Der Maler nickte und sagte: »Ich weiß ja ...«

Georg blickte noch einmal auf das Bild. Ja, -- Christus war tot und

mußte wieder kommen, damit sie alle glaubten. Eine hielt ihn für den

Gärtner, die andern gingen, sprachen, aßen mit ihm, -- dann erkannten

sie ihn, und -- ihnen brannte das Herz. -- Er fühlte sein Gesicht

glühend, schüttelte sich frierend und wandte sich ab.

Minuten später stand er vor einem flachen grauen Wagen, mit Radreifen

und Benzintanks beladen, und hörte zu, wie ein Mensch ihm dies und jenes

erklärte. Dann saß er am Steuer, riß den Hebel an, der Wagen stieß von

unten, brauste auf, rollte, er drehte das Steuer, der Wagen, gehorsam,

wandte sich mit ihm um und rollte die weiße Straße hinab in den grünen

Sommer. Bald lag schon das heftig durchkreuzte Getümmel der Stadt,

Plätze, Lärm und Getöse, Menschen, Automobile und Pferde hinter ihm, vor

ihm, schnurgerade, die Chaussee, zwei Baumreihen, in der Ferne

zusammenschmelzend, unterm glühenden Himmel, und der Wagen schnurrte

darüberhin, daß Georgs Körper und sein Herz erzitterten. Verschwommen

kreisten die Flächen der Haide, braun, dann Moore, wieder Haide, die

Straße senkte sich und stieg so schnell, daß es kaum zu sehn war,

wundervoll ruhig tuckte der Motor im Innern, Georg sah in der Glasröhre

neben seinem linken Fuß das schwärzliche Öl langsam tropfen und

undeutlich den beweglichen Zeiger des Manometers; sein Gesicht kühlte

sich wohlig im eisigen Wind, ihn packte die Lust, hinzustürmen über die

sich drehende Erdkugel, schnarrend wie ein Uhrwerk. Automatisch, wenn

ein Pferd, ein Wagen fern sichtbar wurde, sah er die Hand des

Mechanikers nach unten greifen und den Auspuff schließen. In der Ferne

dröhnte hin und wieder die eigene Hupe. Ehern, rein blau, feurig blieb

das Gewölbe des Himmels. Gehöfte unter Eichen, beschnittene Hecken,

Hoftore, Eggen, Dämmerblicke in Kuhställe, Geranien vor Fenstern,

heranlaufende Kinder, mitflüchtende, endlich querüber jagende

schneeweiße Gänse, flatternde Hühnerscharen, locker vorbeischwebende,

riesige fahrende Heuberge, der fliegende blaue Schleier einer vermummten

Frau in einem Automobil, das überholt wurde, -- all das flackte und

spritzte in Fetzen auf und herum, und verflüchtigte sich in Augenblicken

immer wieder in den stabgraden weißen Strich der Chaussee, die niemals

endete, im Endlosen immer wieder aufgebrochen wurde, soviel sie in der

Ferne zusammenzulaufen schien. Als die Flächen umher sich abendlich

beschatteten, überließ Georg das Steuer dem Mechaniker, setzte sich in

den Wagen und schloß die Augen.

Er verfiel alsbald in einen unruhigen Halbschlaf. Der Mückenstich auf

seiner Wange brannte und juckte wiederum, er rieb und kratzte ihn und

träumte dazwischen, so leicht, daß er selber wußte, er träumte. Er

träumte, daß er im Automobil fuhr und in Helenenruh ankam, aber es kam

nicht ganz dazu, er wachte wieder auf, schlief wieder ein und fuhr

wieder, gelangte auch nach Helenenruh, aber es war alles dunkel, kein

Mensch zeigte sich, und das Haus war ein ungeheurer, niedriger Langbau,

an dessen Fenstern zu ebener Erde er hinunterging; hinter einem von

ihnen sah er Menschen in einem Zimmer, die ihm etwas Liegendes

verdeckten, und er dachte: Sie wollen es mir nur verbergen ... Seine

Wange juckte wieder, er war wach, scheuerte sich und sah, daß es dunkel

war, und daß die Chausseebäume, von den Scheinwerfern weithin

beleuchtet, vorauseilten, kalkbleiche Gestalten zu Hunderten; dann

tauchten drei Radfahrer auf und glitten dicht an ihm vorbei, zuletzt

eine Frau in roter Bluse, die halbumgedreht einem kleinen weißen Hunde

etwas zuschrie, der kläffend gegen den Wagen ansprang.

