Georg, als wäre brennendes Feuer hinter ihm, jagte aus Helenenruh
zurück, wie er hingekommen. Langausgestreckt im Fahrsitz, das Steuerrad
auf der Brust, die verengten Augen hinter den Brillengläsern stur
gradaus gerichtet, vor sich her einschlingend das stabgerade oder eifrig
sich windende Band der weißen Straße, konnte er doch keine Minute lang
in dieser Lage aushalten, mußte sich aufsetzen, die Füße heranziehn, sie
wieder von sich strecken, wieder liegen, -- lag und ächzte leise vor
sich hin, den Chauffeur neben sich vergessend, auf unerträgliche Weise
gefoltert von dem einen Wort Renate, das in ihm herumrannte wie eine
Quecksilberkugel im Spielzeug.
»Oh lieber sterben, lieber sterben, als noch einen Tag, eine Stunde
länger den Wahnsinn ihrer Gegenwart ertragen! Was das ist mit meinem
Blut, weiß ich nicht, aber es muß wohl vergiftet sein, oder habe ich sie
nicht vor einem Jahr fast täglich gesehn und sie ertragen? War ich blind
damals? Geblendet von Esther? Warum ists denn jetzt, als wäre sie eine
lohe Fackel von Wollust und Würde -- oh satanisches Gemisch! -- und ich
griffe beständig hinein und brennte? Renate, ah -- oh Renate! -- In
ihrem weißen Kleid, die lange schwarze Kette um den Hals, aber an Hals
und Wangen, den schon bräunlich sich dunkelnden, in den blauen
Lebensfeuern ihrer Augen, in dem unsterblichen Haar von zaubrischem
Braun, in ihrer ganzen, von Süße, von Anmut, von Seligkeit, von
hundertfach ausschmelzendem Dasein leuchtenden Gestalt -- nichts von
Trauer, -- so war sie überall, erscheinend, im Grün der Wiesen, im
Dämmergrün des Parks, als doppele Phryne gespiegelt im Teich, auf der
Terrasse, im Saal, bei Tafel, gegenüber zum -- oh zum Sterben, zum
Sterben! -- Und dazu Magda, blaß, schwarz, ganz Jammer und Stille, und
dazu Tod und Begräbnis und die Erinnerung an die Stunde der Scham, die
Nacht und die hülflose Tote mit dem verzogenen Mundwinkel, jener Stelle,
wo alles, was ohnmächtig, verzweifelt und ratlos in ihr gewesen sein
mochte, entwichen war und seine Spur hinterlassen hatte ... Es war mehr,
als ein Mensch ertragen kann.
Cordelia, süße, gute, nun hilf mir du, ja, nun mußt du helfen! Ich
verspreche dir, an keine andere will ich denken bei deinem Leib, -- oh
verdammt will ich sein, wenn ichs tu! -- Sein Fleisch zuckte wütend nach
Umarmung. Das runde, bleiche Antlitz im düster braunen Haar -- wie einer
elfenbeinenen Nonne in Eichenholz -- die dunkelbraunen Augen in süßen
Verwandlungen, die sie spielte mit ihrer zierlichen Kunst, lockten ihn
unleugbar trotz des Feuers hinter ihm dieses -- ah, dieses Dämons. --
Nein, Georg, stöhnte er, nein, so wäre das nicht gegangen, wie du's
dachtest. Dein Plan war ganz unsinnig. Giebs zu, Georg: was stelltest du
denn vor -- in ihren Augen? Ein halbes Nichts von einem jungen Mann, mit
dem sich geistreich plaudern ließ. Eh du nicht mindestens etwas
vorstellst, das innere Leistung zu verbürgen scheint -- ist nicht an sie
zu denken. Ja, aber nun bin ich fest. So gehärtet bin ich in diesem
Glutofen immerhin, daß mich nun nichts mehr anbröckeln kann, und --
innen umschließ ich mein Ziel. Das erreicht, dann -- Platz da, der
Heuwagen! Oh Teufel, diese Bauern sitzen auf ihren Ohren! Wollt ihr euch
zum Henker scheren auf die andere Seite, ihr Sch--«
Der Wagen jedoch, haushoch beladen mit Heu unter Leinwand, wich und
wankte nicht. Die Hupe brüllte, Georg schäumte vor Wut, aber sein
eigener Wagen kam fast zum Stillstand, eh der Berg vor ihm sich zur
rechten Seite der schmalen Straße hinüber bewegte. Aufschnarchend nahm
der Motor die frühere Geschwindigkeit wieder auf, die Landstraße krümmte
sich wie getreten, Fahrtwind brauste eiskalt, und zu beiden Seiten
fächerte sich gelassen die schöne Weite des grünen Landes aus, sich
ziehend und dehnend unter der großen Schattenbewegung des wolkengrauen
Himmels, im kühlen Licht, von Sonnenbalken selten zu überraschender
Lieblichkeit unterbrochen. Die Obstbäume an den Grabenrändern, vom
seitlichen Windesansturm getroffen, taumelten und überbrausten sich,
allmählich ward Georg ergriffen von der gierigen Lust des
Vorwärtsstürmens, dem herzlichen Beben im Zwerchfell beim Lauschen auf
die so innerlich ruhige, ehrenfeste Arbeit der vernünftigen Maschine,
und dem geschmeidigen Freudegefühl am Mitwinden der Straßenbeugen im
unmerklichen Drehen des Lenkrads. Sein Herz begann wieder ruhigen
Schlag, er atmete eben und tief, schwermutvoller ward sein Empfinden
zurück, zärtlicher, häufiger das Zucken voraus in der Vorstellung der
Liebenden, im immer hastiger zerdrückten Gedanken der kommenden Lüste,
denen er sich vergrößert zustürzen sah wie einen rädrigen Riesen von
Metall. Wenn sie bloß im Hause ist! dachte er bänglich. Und also stob er
dahin, vom Magneten schienenglatt hingezogen, gewaltig im Wagen, als
wälze er selber sich den Weg, Dörfer spaltend, daß es krachte, Wälder
zerfurchend, Dörfer wieder, und wieder hinknatternd über das endlose
Band, das unter ihm hervorfliehend sich windende, aufseufzende Band der
Straßen. Da sprangen Takte in ihm auf. Worte alsbald.
