Und so kamen sie über den Platz und waren bald im Dunkel der noch kahlen
Lindenwölbungen. Da schob Georg seinen Arm in den ihren, und siehe da,
sie faßte mit der Hand, an der kein Handschuh war, die seine, und er
mußte nach einer Weile wieder loslassen, um gleichfalls den Handschuh
auszuziehn.
»Und nun,« sagte Georg in völliger Sicherheit, »nun erzählen Sie mir,
nicht wahr! Wie heißen Sie? Nur den Vornamen, -- Nachnamen interessieren
mich nicht.«
»Cornelia«, hörte er sie sagen.
»Cornelia?« fragte er überrascht. Wer hieß denn Cor--? Ach, Cornelia
Ring!
»Nicht Cornelia,« sagte sie lachend, »Cordelia mit d, von _cor_,
_cordis_.«
»Oh Sie können ja Latein!«
»A bissel!«
»Und Bayrisch?«
»Na freilich! Oberbayrisch, mei Muttersprache!«
»Am Ende auch Griechisch?«
»Auch. A weng!«
»Das glaab i nimmer!« versuchte Georg sich Münchnerisch. »Sagen Sie mal
was auf!«
Sie sah gradeaus. Er merkte beseligt, daß ihre Finger mit den seinen
spielten.
»Na, fällt Ihnen nichts ein? Dann übersetzen Sie mal: _Anär tis
athänaios -- uk ebuleto fotografizestai!_«
Leicht auflachend stutzte sie. Hatte sie gelogen?
»Was heißt denn das?« fragte sie dann. »Ein griechischer Mann, der nicht
photographiert werden wollte? Wo kommt denn das vor?«
»Also wahrhaftig, Sie könnens! Das ist so ein alter Schülerscherz. Dann
können wir ja griechisch weiter reden.«
»Awo!« sagte sie, seine Hand drückend. »Sagens mir lieber, wie Sie
heißen?«
»Wissen Sie das nicht?« fragte er unbedacht. -- Sekunden vergingen, bis
sie ihn ansah und fragte: »Nein, -- woher soll ich das wissen?« Und
Georg atmete auf.
»Ich heiße Georg.«
»Georg? Ach, das ist schön!«
»Und auch griechisch.«
»Ja: ge--vor--gós,« sagte sie mit genauer Betonung schulmäßig, »der
Landmann. Sans an Landmann, gell?«
Oh dies >gell< war entzückend! Georg schüttelte nur lachend den Kopf,
und sie wanderten langsam weiter, schweigsam, während Georgs Herz immer
zärtlicher, sein Geschlecht immer begehrlicher empfand. Sie nahm jetzt
den Hut ab, schüttelte den Kopf, und Georg sah, daß ihr Haar kurz
geschnitten rund um den Nacken fiel. Darüber erlag er plötzlich, blieb,
sie festhaltend stehn, umschlang sie und drückte sie an sich, während
ihr Kopf schon hintenüber sank, ihr Mund emporkam, doch traf er, sie
küssend, erst die Wange. Dann, als er ihren Mund gewann, brauste sein
Blut siedend auf, durchflammt von der erschreckenden Süßigkeit dieses
Mundes. Er stolperte, sie schwankten, ließen sich dann los und gingen
hastig weiter, Georg trunken und beglückt. Bald nahm er ihre Hand, dann
zog er sie davon, durch die Bäume der Allee und in einen der Wege in den
Anlagen. Und dann saßen sie auf einer Bank, er hielt sie fast auf den
Knien, ihre Brust lag an ihm, sie ließ sich küssen, Gesicht und Hals,
küßte wieder und atmete tief und wild.
Wieder stille geworden nach dem Ausbruch, fragte Georg, ganz froh vor
glücklicher Überraschung:
»Nun sag, was möchtest du? Hast du Wünsche? Wollen wir nach Ägyptenland
reisen? Oder nach Stockholm? Na?«
Sie schwieg; ihre Augen blieben geschlossen an seiner Schulter.
»Aber erst muß ich wissen, wer du bist, nicht wahr?« sagte er leise
scherzend. Da schlug sie die Augen auf und sah ihn lange an. Endlich
sagte sie ganz ernst und mit tiefer Stimme:
»Ich bin nur eine arme Seele!«
Und eine Weile später hörte er, übermannt von Mitleid, Zärtlichkeit und
Staunen, sie sagen:
»Bist du denn so reich? -- I moan,« setzte sie hinzu, »weils du von
Reisen redst.«
»Möchtest du denn reisen?«
»Ich will, was du willst«, sagte sie leise.
