Überraschungen

Georg, aus Berlin zurückgekehrt, hatte sich umgekleidet und trat eben

aus dem Schlafzimmer hervor, als die Tür zum Flur von draußen geöffnet

und -- vom überragenden Benno vorwärtsgeschoben -- etwas anscheinend

sehr Liebliches über der kleinen Treppe sichtbar wurde, ein Mädchen in

gesticktem weißen Kleide und gelben Schuhn, das Gesicht noch

zurückgewandt unter einem großen und flachen, gelblichen Strohhut von

ländlicher Form, einen leichten Feldblumenkranz um den Kopf und mit

langen, nach hinten hängenden breiten Bändern von schwarzem Samt. Das

Gesicht, das nun erschien -- errötet und mit schüchternem Lächeln -- war

ganz und gar mädchenhaft, jung, zart, gerundet, großäugig, ja überaus

lieblich wie das Ganze. -- Benno aber kam jetzt die Stufen herunter

gestürmt, fliegend über und über, fliegender langer Beine und Rockschöße

und Arme, fliegender Stirne und Haare, fliegender Augen, ja selbst die

rot angelaufene Nase im heißen Gesicht schien, sich krümmend und mit den

Flügeln zitternd, entfliegen zu wollen, und so hatte er Georgs Hände

gepackt, zerrte sie nach unten, riß sie nach oben und schleuderte sie

wieder nach unten, stotterte und war glückselig.

»Das ist sie, Georg!« Seine Stimme war ganz ins Tiefe umgebrochen. »Ich

habe sie errungen! Nun nimm sie!« Und die Stimme verhauchte ihm. Die

Augen verkehrt in Scham und Wonne, ließ er Georg fahren, stürzte wieder

zu dem oben noch zögernden und lachenden Mädchen, ergriff ihre Hand und

rief, sie ritterlich zu ihm geleitend:

»Das ist Georg! Nun -- sieht er fürchterlich aus? -- Sie hat gedacht,«

kicherte er, und das eigene Lachen verschlug ihm die Stimme, »du müßtest

schrecklich sein wie Artaxerxes!« Und lachte unmäßig über den Witz.

Georg, bei allem Gerührtsein über Benno, fand sich wider Erwarten mehr

überrascht als entzückt, dieweil er dem Mädchen entgegenging, lachte und

fragte:

»Bennos Braut, das solls doch bedeuten, nicht wahr?« Und er beteuerte

seine Freude, klopfte Benno die Schultern, alle Drei lachten, das

Mädchen eine erstaunlich melodische, fast romanhafte -- dachte Georg --

Silberlache, die Tonleiter hinauf und hinunter.

Rötlich blond war sie; die Scheitel, von der Stirnmitte über die Brauen

zu den Ohren gesenkt, bauschten sich locker und zausig, und weißliche

Streifen zeigten sich im Roten und Goldenen. Die Augen schienen gemischt

Grau mit Braunem und Grünlichem. Oh, sie war hübsch.

»Aber wie heißen Sie denn, bitte? Benno, wie heißt sie? Denken Sie, ich

weiß Ihren Namen so wenig, wie ich bislang von Ihrem Dasein etwas ahnen

durfte. Wie kommt das, Benno, gesteh!«

Benno war tödlich verlegen. Doch -- einmal -- ganz im Anfang hätte er

Georg von ihr erzählt, -- von Begegnungen ...

Tausenden sei er begegnet, Tausenden! -- Und wieder ertönte das gurrende

Lachen hinauf und hinunter, während sie sich mit geschmeidiger Bewegung

vor und zurück bog. Georg gestand, mit halbem Bewußtsein lügend: »Ja,

Benno, wenn sie lacht, ist sie unwiderstehlich. Und nun bitte den

Namen!«

Aber Benno ereiferte sich noch über die tausend Begegnungen, war selig

gekränkt, eitel und beschämt und beteuerte, seit einem Jahr, wo er sie

das erste Mal gesehn, habe er nicht eine einzige Begegnung gehabt. »Und

sie heißt Elfriede!« brachte er endlich, wieder verzückt, hervor.

»Elfriede Krumm«, sagte sie fröhlich und bewußtlos.

»Aber ich habe sie -- Elfe getauft!«

»Wunderbar, Benno! das ist recht!« lobte Georg, in diesem Augenblick

seiner erst unbewußten Enttäuschung ganz inne. Der schändliche Zuname

hatte sie ans Licht gefördert. -- Ja, was ist denn? fragte er sich

besorgt. Hatte ich etwas andres erwartet von Benno? Warum gefällt sie

mir denn nicht? -- Überdem sah er den blassen, stets lächelnden Egon

dastehn zum Zeichen des Abendessens.