Stürme an den Wäldern hin,
Donnre übers Brückenjoch ...
Was war das? Ihm erschien, entgegenkommend auf hohem Damm, die Maschine
eines Schnellzugs, vornübergeneigt in kolossaler Rüstigkeit, stämmig,
ein Kentaur:
Eisenroß, das Morgen roch,
Mitten schon im Morgen drin ...
Morgen? woher der Morgen? Ah, es war nicht der Anfang des Gedichts.
Weiter:
Eisenhengst im Radgestampf ...
Nein, so: Rase ... Ja, mit hellem a-Aufklang:
Rase durch das Morgenland,
Eisenhengst im Radgestampf,
Glutgefüllt und lustentbrannt ...
Ich vergesse den ersten Vers! Also -- wie wars? Donnre -- nein:
Stürme an den Wäldern hin,
Donnre übers Brückenjoch,
Eisenroß, das Morgen roch,
Mitten schon im Morgen drin.
Nun der Anfang ... Doch indem klangen andre Worte:
Feld und Wiesen farbig lohn,
Hügel wandern -- Hügel spenden blauen Rauch ...
Hügel wandern blau im Rauch,
Silberblitzend winkt dir schon
Weißdorn und ...strauch.
Ja, aber der Anfang, wie war ...?
Rase durch den ...
Und richtig: nach der zweiten Strophe umarmte der äußere Reim den
innern, also:
Rase durch das Morgenland,
Jage durch den Nebeldampf,
Eisenhengst im Radgestampf,
Glutgefüllt und lustentbrannt.
Stürme ...
Georg befand sich mitten in einer kleinen Stadt, die er für Altwedel
hielt, bei langsamer Fahrt über Kopfsteinen. Vorübergehende, die sich
umdrehend stehen blieben, Kinder, sah er noch glasig und verständnislos
durch die inneren Gesichte, dann deutlicher düstere Läden, eine enge,
aber augenscheinlich die Hauptstraße, jetzt zur Rechten ein Ungetüm von
alter, gotischer Backsteinkirche, nur plumpes Schiff mit Dachreiter, --
und indem gab es hinter ihm einen scharfen Knall. Ein Reifen war
geplatzt.
Georg lenkte den Wagen an den Gossenrand und hielt, der Chauffeur sprang
ab. Also Mittagspause, die ohnehin einmal hätte gemacht werden müssen.
Daß ich bloß meine Verse nicht vergesse! -- Eisenhengst im ... »Welcher
ists, Dietrich? Der Linke? Also eine halbe Stunde dauerts wohl?«
Kalt und ein wenig zittrig kletterte Georg aus dem Verschlag in einen
Haufen schon vorhandener Kinder, löste den Halsschal und ging auf der
Suche nach Speisegelegenheit, aber bei innerer Beschäftigtheit ohne
etwas zu sehn, die Straße hinunter. Vor einem Schaufenster stehen
bleibend, dachte er, abirrend plötzlich:
Es ist doch wundersam: alles ist nur Rhythmus. Wie mußte ich bei meinen
Gedanken und Gefühlen vorher auf diese Verse verfallen? Der Rhythmus
stanzte die Worte heraus. Und vor allem dies: daß man, ob das Gedicht
nun schwermütig sei oder heiter, solange es sich hervorarbeitet, weder
das eine sein kann noch das andere, denn da ist für kein eigenes
Empfinden mehr Raum, nur die Form wirkt sich, dehnt sich und glüht und
bewirkt in dem Stoff, in meinem Dasein, meinem ganzen Ich -- dies
absonderliche Gefühl von Angst -- ob ich es richtig mache --, von
Quälerei und etwas Lust, Angstlustquälerei ... absonderlich ...
