Cora

Georg wachte auf in der Nacht; der Regen spritzte ins offene Fenster, es

donnerte in der Ferne, -- ihm war heiß, das Federkissen lag an der Erde,

die Schlafbeinkleider waren ihm bis zu den Hüften heraufgerutscht,

scheußlich! Schlaftrunken tastete er nach der Wasserkaraffe, setzte sie

an den Mund, trank lange, ließ die Hand mit ihr zu Boden hängen, den

Kopf vornüberfallen und dachte: Aus der Karaffe trinken ist die größte

Wollust des Lebens. -- In allen Gliedern merkwürdig leicht und

gelockert, wollte er sich umdrehn und weiter schlafen, aber der Regen

plantschte jetzt heftiger auf das Fensterbrett, und er stand unwirsch

auf, ging ans Fenster und machte es zu. Am Riegel hangend, wand er sich

im ungeheuren Gähnkrampf und dachte: Ach, ich möchte auch ein Gewitter

sein! -- Dann legte er sich wieder hin, schwacher Blitzschein glomm vor

seinen Augen auf, es donnerte lauter. Ah, wie der Regen rauschte!

Ich wollte, sagte er vor sich hin, es schlüge ein und Cora ginge dabei

tot. Ich denke unchristlich. Man kann nicht für Gedanken. -- Er sah sie

an der Erde liegen, maustot, er sandte einen Kranz zu ihrem Begräbnis,

munterte sich dann auf, setzte sich im Bett hin, ein krachender Donner

rollte wütend im finstern Mauerhof der Nacht umher, dann ging die Tür

auf, und Cora stand darin, bleich, sichtbar im Blitzschein. Er verstand

nicht, was sie sagte, da ein neuer Donner herunterknallte, rollend

dahinbrüllte, polterte, aufgrollte und sich murrend zusammenrollte. Cora

hatte Licht gemacht, er fragte, ob sie sich fürchte.

»Fürchten nicht,« sagte sie matt, »aber man regt sich doch auf.«

Sie glitt durchs Zimmer zur Tür gegenüber, öffnete, glitt hindurch,

Georg sah auch dort drinnen das Licht aufflammen. Ihr nachsehend dachte

er kümmerlich: Sollte dieses Weib es darauf angelegt haben, mich

zugrunde zu richten? Wie werde ich sie bloß wieder los? -- Er rollte

sich im Bett zusammen, indem flammte das Zimmer blauhell auf, und mit

ungeheurem Prasseln knatterte der Donnerschlag hinterdrein, daß alles

knallte und krachte, sprang in wüsten Sprüngen, tobend, lärmend, um sich

hauend mit Keulen, Wagenlasten voll metallener Schilde umstürzend, Züge

voll Porzellan zusammenschiebend und schlagend, weit hinweg, ermattete

endlich in langen röchelnd rollenden Stößen und ward still, während Cora

erschreckt im Türrahmen erschien. Ganz leise fiel nun der Regen.

Das Licht brannte in George Augenwinkeln; er sah sie dastehn,

mädchenhafter aussehend mit dem gelösten Haarschopf. Sie sagte

theatralisch, sie möchte nackend draußen im Regen liegen und mit Blitzen

spielen. Georg lachte kurz, der Donner knatterte wiederum auf, jedoch

entfernter, er sagte, sie solle schlafen gehn. Wirklich ging sie gleich

darauf hinaus, ohne das Licht abzudrehn.