»Geh hin, Egon, gratuliere Herrn Prager, das ist sein Fräulein Braut.«

Während Benno des blassen Egon Arm auszureißen suchte, drängte Georg die

Elfriede -- Elfe gelang ihm zu denken nicht -- zum Mitessen und bewegte

sie, obwohl sie sich zierte -- ihre Mama erwarte sie doch --, allmählich

durch das Zimmers, dann zum Annehmen seines Arms und führte sie durch

die Tür.

Er konnte sie von der Seite betrachten im Gehn. Ihre Nase war grade,

kurz, schlecht und recht, -- wie auch der Mund, der undeutlich und blaß

war, >als Mund gemacht<, wie Georg einfiel, der sich nicht von ihm

verlockt fühlte. Und nun sah er etwas --, etwas Winziges nur, doch -- es

war etwas ... Am äußeren Augenwinkel nämlich zwei kleine Fältchen in der

Haut, kaum bräunliche Fältchen, die sich bewegten, wenn sie, wie sie

beständig tat, die Augen zusammenzog im Lächeln und Lachen. -- Die

sinds, stellte Georg unerbittlich fest; ich werde dahinterkommen, was

sie bedeuten.

Und während das Mädchen nun am Kopfende der ovalen Tafel in der Apsis

zwischen den Freunden saß, mehr lachte als sprach, Georg ihr von der

Omelette und ihrer Füllung von kleinen Frühjahrserbsen mit der Bemerkung

vorlegte, das sei »die einzig mögliche Speise für zarte Bräute« und, so

weiterhin scherzend, mehr albern war als heiter -- was jedoch allein er

selber zu bemerken schien --, prüfte er sie auf das genaueste.

Die Bewegungen beim Essen waren zierlich. Aber die Hände waren nichts.

Rötlich, ausdruckslos, nicht groß, nicht klein; die Zeigefinger waren

schief gebogen, die Gelenke verdickt, und der Daumen hier -- oh der

Daumen war ein leibhafter Altjungferndaumen, und augenblicks erkannte

Georg, daß ihre Augen -- hart waren, im Schnitt und Eingefügtsein in die

Lider, nein hart sogar, wenn sie sich ernst verhielt, im Blick. Und da

waren die zwei Fältchen links und rechts. Diese Fältchen, dachte Georg,

werden dafür sorgen, daß ihr Gesicht lange so bleiben wird wie jetzt,

rundlich, weich, die Züge unverändert, nur die Frische, die wird eines

Tages verschwunden sein -- ich sehe ja das reizlose Fleisch schon jetzt

unter der zarten Haut. Und dann auf einmal wird sie -- hart geworden

sein, oh hart ist sie jetzt schon ganz innen! -- und alt ...

Es half Georg nichts, sich zu wundern und zu schelten wegen seiner

Richterlichkeit. Sie war reizend -- und er mochte sie nicht. Und ihn

bangte wegen Bennos. -- Habe ich nicht immer für ihn sorgen müssen?

fragte er sich gerührt, ihn sitzen sehend in seiner Übergossenheit von

Seele und Seligkeit.

Egon trug, wie Georg befohlen, Sekt im Kühler herein und stellte

Spitzgläser auf, zu Bennos tiefstem Entsetzen auch eins vor Georg, der

doch keinen Wein mehr trank seit seiner Krankheit.

»Ich dulde es nicht, Georg!« empörte er sich, »es ist unerhört von dir!«

und ging so weit, ihn am Arm festzuhalten, daß der Wein das Tischtuch

überschäumte. Das schaffte denn Aufschub, und Georg gelang es, seinen

Trinkspruch auszubringen, anzustoßen und einen Schluck zu nippen.

»Aber was wird nun Renate sagen?« spottete er, das Glas niedersetzend.

