Sonett

O Herbst, du schwankend Abbild meiner Seele!

Wo jähe Klarheit schnellt aus Dämmernissen,

Vom Himmel flutend, überall zerrissen,

Und oft durchbrüllt von einer rauhen Kehle.

Und Bäume, Felder und der Büsche Hügel

Wälzen sich hart, ganz wankend ist die Welt,

Und nirgends etwas, das nicht nächstens fällt,

Doch noch im Sturz sich hebt auf kargem Flügel.

Und wie das Blatt, das golden, schöngebräunt

Zum Falter wird in buntem Taumelfluge,

So spür ich tiefer fröstelnd, armer Freund:

Was in mir zuckt, sich wirft, lebt, schwankt und siedet,

Sich selber jagt wie eine irre Fuge:

Alltod umfängts, Allsterben stillt und friedet.

Dies gefiel ihm ganz gut, obgleich es schwächlich klang und an hohe

Vorbilder gemahnte. >Lied des Sehers< stand über dem nächsten. Was ist

das? fragte er sich, wann schrieb ich das? Er las:

Du Herrlichkeit! Weißt du denn nicht dies Glück:

In blinden Spiegeln, Scherben, blankem Tand,

Falschen Juwelen oder trüben Wassern

Der großen Sonne einen Strahl zu fangen?

(Weiterlesend dachte er an Cora, und an wen er wohl damals gedacht haben

mochte ...)

Jubeltest niemals du, wenn nach des langen

Schwermütigen Regens Dämmernis am Abend

In ferner Häuser grauer, öder Mauer

Ein Glas aufquoll, lebendiges Blut und Feuer?

Du Herrlichkeit! (Georg schüttelte den Kopf) gebückt, wenn du mir

fern,

Schleif ich die Blicke über dumpfem Boden;

Dann zuckt ein Glanz, dann regt vielleicht ein süßes,

Mitleidiges Leuchten ...

Heftig schrillte das Telephon. Georg legte das Buch aus der Hand, ging

hin und hob den Hörer. Magdas Stimme fragte, ob er es sei; er bejahte,

und sie bat um Verzeihung, daß sie störe, aber ihr Vater sei in der

Nacht gestorben. Ja, als sie am Morgen ins Zimmer gekommen sei, habe er

tot im Bett gelegen.

»Es ist ja wohl gut, Georg,« hörte er sie sagen, »er hat ein sanftes,

unbemerktes Ende gehabt. Und nun wollte ich dich bitten ... Wie ist es,

hast du nicht Pfingstferien?« Georg bejahte. »Dann, -- könntest du

vielleicht ein paar Tage kommen und mir helfen? Ich habe hier eigentlich

niemand und --« Georg unterbrach sie mit heftigen Versicherungen, daß er

sofort komme, und sie endeten das Gespräch.

Eine Weile ohne feste Gedanken stand Georg hinter dem Sessel, in dem das

aufgeschlagne Buch lag, nahm es dann auf und las willenlos das Gedicht

zu Ende:

Mitleidiges Leuchten sich und singt von dir:

Nichts das von dir nicht lebte, selige Sonne!

Da ist nichts so gering: ich liebe es doch

Und dränge mich daran mit Auge und Lippe.

Auch im Verworfenen fand ich den Spiegel,

Darin die Gottheit gerne sich vergißt.

Nun lächelte er trüber, fragte sich, ob Cora der trübe Spiegel von

Renate sein solle, und ob er davon wirklich entzückt sei, wenns der Fall

wäre, legte das Buch in die Schieblade, stand davor, die Schlüssel in

der Hand, und konnte sich auf nichts besinnen. Endlich fiel ihm ein:

Kursbuch! -- Er fand es auf dem Schreibtisch, sah, daß es zum

Zwölfuhrzug schon zu spät war, daß es bis zum Dreiuhrzug ihm zu lange

dauerte, ging hinaus und befahl dem Hausmeister, den Reitknecht zu den

Adlerwerken an der Goseriede zu schicken und einen Wagen zu mieten. Er

selber half dem Diener den Koffer packen. Danach ging er zu Cora und

sagte, er verreise, was sie zu tun gedenke. Oh, sie würde warten, meinte

sie leichthin.