Georg ging nun an einer langen Mauer hinunter, er wollte zum Begräbnis

seiner Mutter, es war schon spät, und er konnte den Eingang zum Friedhof

nicht finden, der hinter der Mauer lag. Auf einmal kamen dunkel

gekleidete, ernste Leute von allen Seiten, die sonderbare Gegenstände,

unenträtselbare, in den Händen hielten, und er dachte bei sich: es sind

die Leid Tragenden. Dabei merkte er, daß er selber nichts hatte, er

mußte seines zu Hause vergessen haben, suchte vergebens und mit großer

Verzweiflung an sich, aber es war nicht zu finden, -- es zu holen, war

es viel zu spät, er war auch schon mitten unter den Leuten und hielt

sich beschämt dicht hinter den vor ihm Gehenden, immer besorgt und

beklommen, daß es gemerkt würde. Nun sah er aber, daß sie gar nicht Alle

etwas hatten, -- nein, es hatte überhaupt niemand etwas, er atmete auf

und schalt sich, daß er sich eingebildet hatte, man müsse etwas haben,

und indem verschwanden die Letzten durch ein kleines Mauerpförtchen. Als

er dort anlangte, kam gerade Benno von der andern Seite, unbegreiflich

gekleidet, und fragte ernst: Willst du auch zum Grabe? -- Ganz

erleichtert wußte Georg nun, daß nicht seine Mutter tot war, sondern

Christus, aber das war schon lange her, und hier war sein Grab zu sehn,

es war in Jerusalem. Als sie nun durch einen großen Garten gingen, wo

unter weitstehenden, mächtigen Bäumen hohe, gelbe Narzissen, einzeln und

in Gruppen, aus dem niedrigen Grase ragten, sagte er zu Benno:

