort in einem Briefe
von Magda gelesen; ihr Vater brauchte es gegen Bogner. Ach, wie lange,
wie lange ist das her!«
Sie wollte eben das Gesicht gegen die Knie senken, als sie zu ihrer
Rechten hinter den Büschen etwas Menschliches zu sehn glaubte, eine
Bewegung, ein Gesicht. -- Vielleicht war jemand am Zaun draußen
vorübergegangen. Sie wollte sich wieder legen, sah aber nun, daß der
Garten schon tief im Abendschatten lag; nur zu ihren Häupten, hoch in
den Wipfeln, hing noch das scheidende Licht, und noch flossen warme
Spuren und goldne Hauche über den weitoffnen Himmel. Sie sprang auf,
schüttelte ihr Kleid und rief Saint-Georges zu, er solle schnell seinen
Bruder herunterholen, damit er noch an die Luft komme, -- und da stand
auch schon Magda wieder in der Veranda und fragte herüber, ob es nicht
Zeit sei, den Gelähmten zu holen. Saint-Georges folgte, Renate rief ihm
noch zu, sie ginge in die Kapelle. Der Lahme liebte es sehr, die Orgel
am Abend zu hören, wenn er umhergefahren wurde.
Den Weg zwischen den Gebüschen hinunter, gegen den Zaun zu gehend,
gewahrte Renate jetzt deutlich ein Gesicht draußen hinter dem Gezweige.
Näherkommend sah sie die Blätter sich bewegen, eine Hand teilte sie;
Josefs Gesicht war draußen, seitwärts gedreht; er sah sie nicht an.
»Josef!« stieß sie hervor. Ihr Herz tanzte. War sie erschrocken? Ihr
Herz kümmerte sich um gar nichts und war außer sich. -- Nun drehte er
langsam das Gesicht her. Seltsam ... wie starr das Auge war! und die
ganze Hälfte des Gesichts, die rechte, war -- ja, sie war nicht da,
etwas Schwarzes war da, aber die Dämmerung ... Nun lief sie hin, trat
ins Buschwerk auf den Rasen, da war der Zaun, da stand er, schwarz, fein
gekleidet, unbeschreiblich duftend, wie immer.
»Wirklich, ich bins, Renate,« sagte sein halber Mund, das halbe,
lächelnde Gesicht, »willst du herauskommen?«
Nun stand sie ganz dicht vor ihm, hörte, daß er atmete, sah das schwarze
Tuch, das vor der rechten Gesichtshälfte war, nein -- der ganze Kopf war
damit verhüllt, nur vom linken Ohr bis zur Nase, in senkrechter Linie
über die Stirn, neben der Nase, über den Mund und das Kinn herunter
abgegrenzt war sein Gesicht zu sehn, wie ein Viertelmond, bräunlich
bleich und schön wie je, nur das Auge starrer, doch verging auch dies,
nun sie tiefer hineinsah.
»Josef, was ist mit deinem Gesicht?«
»Komm heraus, komm heraus, o du schöne Braut!« lockte er, »dann sollst
du alles erfahren!« ging zwei Schritte am Zaun hin und öffnete die Tür;
sie schob sich unter dem Strauchwerk her dorthin, ging durch die Tür,
wollte fragen, warum er denn nicht hereinkomme, ließ es aber, stand vor
ihm, furchtsam vor seinem Aussehn, aber doch innig froh im Herzen. Sie
legte die Hände auf seine Schultern und ließ zu, daß er die seinen auf
ihre Hüften legte. »Daß du nur da bist!« sagte sie glücklich. »Ich merke
nun, wie oft am Tage ich dich in meinem Herzen unterschlagen habe. Ich
kann ja nicht sagen, wie ich mich freue. Ja, ich bin sehr erstaunt
darüber.«
Er lächelte fortwährend, zuckend mit Mund und Augenwinkel. »Wenn du mir
einen Kuß gäbest,« sagte er, »wie wäre das?«
Sie hob sich ein wenig auf den Zehen und küßte ihn unter das linke Auge.
Danach mußte sie freilich mit dem Fuß aufstampfen, mit der Faust in die
Handfläche schlagen und sich verschwören, daß es ein Elend sei, daß die
Ungeratenen, was sie nur wollten, erhielten, während die Guten ohne Ende
darben müßten.