Ratskeller, las Georg, den Kopf auf die linke Schulter geneigt, in
schräger Schrift von unten nach oben jenseits eines rechteckigen, von
Kugellinden umsäumten Platzes, auf dem Türpfeiler eines Kellereingangs.
Ja, das getünchte Haus mit Säulen war vermutlich das Rathaus. Also
wanderte er zum Wagen zurück, wies den Chauffeur an, ihn nach getaner
Arbeit dort aufzusuchen, wo er Essen bekommen würde, und fand sich
gleich darauf, nach zerstreuter Bestellung von irgendetwas an einen
Kellner, wieder bei seiner Arbeit an einem runden Tisch, jetzt
schreibend auf einem Blatt aus seinem Checkbuch, weiter hastend,
zitternd im Schwung:
Immer riesiger flammt der Tag,
Tobend, jauchzend, hingerafft,
Spaltest du mit Götterkraft
Eichenwald und Tannenschlag.
Wirfst die Dörfer hart zur Seit,
Und die Ebne staunt und schwillt,
Wie dein Atem heiser schreit
Und du lärmst durch das Gefild.
Worauf er unverzüglich anfing, das Ganze von vorn durchzuarbeiten, jedes
Wort aufzuheben, umzudrehn und wieder hinein zu prüfen, andre
einzuwechseln, streichend, wieder streichend, hineinklammernd, endlich
das Ganze noch einmal schreibend und nach mehrmaligem Streichen ein
drittes Mal, worauf er, zum ersten Entwurf zurückkehrend, lauter
Unwählbarkeiten fand und, erschöpft ins Leere aufschauend, nach einer
Weile bemerkte, daß Schüsseln mit Essen vor ihm standen. Er aß, aber die
Versworte, freiwillig gegeneinander weiter hadernd und sich verfitzend,
ließen nicht ab, ihn zu peinigen, er stand endlich auf, während eben der
Chauffeur hereinkam, bestellte eine Mahlzeit für ihn und trat wieder ins
Freie.
Ein leichter Regen wehte nieder. Die Kirche war protestantisch und daher
geschlossen. Um sie herumgehend, fand er eine gebogene kleine Gasse, in
deren Hintergrund er etwas wie die Auslage eines Antiquitätenhändlers zu
entdecken glaubte und hinzuging.
In der Tat -- es sollte etwas dergleichen sein, jedoch enthielt ein, das
Schaufenster füllendes Regal fast nur Sachen von heute.
Ja -- fiel ihm ein -- und gesetzt, es wäre so, das einzige Empfinden
eines Dichters beim Bilden des Gedichts wäre ein solches Mischgefühl von
gequälter Lust und verzückter Qual -- was wäre die Folge für das
Gedicht, seine Farbe, die sogenannte Stimmung? Ein wahrhaft reines
Gedicht könnte, das wärs, weder die Farbe der Trauer noch der Freude
haben, sondern -- sondern? Ein Mittel zwischen beiden, oder -- mit einem
Worte: Ernst. Und das würde -- klassisch sein, weil harmonisch; das
andre, das Zwiespältige dagegen wäre romantisch, -- haben wir nicht
einmal darüber gesprochen, Benno und Sigurd? -- Ja, wo ist wohl Sigurd?
Ältliche Stehlampen sah Georg, schlechte Gipsvasen mit herausragenden
Italienerköpfen, blindes Silberzeug in verstaubten Kästen -- dick mit
Staub überzogen voll Fingerabdrücke war alles --, ein paar Zinnteller,
Steinkrüge, die übliche Perlentasche, ein Bündel Pfeifen mit
Porzellanköpfen und schlechte Figürchen, ausgestopfte, ruppige Vögel,
Pistolen und derlei Zeug, -- und als er ins dunkle Innre spähte, ließ
sich zwischen Tischen, Schränken und Kommoden aus den achtziger und
neunziger Jahren noch eine hübsche Kirschvitrine bemerken, die
unerkennbare Dinge enthielt.
Georg trat unter einem wimmernden Glockenlaut der Türe ein und erhielt
Muße, sich umzusehn, bis aus dem hinteren Düster weiche Schritte hörbar
wurden und aus einer niedrigen Tür eine bleiche und dunkeläugige Frau
trat, ein Tuch um den Kopf, die Hände in der Schürze trocknend. Ein
kleiner Junge, der an ihr hing, hatte das ganze Gesicht mit einem
ekelhaften roten Schorf voll gelber Eiterränder bedeckt und wurde hart
fortgejagt.
Einen Anfall von Ekel unterdrückend, fragte Georg nach der Perltasche,
entdeckte, während die Frau dorthin ging, hinter dem Porzellangeschirr
und den Tafelgläsern der Vitrine im untersten Fach etwas Dunkelrotes,
öffnete und holte, freudig erstaunt, ein rotes Glas hervor, das ein
wahrhaftig echtes Rubinglas war, ein grader Becher mit Fuß, ohne
Verzierung, dick, hart und schwer wie Stein, nur wenig angeschrammt am
Fuß, -- ein Fund. Ja, war nicht etwa ein echtes Rubinglas das Kostbarste
von der Welt? Und wie er nun ans Licht vortrat, den Becher hochhielt und
das helle Blutrot im dunkleren, schwärzlichen aufglühte, inbrünstig,
mächtig, wie der düsterrote Blick der ewigen Lampe im schwarzen
Kircheninnern -- er atmete den Weihrauch --, hatte er sonderbarerweise
die starke Empfindung, so und nicht anders müsse Cordelias Blut sein.
