»Ach, Sie haben ein Bild von Esther,« sagte sie, am Schreibtisch
stehend, »darf ich es sehen?« Sie nahm es in die Hand, ihr Gesicht ward
wehmütig, sie stellte es wieder fort. »Heut vor einem Jahr war es
anders«, sagte sie leise.
Es ist eine ganze Rinde um sie, dachte Georg und erinnerte sich, wie sie
im Vorjahr um diese Zeit hinter Irene durch die Büsche gejagt war, oder
auf dem Rasen gelegen hatte.
»Wir sind ein ganzes Jahr älter geworden«, bemerkte er nichtssagend.
»Zwanzig Jahr werd ich«, meinte sie ruhig.
»Ein Monat mehr als ich. So, hier kommt Kaffee.« --
Sie zog die Handschuh aus, goß sich Kaffee ein, dann für Georg Tee aus
der andern Kanne, tat Zucker, Sahne hinein und gab ihm die Tasse. -- Wie
es denn mit seinem Herzen stehe, fragte sie, in den Sessel gleitend.
Er lehnte sich an den Schreibtisch und versicherte: »Glänzend! Die
Wochen im Taunus haben mich völlig wiederhergestellt. Ich habe in
Trassenberg schon wieder fest gearbeitet. Übrigens haben Sie dort einen
großen Verehrer. Das heißt, eigentlich sinds zwei, denn mein Vater
fragte gleich nach Ihnen. Der andre ist Onkel Birnbaum. Sie kennen doch
Onkel Salm? Sie haben einmal in Helenenruh drei Worte mit ihm
gesprochen, davon ist er noch beseligt. Als ich anfing, sprechen zu
lernen, soll Onkel Salm mein erstes Wort gewesen sein. Ach, was haben
wir ihn geliebt, Magda und ich! Er war zu allem gut, er hatte in
Helenenruh immer Zeit für uns, schleppte uns herum, ließ sich
malträtieren, kam für jeden Schaden auf, vertuschte alles, oh eine Seele
von einem Menschen.«
»Weiter, Georg, Sie erzählen so nett.«
Er setzte die Tasse fort, faltete die Hände ums übergeschlagene Knie und
dachte an seine Kindheit.
»Haben Sie je gemerkt, wie sonderbar das mit uns ist, Renate? In meinem
Leben hat es -- Gott, ich bin ja noch so jung! -- viele goldene, schöne,
glückliche, erhebende Augenblicke gegeben. Wenn ich mich aber jetzt
erinnern soll: wann war ich glücklich? was fällt mir dann ein? Dann muß
ich an die Stille denken im Pragerschen Hause, nach dem Essen, wenn
alles schlief, wenn ich in meinem Zimmer saß und Karl May las oder
Käpten Marryat und dabei von fern, aus der Küche, die Geräusche des
abwaschenden Mädchens hörte, und hier und da ein Stück ihres Gesangs: Es
war ein Sonntag hell und klar ... so eintönig, so -- öde und -- ach, so
unbeschreiblich sonderbar in der Stimmung, -- und dazwischen das
Klappern der Teller, die sie in die Aufwaschbütte stellte. Ja, da muß
ich glücklich gewesen sein. Oder ich sehe die Dämmerung, und in der
Dämmerung die Tapete im Trassenberger Kinderzimmer, und das dicke
Federbett vor mir, unter dem ich mit ein bißchen Mandelentzündung oder
Masern, oder was es nun war, lag, und mit diesem wunderbar dumpfen
Gefühl angenehmen Krankseins im Kopf sehe ich den hängenden Schnurrbart
von Onkel Salm, und seine immer noch ein bißchen abstehenden Ohren, und
seine dicklichen, und doch so geschickten Finger, mit denen er mir eine
Festung pappt, oder Figuren ausschneidet, oder die Steine auf dem
Damebrett zieht. Oder ich sehe ihn auf den Zehenspitzen hereinkommen,
von weitem spähend, ob ich wach sei oder nicht. So sonderbar ist das!
Wenn meine Mama einmal kam -- Georgs Gedanken irrten flatternd ab --,
das war immer eine erstaunliche Freude, und auch ein Schauder, obwohl
ich den damals wohl noch kaum spürte, aber glücklich war ich, wenn Onkel
Salm kam, den ich am Schnurrbart zerren konnte ... Haben Sie je etwas
Ähnliches ...« fragte er hastig, seine Gedanken abbrechend.