»Ich fürchte,« sagte Josef, »es liegt nicht an den Bösen und an den
Guten, sondern allein an dem menschlichen Herzen. Du goldnes Mädchen!«
sagte er plötzlich erschüttert und schien gewillt, auf die Knie zu
sinken. Er bückte sich bis tief auf ihre herunterhängende Hand, faßte
und küßte sie gewaltsam. Sie legte die Hand auf seinen Kopf, merkte, daß
sie fast standen wie damals beim Scheiden, Josefs Vater wanderte fremd,
sinnlos heiter vorüber, es war dämmrig, feuchte Schleier hingen vor
einer fremden Mauer, ein Dach darüber ... ihre Kapelle wars. Sie fühlte
seltsam das schwarze Zeug unter ihrer Hand, faßte jählings, von
unverständlichem Zorn ergriffen, zu, zerrte und riß es herab. Er
richtete sich auf, so hoch er war, der Lappen hing schwarz an seinem
Hals, Renate prallte zurück und schauderte vor seinem rechten Gesicht,
das fehlte, das nur dunkelrote Haut war, nach innen gedrückt, ohne Spur
von Zügen, kein Kinn, keine Augenwölbung, nur ein Loch, zugekniffen,
kein Backenknochen, der Mundwinkel hineingewischt. -- Sie schlug die
Hände vors Gesicht. Als sie wieder aufsah -- ach, es war wohl doch ein
Traum, das Ganze! Denn nun war sein schönes Gesicht wieder da, eine
Hälfte davon, unverstellt und unverändert wie vor zwei und einem halben
Jahr, ja, so edel und bedeutend, daß schon das Spukbild eben ausgetilgt
war und nichts mehr galt als dies. Dies Gesicht lächelte nun, sie folgte
mit Mund und Augen und sagte: »Verzeih, ich war ungeschickt! Ich habe
nichts gesehn. Und nun komm ins Haus.«
Josef bückte sich, hob einen Stock, einen leichten grauen Hut mit
schwarzem Band und ein kleines Paket vom Boden, setzte den Hut auf und
sagte: »Ins Haus nicht. Wir gehn zu der Schaukel dort unter den Bäumen,
da kannst du sitzen.«
Damit ging er vorauf. Sie folgte zögernd.
Es war eine große, wohl zwei Meter lange Schaukel mit eisernem Geländer,
die in einem Eisengestänge an vier starken Pfosten hing. Josef bot ihr
die Hand, sie stieg auf das Bohlenbrett und setzte sich auf das
Geländer. Sie sah sich um. Seit den Tagen der Friedliebenden
Gesellschaft war sie nicht hierhergekommen. Damals hatten sie einmal
Alle in der Schaukel gestanden, Irene, Ulrika, Esther, Georg, Benno, und
hatten sich geschaukelt und gesungen dazu im Kanon: »Oh wie wohl ist mir
am Abend ...« Die Schaukel knarrte. Josef, am andern Ende stehend,
setzte sie leise in Bewegung; das sanfte Wiegen tat Renate wohl. »Wo
warst du?« fragte sie.
An das Geländer der Schaukel gelehnt, den Kopf gesenkt, stand er und
schwieg. Einmal zuckte sein Mundwinkel. Renate sah eine feurigrosige
Wolke sehr langsam über das Dach der Kapelle hinfahren; leicht sitzend
auf dem friedlich schwankenden Boden, erinnerte sie sich, wie sie im
Rasen lag eben zuvor, Saint-Georges plauderte, die Welt war eng und
angenehm und still, -- da stieg dieser Mensch aus dem Rasen herauf, im
glitzernden Behang eines riesigen Hintergrunds, der Fremde, der -- nie
war sie so davon durchdrungen wie jetzt! -- im Leben nichts gewußt hatte
von Gesellschaft und Gewohnheit; der in ihr so gut war wie ein Jaguar,
der sich zahm stellt, in einem Geflügelhof. Ja, so stand er, wieder
zahm, strömend aber wilden, atemraubenden Dunst; und hinter sich,
pompös, das Porta der Welt.
»Zu fragen, woher einer komme,« hörte sie ihn sagen, »das liegt freilich
nahe für den Weilenden, aber dem Kommenden, das kannst du mir glauben,
liegt es wirklich reichlich fern. Guter Gott, wie schön du doch bist!
Ist denn all die Zeit hier einer gewesen, der dir das gesagt hat?« Ja,
sieh da, er traf den Nagel, wie immer, auf den Kopf. »Setze mich wie ein
Siegel auf deinen Arm und wie ein Siegel auf dein Herz«, sagte er. »Denn
Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre
Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser nicht
mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer
alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gälte es alles
nichts.«
Ihr Gesicht stand in Flammen, sie genoß das Funkeln seines Auges, atmete
tiefer und dachte mühsam: Einmal wird einer noch andre Worte haben, er
braucht sie nicht von Salomo borgen, und sie werden mich doch
verbrennen, wo ich diese nur brennen sehn kann.
»Du hast mich angehört«, fuhr er kühler fort, »in der letzten Stunde, du
hörst mich wieder an in dieser, ich muß reden, es nützt mir nichts, und
wenn ich alle sechzig Minuten dieser Stunde zusammenpressen könnte in
eine, sie würde doch nicht so glühen, um dich zu durchbrennen. Ich weiß,
es liegt nicht an dir, wie es nicht an mir liegt, es liegt an der
Einrichtung allein. Ich sehe dir an, daß niemand zu dir kam, seit ich
fort bin, dein Hals ist der alte Turm von Elfenbein --«
Sie zuckte, er hob die Hand gegen sie, lächelte kurz und sagte: »Hab
keine Angst, ich fahre nicht fort in der salomonischen Beschreibung.
