Emmaus

Georg, geblendet, schwer schlaftrunken, riß die Augen auf und kniff sie

heftig wieder zu. Große rote Flecken sausten heran, schwebten, hielten

still, dazwischen flackerte brennend Grünes, grüne Blätter, Baumwipfel,

und Himmelblaues. Er rieb die Augen, merkte, daß er in der Hängematte

lag, die Lider fielen ihm schwer wieder zu, in allen Gliedern knackte,

sauste und prickelte der jählings abgebrochene Schlaf, der verdampfte.

Ringsum brodelte der Juni, und da, seltsam fern, mitten im Sommer,

schönem Schatten, Baumstämmen und Sonnenlichtern und herein leuchtendem

Himmelsblau stand Egon mit seinem schwarzen Haarwisch in der Stirn und

lächelte. Georg gähnte wie ein Löwe und kaute hervor, wie spät es sei?

Durch eine Wand von Schlaftrunkenheit hörte er Egons Stimme: Gleich fünf

Uhr. Und Herr Bogner sei eben gekommen, und auch ein Telegramm. -- Georg

brachte die Augen nicht auf im Gähnen, streckte die Hand aus und dachte:

Ach, Bogner, -- richtig, er brachte das Bild, für Helene ... Er zerrte

die Füße aus den Maschen der Hängematte, saß da, krümmte die Arme

gewaltig, dann den Rücken, reckte und dehnte sich, daß es krachte.

Schließlich hockte er im Netz, den Kopf schwer vornüber hangend, in dem

es kribbelte und summte; die Schläfen brannten, die linke Wange war wie

Feuer von Jucken, und er kratzte sich wütend; eine Mücke mußte ihn im

Schlaf gestochen haben. Was träumte ich nur? dachte er. Das war ja sehr

sonderbar! Ich ging mit Bogner im Walde, und auf einmal war noch jemand

da, ein großer, blasser Fremder, mit dem Bogner eifrig sprach, und ich

blieb zurück, es war dämmrig im Walde und sehr grün, und dann, -- dann

war da, glaub ich, Saint-Georges, den fragte ich: Wer ist denn das

eigentlich? und er sagte erstaunt: Das wissen Sie nicht? Es ist doch

Christus. -- Ja, das war, weil Bogners Bild den Gang nach Emmaus

darstellen soll. Und dann gingen wir weiter, und ich dachte, wenn wir

jetzt aus dem Walde kommen, muß gleich links Helenenruh sein, aber

Helenenruh kam nicht, sondern ein fremdes dunkles Tal, und Bogner und --

der Andre entwichen schon fern drüben zwischen den Stämmen, und gleich

rechts stieg Renate ganz einsam den steilen Hang hinauf. Aber als ich

ganz froh und zitternd zu ihr kam, wandte sie das Gesicht her, und da

war es -- Helene, -- ja, und sie hatte das seltsame Antlitz wie auf

Bogners Bild ... Sonderbar, wie so alles durcheinanderging, Bogners Bild

und Helenenruh, wohin ich -- ach, bald -- bald fahre, zu Renate, die

dort ist ...

Immer noch sehr dumpf, und schwer imstande, die Augen ganz zu öffnen,

brach er nun das Telegramm auf und las mühsam die Maschinenschrift von

dem sonneflimmernden Blatt: Lieber Georg, Ihre Mutter ist eben sehr

schwer erkrankt, Sie müssen sofort kommen und auf alles gefaßt sein. In

Liebe Renate.

Gott im Himmel, Gott im Himmel, Gott im Himmel ... Das Blatt wurde

blutrot vor Georgs Augen, die Schriftbänder verbogen sich und zerfielen.