»Ich denke, Benno, du verzehrst dich in Anbetung, nicht wahr --, und nun

...«

Oh dies ewige, mühelose Lachgeklingel sollte der Teufel holen! -- Georg,

dem nach der langen Entbehrung der Schluck Weins doch den Kopf erhitzte,

sah und hörte nichts mehr, dieweil er innerlich scharrte: Da ist nun

Renate, da ist doch auch Ulrika, Irene, Magda erst! -- Da war Esther, da

war die ganze Stadt voll schöner, sanfter Frauen, -- und er nahm diese

endlose Heiterkeit. Ist das nun seine Ergänzung? Hatte er denn je ein

Verlangen nach Leichte und Fröhlichkeit bezeigt? Ach, sie ist ja

gewöhnlich, Benno, siehst du's denn nicht? Ihre Mutter möcht ich gesehn

haben, dann wüßte ich alles. -- Und nun hatte Georg auch ein ungefähres

Bild von dem stillen und ernsten, vielleicht sanften und rührenden,

jedenfalls aber ernsten Wesen und jedenfalls ganz zarten und feinen, in

Heiterkeit vielleicht liebevollen Geschöpf, das er unbewußt irgendwie

als Bennos Ideal in der Zukunft zu gewahren geglaubt hatte. Nun diese

kleine Tänzerin oder Sängerin meinetwegen, Elfriede Krumm, -- na, für

den Namen konnte sie freilich nichts, obwohl besser noch grotesk als

gemein -- aber immerhin hatte sie es nicht weiter gebracht, als an

diesem holzigen Stamm eine kleine Windenblüte aufzutun. Eine seltene

Aloe am Stamme des Gemeinen war sie nicht, und Georg fing an, sich den

Kopf zu zerbrechen, ob nur Benno sich von ihrem Liebreiz hatte blenden

und irren lassen, oder ob also doch ein Stück vom Bürger in ihm steckte,

den es zu seinesgleichen zog. Schubert, dachte er, Schubert war auch so

ein Halbgott in Stiefeln, unsterblich wenn er sang, im Dasein ein

kleiner Spießbürger. -- Ganz heiß ward ihm da im Gedanken, dieser süße

versilberte Engel könnte den armen, schwachen Benno aus seinem wahren

Paradies vertreiben. Denn was tut sie, und was ist an ihr, wenn sie

nicht lacht? -- Heiraten, mein Gott! Wenn er sie doch zur Hetäre nähme!

Oh Benno, es wird ein Unglück geben!

»Wißt ihr, fahren wir doch gleich zu Renate,« mischte er sich mit

Bewußtsein wieder ins Gespräch. (Oh wie zog es ihn zu Renate!)

»Aber meine Mama ...«

»Bei der fahren wir vor. Oder sie kommt mit.«

»Im Dogcart, Georg?« Benno, sein Glas in der Hand, mußte es schnell

niedersetzen, um in eine schallende Lache ausbrechen zu können, die ihn

unwiderstehlich schüttelte, während das Mädchen errötete, unwillig

schien, ja sichtlich einen bösen Blick unterdrückte, -- und Benno

unterbrach sich jählings im Gelächter, nun furchtbar verlegen.

»Ja, was lachst du denn so?« stach Georg -- in einer Ahnung -- auf ihn

ein.

»Mama --« sagte die Elfriede überernst in Bennos Gestammel, »paßt

allerdings kaum in einen Dogcart. Mama ist ein wenig stark.«

Dick ist sie! Unglaublich dick! eine Maschine! ein Elefant! jauchzte und

fluchte Georg innerlich. Nun ist mir alles klar. Eine Bürgersfrau aus

der Markthalle. Rentiere im Adreßbuch! -- Und um so dringlicher fuhr er

fort, der Tochter sein Schimmelgespann zu preisen, das schon halb

verkauft sei; so sei's vielleicht das letzte Mal ... Ich muß die Alte

sehn, dachte er. Und dann zu Renate!

Egon, sich zu ihm beugend, flüsterte: die Dame sei wieder da ...

»Was für eine Dame?« fragte Georg laut.

»Die gestern schon da war, wie ich Durchlaucht ...«

»Ach, die sich nicht offenbaren wollte? Bitte entschuldige mich, Benno,

-- gnädiges Fräulein ... Es wird wohl ein Bittgesuch ...« Georg legte

die Serviette hin, ging zur Türe, öffnete und schloß hinter sich, das

Zimmer zuerst leer findend. Dann sah er Cordelia.

Sie war noch keinen Schritt in den Raum gekommen; oben vor der Tür, die

Hand am Geländerdach stand sie, ihren alten Strohhut in der Hand, ein

welkes weißes Kleid, mit moosgrünem Seidenband unter der Brust, um den

Leib gezogen. Aber -- -- oh -- das ist ein Mensch! war Georgs erstes,

voll aufseufzendes Empfinden in der Erinnerung an Bennos Elfe.