Wahrhaftig: häufig habe ich nicht an dich gedacht, aber eines Tages hats
mich doch übermannt, da kam ich gleich. Wie braun du bist! Das Feuer
deiner Augen brennt kalt wie der Edelstein in meiner Tasche, aber dein
Mund ist hundert und tausendmal süßer geworden.«
Renates Augenlider wankten, sie fühlte, daß ihr Kopf hintenüber wollte,
und dachte sekundenlang: ... ich würde mich nicht wehren ... Heute
nacht, dachte sie, wird es mich zerreißen vor Pein nach -- nach wem
denn? Sie öffnete die Augen und freute sich, daß er viel zu hoffärtig
war, um mehr zu nehmen als ihr Weichwerden und ihr Dämmern.
»Sage nun,« bat sie mit verschleierter Stimme, »wo du warst, und wo
blieb -- dein Gesicht!«
Er setzte sich auf das Schaukelbrett vor ihre Füße; in der tieferen
Dämmerung unter den Bäumen sah sie jetzt nur seinen schwarzverhüllten
Kopf, seine Nase und ab und an den Schein seines Gesichts und das
auffunkelnde Auge; er hielt den Hut in den Händen, die Ellenbogen auf
den Knien.
»Drei Viertelstunden hast du noch,« sagte sie, »dann ist Abendbrotzeit,
und wir müssen hinein.« Er schwieg noch ein Weilchen, dann hörte sie
seine Stimme.
»Zu sagen, wo ich war, lohnt sich nicht, aber du bist ja nun neugierig.
Übrigens ist die Welt viel kleiner, als man gemeinhin denkt, wenn man
die wilden Erdteile ausnimmt: dort war ich nicht, auf Forschungsreisen
zu gehn, hab ich für später vorbehalten, ich wollte ja erst Menschen
sehn. Ich bin ja nun einmal Idealist und ging daher aus, einen zweiten
zu suchen.«
»Was ist ein Idealist?« fragte Renate.
»Ach, unterbrich mich lieber nicht, sonst muß ich zuviel nachdenken, ob
du auch verstehst, was ich sage; ein Idealist ist ein Mensch, der sich
in einen Kochtopf voll Wasser setzt, denselben ans Feuer rückt und nicht
heraus steigt, ehe er ganz und gar drin verkocht und verbrannt ist. Der
Kochtopf kann ja denn Liebe, Tibet, Goldmachen, Verseschreiben,
Marxismus oder sonstwie heißen.«
»Fandest du solch einen?«
»Zwei!« sagte er, »in Amerika. Den einen traf ich im Polizeigefängnis in
Ohio --«
»Im Poli--?«
»Ich sage ja, du sollst mich nicht unterbrechen, denn sonst geraten wir
ins Uferlose, ja, ich saß darin wegen einer großen Minensache, es war
eine so große Schiebung, daß während des Verfahrens die halbe Welt
hineinverstrickt wurde, und da mußte es niedergeschlagen werden. Der
Idealist war ein vielfach rückfälliger und bestrafter schwerer
Tresoreinbrecher, der mir durch Klopfsprache seine Entrüstung mitteilte,
daß er immer wieder bestraft würde, während er doch von einem kleinen
Kapital ein bescheidenes und ordentliches Leben und die Einbrüche nur
ausführte, um das erlangte Geld sofort an Bedürftige auszuteilen, das
heißt, in Wahrheit war er nicht hierüber so entrüstet, sondern weil es
nicht gelingen wollte, den Richtern zu beweisen, daß er überhaupt nicht
stahl; denn was er stahl, sei ja nicht fort, sondern sei da, er hatte
immer die Belege bei der Hand, Reverse der Banken über Einzahlungen auf
diesen und jenen Namen -- frage nicht, das Geld war den Leuten absolut
sicher -- also sei es durchaus nicht gestohlen, sondern habe nur den
Liegeort gewechselt. Dies war ein Amerikaner. -- Den andren Idealisten
fand ich auf einem englischen Leuchtturm eines winzigen Eilands, ich
darf nicht sagen, wo, irgendwo an der Küste. Er war kein Engländer, galt
aber für einen, war ein deutscher, verabschiedeter Offizier und hatte
bereits an die dreißig Jahre seines Lebens in dieser Einöde damit
verbracht, auf den Augenblick zu warten, wo zwischen Deutschland und