Sonderbar! so hatte ich mir Palästina gar nicht vorgestellt. -- Ja, so

ist es in Okrodia, sagte Benno, und Georg verstand nun alles, nur war es

jetzt nicht Benno, mit dem er ging, sondern einer der beiden Jünger von

Emmaus, und er selber war der andre. -- Nun war da vom weiten ein

Gebüsch zu sehn, große, dichte Hügel von blühendem Rhododendron, rot und

auch etwas weiß, und daneben kniete Maria Magdalena, Menschen in langen

Kleidern standen um sie herum, auch andre in Gruppen anderwärts, und

durch diese hindurch sah Georg die Tür des Grabes an einer Felswand

offen, und Benno sagte: Das Begräbnis ist doch schon vorüber, wir können

aber hineinsehn. -- Georg geriet im Weitergehn an eine Gruppe von

Menschen, die sich unterhielten, er dachte: sie beratschlagen wegen

Pilatus, aber als er zuhören wollte, sprachen sie gar nicht, sondern

standen bloß da, und keiner sah ihn an, er stand bei ihnen und schwieg

und dachte: Das dauert ja endlos ... Zwischen den Beinen der Leute wurde

Maria sichtbar, es war Cordelia, sie kniete und suchte auf der Erde,

weinte heftig und sagte: sie haben ihn fortgetragen ... Ja, weiß sie

denn nicht, daß er auferstanden ist? dachte Georg verwundert und wollte

es ihr sagen, aber nun war er am Grabe und sah hinein. Stufen führten

hinunter, ein großer, fremder Mann lehnte halb sitzend unten an einem

Tisch, vor ihm stand Bogner und sprach unaufhörlich, und der Fremde war

Josef von Montfort. Georg dachte enttäuscht: so habe ich es mir nicht

vorgestellt! und ging an der andern Seite zur Tür hinaus, wo er Magda

und Renate ganz eilig in ein kleines, dunkles Tal hinuntergehn sah; er

folgte ihnen, indem er dachte: Sie wissen den Weg ja gar nicht, nach

Emmaus geht es doch auf der andern Seite! aber er konnte sie nicht

einholen, da seine Knie sich nicht bewegen ließen, er blieb immer auf

der selben Stelle, stöhnte und ächzte verzweifelt, konnte endlich die

Füße einen um den andern sehr langsam vorbringen, aber nun waren die

Beiden verschwunden, ihm war sehr beklommen, daß er sie hatte falsch

gehen lassen, er bewegte sich mit qualvoller Anstrengung weiter, wußte,

daß er viel zu spät kommen würde, sah aber nun ein helles Licht aus der

Ferne nahn, einen Menschen, der einen strahlenden Silberkelch vor sich

trug. Das Gesicht war das seines Vaters, aber der Mensch war sein Vater

nicht, es war Christus, und Georg brach in Tränen aus vor unsäglichem

Glück, daß er ihm hier entgegenkam, er legte den Kopf an jene Brust und

weinte endlos lange, in namenloser Wonne, zu weinen.

Als Georg erwachte, war ihm die ganze Brust noch so voll von Tränen und

Schmerzensglück, daß er die Trockenheit seiner Augen nicht begriff. Es

war Nacht, der Fahrtwind umsauste kalt sein Gesicht, im mächtigen Licht

der Scheinwerfer bog sich die Doppelreihe schimmernder Stämme vor ihm

auseinander und gleichfalls die Doppelreihe von hohen und aufrechten,

kalkweißen Steinen, ähnlich Leichensteinen, die zwischen den Bäumen am

Grabenrand standen; dahinter war die erst dämmrige, dann dunkle Grotte

der Wipfel, auf die der Wagen zuschoß, ohne sie je zu erreichen.

Georg suchte nach seinem Traum, aber es zerstob alles vor ihm, nur das

sonderbare Wort, das Benno gesagt hatte, schwebte noch eine Weile vor

ihm, hieß aber dann richtig Arkadien, worauf ihm einfiel, daß sein

Korpsbruder Schwalbe ihm einmal die Birken seiner Heimat so beschrieben

hatte. Seltsam, daß auch Montfort, dieser Träumedeuter, hineingeraten

war ... Und so blieb ihm schließlich nur sein Weinen unvergeßlich. Ach,

dachte er, wo gäbe es eine Brust, an der sich so weinen ließe! --

Renates gedachte er, nun würde er sie sehn, aber wie war alles anders!