Ich nehme es ihr mit, -- oh -- ah ja! aus diesem Kelch will ich dein
süßes Blut trinken, dachte er begierig und überlegte, an den kranken
Knaben erinnert, vor sich die ärmliche und verbitterte Frau, die ihr
Kopftuch vor der Brust kreuzte, was ein Rubinglas für Cordelia wohl wert
sein dürfte. Auf seine hingeworfene Frage, wie denn ein solches Geschäft
ginge an diesem Ort, fing die Frau heftig an zu klagen, -- er hätte ja
wohl gesehn, was mit dem Jungen sei, der Vater sei seiner Wege gegangen
und nicht aufzutreiben, das Geschäft habe sie geerbt, im Sommer ginge es
ja wohl -- Altwedel wäre doch Kurort --, aber im Winter komme fast
niemand, sie verstehe auch nicht viel von den Sachen, und mehr
dergleichen, was Georg zu peinlichem Mitgefühl und der Erwägung bewog,
daß hundert oder tausend Mark für ihn dasselbe, tausend jedenfalls für
ein Rubinglas Cordelias ein Preis sei.
Mantel und Rock aufknöpfend, um sein Checkbuch und den Füllhalter
hervorzuziehn, murmelte er etwas beschämt, er habe zwar kaum so viel bei
sich, wie er für das Glas zahlen möchte, aber sie würde ja wohl ... und
begann ein Blatt auszufüllen, was die Frau stumm abwartend geschehen
ließ. Als sie dann den Zettel in Empfang genommen und gelesen hatte,
fuhr sie los: »Ja, das wäre sowas! Sone Checks, da ist schon mancher
drauf reingefallen! Und denn gleich Prinz, nee, da bilden Sie sich bei
mir man nichts ein! Nee, mein Herr --« Sie nahm ihm das Glas aus der
Hand und stellte es hin -- »das Glas kost fuffzehn Mark, wenn Sie nich
zahlen können, denn lassen Se's ebent, denn bleibt das Glas hier.«
»Aber -- aber mein --« Georg stand verdonnert, kümmerlich, und fing vor
Aufregung wunderlich an zu zittern, während die Frau ihm seinen Schein
in die Hand drückte. Nein, sie war gar nicht nett, die Frau, sondern sie
war gemein. -- Georg holte zitternd das Gold, das er bei sich zu tragen
pflegte, aus der Hosentasche, legte ein Stück davon neben das Glas, nahm
das an sich und ging hastig zur Tür, dieweil die Frau, die sein Gold in
der Hand wohl bemerkt hatte, sich nun auf ihren Irrtum verbiß, erst
murmelnd, dann lauter hinter ihm her schimpfte: »Wolln Se Ihre fünf
Groschen denn nich raus haben? Son Schwindel! Erst wolln se einen
beschuppen, un denn haben se'n ganzen Sack voll. Na wenn Se nich wollen
...« Die Tür fiel wimmernd zu.
Schade! dachte Georg und erreichte, alles weitere Denken, aber nicht
dies sonderbare Zittern unterdrückend, seinen Wagen. Alles war in
Ordnung, er stieg ein und fuhr ab.
Ach so, dachte er dann, ich bin ja auch kein Prinz!
Und dann: Komisch! wie sie das gleich gemerkt hat!
Aber er kam nicht los von der Szene, sah sie immer wieder von vorn, und
es fiel ihm auch ein, daß es vielleicht besser gewesen wäre, er hätte
sie nicht beschämt mit seinem Gold, sondern ganz im ersten Glauben
gelassen, indem er sie nun sah, wie sie sich zwar keine Vorwürfe machte,
wie aber ihr Gemüt noch verbitterter wurde, und der Junge --, Georg sah
ihn gegen eine Schrankecke fliegen und ...
Mit dem Gedanken an den Becher in seiner Tasche tröstete Georg sich
langsam, der kalte Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht. Es wird mich
doch ewig verfolgen! seufzte er höhnisch. Aber Cordelia -- ihr sage ichs
heute. Es muß einmal sein.
Sogleich sah er mit angeregter Phantasie sich im Wohnzimmer auf dem
Roßhaarsofa sitzen, sie am Fenster, wie sie gern saß, den Ellenbogen
zwischen den Blumenstöcken auf der weißen Bank. Er hörte sich: Ich
wollte dir schon immer etwas sagen, Cordelia, höre einmal zu ... Ihre
Antwort blieb undeutlich, etwas zu erfinden gelang ihm nicht gleich, --
sie lachte wohl und sagte: Ich höre, mein Prinz. -- Ja, und nun sagte
er: Eben das ists, Cordelia, du sagst und du glaubst: Prinz, aber -- du
mußt wissen -- ich bin das gar nicht. Ich bin ...