England der Krieg ausbrechen würde, um alsdann seine Lichter auszupusten
und gehängt zu werden. Nun möchtest du wohl wissen, was ich und wo ich
noch war. Die Vereinigten Staaten sind das Grauenhafteste auf der ganzen
Welt, ich war auch im Westen, war Minengräber, Goldwäscher und Viehhirt,
es war für eine Weile ganz lustig, aber ich konnte es auf die Dauer
nicht ertragen, wie sie ihre Pferde mißhandeln.«
Da er eine Pause machte, fragte Renate, nichts als zuhörend: »Aber das
Mißhandeln von Menschen, das konntest du --?«
»Denn der Mensch«, sagte er, »kann sich wehren, das Tier nicht. Das Tier
kann beißen und ausschlagen, aber das hilft ihm nichts, denn es muß
dableiben; der Mensch kann weggehn. Er geht in ein andres Land oder geht
aus dem Leben. Das Tier kann nicht aus dem Leben, wie es nicht aus
seiner Haut kann. Ferner war ich Agent. Agenturen giebt es für alles,
zumal in Amerika. Agenturen für Politik, für Minen, für Geldgeschäfte,
für Doktordiplome, für Mädchenhandel, für Bestechung, Spionage, An- und
Verkauf deutschen Adels an reiche Mädchen, für Schmuggel, Gründungen und
für Mord. Einige werde ich wohl ausgelassen haben. In Colorado Springs
war ich auch Falschspieler, du weißt, ich kann die Karten nicht leiden,
aber Falschspiel ist reizend, solange man sich einbilden kann, der
einzige am Tisch zu sein, der betrügt, und das gelingt ja wohl eine
Weile. Dort wars, wo ich mein Gesicht verlor, es stahl natürlich eine
Frau, beschreiben möchte ich es dir lieber nicht. Ich habe ja auf Frauen
immer eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt; dort, wo man weniger
empfindet und denkt, sondern gemeinhin tut, was man empfindet oder
denkt, war es fast unerträglich, und so war ich nicht sehr böse über den
Verlust; leider stellte sich dann heraus, daß die Halbierung die
Anziehungskraft nicht unbedeutend gesteigert hatte. Ach, Kind,«
unterbrach er sich, »ist es nicht genug? Ich könnte niemals fort gewesen
sein und das gleiche erzählen, du würdest nicht besser wissen, ob du mir
trauen darfst oder nicht.«
Er sah trübe zu ihr auf. Renate dachte gelähmten Herzens nur: Josef --
und lügen, um sich einen Hintergrund zu geben? -- »Aber ich habe dir
Grüße auszurichten«, sagte er nun. »Ein gewisser Sigurd Birnbaum,
weiland Cellospieler Renates, trug sie mir auf, mit dem ich gewisse
Operationen auszuführen hatte, um einen gewissen Geheimbundsfreund in
Tscheliabinsk aus der Katorga zu befrein.«
»Mein Gott, Sigurd,« sagte Renate, »was ist aus ihm geworden?«
»Dort,« erklärte Josef sehr ernst, indem er sich langsam erhob, »dort
giebt es Idealisten. Aus Frankreich -- es lebt sich dort angenehm, wenn
man es versteht, für einen Franzosen gehalten zu werden, jedoch -- aber
das führt zu weit -- jedenfalls kam ich von dort nach Russland und
schloß mich der revolutionären Bewegung an. Dort verbrodeln die Menschen
freiwillig und mit Gesang. Ich will dir etwas erzählen.«
Er setzte sich wieder hin. Was wird nur Onkel sagen? dachte Renate. Wird
er ihn erkennen? Sie merkte, daß sie zitterte. Sie begann sich zu
fürchten und hörte Josefs Stimme aus der Ferne, die langsam Satz um Satz
hinsagte.
»Ein jüdischer Knabe war vierzehn Jahre alt, als er seine Eltern und
deren ganzes, sehr großes Vermögen durch ein Pogrom verlor. Er ernährte
sich selber, besuchte das Gymnasium weiter und wollte Apotheker
studieren. Mit sechzehn Jahren wurde er bei einer Massendemonstration
verhaftet, in Bausch und Bogen mit verurteilt und kam ins Gefängnis.