Ihn überliefs. Was war das hier? Was hielt er denn hier im Arm?
Lange wars still. Ob ihr nicht kalt sei, fragte er.
Oh nein, sie sei ja ganz glühend.
»Aber schad, daß nicht Mai ist«, meinte sie dann träumerisch vor sich
hin.
»Die Nachtigall ...« fing er an.
»-- müßt halt schlagen«, ergänzte sie wohlgemut, halblaut wie aus dem
Schlaf.
»Also gehn wir doch hin, wo sie schlägt, Cordelia. Du wolltest dir doch
was wünschen. Wünsch doch mal! Na, was möchtest du wohl jetzt?«
»Was i möcht?« Sie lächelte geschlossenen Auges und fuhr sachte mit
lieblichem, innerm Humor fort:
»Ich sollt in eim Schloß sein dürfen ... im Garten von dem Schloß --,
und in an -- Teich. Ja, in dem Wasser, dem kühlen, -- da sollt ich stehn
dürfen, bis zun Knien. Und auf meinen Armen -- so ausgestreckten Armen
weißt und am Kopf und den Schultern -- da sollt alles voll sein dürfen
von -- Papagoyen. Naa! ich mein' ja nicht Papagoyen, ich mein' --
Lerchen. So a kloans Gsindl, weißt! Aber -- -- das bräucht halt a net!
Bloß das kühls Wasser bis zun Knien, das sollt schon dürfen«, schloß sie
bescheiden.
»Und das Schloß?«
»Und das Schloß halt«, wiederholte sie befriedigt.
»Dann also los, gehn wir hin!« entschied Georg, sprang, sie abgleiten
lassend, auf und zog sie mit sich den Weg hinunter auf die chaussierte
Straße zum Schlößchen. Sie sagte lange Zeit nichts, wohl im Glauben, er
scherze. Plötzlich aber hielt sie an, faßte ihn mit beiden Händen bei
den Schultern und fragte, ihre Augen fest und ganz nah unter die seinen
haltend:
»Georg! bist du wirklich reich?«
Er bejahte verwundert. Langsam irrte ihr Blick ab, fiel, sie senkte die
Stirn gegen seine Brust.
»Ach, das ist schade!« seufzte sie tief auf. »Ich dachte, du wärest auch
arm ... Aber gut bist du, nicht wahr?« sprach sie, ihn wieder
anblickend, hastig weiter, »bist du nicht? Ja, du bist gut! Oh sag doch,
daß du gut bist, bitte sags, bitte, bitte sag mirs doch!« wiederholte
sie bettelnd gequält, bis er Ja sagte.
»Danke«, seufzte sie leise. »Dank dir viele Male. -- -- Gehn wir nun zum
Schloß?« fragte sie kindlich zum Spaß. Er nickte nur, verwirrt von all
dem sonderbaren Hin und Her, aber sehr gerührt, dankbar und voll
Vorfreude über die kommende Überraschung.
»Ists das?« fragte sie, als zur Linken die Hausecke im Dunkel sichtbar
wurde. Er nickte nur und zog sie weiter an der Hand, die Rampe empor vor
das Portal, wo er sein Schlüsselbund hervorholte und mit den Worten
»Wolln mal sehn, ob einer paßt!« einen nach dem andern versuchte, bis er
den richtigen nahm und aufschloß.
»Es geht ja auf!« schrie sie ganz entsetzt. Er aber war schon im Saal,
drehte die Lichtkurbel, nahm den Hörer des Haustelephons von der Wand,
hörte nach Sekunden -- dieweil er sie dastehn sah, ihren alten Hut in
der Hand, fassungsloses Staunen überm ganzen Gesicht -- des blassen Egon
verschlafene Stimme und trug ihm auf, Limonade und zwei Gläser ins
Arbeitszimmer zu bringen.
»Oder magst du lieber Wein? Ich trinke keinen«, fragte er sie, die mit
runden feuchten Augen immer noch langsam umhersah. Dann schien sie ihn
zu erkennen, ihre Augen verdunkelten sich schwer, auf einmal war sie vor
seine Füße hin an den Boden geglitten, legte die Stirn an seine Knie und
sagte:
»Habe Dank, Herr!«
Und nach einer ganzen, für Georg fast verzweifelten Minute in der Scham
seines Nichtseins und Scheinens:
»Ich bin dein eigen.« --
Dann gelang es ihm endlich, sie hochzuziehn. Sie ließ sich geduldig
küssen wie ein erschöpftes Kind, lachte dann leise und verlangte, wieder
in ihrem kindlichen Spaßton, »das Übrige.«
Georg schloß aus alledem mit Bestimmtheit, daß sie Schauspielerin war;
zwar hatte er nie eine gesehn, die so fortwährend agierte; aber die Art,
wie sie's tat, war ihm bezaubernd.
