Georg, abgespannt von überhitzten Arbeitswochen in Mozarts Figaro
sitzend, merkte schon während des ersten Aktes, daß es ihm wie immer
erging: nach dem ersten wunderbaren Durchspültsein von der göttlichen
Musik, dasitzend mit geschlossenen Augen, um die Bühnengeschehnisse
unbekümmert, entfaltete in ihm sich Phantasie; Bilder, von den Klängen
tiefer gefärbt und bewegt, schwirrten auf, schwanden, wiederholten sich
und vergingen unter neuen Erinnerungen an dies und jenes, Gedanken an
die Zukunft, die er erleichtert sah, plötzlich ein Stück Traumes aus der
letzten Nacht, ein Mädchen, eine Frau -- deren Gestalt und Züge ihm kaum
noch erinnerlich waren, die er geliebkost hatte, wie sie ihn, bis zur
höchsten, letzten Wollust liebkost, in einem Garten ... worauf er,
erwachend, dann merken konnte, daß nur seine Seele geträumt hatte, nicht
aber sein Leib. Und wieder, wie in der Nacht, fühlte er das Peinliche
der Erleichterung, -- und Erleichterung doch. Diese Weise war immer noch
besser als -- -- er zerdrückte das Übrige, sah, die Augen öffnend, ein
wenig geblendet von der Helligkeit der Bühne, eben den Grafen, ohne daß
ers gleich merkte, den silbernen und blauen Cherubim aus der Decke
hüllen, lächelte zerstreut und ließ sich untergehn im harmonischen
Wirrwarr der Instrumente und Stimmen, bis der Vorhang fiel.
Benno hinter ihm seufzte tief auf, und sein heißes, gerötetes Gesicht
kam zum Vorschein mit ersterbenden Augen. Allein, wie deren Blick jetzt
in das Logenhaus hinunter geriet, zeigte sich Erschrockenheit darin. Er
faßte Georg am Arm und flüsterte:
»Sieh nur! das Gespenst unten! Drüben auf der Seite, in der dritten --
vierten -- fünften Parkettloge, wo all die Schauspielerinnen sitzen!«
Georg suchte dort, über die Brüstung der Proszeniumsloge geneigt, und
gewahrte in der Tat bald ein seltsam gespenstisches Gesicht, das, als
gehörte es zu einem Kinde, dicht über dem grünen Plüschwulst der
Brüstung war: gelbes, in die Stirn gekämmtes Haar, unter dem hervor aus
dem ganz weißen, altkindischen Gesicht mit spitzer Nase, unbestimmt
helle Augen umherspähten, sich verdrehend, so daß darin das Weiße
glänzte, äugend in einem abstoßenden Gemisch von Munterkeit und Bosheit.
Ein Gespensterwesen ohne Jugend und ohne Alter, fast Knabe und fast
Mädchen ...
»Siehst du?« raunte Benno. »Ein Vampir!«
Allein Georgs abirrender Blick hing an dem Gesicht daneben fest, aus dem
zwei schöne und traurige, dunkle Augen ihn anblickten; ihn? -- ja --
gewiß -- ihn, -- und zwar senkte sie wohl gleich die Lider -- sehr
schwarz und lang mußten die Wimpern auch am untern Lide sein, denn die
Augensterne waren rundum verschattet --, aber im nächsten Augenblick kam
der Blick wieder empor und hing an ihm fest, viele Sekunden lang. Dann
wagte Georg es, zu lächeln; sie blieb ernst. Nein, nun lächelte auch
sie, traurig, und schlug die Augen nieder.
Georg streckte die Hand nach dem Opernglas, das Benno haben mußte,
murmelte, er müßte das Gespenst sich näher ansehn, erhielt es und konnte
nun die Gesichter beide nahe vor sich sehn und in fast natürlicher
Größe. Das des Gespenstes war weiß geschminkt und abscheulich; auch das
der Andern war -- ein sehr weiches, fast rundes Oval -- weiß, eher ein
wenig grau, wie von vielem Schminken. Auch diese -- waren es wirklich
Schwestern? -- trug das Haar in die Stirn gekämmt, aber es war
tiefbraun, sehr altem Mahagoni oder polierter Eiche gleich, ja, es
schien fast einen grünlichen Hauch zu haben wie Bronze, -- aber das kam
wohl von dem nahen Samtgrün der Brüstung und -- ja, auch ihr Kleid war
von ähnlich grünem Samt. -- Befremdend war der Mund, von dem nur in
seiner Mitte ein hagebuttengroßer, tiefroter Fleck der Oberlippe
sichtbar war; die Mundwinkel, tief ins weiche Wangenfleisch eingebettet,
waren darin wie ausgewischt, ähnlich wie die Augen vom Schwarz der
Lider.