Braun und leuchtend stand da der Kiefernstamm, schwarzfleckig; hoch oben

breiteten die grünbehangenen Äste sich ins flammende Blau. Schwer

erkrankt ... auf alles gefaßt sein ... In Liebe ... Das hieß? In Liebe

... Tot, dachte er, tot, -- -- sie ist tot. In Liebe hätte sie nicht in

ein Telegramm geschrieben, sondern es hieß: in Mitleid. Georg bewegte

schwer im Mund die klebrige Zunge; die Augenwinkel schmerzten, langsam

ward es um ihn klar, er stand auf und ging auf schwachen Füßen, wankend

davon, auf das Haus zu. Da war die weiße Tür, Bogners Gesicht. Georg

blieb stehn, schnob ein verächtliches Lachen durch die Nase und dachte

unter furchtbar aufsteigender Angst: Das Bild, das Mutter zum Geburtstag

haben ... Sein Kinn zitterte, im Halse würgt' es, seine Augen wurden

feucht, beizend. -- Da stand er vor Bogner, streckte ihm wortlos das

Telegramm hin, fiel auf einen Stuhl und schluchzte zwei, dreimal trocken

und würgend.

Aber wenn sie doch noch lebte?! Besinnungslos sprang er auf, taumelte

erst, denn es war alles rot umher, und vom Schreibtisch, den Fenstern,

der Lampe gab es nur fliegende Bruchstücke. Dann entdeckte er den

Telephonapparat, stürzte darauf zu, nahm den Hörer ans Ohr, hörte die

weibliche Stimme, wußte im Augenblick die Nummer nicht, erhaschte sie

dann, sagte heiser: Achtundneunzig -- achtundneunzig bitte! und wartete.

Eine schnarrende Stimme schrie ihn an: Hier Adlerwerke! -- Nun stammelte

er zusammen, er habe neulich schon ein Automobil gehabt, ob er wieder

einen solchen Wagen ... oder besser einen schnelleren, einen Rennwagen,

jedenfalls den schnellsten, der da wäre ... Dazwischen nannte er seinen

Namen, hörte dann, daß ein Wagen geschickt würde, er bat noch um einen

guten Fahrer und um Benzin für sieben, acht Stunden. --

Sieben, acht Stunden, dachte er stumpf, am Schreibtisch hockend. Ohne zu

denken, öffnete er die Schieblade und nahm einen Plan auf Leinwand

heraus. Da fahr ich wieder zu einem Toten, murmelte er hülflos. Wenn sie

nur noch lebte, nur noch ... Auf ein Räuspern hinter seinem Rücken

wandte er sich um und sah Bogner dasitzen, das Telegramm in der Hand,

das er nun langsam zusammenlegte. Dann blickte er auf, sah ihn ruhig an

und sagte:

»Sie können trotzdem mein Bild ansehn. Ich will es hereinholen.«

Er sah Bogner aufstehn, zur Tür und auf den Flur treten, wo an der Wand

das Bild lehnte, mit einem Tuch verhangen, so hoch wie Bogners Schulter.

Er trug es herein, löste die Tücher ab, -- es hatte noch keinen Rahmen,

-- und lehnte es schräg gegen den Pfosten der Schlafzimmertür.

Georg schauderte leise. Da war Nacht, tiefes Dunkel, braun, grünlich,

das herunterhing; ganz tief unten zur Linken war Helle und ganz kleine

Gestalten. Die Höhe des Raumes schien ungeheuer, er stieg oben in die

Nacht auf, undeutlich waren Pfeiler sichtbar, ganz fern, aber kein

Gewölbe, nur Nacht und ein, zwei weißliche, gelbliche Flecken von

Sternen. Unten links war eine Fensteröffnung, durch die breit ein

Lichtstrom hereinschwoll und zerstäubte an einer stehenden Gestalt in

der Mitte des Bildes, die einen Arm, vom Schreck betroffen, nach links

von sich streckte. Unterm Fenster, im vollen Licht war ein Tisch

gedeckt, dahinter, geduckt vor Schrecken, ein Mensch. Und links daneben,

hochangelehnt, die Arme leicht ausgebreitet, die flachen Hände auf der

Tischplatte, ganz golden von Licht, -- der Christ.

Emmaus ... zog es fern durch Georgs Staunen. Oh diese ungeheure Nacht!