Er würde wohl für eine Weile mit seinem Vater nach Trassenberg gehn

müssen, wenn der nicht etwa in Helenenruh blieb, aber seine Mutter würde

doch jedenfalls in Trassenberg beigesetzt. -- Da merkte er, wohin seine

Gedanken voraufgeeilt waren, schalt sich erbittert, der Vers fiel ihm

ein: Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... aber das seine

brannte nicht, ihm war kalt vom Winde und heftiger Erregung vor dem

Kommenden. Frierend zog er seinen Mantel an, hockte vorgebeugt und trieb

innerlich mit wilder Ungeduld Fahrer und Motor an, schalt halblaut, wenn

immer wieder gebremst wurde, da ein Dorf durchkreuzt werden oder der

Fahrer eine Wegtafel lesen mußte. Gottseidank! er erhaschte von einem

Wegweiser das Wort Böhne und die Buchstaben km, aber die Zahl entging

ihm. Nun wartete er in immer kälterer Erregtheit, endlich tauchten die

ersten Häuser von Böhne auf; der Wagen rauschte laut und langsam durch

dunkle Straßen mit wenig Laternen, an erleuchteten, großen und

gardinenverhangenen Scheiben der Restaurants vorüber, über den schräg

ansteigenden Marktplatz, wo innerhalb der Lorbeerbäume und Efeuhecken in

Kästen vor dem erleuchteten Ratskeller noch Menschen saßen, dann in enge

Gassen hinein, um eine Ecke, wo Georg durch eine offene Tür mit

geriffelten Gläsern über drei Stufen die Ecke eines Holztisches sah,

einen Kutscher in blauem Fuhrhemd vor der Theke, dahinter die blanken

Messingkrahnen und unter einem bunten Öldruck der Kaiserin den Wirt, ein

rotes Gesicht, der von drei Gläsern mit hellem Bier mit einem kleinen

Brett den Schaum niederstreifte. Nun über die Brücke, das Wasser war von

schwarzen Bäumen und Zweigen verhangen, der Wagen warf sich hin und her

auf dem Kopfsteinpflaster der Gartenstraße, wo in der Tiefe der Gärten,

hinter Bäumen und Gebüschen die weißen Landhäuser schliefen, und nun

endlos die Eisenbahnstraße neben dem Plankenzaun hinunter; eine

Rangiermaschine schnaufte roten Funkenregen, da flog der gelbe, häßliche

Bahnhof mit erleuchtetem Zifferblatt links vorbei, sie waren auf der

Landstraße, der Wagen ruckte an und schoß davon wieder in die Nacht,

zwischen den Stämmen der schwertragenden Apfelbäume auf die dunkle

Laubgrotte der Ferne zu.

Noch fünf Minuten, sagte Georg. Eigentlich mußte es eine schöne Fahrt

sein durch die Nacht, aber er empfand es nicht, saß eiskalt und

zitternd, die Uhr, deren Zeiger er nicht sehn konnte, in der Hand, an

der Aufziehkurbel drehend, ganz heiß war die Uhr. Plötzlich tauchten

Rampe und Fensterreihen und der vorderste weiße Turm von Helenenruh aus

der Nacht, hell sichtbar im Scheinwerferlicht, es ging die Rampe empor,

der Wagen stand vor dem erleuchteten Portal, aus dem ein Diener eilte,

der den Schlag aufriß, und Georg sah Magda im Innern über der

Stufenreihe, blaß und viel verweinter, als nach dem Tode ihres Vaters.

Sie kam herunter, Georg verwickelte sich mit den Füßen im Aussteigen in

die Reisedecke, strauchelte und fiel Magda in die Arme; er atmete den

wohlbekannten Duft ihres Haares, als sie die Stirn an seine Schulter

drückte, stammelnd unter heftigem Schluchzen: »Alle -- -- Alle -- gehn

fort! Esther, -- und Papa, und nun --«

Also tot ... tot ...

Ja, es war furchtbar für sie, furchtbar ... Georg streichelte ihren

Rücken, sie machte sich los, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und

führte ihn über die Treppen in den Klaviersaal, wo ihm Renate

entgegenkam, schwarz gekleidet und mit verweinten Augen. Er warf den

hellen Mantel ab und ging in seiner kalten, schrecklichen Beklemmung

durch all die hellerleuchteten, fremd anmutenden Zimmer, voll steifer

Möbel und großer, reicher Schränke mit Schnitzwerk oder Einlegearbeit,

bis zum Zimmer seiner Mutter. In der Tür blieb er stehn.

Es roch stark nach Rosen. Der große und hohe Raum war mit Nacht gefüllt,

in der Tiefe brannten zwei silberne Armleuchter mit vielen, rötlich

strahlenden Kerzen; unter ihnen war ein weißes Lager, davor Rücken und

Hinterkopf von Georgs Vater, der gebückt saß. Im Schatten hinter den

Lichtern sah Georg die runden Wipfel von Lorbeerbäumen. Zu seiner

Rechten sah er an einem, vor langer Zeit einmal erblickten, dunklen

Empireschreibtisch unten die vergoldeten Löwenfüße schimmern, aus denen

die Säulen wuchsen, dann auch das Gold an Eckenbeschlägen und den

Knäufen kleiner Schiebladen; rötlich glänzte die Politur. -- Georg stand

furchtsam, hülflos, traurig und gelähmt. Endlich zwang er sich vorwärts

zu gehn.