Indem sah er sie ein kleines Opernglas heben, aber gleich wieder sinken
lassen, -- wohl da sie das seine auf sich gerichtet sah.
Und dann, nachdem er das seine fortgetan, blickten sie einander wieder
in die Augen, in Pausen, wieder und wieder. Es war süß, melodisch, --
fast wie Drosselgesang, dachte Georg. -- Dann begann der nächste Akt.
Wer ist sie? dachte Georg, wieder im Dunkel geschlossener Augen und
wirrer Harmonien. Hat sie mich erkannt? Ach, wahrscheinlich doch!
Überall haben sie ja Photographien von mir aufgehängt. Freilich, wenn
die Menschen einen vor sich sehen -- im Laden zum Beispiel --, denken
sie doch nicht, daß mans sein könnte. Er lächelte, da ihm einfiel, was
der berühmte Gaffron, der Mime, ihm einmal erzählt hatte, wie er eine
Ansichtskarte von der Wiener Burg gekauft und die Verkäuferin ihm eine
empfohlen hatte mit den Worten: Da habens auch den Gaffron gleich mit
drauf ...
Er wandte sich und suchte im Dunkel der Menschen unten ihr Gesicht, fand
es auch, mattweiß leuchtend, und sah, daß sie zu ihm emporblickte.
Obwohl er ihren Blick nicht wahrnehmen konnte, fuhr er fort, hin und
wieder sekundenlange Blicke mit ihr zu tauschen, dieweil er dachte:
Will sie etwas? Sie sah so ernst aus; das muß echt sein. Nein,
dirnenhaft war sie doch gar nicht! Empfand sie wirklich etwas für ihn?
Ach, ja so wars immer mit ihm gewesen: die er hätte haben mögen,
pflegten ihn nicht zu sehn, solange sie nicht wußten, wer er war, und
die Unbekannten, die ihm ihre Geneigtheit zeigten, stießen ihn ab eben
dadurch. Auch diese -- -- sie ging fast zu weit ... Und was nun? Nun das
Anknüpfen, das unleidlich war. Sie mußte ihm erst doch mehr
entgegenkommen, damit er sicher würde, dann wars ja einfach, allein --
-- um so mehr würde dann wieder die Zudringlichkeit ihn abstoßen ... Und
natürlich grade heute mußte ihm dies begegnen, wo er nach Wochen und
Wochen des Schmachtens und Leidens -- nun einmal sich bedürfnislos
fühlte! Dieses Leben hier war von allen Bestien die heimtückischeste.
Schweren Herzens, als der Vorhang fiel, erhob er sich doch langsam und
sah sie aufstehn. Bennos Arm nehmend, schlenderte er durch das heiße
Gedränge auf den Treppen und Gängen, behelligt und unwirsch vom vielen
Ansehn derer, die ihn erkannten, in den Wandelgang hinter den
Proszeniumslogen hinunter, der fast leer war. Sie stand in der Tür ihrer
Loge und sah ihn kommen, bewegte sich vor, ging an ihm vorüber, ihn
ansehend, ohne zu lächeln.
Und dann begegneten sie sich, Beide umwendend -- Benno, aufgelöst in
Musik, wanderte blindlings und schweigsam mit --, begegneten sich noch
einmal -- und lächelte sie jetzt nicht wieder? -- und ein drittes Mal,
worauf sie verschwand. Das grüne Samtkleid, das schlecht und lose saß,
wunderte Georg, ohne seine wachsende Zuneigung viel zu stören.
Oh er würde sie lieb haben können! Wenn sie nur nicht törichten Geistes
war, -- aber das schien nicht so. Also mußte es sein. Mußte, mußte!
Nicht wieder aus Feigheit die Gelegenheit versäumen! Nun -- aber wie? --
Es mußte sich finden ...
