Tod und Zweifel

Aus dem Haus der Freude ausgeschlossen

Jag ich mit den beiden schwarzen Rossen

Durch die finster schweigenden Alleen

Tief hinunter, wo kein Ende dämmert.

Auf den beiden nassen Rossensrücken

Stehend wie auf schwanken Nachenbrücken,

Hör ich ihren Atem schnaufend gehn

Und den Hufschlag, welcher dröhnt und hämmert.

Niemals kommt ein Ruf aus meinem Munde,

Bleich und stumm und traurig ist die Stunde,

Wo kein Stern und keine Lampe flämmert,

Nur die Ebnen seh ich, die sich drehn.

Plötzlich stehn sie keuchend still und zittern,

Und statt ihrer rauscht der nächtige Regen.

Einem Morgenrot, das sie nur wittern,

Schreien ihre Häupter dumpf entgegen.

Georg starrte auf die letzten Zeilen. Freilich --, etwas, das sie damals

auf sich passend finden konnte, stand nicht darin, aber wie hörte er den

dumpfen Schrei in dieser Nacht, aus der ganzen langen Lebensnacht seiner

Mutter! -- -- Aber da standen ja noch Gedichtzeilen mit Bleistift auf

einem Blatt, das unter die langen Heftfäden geschoben war, mit denen der

Stoff des Umschlags innen zusammengehalten war, eine rohe und hülflose

Arbeit, die sie selbst gemacht zu haben schien. Georg zog das Blatt

hervor, es waren auch Verse, er las:

Mein Sohn war klein,

Mit schwacher Hand,

Warf alles um

Und nichts verstand.

Nun ist er groß

Und weiß genau.

Ich blieb im Haus,

Ich lahme Frau ...

Ja, so sprach sie von sich, so sprach sie ...

Doch weiß er wohl,

Wie's um mich steht!

Er giebt mirs zart,

Macht zu --

Vor Georgs Augen verschwamm alles, es würgte ihn im Halse, er ließ das

Buch fallen, sagte stumpf das letzte Wort der Zeile »-- und geht«, stand

auf und ging durch die finstern Zimmer hinaus, trat an ein Fenster im

dämmerhellen Klaviersaal, sah die Mondsichel glimmend und undeutlich

über den Parkbäumen, glitt langsam auf die Erde nieder, schlug die Stirn

gegen die Wand und stöhnte: Emmaus! -- Er lag stundenlang am Boden bis

zum Morgengrauen, aufbrennend in entsetzlicher Scham, in Verzweiflung,

in Ohnmacht, bis er todmüde wurde, sich erhob, in das Sterbezimmer ging

und, ohne einen Blick auf die lächelnde Tote zu wagen, sich auf ein

Ruhebett ausstreckte und entschlief.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 76 / 124 题