»Oh ja --« sagte sie gedehnt, »es ist wohl ähnlich bei allen Menschen
...«
»Ja,« sagte er wissend, »denn was aufregend war, vergeht, alles
Plötzliche verliert seine Kraft, da es ja niemals wieder plötzlich sein
kann, aber was sich von selber einstellte, kaum bemerkt, ja ganz
unbewußt, -- was namenlos in uns war, aber innerst tief und stark, das
taucht wieder auf, das sind stille Schätze, die sich immer wieder
hervorholen lassen ... Was vom Menschen nicht gewußt, oder nicht bedacht
... Durch das Labyrinth der Brust ... Ja, nun wollen wir fahren, ists
Ihnen recht?«
Sie gingen hinaus, traten aus der Tür und -- halloh, da standen sie!
»Ja, was sagen Sie nun?« fragte Georg triumphierend.
»Es ist ein Staat«, sagte sie und ging schnell zum Vordersten der beiden
großen, stämmigen Belgier, die unbeweglich hintereinander standen, weiß
und rot gesprenkelt, mit weißem Lederzeug. Auch der Gärtner hatte seine
Sache brav gemacht und den Dogcart sehr leicht in die schwarzen Iris
gepackt; die Räder waren durchsichtige Scheiben davon.
»Graue Iris,« sagte Renate, »Georg, das ist wirklich schön!«
»Raffiniert, heißt es,« lachte er, »sehen Sie wohl: Schwarz, das nicht
Schwarz, Weiß, das nicht Weiß, und Rot, das nicht Rot ist! Steigen wir
ein.«
Ja, dieses war ein wahrhaft königlicher Tag. Leicht klangen die Schellen
vor der Brust der locker vorwärts stelzenden Pferde, leicht und locker
wippte das Wagengestell. »Schade,« meinte Georg, »daß Sie nicht spüren
können, wie die Pferde im Zügel gehn, als wären sie blind; nur von Zügel
und Peitsche hängen sie ab, geben Sie acht, ich lasse einen Augenblick
locker! jetzt!« Der Wagen rollte langsamer, die Pferde standen still.
Georg schnalzte, warf die lange Peitschenschnur wie eine Angel aus, und
es ging leicht und locker um den Rasenplatz weiter.
Die Alleen waren ein Gewimmel schwarzer und weißer Menschen unter einer
goldenen Schicht von Staub; Blumengestelle, fahrende Ungetüme, die
Kutscher, Reiter ragten drüber hinweg. Vorsichtig tastete er sich mit
den Pferden durch das Getümmel den Fahrdamm hinunter zum Ende der Alleen
und bog um ins Innere der Lindenreihn, den vor ihm rollenden Wagen
folgend. Ah, ja die Rotschimmel erregten mächtiges Aufsehn, wie sie fast
nackt in dem dünnen Riemengeschirr das schwärzliche Gefährt dahinrollen
ließen. Georgs Sinne fingen heftig an zu glühn. Das ist diese herbe
Rinde um ihre Gestalt, dachte er, um Gottes willen, ihr Mund ist ja zum
Tollwerden! Und dies Profil, und dies Lächeln!
»Ha,« sagte er, »sehen Sie, die Leute fangen an zu grüßen. Ich hoffe,
sie denken, ich fahre meine Braut. Welch ein Jammer, daß ich nicht
regierend bin, dann würden sie Hurra schrein.« Dies scheint mir wirklich
haarsträubend natürlich, dachte er innerlich. Die Militärmusik rauschte
auf, Staub wölkte, Wagen um Wagen rollte vorbei. »Aufgedonnerte
Gemüsekähne«, murrte Georg. »So, da wären wir am Ende.«
Langsam drehten die Pferde sich um ihre Mitte und liefen den Weg zurück.
Georg, Renates Profil unverrückbar in den Augenwinkeln, hing am
unaufhörlichen Spiel der braunroten Ohren, er wehrte traumverloren die
Fliegen von den blanken Rücken, -- ununterbrochen gingen die
Stummelschwänze hin und her. Die Menschen drängten unter den Bäumen
heran, Mädchen knicksten scharenweise, Renate neigte das entzückt
scheinende Gesicht, und Georg nannte sie die Königin des Tages.
Da waren sie wieder am Ende. Renate meinte, noch einmal hinauf, dann sei
es wohl genug. -- An diese Augenblicke, dachte Georg, werde ich mich
niemals erinnern, aber sie sind doch kostbar. Ach, da steht ja Benno!
»Sehen Sie, Renate, da steht Benno und strahlt!«
Sie nickte und winkte, Benno, hochrot, warf den Kopf zurück, lächelte
beseligt und verbeugte sich tausendmal.
»Unter diesem Getümmel das reinste Herz«, sagte Georg anerkennend. Da
waren sie wieder am Ende, und Renate bat, sie noch um den See zu fahren.