Wie ungläubig war ihr Gesicht! Natürlich hielt sie es für einen Scherz,
lächelte und -- aber da, auf einmal, sah er ihr Gesicht deutlich, auf
dem das Lächeln erlosch! Sie wollte das verhindern, allein -- wieder sah
ers: das Erlöschen der Freude, das Schwinden des Besitzes, den sie mit
solcher Andacht umfaßt hatte, die Armut, die Traurigkeit ... Sollte er
sie wirklich berauben dürfen, sie, die an Glück doch wohl -- was wußte
er? -- sehr arm gewesen war?
Aus den innern Gesichten aufblickend, fand Georg die Breiten der
Viehweiden, ein nahes Gehöft, gelbe Haferstreifen und entfernte Wäldchen
sonnevergoldet unter wimmelnden Schatten des Nachmittags. Der weite
Himmel war ein leicht durchbrochenes Getümmel von Blau und weißem und
grauem Gewölk. Wie schön! der Abend würde klar sein ...
Ach, nun wieder das! Nun will wieder Mitleid mich stören und hindern,
und schon weiß ich nicht mehr: Soll ich -- soll ich nicht? Und: wenn
ichs lasse, lasse ichs wirklich aus Gefühl für sie oder aus Furcht für
mich?
Man müßte es auf die Gelegenheit ankommen lassen, vielmehr auf eine
Gelegenheit passen. Warum so plötzlich erschrecken? Es kam eine ernste
Stunde, ein Gespräch der bekümmerten Seelen, wo die schmerzlichen, aber
auch die schönen Tiefen des Daseins sich öffneten und zur natürlichen
Form des Lebens wurden, -- wie wog dieses dann leicht, Geständnis und
Sache selbst ging auf im großen Strome der Leiden, auf im schwesterlich
natürlichen Verstehn, und ließ ein solches Gespräch sich nicht
herbeiführen, leichter als leicht, mit ihr, der Bereitwilligsten, der so
unsäglich Wandelbaren?
Ach, wenn ich sie nur erst habe! -- Sein Mund sank ein in den weichen
Marmor ihrer immer kühlen Brüste, seine Hand tastete nach dem Süßesten,
seine Augen ... Er riß sie krampfhaft auf, starrte durch Schleier auf
ferne Punkte von Menschen oder Wagen zwischen den Baumzeilen, hörte den
Motor donnern, setzte sich auf und schnob: Glutgefüllt und wutentbrannt!
muß es natürlich heißen, nicht lustentbrannt ...
Und es erschienen die Türme und der dunstige Häuserberg von Altenrepen
...
* * * * *
Als Georg, eiskalt am ganzen Leibe, steif und zittrig dem Wagen
entstiegen, durch das Gittertor spähte, gewahrte er gleich Hesekiel;
Hesekiel mit seinem Höcker in einer wunderschönen, glänzend rot- und
schwarzgestreiften Dienerweste, der sicherlich wieder etwas Merkwürdiges
vorhatte. Er stand im gelben Kies oben auf dem Hügel vor dem Hause,
einen langen roten Wasserschlauch zwischen den Beinen, und bemühte sich,
die Betunien, die über der halbkreisförmigen kleinen Vorhalle vom Balkon
hingen, von unten zu sprengen, was sehr schwierig war, denn der
verfluchte Strahl ging immer darüber hinaus gegen die Wand und die
oberen Hälften von Glastür und Fenster, und die Blumen selber, wenn sie
getroffen wurden, warfen sich so gewaltig und wild nach oben, daß es
schrecklich anzusehn war. Georg, der mittlerweile den Hügel mit seinem
schönen, grünsamtenen Rasenbelag, mit Rosenstöcken, Gebüschgruppen und
einer prachtvollen Blutbuche zur Hälfte erstiegen hatte, blieb stehn und
rief: »Hesekiel, was machst du denn da?«
Ach Gott, das hätte ich nun wieder nicht tun sollen, dachte er dann,
denn nun geriet Hesekiel, sein verkümmertes, spitzes und heißes Gesicht
mit der wehmütigen Mundschnirre herwendend, in abscheuliche Verwirrung.
»Ach, der Herr Doktor!« -- es war unbekannt, ob Hesekiel sich diesen
Titel ersonnen hatte oder vielleicht überhaupt nur Doktoren kannte --
lächelte er freudig -- allein was nun? Die Spritze hinlegen, deren
Strahl sich triumphierend über ihm in die Lüfte bohrte, und zur
Begrüßung hergerannt kommen, wie's ihm gelehrt worden war? Oder den
Strahl erst abdrehn? oder zur Meldung ins Haus davonlaufen? -- Das war
zuviel für ihn, und so tat er von jedem den Anfang in wirrem
Durcheinander; tastete nach der Schraube, lief ein paar Schritte gegen
Georg vor, streckte die Hand mit der Messingtrompete gegen die Erde aus,
wollte davonlaufen, ehe sie lag, und blieb endlich zwischen allem,
geduckt, erschöpft und ratlos sich selber verlächelnd stehn.