Der dritte Akt war noch nicht halb vorüber, als Georg sie mit dem
Gespenst flüstern sah. Dann stand sie auf, stand noch einen Augenblick
aufrecht, zu ihm aufblickend, und verschwand.
Georgs Herz tat einen Sprung und begann zu rennen. Festgebannt noch für
Sekunden, erhob er sich dann doch und sagte zu Benno, er müsse ihn
entschuldigen, und, verlegen lächelnd: ein Abenteuer verlangte ihn ...
»Aber wie denn, Georg?« fragte Benno fassungslos. »Ich hab doch gar
nichts gesehn!«
Georg drückte ihm die Hand, verließ eilig die Loge, ließ sich Hut und
Mantel geben und lief mit angstpochendem Herzen hinunter. Noch auf der
Freitreppe sah er sie unten in der Halle stehn, -- ja was für einen
abscheulichen, vergilbten alten graden Strohhut hatte sie denn auf dem
Kopf! -- Georg fand sie so entstellt, daß er fast dies als letzten
Ausweg benutzt hätte, um davonzukommen, allein was sollte Benno denken?
-- Sie stand -- er sah sie von der Seite --, langsam einen schmutzigen
weißen Glaceehandschuh anziehend --, und nun wandte sie sich herüber,
sah ihn und ging schnell hinaus. Er folgte. Sehr langsam; so langsam er
konnte.
Die dunkle, enge Straße war voll von wartenden Automobilen und
Equipagen. Die Nachtluft atmete lau. Und dort links bewegte ihr Schatten
sich davon, auf das rote Leuchten der breiten Goethestraße zu. Langsam
folgte Georg, mit Entschlußlosigkeit kämpfend, mit: Soll ich? und: Soll
ich nicht? wechselnd fast bei jedem Schritt. An der Ecke angelangt,
gewahrte er sie erst nach einigem Suchen schon fern drüben auf der
andern Seite, wo das steinerne Brückengeländer die Häuserzeile
fortsetzte, und etwas rascher nachgehend, sah er sie über die Brücke, am
Gitter der Molkerei hinabgehn, dann um die Ecke biegend entschwinden.
Selber dort -- auf einmal ganz verwirrt vom Erinnerungsgeruch der
Gegend, durch die ihn jahrelang sein Schulweg geführt, -- sah er sie
wieder auf der andern Seite der zweiten Brücke über der Flußbiegung, und
sie stand still an der Brüstung, flußabwärts blickend, -- dorthin, wo am
linken Ufer sein alter Schulhof lag und dahinter das rote Haus mit der
Sonne auf dem Türmchen ...
Ja, nun mußte es geschehn. Unaufhaltsam kam er näher. Was war zu sagen?
Abscheulich war das ja! Und dies Wesen war womöglich ihre Schwester mit
dem Gespenstergesicht! -- Und dann ballte er sein Innres zusammen wie
ein Papierknäuel, trat neben sie und sagte -- eben zwei näherkommende
Männer gewahrend -- im Ton alter Bekanntschaft, wenn auch heiser:
»Es ist angenehm kühl hier, nicht wahr?«
Nun erst wandte sie das Gesicht herum, lächelte ein wenig krampfhaft,
bewegte die Lippen und sagte endlich, dieweil Georg plötzlich in
schönster Sicherheit dachte: sie hat ja mehr Angst als ich! --:
»Ja.«
Und nun gingen sie zusammen weiter, Georg besinnungslos dies und jenes
redend, von der Musik, von den Darstellern, ohne zu wissen, was er
sagte, -- gingen die dunklen, laternenerhellten, gewundenen Straßen, wo
Georg jeden Stein kannte, an seiner alten Öltzenstraße, ganz nahe am
Pragerschen Hause, am Kolonialwarenhändler Kiffe, am Bäcker Engelhardt
vorüber, an den alten Schildern mit Anpreisungen von Malzkaffee,
Kindermehl, Leibnizkakes, -- wo Georg dann merkte, daß er vor
Erinnerungen wieder verstummt war -- einerseits, und daß sie ja in der
Richtung seiner Wohnung gingen -- andrerseits.
»Wohin gehen wir eigentlich?« fragte er da kameradschaftlich.