Dort wurde er mit den sozialistischen Ideen bekannt, eignete sich das
theoretische Wissen an und verließ das Gefängnis als Sozialist. Er
verdiente Geld durch Unterricht, studierte, erreichte in der Bewegung
bald eine führende Stellung, las viel und hungerte mehr. Als Redner bei
einer Demonstration wurde er wieder verhaftet und kam für zwei Monate
ins Gefängnis. Er und seine Arbeit waren für die Bewegung wichtig; daher
ließ eine Studentin, mit der er zusammen gelebt hatte, sich jede Nacht
in einem, dem Gefängnis benachbarten Holzlager einschließen, kletterte,
obgleich auf sie geschossen wurde, zu seinem Fenster an der Mauer hinauf
und tauschte Zeitungen und Berichte mit ihm aus. Er saß in Einzelhaft,
durfte weder rauchen, noch lesen, noch irgend etwas tun. Er durfte eine
einzige Stunde am Tage spazieren gehn und erhielt so Verbindung mit den
sogenannten Kriminellen, das sind die wirklichen Verbrecher, unter denen
er sozialistische Propaganda betrieb durch Reden und Broschüren, ihnen
Verteidigungsreden anfertigte und sie vorbereitete. All dies durch die
Klopfsprache, deren System ich dir ein andermal erkläre; man kann nach
vier Seiten, oben, unten, links und rechts klopfen. Er organisierte
unter anderm einen Hungerstreik wegen der Verurteilung von Leuten, die
nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Er war ein Idealist. Als er das
Gefängnis wieder verlassen hatte, half er bei der Vorbereitung einer
Revolution, reiste als Provisor, arbeitete in kleinen Orten, benutzte
die Nächte zur Propaganda, zur Verbreitung gefährlicher Druckschriften,
übernahm selbst deren Ausarbeitung und Druck, arbeitete zum Beispiel
vier Wochen in einem Keller, um halb im Dunkeln eine Anzahl Broschüren
mit der Handpresse zu drucken. Die Revolution brach aus, die Regierung
organisierte eine Gegenrevolution, wie das da üblich ist, der Pöbel
machte Pogrome, die Soldaten beteiligten sich an der Plünderung, die
Sozialisten organisierten eine Miliz zum Schutz der Unbeschützten, und
er wurde Hauptführer des Bundes jüdischer Sozialisten. Die Juden sind
dort, wo er war, Fabrikarbeiter. Er wurde verhaftet und für lebenslang
nach Sibirien verschickt. Nun ist in Rußland alles organisiert, auch die
Bestechung; die Sozialisten haben eine eigne Gesellschaft gewissermaßen,
auch eine Kasse, zur Befreiung der Militanten oder politischen
Verbrecher. Er entkam während des Transportes mit einem Andern, sie
fuhren sechzehn Tage auf der sibirischen Bahn als blinde Passagiere
unter den Bänken der Waggons, verließen wenige Tagereisen vor Petersburg
den Zug, hängten sich unter einen Wagen, um bei Nacht abzuspringen, aber
der Freund hatte Angst, er mußte mit dem Revolver auf ihn schießen, sie
sprangen ab und schürften sich die Haut. Die Organisation beförderte sie
an die Grenze, er bekam einen falschen Paß, einen Verkehrspaß für
Galizien, den dort jeder haben muß, darin stand leider, er sei ein alter
Mann mit grauem Bart. Er wurde wieder verhaftet, brach allein aus,
verschaffte sich Bauernkleidung, wanderte als Landarbeiter von Ort zu
Ort, kam über die Grenze und durch Rumänien, Ungarn, Österreich, die
Schweiz nach Frankreich. Als Ausländer wurde er an der Sorbonne nicht
zugelassen, er arbeitete in einer kleinen Maschinenfabrik und
organisierte dort einen Streik wegen schlechter Löhne. Seine letzte
Kraftleistung war, den Fabrikbesitzer aus dem Fenster zu werfen; er
arbeitete weiter in seinen Betrieben, als Buchbinder, lebte von dreißig
Franken monatlich, aber seine Energie war zu Ende. Da kam aus Rußland
jenes Mädchen, das ich erwähnte, die Studentin, sie brachte ihn in eine
Apotheke als Laufburschen, wo er sich die französischen Namen der
Medizinen aneignete. Er studierte wieder, es gelang ihm später, an der
Sorbonne zugelassen zu werden, er studiert nun weiter. Die Examina sind
dort in Pharmazie zahlreich und sehr schwer, er ist jetzt Provisor, um
Geld zu verdienen, muß noch das Abiturientenexamen und Staatsexamen
machen, um die Erlaubnis zum Besitz einer Apotheke zu bekommen. Ich
lernte ihn kennen, da ich jenen Sozialisten, dem ich mit Sigurd zur
Flucht verhalf, nach Frankreich brachte, wo er in Paris unter den
Sozialisten eine bedeutende Stellung einnimmt.«
»Nun hast du wohl«, sagte Josef, »einen Begriff, wie andernorts Menschen
leben. Im Vergleich zu ihnen -- ich nannte eben absichtlich seinen
Namen, denn es giebt mehr als einen solchen -- lohnt es sich natürlich
nicht, von mir zu reden. Ich nahm ja an alledem auch nur teil wegen der
Bewegtheit, nicht wegen der Ziele. Sigurd Birnbaum übrigens studiert in
Odessa, ist Assistent in einem Krankenhaus und der gute Heiland aller
kranken Kindlein; übrigens -- war er immer so finster? Er soll an
Schwermut leiden und -- ja, nun mußt du wohl zum Essen hinein.« Er holte
einen Zettel aus der Tasche. »Hier ist eine Adresse,« sagte er, »wenn du
Verlangen nach mir haben solltest, bin ich durch sie immer zu
erreichen.«
Renate nahm das Blatt nicht, das er ihr hinstreckte, sah ihn nur an und
sagte: »Josef!«
»Nein!« versetzte er gebieterisch. »Bitte nicht, fordre nicht, es ist
unmöglich. Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich bin nicht erst seit
heute in dieser Stadt, ich weiß alles, was sich während meiner
Abwesenheit in diesem Hause zugetragen hat, ich weiß auch alles von dir,
was sich durch dritte Hand wissen läßt. Vorläufig bleibe ich, ich bedarf
etwas Ruhe.« Er erfaßte ihre Hand, drückte den Zettel hinein und schloß
sie darüber. »Willst du Gründe? Ein andermal wird Zeit dafür sein.