»Na komm, Hesekiel,« sagte Georg, dem der Strahl jetzt knatternd
entgegensprang, »leg mal die Spritze hin.« Hesekiel tats gehorsam und
erleichtert. »So ists schön! Und nun kommst du und giebst mir die Hand.«
Hesekiel kam glücklich und verklärt. »Ist die gnädige Frau denn zu
Hause?« Hesekiel nickte und deutete mit dem Daumen. »Ja, sag mal, wie
kommst du denn auf die Idee, die Blumen da oben zu sprengen?«
»I wollt halt so gern der gnä Frau -- gnä Frau bissl Arbeit
erleichtern.«
»Das ist brav, Hesekiel, denn man weiter!« Georg verließ den eifrigen
Bediener der Natur und ging leise, nach den Fenstern spähend, zur
Rückseite des Hauses, dessen grauer Stein und rotes Dach heiß glühte im
starken Abendlicht, dieweil er dachte: Ach, Hesekiel! du hast eine
schöne, dienende Seele im Höcker, -- kannst du mir vielleicht sagen,
warum die Frau so gemein war? Ach ja -- ach! -- du kennst nur Doktoren
und weder Prinzen noch Nichtprinzen ...
Georg blickte zu dem breiten Schiebefenster empor, hinter dem drinnen
sein Bett stand, und siehe da, zwischen den weißen Geranien, die im
grünen Gitterwerk drunter hingen, erschien die lange Tülle einer kleinen
grünen Gießkanne mit gelben Reifen, und gleich darauf Cordelias Hand,
Stirn und die beschäftigten Augen, die nach den Blumen spähten, und --
»Na?« sagte Georg
Sie warf vor Schreck die Gießkanne herunter. Dann war sie verschwunden.
Georg hörte ihre Absätze drinnen auf der Treppe und wartete glückselig,
bis sie ums Haus gelaufen kam, aber zehn Schritte vor ihm anhielt, die
Hand gegen die Hausecke stützte und ihn tief und inbrünstig anblickte.
Wie schön sie ist! dachte er stumm in diesem Blick. Das Kleid, das sie
trug, von dunkelvioletter Seide, war auf unkenntliche Weise ihrem Körper
umgewunden; es war eine Art Empire, jedoch fast geschlossen um die Füße,
und eine ganz kurze Schleppe lag am Boden. Der schöne Busen atmete
sichtbar mit beiden Wölbungen und hob auf der bloßen Brust das goldne
Medaillon, in dem sein Bild und Haar war.
Im nächsten Augenblick hielt er sie umschlungen, ihr Gesicht an sich
pressend, den Mund in ihrem Haar, flüsternd in flutender Erlöstheit: »Da
bin ich wieder! Ach, ich konnte nicht mehr!«
»Ja, bist denn meinetwillen gekommen, Georg, wirklich meinetwillen?«
»Ja doch, Cordelia, warum denn sonst?«
»Aber -- dein Vater?«
Sie sah ihn an durch Tränen unsäglicher Liebe und konnte nur die Lippen
bewegen. Endlich fragte sie dann nach seinem Befinden; ob er nicht Ruhe
brauche.
»Ja, ich würde mich gern etwas hinlegen. Und -- sag mal -- hast du was
zu essen?«
»Ich werd schaun. Eier sind da. Und Salat. I werd halt schaun.«
Also wanderten sie umschlungen ums Haus, Cordelia verschwand in die
Küche, Georg stieg ins obere Stockwerk hinauf. --
Die weiße Türe öffnend, mußte er den Atem anhalten, so erschreckend
trafen ihn Glanz und Feierlichkeit, die der niedrige, kleine Raum vor
ihm auftat.
Die tiefstehende Sonne flutete in vollem, glühendem Strom zu den
Fenstern herein; Georg konnte zwischen den lodernden Gardinen und grünen
Fuchsienstöcken -- diese waren wie aus grünem Golde gehämmert -- ihre
brennend goldene Scheibe sehn. Der Raum, von güldener Woge erfüllt,
glitzerte, funkelte und glänzte überall, die tiefe Lebendigkeit seines
Alters, seine vielgenützte Würde und den Stolz der kunstvollen Erzeugung
hier leise, hier vernehmlicher ansagend. An der rechten Wand, in den
sehr dunklen Spiegelscheiben des holländischen Kastenschranks, der bis
an die schweren Balken der weißgetünchten Decke reichte -- Messinggriffe
und Schlösser an den Schubladen blitzten wie reines Gold -- dort war
alles noch einmal, vertieft und dunkler zu sehn, geheimnisvoller: Sofa
und Sofatisch gegenüber unter den Silhouetten in glänzenden Goldrähmchen
und verblichenen Kreideporträten, von denen die dunkelblaugemusterte
Tapete fast zugedeckt war, und daneben am Fenster -- Georg wandte den
Blick vom Gespiegelten hin und folgte dann selber hinüber -- dieser
Glanz war erstaunlich! Das flüssige Feuer lief in den vergoldeten
Blätterleisten des hohen Spiegels, aus dessen Oberstück die arkadische
Landschaft bläulich schimmerte, und, ein wenig vorgeneigt in der
verschleierten Spiegelung des alten Glases wiederholte sich stiller, was
auf der kleinen, goldhellen Platte des dünnbeinigen Birkentisches davor
stand: der Abendmahlskelch, eiförmig aus dunkelblauem Glase, in silberne
Rispen gefaßt, nach oben verlaufend vom Fuß wie die langöhrig
ausgezogenen Henkel, zwischen denen der flache Deckel ruhte; dazu links
und rechts von ihm starke, dunkelgelbe Kerzen in Messingleuchtern, --
was alles flammte in seiner Ruhe und Heiligkeit.