Während sie auf dem hohen Ufer um den tiefliegenden Teich voll
Himmelsblau und Wolkenballen hinrollten, biß Georg die Zähne zusammen
und verschwor sich, daß er an Renate und alles andre seine Seele setzen
wolle. Ich habe sie doch immer geliebt, sagte er sich zornig, ich kann
ja nicht los von ihr. Bin ich nicht etwa der Einzige, zu dem sie paßt?
-- Er fand keine Worte mehr, still schweigend fuhren sie dahin,
ununterbrochen klangen die kleinen Schellen, trabten die acht Hufe.
Georgs Sinne verlangten nach einer verdreifachten Schnelligkeit und
zuckten zugleich vor Schreck, wenn ihm einfiel, daß alles gleich ein
Ende nehmen würde. Der See lag schon hinter ihnen, da glühten die
Sportswiesen zur Rechten weithin dunstig in der Sonne, rot- und
weißgestreifte Hockeyspieler sprangen in wilden Zuckungen hin und her,
nun rollten sie in den Schatten der großen Bäume, da stand der Obelisk
am Wassergraben, der Weg bog zur Rechten aus, sie waren wieder im
Freien, neben der Hecke, an den Wiesen, dumpf polterten die Hufe auf der
kleinen Holzbrücke, Baumschatten nahm sie auf, rechts dunkelte der
Graben, hinten erschien der gelbe Mauerputz des Schlößchens im bewegten
Grün. -- Ob ich ihr nicht eine Andeutung -- ein ...? Aber er wagte kein
Wort. Seine Hände glühten in den Handschuhn, er ließ die Zügel locker,
die Pferde fielen zum erstenmal in Schritt, er sah, wie sie gleichmütig
dahinschritten, wie Kühe mit schaukelndem Rücken. Die Hälse gingen tief
nieder und empor, das Vorderpferd hob den Kopf, schüttelte ihn und
grunzte. Wie still es war! Es ist Wahnsinn, dachte Georg, aber wie kann
ich sie ungeküßt lassen?
»Nun, wars schön?« fragte er freundschaftlich. Sie nickte und meinte, es
führe sich sehr angenehm und leicht. Duft ging unbeschreiblich von ihr
aus. Es flimmerte vor Georgs Augen. Blaue Stürze von Himmel brachen
durch das Gewimmel der Wipfelzweige, laut schlugen Buchfinken. Drei
Spatzen tummelten sich im weißen Staub der Straße, schimpften und
flatterten schwärzlich auf vor den Hufen. Da standen die Kandelaber vor
der Rampe, da der große schwarze Kasten von Automobil am Rande des
Rasenplatzes, und der Kutscher ging schon um den Wagen und bückte sich
und warf den Motor an. Die Pferde standen still.
Georg, kalt vor Erregung, Bitterkeit im Munde, schleuderte die Zügel
unbekümmert über die Pferde hin, daß sie erschraken, vortraten und der
Wagen anruckte, während er absprang und nach der andern Seite herumlief,
um Renate selbst herunterzuheben. Das Herz schlug ihm süßlich, als er
ihre Hand, ihre Last auf der Schulter spürte. Sie wechselten noch
irgendwelche Worte, sagten: »Auf Wiedersehn!« Dann sank sie in die Tiefe
des dämmrigen Wageninnerns zurück, der Motor murrte und rasselte, und
alles rollte mit langsam knurrender Schwenkung auf die Wegmitte und
davon. Georg las noch lange ohne Gedanken die Nummer auf dem Schilde
unterm After der Karosse, stand und wußte auf einmal nichts mit sich
anzufangen. Ja, was nun? dachte er. --
Danach stand er beim Vorderpferde, das den Kopf auf seine Schulter
legte, tätschelte ihm den festen Hals, atmete den Geruch von Roßhaar am
Gesicht und sagte sich: Was war nun das? Eine halbe Stunde Pferdelenken.
Die Gäule verkauf ich morgen mit Gewinn an Prinz Taxis, was soll ich mit
einem Tandem? Unkas genügt mir. Da bin ich mit einer schönen Frau über
den Korso gefahren, und wir haben geplaudert. --
Der Groom sagte etwas, Georg antwortete etwas, wandte sich um und sah am
Rande des Rasens eine Dame stehn, in einem fliederblauen Kleid,
verschleiert, die mit der Spitze des Sonnenschirms zwischen den Halmen
stocherte, und es war Cora. Hatte sie ihn gesehn? Aber natürlich! Er
bewegte sich, sie sah auf und tat, als sähe sie in diesem Augenblick,
daß er es sei. Nun ging er auf sie zu, unwissend, was kommen würde, aber
entschlossen, daß nichts ihn bekümmern sollte. Sie blickte ihm gerade in
die Augen und sagte:
»Bereits außer Dienst gestellt, Prinz, oder nur _à la suite_?« Über sein
langes Fernbleiben also glitt sie stillschweigend hinweg ...