Georg sah sie nebenan in dem königlichen Bett liegen und würgte an

trocknen Verwünschungen. Herr des Himmels, dachte er, man tut so was

wohl einmal, man umschlingt sich und genießt sich, aber einmal doch

bloß, einmal! Ach, daß zur Verrichtung der sexuellen Notdurft eigentlich

alle Frauen zu schade sind! Wie kann ich denn eine Frau acht Tage lang,

acht Jahre lang immerzu lieben? Das ist doch eine Unmöglichkeit! Ich

schwöre, daß man eine Frau, die man liebt, ein einziges Mal umarmen

darf, nicht mehr! Oder es müssen Wochen und Monate vergehn, bis man das

erste Mal vergessen hat. Ich hasse dies Weib. Ich habe sie von Anfang an

gehaßt, ich erinnere mich nicht, mich jemals mit solcher Wut in eine

Frau gebohrt zu haben, -- aber, dachte er, wenn ich schlaff --

zusammengekrüllt wie ein welkes Blatt oder -- wie so eine aufgestochne

Raupe neben ihr lag, so war das doch geradezu eigenartig. Wenn ich nun

bloß wüßte, was sie von mir will! Bloß so: nicht wieder weg? Geld? nein,

das glaube ich nicht. Sie verdarb sich ihr Dasein, indem sie heiratete,

und nun kann sie den neuen Weg nur nicht finden, hat wohl auch noch

Scheu davor. -- Hier fingen seine Gedanken an, undeutlich zu werden,

bald darauf schlief er ein.

Beim Erwachen fiel ihm ein, daß -- wie eigenartig! -- Himmelfahrt sei.

Er mußte schlecht geschlafen haben, fühlte sich dumpf und unklar, kam

erst einigermaßen zur Besinnung, als er mit der ersten Zigarette vor der

Gartentür im Sessel saß, angesichts des gewaltig herunterströmenden

Regens, in dessen grauer, kalter Masse die Gartenbäume erschüttert und

duldend hin und her wankten. Cora kam dann und ging zu ihrem Frühstück

hinter ihm vorüber nach nebenan. Er gähnte krampfhaft, legte sich mit

geschlossenen Augen zurück und genoß die Wohltat des großen Rauschens

und der fallenden Gewässer, spürte aber alsbald den Angstdruck in der

Magengegend, ruckte wieder empor, saß fröstelnd, die Handknöchel

reibend, und begann zu überlegen. Wenn er abreiste, -- ja, wohin? Und

wie stand er dann vor seinem Vater? Von England war er eben rechtzeitig

ins Semester gekommen, an dem Herzfehler war er freilich gewissermaßen

unschuldig, aber dies Hin und Her war doch abscheulich! Und Renate? Er

fühlte den Druck in der Magengegend stärker, die Gedanken zerstreuten

sich. Da sprang er auf, ging ins Schlafzimmer, zog feste Stiefel und den

Gummimantel an und lief in den Regen hinein. Das tat wohl, er konnte

über sich selbst hinwegsehn, Wipfelwanken und Regensturz groß und

stürmisch empfinden, und als er wieder die Tür des Schlößchens öffnete,

hatte er das Gefühl, daß etwas sich inzwischen ereignet habe. Ja, der

Diener sagte, Fräulein Chalybäus habe aus Berlin angerufen; sie würde

nach einer Stunde noch einmal telephonieren. Magda? Was war da geschehn?

Sie hatte kein Telephon in der Wohnung, er mußte warten.

Als er ins Zimmer kam, saß Cora am Flügel und klimperte aus

irgendwelchen Noten, die sie gefunden hatte. Er setzte sich wieder in

den Sessel und begann alte Gedichte durchzulesen, um zu sehn, was sie

wert waren. -- >An E.< stand da.

Träumerische Stunden lang

Senk ich mich in deine Ferne

Wie in einen Glockenklang,

Den ich zärtlich lieben lerne ...

Lieben lernen? Einen Glockenklang?

Der aus unbekanntem Tal ...

Georg überflog zwei Strophen und kam zur letzten:

Und indes die Nacht anbricht,

Sprech ich seufzend zu den Winden:

War ich heimgerufen nicht?

Aber sagt, wie soll ich finden!

Georg fluchte. Vor einem Jahr schrieb ich das? Und wann hätte ich jemals

zu den Winden gesprochen? -- Da fing er das nächste Gedicht an:

Aber du, Geliebte, deine Augen

Hat noch nie ein falscher Hauch getrübt ...

-- übersprang eine Zeile --: In der seligen Geduld geübt ... Wen meinte

ich damit? Er nahm ein anderes Stück vor und las:

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 68 / 124 题