Immerhin: ein Wort!« Sein eines Auge starrte bedeutsam, während er
schloß: »Erasmus; ich gedenke noch zu leben.«
Er zog die Uhr, hielt sie empor, um das Zifferblatt zu erkennen, und
sagte: »Es ist hohe Zeit für dich. Daß du von mir schweigst, halte ich
für selbstverständlich; es könnte sonst Unheil geben. Nun genug. Lebe
wohl! auf Wiedersehn.« Er bot ihr die Hand.
Renate erhob sich, legte die Hand auf seine Schulter und sprang von der
Schaukel auf die Erde. Nun versuchte sie es noch einmal, richtete durch
die Dunkelheit ihre Augen auf das seine und bewegte die Lippen.
Angezogen, kam er ganz nahe, legte den Arm um ihre Schulter und, den
Mund dicht vor ihrem, sagte er: »Was -- --?«
Renate fühlte ihr Blut gerinnen. »Alles --« sagte sie lautlos; und nach
einem Augenblick: »-- für deinen Vater.«
Er fuhr zurück, sein Auge starrte wütend, er stieß hervor: »Bist du denn
wahnsinnig geworden?« Drehte sich um und ging in Eile unter den Bäumen
weg. Sie sah ihm fassungslos nach. Weiter unterhalb, wo es heller war
über den Wiesen, kam noch einmal sein Schatten zum Vorschein. Sie fühlte
den Zettel in der Hand, öffnete ihn und las trotz der Dunkelheit leicht
das einsame Wort: Jason. -- Sie sah etwas Weißes auf der Erde, bückte
sich und fand das Paket, das er bei sich gehabt hatte; sein Stock lag
darüber. Sie nahm beides und ging langsam in den Garten zurück, in die
Kapelle, legte die Sachen auf einen Stuhl, ging hinaus, verschloß die
Tür und ging durch den Garten ins Haus.
Vor der Tür des Eßzimmers hörte Renate von drinnen lautes
Durcheinandersprechen und Gelächter; sie glaubte Ulrikas Stimme zu
hören, legte die Handrücken gegen die Wangen und fühlte, daß sie
glühten; die Hände waren eiskalt. Sie trat ein; ja, Ulrika war da, auch
Bogner; Alle, Erasmus, Saint-Georges, sein Bruder und Magda saßen
bereits essend um den Tisch. Renate blieb an der Tür stehn, klatschte,
ihr Zuspätkommen und ihre Erregung zu verbergen, in die Hände und rief
lustig: »Ach, sieh, der Maler mit den süffisanten Augen ist wieder da!«
Die Andern lachten, Ulrika rief, sie sollte sich schnell hinsetzen, sie
kriegte sonst nichts mehr zu essen, fragte, was das heißen sollte:
süffisante Augen, erklärte dann aber erst, daß sie und Bogner im Walde
im Kreis gelaufen und wieder hergekommen seien. Nun bestand Bogner auf
Erklärung seiner süffisanten Augen, aber Renate, in plötzlicher
Mattigkeit, verwies ihn an Saint-Georges. Sie sah eine Tomate auf ihrem
Teller, die dampfte, nahm die Gabel, löste den Deckel ab und zwang sich
zu essen. Wie dröhnten denn die Stimmen? Selbst die ruhige von
Saint-Georges summte bohrend in ihr Gehör.
»Dieser berühmte Maler«, sagte Saint-Georges, »pflegt die Dinge
vereinfacht zu sehn, um nicht zu sagen, abstrahierend; er scheidet das
Gewohnte aus und sieht, was fehlt, oder aber was da sein könnte, oder
was zuviel ist, und was den Andern mißfällt, das gefällt ihm gerade,
weil es krumm ist.«
»Ach,« sagte Bogner heiter, »nun fällt mir ein, daß einmal jemand zu mir
sagte, wenn ich ihn ansähe --«
»Bitte,« unterbrach ihn Saint-Georges, »das hat er sicher nicht gesagt.
Er hat gesagt: Wenn Sie einen ansehn -- nicht >mich<, nicht wahr? Die
Gesellschaft ist >man<, Renate, nicht >ich<, das ist auch ein Eckstein
davon.«
Renate sah seine Augen von drüben auf sich gerichtet; es kam ihr vor,
als ob er alles wüßte. Sie nickte und senkte das Gesicht. Der Maler fuhr
fort:
»Also, wenn ich einen ansähe, sagte er, hätte man immer das Gefühl, ein
Westenknopf wäre offen, oder der Schlips säße schief, oder es wäre ein
Fleck am Kragen, und man müßte immer an sich herumfummeln.«
»Siehst du,« sagte Ulrika, »warum willst du auch niemals lachen! Du
machst immer bloß so krumme Mundwinkel, und das sieht denn so
heimtückisch aus.«
»Und dann vor allem,« begann wieder Saint-Georges, »diese raffiniert
sokratische Methode, alle Augenblicke zu sagen: Davon verstehe ich
nichts.«
Renate zuckte zusammen; mein Gott, wie laut lachten sie denn, das
prasselte ja nur so auf ihren Kopf herunter!