Erstaunt, entzündet von Freude sie wiederzusehn, sagte er leise nur

»Cordelia --«, nun erschüttert von einem unendlichen und schweren Ernst,

einer Wehmut, einer Demut und -- diese durchglühend -- einer fast

mystischen Süße im Dunkel ihrer fernen Augen, im ganzen bleichen,

atmenden, sehnsüchtig bewegten Gesicht.

Der Hut, ihr entfallend, rollte die Stufen hinunter. Sie folgte ihm,

schrittweis, die Hände gefaltet, die Blicke unveränderlich auf ihn

geheftet mit einem für Georg kaum noch erträglichen, sprachlosen Flehen.

Einmal lächelte sie hülflos. Ein paar Schritte noch von ihm entfernt,

hielt sie an, schauderte heftig zusammen, bezwang sich furchtbar,

lächelte mit Anstrengung und fragte kaum hörbar: »Muß ich -- ganz --

hin?«

Ihm brach das Herz. Sich losreißend, durchzuckt: Sie stirbt ja vor

Angst! -- sprang er zu, riß sie an sich, legte ihren Kopf an seiner

Schulter fest, hielt ihn, der herabsinken wollte, streichelte ihn

unaufhörlich, flüsternd: »Was ist denn, mein Gott, was ist denn? Es ist

ja gut! ist ja gut! Ich bin ja glücklich!«

Leise schluchzend hörte er sie etwas stammeln wie: Gott sei Dank! und:

ja, nun ist es gut ... Langsam kam ihr Gesicht wieder hoch, naß

überströmt, fließender Augen, aber er lächelte wie ein Engel durch den

glänzenden Strom. Sie bewegte stumm den Kopf hin und her. Ihre Augen

fielen zu.

»Willst du mich denn noch?« fragte sie zwischen den Zähnen, »wirklich?«

»Ob ich will, Cordelia? Ja doch, ja! Ich bin ja nur glücklich, wenn du

kommst! Ach,« fuhr er, erschüttert von Mitleiden, fort: »sag mir doch,

was dir fehlt, was dich quält, alles, alles! ich will dir doch helfen!«

Aber sie schwieg.

Im Nebenzimmer ward ganz leise ein Akkord des Flügels hörbar, nur der

eine, süß aufschwirrende Schlag, als habe ein Vogel die Tasten

gestreift, für Georg ein lieblich erstaunendes Zeichen des Augenblicks.

Dann, abgelenkt, sah er durch die Wand Bennos lange Schattenfigur, wie

sie sich auf die Tasten bückte: er mußte sie wohl doch einmal berühren,

einen Ton hören, die Musik ein Wort sagen lassen zu seiner Inbrunst.

Cordelia aber hatte aufhorchend die Augen geöffnet.

»Was war das?« flüsterte sie, und Georg gestand, es sei Besuch nebenan,

ein Freund mit seiner Verlobten; ob sie erlaube, daß er ihnen eben

Bescheid sage, sie seien eben schon im Begriffe zu gehn. Cordelia nickte

nur stumm und machte sich los von ihm.

Die Tür öffnend scheuchte er das Brautpaar aus der Buchtung des Flügels

und aus einer ganz ähnlichen Stellung wie die, in der Georg selber sich

eben befand, was seine Betäubtheit rasch in angenehme Heiterkeit löste,

also daß er, da das Mädchen ohnehin heimwärts drängte, mit leichtem

Bedauern der verhinderten Fahrt sich entschuldigen konnte. Er brachte

sie noch durch das gangartig lange und halbdunkle Billardzimmer auf den

Flur und bis vor die Tür, winkte ihnen nach und dachte, mit den Augen an

Bennos Rücken haftend: Seltsam doch, daß grade er so aus unsern Kreisen

fallen mußte. Gedichte mach ich ja auch, aber der einzige Unsterbliche

war doch immer er. Ach so, erinnerte er sich im Abwenden, die Götter

trugen ja immer nach besonders irdischen Frauen Verlangen. Ja, sie war

eine kleine Rubensschönheit, Danaë ... und --

Georg richtete sich lächelnd straff. Und Benno muß heiraten, muß -- weil

er das nicht fertigbringt was ich. Ah sie war wieder da! Gott sei

gelobt, murmelte er vor sich hin, nun kommt die Erlösung erst von Cora!

-- Er schloß die Tür hinter sich.