Er fragte, ob sie einsteigen wolle, aber sie antwortete gar nicht.
Abgewandt stand sie da, Georg stumm neben ihr und verbissen.
»Zeigen Sie mir lieber Ihre Wohnung,« sagte sie spitz, »wo waren Sie so
lange?«
Ich will nicht antworten, dachte er und bemerkte obenhin, es sei ein
schöner Tag, und er wäre viel unterwegs gewesen; übrigens schien sie
keine Antwort zu erwarten, entspannte einen apfelgrünen Sonnenschirm und
setzte sich in Bewegung.
Auf dem Flur, im Zimmer sah sie sich mit leichten Bewegungen des Kopfes
im langsamen Vorbeigehn alles an, ließ sich den Schirm abnehmen, blieb
dann vor einem kleinen Ölbild stehen, das am Boden stand, an den
Schreibtisch gelehnt, eine Bulldogge, von Bogner gemalt.
»Ach,« sagte sie entzückt, »das muß von Benvenuto sein! Es ist herrlich,
der Mann ist ein Genie, finden Sie nicht? Schade, daß er so selten hier
ist, haben Sie von dem Riesenauftrag gehört? Ich habe ihn kaum zu sehn
gekriegt, ich bin jetzt viel allein, mein Mann ist verreist, -- ja, er
hat sich überarbeitet, -- nein, dieser Hund! Wie er dasteht! Aber
möchten Sie so einen Hund haben? Er ist doch zu häßlich! Ich kann
Bulldoggs nicht ausstehn, Herbert wollte immer einen haben, -- Gott,
wenn man keine Kinder hat! wir hatten auch mal einen Terrier, aber er
roch so ... Sie sehen gut aus«, sagte sie, vor ihn hintretend.
Sie hatte den Schleier hochgeschoben, er sah ihre matten Augen, das
blasse Band von Sommersprossen darüber, den verwischten Mund, die in der
Mitte breiten Lippen, dann wichen ihre Augen aus, sie ging an ihm
vorüber und mit ihren weichen Seitwärtsbewegungen im Zimmer umher. Georg
trat an ein Bücherregal zurück, stützte, die Hand am Hinterkopf, den
Ellenbogen dagegen, sah ihren Hals von hinten und den goldbraunen,
flachen Strohhut, wie sie sich über den Schreibtisch beugte und Esthers
Photographie in die Hand nahm. Doch war sie eigenartig, und ihm ward
lüsterner zumut, er spürte ein hitzig glühendes Schwellen am Leibe,
dachte, er wollte hinter sie treten, ihren Kopf zurückbiegen und -- bloß
sie haben, ja so bloß ... Da sah er Esthers kleines, photographiertes
Gesicht in ihrer Hand, ihm fiel ein, wie er hier zum erstenmal
eingetreten war nach ihrem Tode, wie er sie dann überall verspürt hatte,
immer hinter sich; wenn er am Klavier saß: im Nebenzimmer, wenn er am
Fenster stand: am Klavier, -- aber empfinden ließ sich das nicht mehr.