»Meinen Sie, daß Ihnen das einer glaubt, wirklich? Deshalb hält man Sie
doch bloß für -- entweder teilnahmslos -- um nicht zu sagen:
interesselos, oder hochfahrend, oder faul, oder für einen verkappten
Anarchisten, Atheisten oder so.«
Plötzlich dröhnte Erasmus' tiefe Stimme in das Gelächter, -- aber nein,
er saß ja ganz still da und sagte ruhig: »Wäre die Welt so undankbar,
wie es nach Ihnen scheinen sollte?«
Ach, Erasmus war ein guter Mensch, und sein Bruder stob wie ein Windhund
durch die Welt ... Renate griff nach der Tasse, um die aufsteigenden
Tränen mit dem Tee herunterschlucken zu können, aber nun war der Tee so
heiß, daß sie mit einem kleinen Schrei die Tasse wieder hinsetzte; sie
lachte verlegen, die Andern verlachten sie, sie kühlte die Zungenspitze
an der Serviette und war froh über ihr Ungeschick. -- Magdas Stimme
klang wohltuend leise:
»Ja, Erasmus, wenn man jemand so sprechen hört wie Saint-Georges, klingt
alles so fremd, sieht so zerbrochen, so zerstückt aus, hoffnungslos, und
die Menschen so ungütig. Ich kenne ja eine Menge Menschen, in Berlin,
meinen Lehrer und ähnliche. Ja, sie lügen viel und beschwatzen sich, sie
können ja niemals, wie sie wollen, sie hängen Alle voneinander ab, sie
möchten gerne anders, ein jeder, aber --« Sie stockte.
Ulrika hob die Achseln und meinte, die Künstler seien freilich die
schlimmsten, nicht die Schaffenden, sondern die Darstellenden, die
Virtuosen, denn da herrsche über alles der Agent.
Renate schlug nur das letzte Wort mit wildem Sinn ins Ohr, sie fuhr
erschrocken auf und stieß hervor: »_Was_ sagst du?«
Ulrika lachte. »Warum erschrickst du denn so?« Renate wußte nichts zu
antworten, hörte nichts mehr, nur Stimmengewirr, raffte sich endlich auf
und sah, daß es Zeit sei, von Tische aufzustehn. Jähliche Todesangst im
Herzen, zog sie Magda einen Augenblick an sich, strich ihr übers Haar,
ging hinaus und trat über den Flur vor das Zimmer ihres Onkels. Sie
glaubte, ihn nicht ansehn zu können, fühlte sich gleichwohl gezwungen,
dies sofort zu versuchen, hinter ihr wurde die Tür geöffnet, sie drückte
eilig die Klinke nieder und trat ein.
Der Schattenriß des alten Mannes war vor dem einen Fenster; er schien
auf die Straße zu blicken; in den Fenstern stand das blaue Zwielicht.
Gleich darauf fiel heller gelber Schein von unten herauf durchs Zimmer;
die Laterne war draußen angezündet. Schritte waren hörbar und entfernten
sich.
»Onkel!« flüsterte sie. Er drehte sich langsam um, sie sah im
Lichtschein seine Augen, einen Augenblick fast gedankenvoll. Schnell
ging sie auf ihn zu, legte die Stirn an seine Schulter, umfaßte ihn an
den Armen, hoffte inbrünstig, er möchte ihrem Leib anfühlen, was sie
wußte. Sie zitterte, als sie seine Hand auf ihrem Rücken fühlte; Gott
sei gelobt, dachte sie, er ist ruhiger geworden, er muß etwas empfunden
haben, ja vielleicht wußte er es schon eher als ich! -- Leise versuchend
hob sie das Gesicht. Er sah wieder auf die Straße.
Aber nun schob er sie sanft von sich, sie trat zurück, er ging an ihr
vorüber, legte die Hände auf den Rücken und begann im Zimmer auf und
nieder zu gehn. Da fiel ihr ein, daß sie schon seit einigen Tagen seinen
Schritt im Zimmer gehört hatte -- ach, es war sicher, er -- nein,
ruhiger war er nicht geworden, das war ja Unsinn, er war ja immer die
Ruhe selbst gewesen! Unruhig war er geworden, er ging umher, er sah auf
die Straße, wartete, lauschte, suchte.
Im Augenblick überfiel sie gewaltig die Ahnung, die Gewißheit, daß Josef
nicht fortgegangen oder daß er inzwischen wiedergekommen war, daß sie
ihn finden konnte ... Aufgeregt schritt sie zur Tür und hinaus, lief die
Treppe hinunter -- seltsam, es war alles leer! wo waren denn die Andern?