Wie er aber leichtfüßig den Flur zurückeilte, wurde die Tür am Ende

geöffnet, mit Vorsicht. Cordelias Antlitz erschien im Spalt, groß

offenen, furchtsam spähenden Auges, und erschrocken bei seinem Anblick

schlug sie den Türflügel wieder vor ihm zu, den er gleich darauf

erreichte.

Als er dann drinnen stand, war sie an das Geländer zurückgewichen, hielt

es mit den Händen neben sich gefaßt und ließ wie eine Schuldige den Kopf

sinken. Sich überwindend, sie nicht feindlich anzusehn, versuchte er zu

scherzen, ob sie ihm doch wieder habe entwischen wollen ...

Sie lächelte traurig und sah auf. »Es soll also wohl doch sein«, sagte

sie leise. »Nein!« sie drängte sich an ihn, »sieh mich nicht so an!

frage nicht! ja, versprich mir das, schwören mußt du's, Georg, hörst du,

du mußt es schwören!«

»Ja, gewiß! gewiß doch! was denn?«

»Nie fragen, Georg! Nie, nie, niemals und nach nichts fragen! Ach,«

weinte sie plötzlich laut auf, »was willst du denn von mir? Ich weiß

doch, daß du mich nicht liebst.« Sie brach ab, ihn hart und verschlossen

anblickend.

Georg vermochte nicht auszuweichen. Nicht lügen! dachte er nur, und

seinen Augen es überlassend, sie zu bezwingen, sagte er klar und

verständlich, wie er es meinte.

»Ich brauche dich.«

»Den Leib«, hauchte sie elend.

Was nun sagen? -- Er küßte behutsam ihre Stirn, und damit schien er

Glück gehabt zu haben, denn mit aufblühendem Lächeln unter seinem Kuß

flüsterte sie:

»Und die arme Seele mit ... Meinst du, daß ich eine habe? -- Ach laß

nur«, wehrte sie matt und drückte die Augen an seine Schulter.

»Du kennst mich doch nun ein wenig,« redete er, ihr Haar streichelnd,

auf sie herab, »du weißt doch, wer ich bin!« und hörte sie aufsagen

leise, ohne den Kopf zu heben: »Prinz -- Georg -- Trassenberg.«

Dann, sehr liebevoll: »Mein Prinz!« und Georg fuhr zurück wie gestochen.

Er strauchelte auf den Stufen, erreichte mit Mühe aufrecht den Boden,

seine Knie versagten, er tat noch zwei Schritte und stand, entsetzt, die

Hände an den Schläfen.

Jetzt -- da wars! Jetzt wars gekommen. Jetzt mußte -- -- mußte -- was?

-- was? -- Die Wahrheit gesagt werden oder -- oder gelogen. Warum

gelogen? Um die letzte Probe ... um zu sehn, ob es erträglich, möglich

...

»Was ist dir denn?« hörte er sie aus weiter Ferne fragen, sah aber in

der selben Sekunde dicht vor sich ihre besorgten Augen, die flackerten;

ihr Gesicht, ihre weiße Gestalt, die dunklen Wände des Raums, der große,

grüne Lampenumhang -- alles flackerte auf und nieder wie aus gasigen

Flammen, während er sie nur anstarren konnte und merkte, wie sie seine

Hände ergriff und herabzog. Durch das Sausen in seinen Ohren hörte er

sie etwas sagen, ohne zu verstehn.

Du Feigling! sagte dann eine Stimme, du willst es ja nur aufschieben!

»Nichts, Kind, nichts!« brachte er endlich hervor. »Es war wohl mein

Herz, -- es ist nicht ganz in Ordnung. Laß nur, es geht schon wieder.

Ja, wovon sprachen wir doch eben? Richtig, meinen Namen sagtest du ...«

Er irrte wieder ab. »Ja, und wie ist der deine?« hörte er seine eigene

Stimme fernher, erwachte dann und setzte beherrscht hinzu: »Oder darf

ich das auch nicht fragen?«

»Cordelia Severin«, sagte sie leise. »Aber ist dir auch wirklich wieder

gut? Komm, setz dich hin!«

Sie führten sich gegenseitig zu einem der Sessel in der Kaminecke, Georg

fiel ermattet hinein und zog sie auf seine Knie. Sein Herz jagte in der

Tat haltlos. Vielleicht war doch der Schluck Sekt schuld.