Sein Vater bewegte sich nicht. Georg blieb hinter ihm stehn, -- es ist

ja nicht meine Mutter, dachte er verstört und sah über einer goldenen

Decke zwei steife, gelbliche Hände mit den Fingerspitzen gegeneinander

gelegt; darunter kam ein Lilienkelch hervor. Dann steifes Leinen und

Spitzen, eine Halskrause, und nun ein Gesicht, ganz klein, gelblich mit

sehr hagrer und gebogner Nase, -- mein Gott, wer ist das? -- fragte

Georg sich tief erschreckt und gewahrte nun die große, dunkle Locke, die

unter der Ohrmuschel hervorquellend vorn auf den Spitzen am Halse lag,

und sie erinnerte ihn an seine Mutter. Aber das Haar war in der Mitte

gescheitelt, -- nein, es war ein ganz fremdes Gesicht! und wie war

dieser Mundwinkel seltsam gebogen! wie -- hülflos ...

Georg sah und konnte es nicht verstehn. Es ist, sagte er sich, es ist --

ja, -- es ist ein Gebilde, was ist es nur? Es lebt ja nicht, Gott, es

ist ein Mensch, aber sie lebt ja nicht! Es kann sich nicht bewegen, und

wie gelb es ist, -- es ist ja gar nicht wie -- wie von Natur, es ist --

-- erstarrt, aber -- -- das giebt es doch nicht ... Ein Leichnam ...

dachte er schwer und fühlte sich fast erleichtert, da die Tote nichts

wahrnehmen konnte. Oh Gott, dachte er zerknirscht, dies ist ja nur zum

Begraben, was soll man damit, wo ist denn die Seele? --

»Vater --« sagte er leise.

Der Herzog bewegte sich, nahm das Gesicht aus den Händen und wandte es.

Undeutlich sah Georg die vom Licht abgekehrten Züge, Augen, einen

starrenden Bart und darüber, vom Licht durchsickert, das zerrüttete

Haar. Eine Hand ergriff seine Linke und preßte sie schmerzhaft, dann

stand er dicht vor der Toten, hörte eine rauhe Kehle etwas hervorstoßen

und sich räuspern, dann die Worte: »Wohl ist ihr -- -- wohl -- -- und

--«

Es brach ab; Georg sah, wie sein Vater den Kopf in die Hände stieß und

sich schüttelte und so maßlos schluchzte, daß ihm selber die Tränen in

die Augen stiegen, und er legte zaghaft eine Hand auf die Schulter unter

ihm.

Wie sie Alle weinen, dachte er bekümmert und fremd. -- Ach, sie weinten

über das, was sie verloren hatten, -- ja, freilich, -- ich habe nichts

verloren, dachte er bitter und vorwurfsvoll gegen sich selber. -- Irgend

etwas ward ihm plötzlich zuviel, er drehte sich um und ging leise wieder

hinaus.

Im Klaviersaal fand er Renate und Magda am Harmonium. Renate saß, Magda

lehnte müde, halb sitzend am Deckel. Sie sahen sich schweigend an, dann

fragte Renate etwas leise, das er nicht verstand. Unfähig gegenzufragen,

sagte er:

»Wie, wie kam es denn?«

»Gestern«, sagte Renate, zu Magda aufsehend, »ging es ihr so viel

besser, nicht wahr? sie sagte noch, sie fühlte sich ordentlich jung. Den

ganzen Nachmittag und Abend war sie mit uns zusammen. Heut morgen kam

sie auf einmal zum Frühstück herein, -- ich sehe sie noch, in ihrem

gelblichen Morgenkleid, ich stand am Fenster, du warst noch nicht im

Zimmer. Dann -- dann frühstückten wir zudritt, und auf einmal -- sah sie

uns groß an und sagte -- ihr würde so sonderbar ...« Renate schwieg.

Ganz leise sagte sie dann: »Plötzlich -- -- plötzlich sagte sie: Ich

glaube, ich --, senkte den Kopf und legte die Stirn auf den Tisch. Und

dann -- -- dann fiel der eine Arm herunter.«

Renate schluchzte plötzlich auf und stammelte, das Gesicht im

Taschentuch.

Georg hätte gern den Arm um sie gelegt, verbot es sich heftig und

dachte: Darüber weint sie nun? Seltsam, worüber Frauen weinen.