Georg drehte sich um. Da überragte in seiner Ecke drüben der schmale
weiße Ofen -- stiller als alles übrige, weil vom vollen Leuchten nicht
mehr erreicht -- den Ofenschirm, dessen quadratischen Grund eine satte
Schicht von grünem Feuer überzog um die roten und blauen Flügel seiner
flatternden Papageien.
Georg blieb auf der Sofalehne hocken, fast schwermütig gestimmt; wovon?
Von soviel Anmut, Lauterkeit und feurigem Leben? Womit habe ich das doch
verdient? fragte er sich still.
Der Saum weißer Stifte, von dem die schwarze Roßhaarbespannung des Sofas
gehalten wurde, war ebenso vergilbt wie an den breiten Stühlen, die den
Tisch umgaben. Am kleinen Sekretär mit schräger, eingelegter Platte
zwischen den Fenstern war die Fournierung hier und da gesprungen, eine
Kante gesplittert, das Schloß war locker, ein Griff fehlte an einer der
unteren Laden. All das gehörte sich so; es waren ehrsame Narben. Hatte
Jason al Manach nicht einmal von den ererbten Dingen gesprochen? Georg
wußte die Worte nicht mehr, allein hier redeten sie ja selber ihre
gedämpfte, aber wie vernehmliche Sprache: daß sie hervorgegangen waren,
einzeln wie die Könige aus einzelner Hand, die einsam von Grund aus sie
gefertigt, liebevoll, verständnisvoll für ihr Ganzes, für unendliche
Zeiten bestimmt zu dauern; und da waren sie wie damals, gealtert, viel
genützt und unverbraucht, nur stattlicher in ihrer alten Erinnerung,
ihrem Bewahrtsein, in der schlichten Gebärde, mit der sie um sich den
Hintergrund schrieben, der zerfallen war: Menschen und Geschicke.
Ja, -- und ich? dachte Georg.
Glänzend mit mächtigem Antlitz von Messing in ihrem die Decke
berührenden Haupte stand die Älteste neben der weißen Tür, die
standfeste Riesin, die englische Dielenuhr, die auch die Monate zu
zeigen verstand; sie schlug langsam, wie im Geburtsjahr 1757, den selben
gemessenen Pendelschlag, auf den hinhorchend Georg für lange Sekunden
sich verlor. Sie tickt den Schritt der Sekunde, sagte er sich dann; das
macht es so geruhig und wohltuend. Und wie vornehm, wie zurückhaltend
war das gedämpfte Rücken im Gehäus! Ja sie war die Älteste.
Georg lächelte bitter. -- Eigentlich sollte ja ich es sein. Ich, der
sich einmal einbildete, mit Friedrich Barbarossa vor Akkon gelegen, bei
Benevent für deutsche Sehnsucht gefochten und vielleicht das Leben
verloren zu haben ... Ihm zogen Georges Verse aus den Romfahrern durch
den Sinn:
>Freut euch, daß nie euch fremdes Land geworden ...
... Wie einst die Ahnen, denen dürftig schien
Die kalte Treue vor dem Fürstenstuhle:
Wunder der Welt und Sänger Konradin!
Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil
An froher Flucht der silbernen Galeeren,
Und selig zitternd werfet ihr das Seil
Vor Königshallen an den Azurmeeren.<
Durch euer Sehnen ... Georg zitterte, er glühte von der triumphierenden
Schönheit der Strophen. Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil ...
Ja, sein Teil war das. Sehnen -- nach was? Nach oben doch, nach -- nach
sich selber zu immer höherer Geburt, besser zu werden, reiner zu werden,
edler, tüchtiger, wissender ... Was wollte er denn auf einem Thron?