-- Nun durch den Garten, den Weg hinab durch die Büsche; am Pförtchen
lehnte ein Mensch, es war Georges. Ihr Herz sprang verzweifelt auf und
stürzte. »Georges!« rief sie halb weinend, »bist du allein?« Sie mußte
sich von ihm halten lassen, bebte an allen Gliedern und weinte. »Ich
habe ihm alles versprochen,« schluchzte sie, »was soll ich denn tun,
mein Gott, was soll ich denn?«
Langsam fühlte sie sich wieder geborgen, ermannte sich, trat zurück und
trocknete ihr Gesicht.
»War Josef da?« fragte er leise. Sie nickte.
»Wenn er zurückgekommen ist,« fuhr er begütigend fort, »wird er auch
eines Tages ins Haus treten. Ich kenne ihn nicht, aber -- er hat wohl
kein Verbrechen begangen, aber das verwirrte Herz seines Vaters wird ihn
doch herumtreiben und anziehn.«
»Ach, Georges,« klagte Renate, »was hat er denn getan? Du weißt ja, was
ich dir von seinem Vater erzählte, und da siehst du wieder: was ein
Mensch tut, das allein macht das Unheil nicht aus; das Unheil, weißt du
nicht mehr, damals sagtest du es selber, ja, Georges, du hast es mir
erklärt: das Unheil bildet sich im Herzen. Josef ging nur fort, was war
auch dabei? aber sein Vater nahm es als Strafe vom Himmel für eigenes
Verschulden.«
Saint-Georges antwortete nicht. Sie standen schon wieder auf dem
Gartenweg, Renate ging langsam zum Haus zurück. Beim Anblick der
Kapellentür fielen Josefs Paket und Stock ihr ein, sie sagte
Saint-Georges davon und bat ihn, die Sachen an sich zu nehmen,
vielleicht in seines Bruders Zimmer zu bringen.
Sie gingen in die Kapelle, er machte Licht, Renate nahm das Paket auf.
»Vielleicht braucht er es aber«, sagte sie, streifte nach kurzem Zaudern
die Hülle ab und hielt einen Lederkasten in der Hand, wie eine flache
Zigarrenkiste groß. Am Ende ists etwas für mich! dachte sie und öffnete
den Deckel, hatte aber kaum hineingesehn, als sie entsetzt alles fallen
ließ, und was da am Boden lag, war Josefs halbes Gesicht; es sprang und
rollte wie aus Kautschuk und lag still, eine halbe Maske. Saint-Georges
hob sie auf.
»Sei ganz ruhig,« sagte er, »es ist nichts Schreckliches, eine Maske.«
Sie trat voll Furcht und Abscheu näher, er drehte das Ding in den
Händen, ja, es war ein halbes Gesicht, dem Josefs so ähnlich in der
Tönung, Kinn, Wange, Stirnansatz und ein furchtbar blickendes schwarzes
Auge, daß es sie durchschauderte. Sie stammelte ein paar erklärende
Worte von Josefs Aussehn.
»Elfenbein«, sagte Saint-Georges, zwei Bänder durch die Hand gleiten
lassend, die an der Stirn hingen; am Halsstück war eine, fast zum Kreis
gebogene Spange aus Elfenbein, die wohl den Hals umschließen sollte.
Saint-Georges entdeckte und wies ihr chinesische Schriftzeichen an der
Innenseite und meinte, wenn es mit Josefs Gesicht so sei, wie sie sagte,
so könnte die Halbmaske wohl in der Dämmrung oder bei halber Beleuchtung
ein ganzes Gesicht vortäuschen; es sei kostbare Arbeit, nur ein Chinese
könnte dergleichen anfertigen, ohne Zweifel würde sie ausgezeichnet
schmiegsam passen. Seine Erklärung beruhigte Renate nicht; die Maske ihm
aus der Hand nehmend, wieder schaudernd, dachte sie: die andre
Gesichtshälfte von ihm habe ich nun in der Hand -- und kann kein Ganzes
daraus zusammensetzen. -- Dann überließ sie Saint-Georges die Maske, der
sie wieder verpackte.
Aber danach, zur Ausgangstür vorgehend, glättete sich ihr Empfinden.
Fast, fühlte sie, hätte er mich hineingerissen in seine Fremde. Wie
toste es schon, Meerflut, Inseln und fliegende Sterne, allein -- wie
hatte doch Georges gesagt? >Sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf
und nimmt sich Zeit.<
Indem sah sie ihn selber neben sich in der Türe stehn, die Blicke durch
das Dunkel ruhig in die ihren senkend, und sie lächelte, die Augen
schließend, ohne zu wissen warum.
Als sie dann ins Freie traten, fühlte Renate erquickend den vollen Strom
der herbstlichen Nachtluft, und siehe da, über den Bäumen -- ach, wie
lange hatte sie es nicht gesehn! -- schwebte Josefs Fenster in der
Nacht, schöne, sanfte, grüne, gotische Fläche. Magda, oder auch Ulrika
und Bogner mußten dort oben sein. Sie konnte die Augen nicht abwenden
von dem tröstlichen Schein, folgte endlich Saint-Georges, der
voraufgegangen war, minder verzagt und hoffenden Herzens.