Er ging wieder durch die Zimmer zurück zu seinem Vater und fragte ihn

leise, ob er sich nicht niederlegen wolle, er selber würde wach bleiben

die Nacht. -- Eine Zeitlang blieb sein Vater unbeweglich, erhob sich

dann, Georg reichte ihm seine Stöcke und fühlte sich plötzlich von ihm

an die Brust gerissen und heftig geküßt. -- Nun hat er nur noch mich,

dachte er beschämt und angstvoll. -- Er sah seinen Vater hinaushumpeln,

stand noch eine Weile, ging dann durch die Zimmer zum Klaviersaal,

löschte dort und zurückkehrend überall das Licht und setzte sich auf den

Stuhl neben die Tote; aber bald schon stand er behutsam auf, fühlte

Müdigkeit und ging zum Schreibtisch seiner Mutter. Im Stehen zog er

diese und jene kleine Lade auf, sah Briefbündel darin, ein Medaillon,

kleine Stöße alter Photographien, und öffnete endlich die breite

Schieblade unter der Platte. Sie war unordentlich gefüllt mit

hineingeschobenen Briefen, mit und ohne Umschlag, zusammengefalteten und

ausgebreiteten Blättern. Obenauf lag eine Mappe, mit einem alten

Brokatstoff überzogen. Georg nahm sie heraus, die Bänder hingen offen,

er schlug die Deckel auseinander und sah, daß es die Verse waren, die er

seiner Mutter zu Weihnachten abgeschrieben hatte, mehrere große Bogen

ineinander. Auf der Titelseite stand in gemalter Lateinschrift der alte

Sonnenuhrspruch: _Vulnerant omnes, ultima necat._ -- Alle verwunden, die

letzte tötet. Georg übersetzte es sich, an den Anfang eines Gedichts

erinnert, das er nach dem Uhrspruch gemacht hatte. -- Darunter stand:

einige Gedichte für meine Mutter zu Weihnachten von Georg. --

Er setzte sich nun traurigen Herzens und dachte, die Gedichte zu lesen,

warf einen Blick, halb andächtig, halb bittend auf die Tote zurück und

las das erste Gedicht:

Jetzt bin ich jung, und es läßt mir der sanftere Abend

Oft die Beruhigung schmeichelnder Lieder zurück.

Sonst die Gedanken in alternder Schwermut begrabend,

Find ich in ihnen ein seltsam befremdendes Glück.

Werde ich alt sein, so möcht ich das Wunder am Morgen

Gerne erfahren, wenn Rosen das Zwielicht durchsprühn.

Daß mir doch einmal aus Feldern der kindlichen Sorgen

Lächelnd durch Tränen die Blumen der Freude erblühn.

Er sah noch eine Weile auf die stark geschwungenen, sehr ornamental

gezogenen Buchstabenreihen und wagte nicht recht, eine Meinung von dem

Gedicht zu haben, da er es gleichsam wie ein Totenopfer las. Er schlug

die Seite um, -- da sah er auf der, von ihm leer gelassenen Rückseite

des Blattes Schriftzeilen von der Hand seiner Mutter, ein Gedicht, und

es war dasselbe, das er eben gelesen hatte. Er schlug die nächste Seite

um und hatte denselben Anblick, nur daß dort: Elegie stand, die

Überschrift des zweiten Gedichts, und so fort durch die Blätter bis ans

Ende, alle die Gedichte hatte sie sich abgeschrieben, sie hatte ja

zuweilen über die Schwierigkeit geklagt, seine Handschrift zu lesen, --

jetzt krampfte Georgs Herz sich zusammen, er dachte noch, welche Mühe

das Abschreiben sie gekostet hatte, -- sie, die überhaupt nur eine

Stunde am Tage zu solcher Arbeit fähig war -- denn sie hatte die

Abschrift immer auf die Rückseite des Gedichts geschrieben, hatte also

fortwährend hin und her blättern müssen ... Georg fühlte seine Kehle

zugeschnürt, es jagte ihm glühendheiß in die Augen, -- so hat sie mich

geliebt! dachte er noch, schlug die Hände vor das Gesicht, und im

Bemühen, nicht laut zu sein vor der Toten, erstickte er fast vor

Schluchzen in seinen Händen, rang mit sich, warf Kopf und Arme über die

Schreibtischplatte, schluchzte laut, stand auf, wankte blindlings zu der

Toten hin und fiel bei ihr nieder, stammelte, verbrennend in Scham:

»Vergieb mir, o vergieb mir doch, Mutter, daß ich so schlecht --« und

fand kein Ende mit Weinen, immer wieder von innen sich mit Anklagen und

Vorstellungen ihrer Liebe, ihrer Einsamkeit, ihrer unsäglichen

Verlassenheit und Armut emporstoßend, bis er erschöpft, heiß überströmt

und aufgelöst in Schmerz sich im Stuhl wieder fand, am Schreibtisch, und

begann weiter zu lesen. Er las die Schrift seiner Mutter, zuerst die

Elegie und in ihr zuerst die mit Bleistift unterstrichenen Worte:

Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- und tiefer die ebenfalls

unterstrichenen:

Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen

Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt ...

-- die ihn wieder zittern machten vor Mitleid, da sie ihm wie für sie

geschrieben schienen. -- Einige Zeilen unterhalb dieser Worte hatte sie

eines nicht lesen können und eine Lücke gelassen; >sicher< mußte es

heißen; er wäre fast wieder in Tränen ausgebrochen bei dem Gedanken, daß

sie immer eine Lücke hatte lesen müssen ... Dann sammelte er sich und

las:

Einer vergänglichen Welt entsproßt und seit alters leibeigen,

Seh ich entgleiten die Zeit, Sand in verrieselnden Sand.

Was ich empfange als Gold in die mühsamen Hände, es rinnt als

Staub, unfruchtbarer Staub auf den entfliehenden Weg.

Vor mir leuchtet der Pfad und erreichbar himmlische Landschaft,

Städte und Wälder, der Strom, Berge zum Äther getürmt,

Berge, beladen mit Wolken gleich Ballen voll göttlicher Schätze,

Hinter mir dämmert aus Nacht trostlos zerfallende Welt.

Finster im Zwielicht der Sterne, der ruhigen, kühlen, erheben

Sich die Ruinen, einsam, Mauern, ein Baum oder Turm.

Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- ach, und mich fröstelt!

Stets auf der Wandrung, wie gern möchte zurück man, das Haupt

In dem Vergangenen ruhn, in bekannte, erleuchtete Räume

Treten, wo Wand auch und Bild grüßt und ist freundlich gesinnt.

Wo vor dem Schlafengehn man sicher sich fühlt und erleichtert

Nickt zu den Sternen hinauf, gütiger Müdigkeit froh.

Aber es ist uns gegeben kein Raum uns zu ruhn, als zu Füßen

Hinzubetten uns dort, wohin wir abends gelangt.

Ja, auch das Fremde ist gut; das Weib auf eigener Schwelle

Schenkt von dem Überfluß liebreicher Mienen auch uns.

Freundliches Wort gedeiht ja auf Erden, -- die Züge auch Fremder

Scheinen nicht achtlos, und nur innen ist jeder für sich.

Innen tönt immer die Mühle, die eherne, welche die Körner

Mahlt der stürzenden Zeit: Immer gefüllt von dem Schwall,

Stehen wir tönend und rauschend im Ewigen, mahlende Mühlen,

Schwarz auf den dämmrigen Kreis der Horizonte gestellt.

An Lornsens Mühle dachte ich dabei, erinnerte Georg sich dumpf und

drehte langsam das Blatt um. >Klage< las er; in diesem Gedicht war

nichts angestrichen.

Wir sind heimatlos, wie sind heimatlos,

Unsre Welt ist viel zu groß.

Unsere Lampen brennen viel zu grell,

Alle Wege enden schnell.

Dunkel schäumt in uns das Blut und läuft,

Sehnsucht, die nach innen träuft,

Hebt mit Geisterhänden aus der Bucht

Schwer empor des Lebens Frucht.

Oft -- verfinstert sich ein Nachmittag --

Harren wir gewitterzag,

Schwüle drückt an unsrer Stirnen Rand,

Heiß und hastig seufzt das Land.