Bin ich nicht glücklich hier? Hilfst du mir nicht, süße, teure Seele,
mein Auge immer wieder nach innen zu lenken? Wohnt nicht vielleicht doch
ein Gott dort innen und pocht ein ewiges Werk, pocht bei mir und wirkt
bei dir in immer strahlenderen Farben das Gewebe unsäglicher Liebe? Habe
ich nicht genug, ernst zu sein, unruhig zu sein im unaufhörlichen
Verlangen nach Besserem? Wenn es denn schon keinen Gott giebt, das Ahnen
des Göttlichen, den Zwang des Göttlichen, den Hauch von Jenseits in der
Brust? Habe -- ja, habe ich nicht etwas Neues für mich allein, dachte er
erleichtert in der Erinnerung an seine eigenen Verse, Neues -- nein,
sondern Uraltes, Anfängliches, älter und edler und reicher sogar an
Ahnen, abertausend Ahnen in unablässig geistiger Beugung? Und mag mein
eigenes Handeln als Bürgschaft solchen Ahnentums noch so bescheiden
sein: der alte Geist hat doch Leben in mir und Bewußtsein. -- Da stieg
strahlende Heerschar vor seinen sinkenden Augen auf, Heroe gereiht an
Heroe, Erzengel an Erzengel, unübersehbar, von George hinab zu Dante, zu
Pindar, zu Homer, und wieder herauf im gewaltigen Schwung über
unsterbliche Häupterschar zu Hölderlin, zu Novalis, zu George.
Georg legte nicht ohne Demut in der gedämpften Bewegung seinen Mantel
ab, denn es trieb ihn, bei aller Abgespanntheit, seine Verse jetzt nicht
unvollkommen zu lassen. Dabei schlug ein schwerer Gegenstand in einer
Tasche gegen die Stuhllehne, er faßte, im Innern schon murmelnd und sich
erinnernd: Hügel wandern blau im Rauch, -- danach und holte
geistesabwesend das Rubinglas hervor, lächelte flüchtig und wußte vor
geistiger Abwesenheit, gleichzeitig nach Schreibpapier ausblickend,
längere Zeit nicht, wohin er damit sollte. Endlich hatte er die Platte
des Sekretärs herunter und auf die ausgezogenen Leisten gelegt, stellte
das Glas nun ins Innere vor die kleinen Laden, öffnete Cordelias
Schreibmappe, fand zum Glück einen Briefbogen, holte seine Niederschrift
hervor und begann, das Ganze sorgfältig durchprüfend noch einmal zu
bilden. Im Schreiben der letzten Zeile hörte er hinter sich die Tür gehn
und sah im zerstreuten Sichwenden Cordelia, die ganz erschrocken schien,
ihn nicht schlafend zu sehn.
»Komm nur, ich lese dir was vor«, sagte er. -- »Wie du nur aussiehst!«
erwiderte sie näher kommend, »ganz überwacht!«
»Schadt nichts, setz dich nur!« Sie blieb stehn, an den Kastenschrank
zurücktretend, und er las, kräftig Takte herausfördernd und Reime:
»An den Schnellzug
Rase durch das Morgenland,
Durch den weißen Nebeldampf,
Eisenhengst im Radgestampf,
Glutgefüllt und wutentbrannt.
Stürme an den Wäldern hin,
Donnre übers Brückenjoch,
Eisenroß, das Morgen roch,
Mitten schon im Morgen drin.
Feld und Wiesen golden lohn,
Hügel opfern blau im Rauch,
Silberblitzend winkt dir schon
Hagedorn und Holderstrauch.
Immer voller flammt der Tag,
Tobend, wiehernd, fortgerafft,
Spaltest du mit Riesenkraft
Eichenhain und Fichtenschlag.
Schleuderst Dörfer hart beiseit,
Wo die Ebne staunend schwillt:
Wie dein Atem eisern schreit,
Wie du rasselst im Gefild.«
»Das ist ja großartig, Georg!« Beschämt ließ er sie ihm um den Hals
fallen. »Wirklich, Georg, das gefällt mir! Das ist wieder gesund und
beflügelt, nicht so wie die letzten, die warn auch schön, aber so wie
kranke Blumen, weißt. Ja, nun mußt du schlafen, pascholl! -- Aber was
ist denn das hier?« -- Sie sah das Glas.
»Ach, dein Glas, Cordelia, da hab ichs hingestellt! Hier, das hab ich
dir mitgebracht.«
Still, während er sich entzog und zwischen Stuhl und Tisch hindurch sich
ins Sofa zwängte, nahm sie das Glas an, trat zum Fenster und hielt es
empor, so daß es augenblicks aufloderte wie ein Juwel, blutrot.
»Ach, Georg ist das schön!«
»Dein Herz, Cordelia,« sagte er, plötzlich taumelnd von Schlafverlangen,
»dein Herz -- mußt ich denken ...«
Er hörte nicht mehr, was sie sagte. Noch vernahm er Schritte, leise,
dann das Niederrollen der Rulos, Schritte, das leise Zudrücken einer
Tür. Die Augen noch einmal öffnend, sah er, daß es dunkler im Zimmer
war, goldbraune Luft, und daß vor ihm das rote Glas stand. Eine
zärtliche Wallung verging, kaum sich regend, im schweren Rieseln der
Umnachtung.