Dann war er in den Taunus gefahren ... Esther war lange tot. --
Cora hatte das Bild stillschweigend wieder hingesetzt, bewegte sich
wieder, stand in der Tür zum Nebenzimmer. Er glühte auf, ging auf sie
zu, trat hinter sie, faßte ihre Ellbogen, sie wehrte sich, gleich darauf
fiel ihr Kopf nach hinten zurück, ihr Gesicht lag an seiner Schulter,
sie atmete heftig, die Augen geschlossen, den Mund zugepreßt. Er legte
den seinen darauf, preßte, so stark er konnte, ihre Lippen teilten sich,
er fühlte ihre Zähne und schob seine Zunge dazwischen. Nun warf sie sich
herum, gegen seinen Leib, warf ihre Arme um ihn, er fühlte ihre Hände
auf seinem Rücken zucken und fliegen, ihr Leib ging stoßweise auf und
nieder, während ihre Lippen, ihre Zungen, ihre Atemstöße sich
vermischten, er riß ihr Kleid auf, tastete nach ihrer Brust, und sie
griff zu und riß die Bänder an der Untertaille auf, und er hatte ihre
linke Brust in der Hand, schlaff, warm und weich, aber doch ... Da
wankten sie, -- oh Teufel, nun war kein Diwan da! Wohin mit ihr? Sein
Bett war greulich schmal. In den Garten? am lichten Tag? Wütend jagte es
ihm durch den Schädel: das verschlossene Zimmer! Er ließ sie los, griff
die Schlüssel aus der Tasche, lief, die Türen aufstoßend, durch Bade-
und Schlafzimmer zur Tür, schloß auf und öffnete, ohne umzusehn. Er
zauderte, kehrte langsam zurück, da stand sie abgewandt, vorn an ihrer
Taille hakend, aber sie hatte den Hut abgenommen, und er umschlang sie
wiederum, hob sie auf und trug sie davon. Sie war schwer, aber er zwang
sich bis zur Tür des Zimmers, wo er sie niederlassen mußte. Sie,
ungeschickt sich aufrichtend, machte erstaunte Augen in den Raum,
während ihm die seinen überquollen vor Gram über die Schändung des
Heiligen, so daß er sekundenlang nichts sah, als die schwarzen, über die
Fenstervorhänge von Cremeweiß fliegenden Reiher. Dann erschien, schräg
im Raum mit dem korngelben Teppich am Fußboden, der dunkelviolett
überspannte Diwan mit einigen Kissen in Lichtgrün, Fleischfarbe und
Weiß, dahinter das alte indische Tempelpaukenbecken auf einem
Ebenholzschemel gefüllt mit imaginären Blumen. Und endlich mußte er
gegenüber der Tür das Himmelbett sehn, meergrünes Gewoge von Falten und
Bäuschen, aus dem das wenige Mattgold der schlanken Säulen blitzte und
-- unter seinem wilden Fingerdrucke entflammte eine geheimnisvolle
Leuchte -- der zarte Perlmutterschimmer in den Kassetten des
Betthimmels. Indem sah er Cora vorwärts gehn und das ovale, in rosene
Marmorwülste gefaßte Becken in Augenschein nehmen, aus dem ein
silberner, fadendünner Strahl steigen und Wohlgeruch aus Ophir
zerstäuben sollte, wenn -- -- Georg verließen die Sinne. Aus den großen
farbigen Flecken schmolz die eine Farbe, die Un-Farbe, die nicht
auszudrückende, nicht zu beschreibende, -- nicht weiß, nicht rosen,
nicht elfenbeinen, nicht marmorn, und doch Farbe von allem, vom Schnee,
und vom Mandelbaum, vom Kirschbaum und der Narzisse, und nicht Farbe,
Äußeres, sondern Hauch von innen, Leuchten, Atem, Blut, Süße von innen,
-- Renate! -- Georg zuckte.
Mit geschlossenen Augen saß sie da. Dann warf sie sich, das Gesicht in
den Händen verbergend, in die Kissen. Einen Augenblick dachte er, davon
zu laufen. Da war wieder diese entsetzliche Pause! Er spreizte die Hände
von sich, die kalt und schweißig waren. Sie rührte sich nicht. Da kniete
er mit dem rechten Knie neben sie auf den Diwan und fing an sie
auszuziehn, die Taille, den Rock, den Unterrock, graue Halbseide, das
Korsett, violett, abscheulich, -- wie dick ihre Beine waren! Er hörte
sich schnaufen, zerdrückte das beständige Gefühl vieler
Scheußlichkeiten, sah ihre gelbliche, sehr glatte Haut zum Vorschein
kommen, streifte Hose, Strümpfe, Schuhe herunter, sie fühlte sich kalt
an, das Hemd ließ er ihr noch, während er sich auszog, nichts denkend,
gar nichts denkend. Sie hatte ihr Gesicht wieder versteckt, warum wohl?
aber jetzt sah sie auf und sah das Himmelbett, richtete sich auf, wollte
aufstehn und hingehn, aber da schrie er wütend: Bleib! riß das steife
und verwickelte Manschettenhemd über den Kopf und stürzte sich über sie,
fühlte sie und sich kalt und unbehülflich, dann bäumte sie sich und
umschlang ihn mit allen Gliedern. Einen Augenblick, über ihren Kopf, ihr
verschlossenes Gesicht, die Kissen hin, zu Boden starrend, ging es durch
ihn hin: Esther -- -- Renate -- -- Welche war es? Süß quoll es in ihm
auf: Cordelia! -- Da erschien ihm Renates Gesicht, schwebte und entwich,
er fühlte Cora, eine fremde Frau, auf der er lag, die ihn schwer
umschlang. Einen Pulsschlag lang schauderte ihn, und er gefror; eine
Schlange lag um ihn mit kalten Ringen; die aber wurden warm und
schmolzen, und er würgte sich in sie hinein.