Als aber bald darauf im Arbeitszimmer die Mondsphäre aufleuchtete, war
sie vor Andacht kaum zu bewegen, daß sie die Stufen herunterkam, und
dann ging sie umher und bewunderte und berührte ein jedes, die
Kostbarkeiten, die Blumen, die Möbel, mit einer kleinen, scheuen,
bittenden und vertraulichen Bewegung der Hand, bis sie vor dem
Penserioso in vollkommenes Schweigen versank. Unterweil brachte Egon
Limonade, Georg mischte ein Glas, brachte es ihr, und sie nahm es, ohne
es zu bemerken, trank und gab es ihm wieder.
»Man möcht ihn immer anschaun«, sagte sie endlich. Und, die Hände
faltend vor der Brust:
»So möcht man auch einmal können sitzen -- immer so -- und nachdenken,
immerfort nachdenken, wie das alles kommt ...«
»Ja, nun bin ich im Schloß!« stellte sie erwachend fest. »Und du bist
also der Prinz. Schad, wie a Prinzessin schau ich net aus da herum!«
sagte sie, den Fuß vorstreckend, um ihn auf ihr altes Kleid aufmerksam
zu machen.
Georg lief zur Truhe neben dem Kamin. Darüber gebückt, in den seidenen
Zeugen wühlend, erinnerte er sich mit Macht, aber er wollte sich nicht
Esthers erinnern, wühlte stumpf weiter, den roten und blauen Bademantel
hervor, den Sigurd, den Kimono, den Ulrika getragen. Es mußte etwas
Dunkles sein für Cordelia, -- nein, es war nichts, das gepaßt hätte,
außer Esthers Gewand. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, als er es
Cordelia brachte und sie, ganz wie Esther dazumal, ins schnell
erleuchtete Schlafzimmer damit drängte. Dann kühlte er sich mit Limonade
und versuchte, zu glauben, daß Esther das Kleid gerne hergab.
Ihre Stimme hinter sich hörend, drehte er sich um. Oh sie sah nun
köstlich aus in dem düstern Kleid mit feurigen Blumen, das sie,
nacktfüßig, mit beiden Armen an den Leib drückte, schmitzäugig
flüsternd; sie habe nichts drunter an; so weich sei's, so ...
Er glaubte, alles zu begreifen, sprang auf sie zu, ergriff ihre Hand,
lief mit ihr zur Gartentür, öffnete und zog sie ins Freie, den Weg
hinunter durchs Gebüsch bis an den Wassergraben. -- Das sei der Teich,
den er hätte. Aber ob es ihr denn wirklich nicht zu kühl sei ...
Sie stand, den Kopf im Nacken, lange nach oben blickend. Endlich
flüsterte sie melodisch und auch theatralisch:
»Nicht Mond noch Sterne in der Nacht. Dann will ich leuchten!« und ließ
das Kleid an den Boden fallen.
Georg zitterte in den Knien. Er wagte fast nicht, sie anzusehn, sah die
dunkle Wasserfläche, das schwarze Strauchwerk drüben, auch -- einen
grauen Fleck im Schwarzen der Flut -- den jungen Schwan, der sich
bewegte, und endlich sie selber, die wieder erhobenen Hauptes aufwuchs
aus der Erde, völlig wie Marmor so bleich weiß, so weich und schmal,
aber mit vollen, schönen, breit aufgesetzten Brüsten. Sein Blut lief
über, er lag an der Erde und küßte ihre Knie, ihre Füße, sprang wieder
auf, wollte sie an sich ziehn, erschrak, ihre Brust berührend, weil sie
kühl war, nein kalt, wie Marmor, jedoch weich, -- allein sie wies ihn
leicht ausweichend von sich und ging schnellfüßig die schräge
Uferböschung hinab bis ans Wasser. Er sah, daß sie strahlte mit ganzem
Leib. Nun rauschte die Flut, in die sie watete. Stehen bleibend, drehte
sie sich nach ihm um; er hörte durch das Brausen in seinen Schläfen ihre
Frage, ob der Schwan gefährlich sei, und sah, leise verneinend, sie
tiefer in die schwarze Flut gehn. Der Schwan kam jetzt mit leichten
Stößen heran, -- er war jung und zutraulich --, bewegte voll Anmut den
Hals auf und nieder, drehte den Kopf, beschrieb einen Kreisbogen, sie
streckte die Hände nach ihm aus und lockte, da kam er näher, ganz nahe
zu ihr, richtete sich auf, spreizte sich und schlug mit den Flügeln.