Und Nachtstille und Geschehn. Das Göttliche blühte schweigend aus dem

Lichtstrahl auf und sah sich um. In der Nacht draußen war die ganze

Welt, Sterne, Raum, Ebene, Getier, das Meer, die Finsternis, in

unendlicher Stille.

Von der Gartentür her sagte der Maler:

»Ich sah dies in einer Kirche in Venedig. Die Wölbungen waren nicht so

hoch, es war dunkel, nur in einem fernen Seitenschiff ein Lichtschein.

Als ich hinging, saßen dort ein paar Priester und spielten Karten. Das

alles hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert.«

Nach einer Weile hörte Georg des Malers Stimme wieder:

»Und als ich eines Tages zufällig Conrad Ferdinand Meyers Gedicht zu

lesen bekam, >die tote Liebe< heißt es, glaube ich, Sie werden es kennen

...« Georg hörte die Eingangsverse: Entgegen wandeln wir -- Dem Dorf im

Sonnenkuß -- Fast wie das Jüngerpaar -- Nach Emmaus ... Und den Schluß:

Da ward die Weggesellin -- Von uns erkannt -- Da hat uns wie den Jüngern

-- Das Herz gebrannt ... und dazwischen die Stimme des Malers weiter:

»Da traf mich dies einmal: Da hat uns wie den Jüngern -- Das Herz

gebrannt ... Denn -- -- es ist so, daß wir wie die Blinden daherwandern,

und die Augen gehen uns auf, wenn es zu spät ist, immer hinterdrein, und

-- wir wissen es nie gut; wir wissen es immer nur besser.«

Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... Immer wieder schlugen

die Worte an. Wir wissen es nie gut, -- wir wissen es immer nur besser

... Und nun war Helene tot, die -- Mutter tot, -- Mutter, -- nicht

meine, dachte Georg ratlos und konnte nichts anfangen mit dem Gedanken.

Gott sei Dank, sie hat es nie gewußt! mußte er aufatmen. Aber wenn sie

doch noch lebte? -- In Liebe Renate. Ach, aus diesem Grunde schrieb sie:

in Liebe! Georg biß sich auf die Lippen, jagte den Gedanken davon und

fragte sich: Warum hat Magda nicht telegraphiert? Warum hat sie nicht

telephoniert? Weil sie mich neulich schon zu einem Toten rief. --

Und -- ach du mein Gott -- nun schon wieder fort von Cordelia! Sein Herz

verbitterte sich! Ist man einmal glücklich, so kommt was dazwischen! Ja,

dann muß ich alles verschieben, jetzt länger in Helenenruh bleiben und

mit Renate, -- aber wie kann ich es recht anfangen mit ihr, wenn

Trauerzeit ist? Schöne Gedanken, mein Georg, schöne Gedanken! -- Er biß

sich auf die Lippen. --

Sieben Stunden dauerte die Fahrt wenigstens, -- oh diese Ungewißheit! --

Georg schwankte, ob er nicht in Helenenruh anrufen sollte, -- oder in

Trassenberg, aber bis die Verbindung hergestellt war, konnte eine Stunde

vergehn. Nein, nein, lieber die Ungewißheit! -- Er erhob sich und

klingelte. Zu Egon, der alsbald eintrat, sagte er, er müsse gleich nach

Helenenruh, er habe schon einen Wagen bestellt, seine Mutter ... Egon

sollte mit den Koffern im nächsten Zuge fahren. --

Unterdes hatte Bogner die grüne Stoffhülle vom Boden aufgenommen. Georg

trat auf ihn zu, faßte seine Hand und brachte heiser hervor, der Maler

möchte das Bild dalassen, er wisse nicht, was er ihm dafür geben könne,

-- und da der Maler freundlich und abwesend lächelte, so lächelte auch

Georg und meinte:

»Ich hoffe, Sie schenken es mir, -- ich werde sehn, -- ich finde schon,

was ich Ihnen als Gegengeschenk -- -- wenn erst alles ...«

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 74 / 124 题