Sie lag in dem selben Sessel ausgestreckt, in dem er eben gesessen

hatte. Ihn schauderte vor ihrem ganzen körperlichen Dasein, an dem keine

Stelle nicht abgenützt war durch Liebkosung und nicht nur durch seine.

Ob sie tatsächlich nicht zu ihrem Mann zurückwolle, fragte er.

Sie habe es ihm ja gesagt; ihre Ehe sei längst keine mehr, sie hätten

sich bloß noch körperlich gebraucht, sie sei das müde, ihr Mann

vermutlich auch, aber man könne ja nicht wissen, vielleicht liebte er

sie noch immer, sie aber könne nicht mehr.

»Du hast eignes Vermögen?« fragte Georg in Gedanken. Sie zuckte die

Achseln und meinte: »Genug für mich!«

»Ich werde«, sagte Georg langsam, »nicht zurückkommen. Dies Haus ist zu

deiner Verfügung, nur mußt du die Güte haben, in der Stadt zu essen.«

»Das heißt also, ich bin entlassen?« fragte sie spitzig.

Georg senkte den Kopf und meinte, wenn sie es so ausdrücken wolle ...

Er setzte sich auf die Lehne des Schreibsessels, griff nach dem

Schildpattmesser zum Briefaufschneiden und sah, daß es schwächer

regnete; am Himmel, über den Bäumen, brach silbrige Helligkeit auf. Daß

es grade Magda sein muß, die mich frei macht! dachte er gebeugten

Sinnes, und vor ihm schwebte seltsam das Gesicht ihres Vaters.

Die Gedanken verliefen sich; er sah ungeduldig auf die Standuhr, indem

trat der Reitknecht ein und sagte, der Wagen stünde draußen. Er hörte

Cora etwas sagen, verstand es aber nicht, da er nun den Telephonhörer

aufhob, den antwortenden Hausmeister bat, ihn mit Benno zu verbinden,

dann Bennos Stimme hörte und ihm sagte, daß Magdas Vater gestorben sei

und daß er hinfahre, um ihr zu helfen. Benno fragte nichts weiter, trug

ihm Grüße auf, und jetzt war der Diener da mit dem Mantel. Er zog ihn

an, schickte den Diener weg und ging auf Cora zu. Auf einmal hob sie die

Hände wie Krallen, Lenuschs Gesicht erschien ihm in dem ihren, da sie

die Lippen öffnete bei zusammengebissenen Zähnen. »Hüte dich!« keuchte

sie und warf sich herum, ihr Taschentuch in den Mund steckend. Da mußte

er lächeln und sagen, sie werde ihm hoffentlich nichts kaputt machen in

der Wohnung. Sie warf die Schultern hin und her, fiel in den Sessel und

weinte. Sie tat ihm leid.

Cora, sagte er leise, legte ihr die Hand auf die Schulter und fragte,

was denn aus ihnen Beiden werden solle.

Sie unterdrückte ihr Schluchzen, murmelte, er sei's ja nicht wert, sie

wollte nicht weinen. -- Ach, sie hatte ihn doch wohl sehr lieb. --

Nun sprang sie auf und meinte kühl und hoffärtig, er hätte wohl recht,

sie wolle fort. Da legte er den Hut wieder aus der Hand und sagte, er

wolle ihr helfen, ihre Sachen zu packen. Sie ging, und er folgte. Das

schöne Zimmer, kaum entstellt, machte ihn traurig, sie packten wortlos

Coras Koffer und Handtasche, der Diener trug alles hinaus, Georg half

Cora in den Mantel, sie gingen.

Im Wagen starrte sie abgewandt aus dem Fenster. Als sie in die

Eichstraße einbogen, sah er, daß sie weinte. Aber sie übersah seine

Hand, nickte nur, stieg aus und ging ins Haus. Der Diener folgte ihr mit

den Koffern. Georg atmete auf und bedauerte sie erleichterten Herzens.

Was wird nun kommen? dachte er, als der Wagen sich wieder in Bewegung

setzte.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 69 / 124 题