Doch, hier waren zwei kleine Striche seitwärts neben >Rand<. Seine

Mutter hatte das Gedicht zuweit rechts angefangen, nun kam sie mit dem

Raum nicht aus, -- Georg betrachtete wehmütig ihre ein wenig englisch

aussehende, sehr vorwärts flüchtende Schrift, mit langen, darüber

fliegenden t-Balken, d-Haken und u-Strichen, die sehr weit und flach

hingezogenen Verbindungsstriche zwischen den kleinen Buchstaben, die dem

Ganzen einen Schein von straffer Flüchtigkeit gaben, und diese Art, die

letzten Worte der Zeile, wenn der Raum nicht reichte, umzubiegen nach

unten, so daß in diesem Gedicht fast alle Zeilen wie mit Haken am

Seitenrand festgekrallt hingen. -- Nun las er weiter:

Doch es wird nur Nacht und tot und dicht,

Fortgezogner Wetter Licht

Zeigt die Flur, ein bleiches Nachtgesicht,

Das umdunkelt und verweint

Fremd wie eine ferne Heimat scheint.

Neben den ersten beiden Strophen des folgenden Gedichts waren starke und

lange Bleistiftstriche; Georg las:

O schwarzer Himmel in mir! und giebt es nichts

Denn, nichts, zu schmelzen mich? keine funkelnden

Azure glühender Sommer? und die

Bäume und Quellen und Vogelstimmen

Sind ganz umsonst? nur tiefer im feurigen

Gewoge voller Strahlen bewahrst du die

Furchtbare Starrheit und die Schwere

Schwärzer und drohender mir im Herzen ...

-- und erschrak, so sehr brannte sich jedes Wort, als sei es für sie

geschrieben, in sein Herz, aber er hatte an sie nicht gedacht, nicht

einmal, als er dies abschrieb für sie, hatte den Gram seiner so leichten

Seele dahingesungen, und sie fühlte, ja, sie fühlte den schwarzen

Schmerz im eigenen Kopf und die Blindheit und -- -- Verzweifelt und mit

umdunkelten Augen las Georg weiter, fast aufschreiend, als er eine

zitternde Linie, voraufeilend mit dem Blick unter den Worten: gekühlten

Windes Balsam -- fand:

O Gott der süßen Früchte und Amselschlags,

Der sanften Regen träufelt und schmelzenden,

Gekühlten Windes Balsam schüttet

In die geduldigen Völker der Ähren:

O senke einen kühlenden Strahl, nur ein

Aufküssend Säuseln über mein Heimatland.

Und tausend Ernten duften, tausend

Lerchen entschwirren, geblähten, feuchten

Gefieders, Tau und Schimmer und Blütenstaub

Dir auszuteilen, singendes Blau der Welt,

Und an die ewige Erde preß ich

Schluchzend den Mund und die Brust und weine.

Georg eilte hastig zur nächsten Seite, oh es war grausam, hier fand er

die Worte unterstrichen: der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht

drückt ihn zurück, -- zu meiner Strafe! knirschte er sich an und las:

Aus dumpfen Wolken taucht der trübe Mond

Wie eines Kranken Antlitz aus den Kissen,

Die er schon viele Jahre lang gewohnt,

Mit müdem Blick, der nur begehrt zu wissen,

Ob noch im Nachbarhaus der Kranke wohnt,

Der näher schon als er den Finsternissen,

Daß ihn sein Anblick tröstet und belohnt.

Im Hause drüben glimmt herauf ein Licht,

Das wie mit Fingern, fahlen, leichenblassen,

Zitternd durch dunkle Fensterscheiben bricht.

Der Kranke seufzt, und seiner Stirn Gewicht

Drückt ihn zurück. Er seufzt und weiß es nicht,

Daß dort der Schimmer in der Nacht der Gassen

Nur Widerschein vom eigenen Gesicht.

Angstvoll schlug Georg die letzte Seite um. Nur noch ein Gedicht, --

nein, hier war nichts unterstrichen, und er las, immer noch argwöhnisch:

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 75 / 124 题