Stillehaltend danach, ließ er sie sich zu ihm bücken und ihn liebkosen,
schmiegte den Hals an ihr empor und legte den Schnabel auf ihre Brust.
Fast kühl ward es Georg im Hinsehn. Die Nacht war unbewegt, windlos,
geräuschlos, wie ohne Jahreszeit, nur Nacht, und, ins Vorjahrgras der
Uferböschung niedergleitend, fühlte er das Rieseln über Rücken und Armen
vom unbegreiflichen Schauder einer Furcht, bis er jetzt ganz überronnen,
schamhaft wie ein Knabe das Gesicht in den Händen verbarg, dann völlig
verwirrt, glücklich, schwellend von tausend Gefühlen, sich auf dem
Rücken ausstreckte.
Leise rauschte es wieder in der Flut. Er sah sie heraufkommen, nicht
dort, wo er lag, ein wenig links von ihm, und hingleiten. Lange Sekunden
mußte er ohne Bewegung bleiben, nach oben blickend, trunkenen Auges. Als
er sich dann zu ihr wandte, lag sie abgekehrt, ganz still, und wie er
nun die Hand ausstreckte nach ihrer Schulter und sich hinüberbog,
erkannte er, daß sie den Kopf auf den Arm gelegt hatte und weinte. --
Erschrocken zog er die Hand zurück, streckte sie wieder aus, wollte
etwas sagen, blieb stumm, ratlose Bestürzung im Herzen und Mitleid, so
wenig er begriff.
Plötzlich lag sie auf den Knien, das Haupt tief hintenüber zum Rücken
gesenkt, die Arme schlaff. Trotz des Dunkels konnte er sehn, wie ihre
Brust sich hochwölbte und spannte, bis ihr Mund mit einem haschenden
Wehlaut aufbrach, und sie seufzte ein sterbend tiefes, erschütterndes:
Ach!
Im nächsten Augenblick war sie aufgestanden und ging langsam, ohne nach
ihm zu sehn, das Ufer hinauf, den Kopf gesenkt, schlaff hangender Arme,
und weiter und zwischen dem schwarzen Strauchwerk fort, wo das Weiß
ihrer Glieder noch lange schimmerte. Endlich klang leise die Tür zum
Haus.
Georg wartete, still in sich hinein lächelnd. Sie schämt sich nun,
dachte er, oh wie werde ich sie lieben können!
Als aber sein Blut anfing, heftiger zu sausen, das Zittern der
Begehrlichkeitsangst über der Herzgrube wütender pochte, spiegelte er
sich vor, sie erwarte ihn drinnen, im Schlafzimmer womöglich -- und
ging, jedoch langsam.
Das Arbeitszimmer war leer. Die Tür zum Schlafzimmer stand halb offen,
und drinnen war Licht. Er trat leise näher und spähte hinein. Niemand
war darin.
Georg fühlte sich einen Augenblick versucht, die Schränke zu prüfen, ob
sie sich in einem versteckt halte, doch brachte ers nicht fertig, ging
ratlos ins Zimmer zurück, und als er absichtslos über den Schreibtisch
hinblickte, schien ihm dort irgend etwas verändert. Nähertretend sah er
auf dem weißen Löschblatt der Schreibunterlage große Schriftzüge, mit
dem Blaustift geschrieben, der noch darüber lag.
»Dank! Dank! Dank!« las er; und darunter: »die arme Seele.«
Haß und Enttäuschung, die aufquellen wollten, kamen doch nicht hoch vor
dem Schauder der Ratlosigkeit und des Staunens. Seine Stirn sank langsam
vorüber, indem er in den Stuhl hinabglitt. Er hätte weinen mögen vor
Bitterkeit. Dann verging auch diese in offenbares Nichtverstehn. Sie
wieder im Wasser unter sich sehend, beneidete er den Schwan. Bald fühlte
er sich müde, stand kopfschüttelnd auf, lächelte mit Anstrengung und
begab sich ins Schlafzimmer.