»Und was wird nun aus uns?« konnte er indessen wieder scherzen. »Bleiben

wir zusammen? Möchtest du hier wohnen? In einem Schloß?« -- Es stach

wieder in seinem Herzen. Er verstand nicht recht, weshalb ihm so

unendlich sanft und weich zumute war, und fuhr fort, ihr weiches Gesicht

unablässig zu streicheln und zu glätten. Da sie nur nachdenklich vor

sich hin lächelte, fragte er weiter: »Oder soll ich zu dir kommen?«

Nun schauderte sie leicht zusammen. »Nein! oh nein!« stieß sie hervor.

»Also was denn? Soll ich ein Haus kaufen?«

Wieder ruhiger blickte sie in seine Augen, küßte ihn leise auf den Mund

und sagte liebreich:

»Ich will, was du willst. Aber ich möchte nicht gern in -- dein andres

Leben. Möcht ganz für mich sein -- und für dich. In mein Leben sollst du

auch nicht. Wir wollen zusammen ein drittes haben, ganz für uns, gell?«

»Ja, das wollen wir. Also dann willst du wohl Geld haben, was?«

»Ja, bitte!« sagte sie ganz ernst.

»Ich hab aber selber keins da«, meinte er lustig. »Nun, warte, es findet

sich schon ein Weg. Willst du mich mal aufstehn lassen?«

Während er eine Schreibtischlade aufzog, ein Checkbuch hervorholte, sich

setzte und mit eiliger Hand in ein Dutzend und mehr Seiten seinen Namen

eintrug, fragte er zurück, ob sie vielleicht auch schon ein Haus wisse?

-- Leise auflachend bejahte sie und sagte plötzlich wieder im Dialekt

und in ihrem verträumten Ton:

»I hab ans aangschaut vor a paar Tag. In der Alleestraße heroben, ganz

heroben am End, auf an Hügel liegts. I tu alsfort Häuser anschaun, wanns

fein ausschaun und Mietzettel ham.«

»Na, das ist ja schön! Da muß ich dir wohl einrichten helfen?«

»Nimmer nötig! 's steckt ganz voll von Möbeln bis ans Dach, schöne

Möbel, olte, ach du mein!«

Georg, sich umdrehend beim Schreiben, sah sie auf der weichen

Sessellehne sitzen und mit runden Augen nach allen Seiten spähn.

»Nicht so schön halt wie die«, plapperte sie weiter, nach der Bücherwand

nickend. »Aber ein Schlafzimmer hats, das wird dich freun. Da stehts

Bett im Alkoven, der hat -- so ein Fuß grad überm Bett -- ein ganz

schönes, breites, großes Fenster. Wenn man da naus schaut, -- ja, das

glaubst net, Gorch, da hast vor dir das ganze Land, alle Wiesen und

Weiden und die blauen Wälder hinten und Dörfeln -- ah -- viele! Schlafen

kannst da mitten im Frein, und unterm Fenster -- da ist der Garten, und

der Teich, und eine ganze Wüstn von floribus«, schloß sie plötzlich mit

hörbarem Punkt. Georg sprang auf, warf sie fast in den Sessel hinunter

und erstickte sie mit Küssen.

»Und Hesekiel! Georg, laß los, ich ersticke ja!« keuchte sie, »und

Hesekiel, darf ich den aach kaufn?«

»Was du willst, Liebling, was du willst! Aber wer ist denn Hesekiel?« --

Er hielt sie wieder auf den Knien und ließ sich kleine Küsse von ihr

geben, während sie erzählte:

»Hesekiel -- das ist ein -- orms Luder. Ein bißchen dumm ist er schon,

weißt! so ein -- Idiot oder -- -- wie? Er vergißt halt alles. Nur eins,

ein einziges, das kann er grad behalten. Und er hat ein' Buckel und ein

ganz spitzes, altes Gesicht und einen wehmütigen kleinen Mund. Oh

Hesekiel ist ein lieber Kerl, der wird dir gfalln. Nun ist er -- was die

Bälle aufklaubt bei die Tennisleut. A so a olter Mensch und klaubt Bäll

auf. Verheirat is er net. Gell, den nehm mir? Den nehm mir zu uns?«

Georgs Herz jubelte vor Entzücken. Oh Benno, was habe ich und was du! --

Sogar die Erscheinung Renates ging schmerzlos vorüber. Ich werde

lebendig sein, ganz lebendig, arbeiten können, gesund sein, und das

andre -- alles andre wird sich finden, sich finden.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 70 / 124 题