Renate

Renate erwachte beim Frühgeläut aus der nahen katholischen Kirche,

dehnte sich, machte die Augen versuchsweise ein paar Mal auf und wieder

zu und stellte fest, daß sie friedlicher und behaglicher Laune war.

Vielleicht, dachte sie, kommt ein Brief, oder Besuch, und sie streckte

sich gerade aus, faltete die Hände unterm Nacken, sagte sich, wie

wunderbar breit ihre Muschel von Bett sei, heftete die Augen auf die bei

der Dämmerung kaum kenntlichen Züge der dunklen Madonna Feuerbachs

drüben an der lichten Wand, schnurrte schließlich gähnend wie eine

Spirale in sich zusammen und sprang aus dem Bett. Im Schlürfen ihre

bastenen Badeschuh an die Füße bringend, ging sie ans Fenster, das weit

offen stand, schlug den Vorhang zurück und fand den kaum ergrünten

Garten angenehm verschleiert von einem lautlos fallenden Regen, worauf

sie mit schönem Schaudern wieder unter die Decke kroch, um sich zu

erinnern, was sie geträumt hatte. -- Allein unvermutet entglitt sie sich

selber, und langsam, nicht wissend, ob sie wache oder träume, sah sie es

vor ihren Augen sich entfalten ...

Sie glaubte, daß sie auf der Veranda stehe und über die Stufen in den

Garten schaue, in dem es nicht dunkel, nicht hell war; schattenloses

Traumlicht herrschte, es war alles grün, Bäume und Büsche standen

dichter und stiller als sonst. Da begann etwas Weißes sich im Garten

umher zu bewegen, und sie erkannte sich selber, die auf dem um den

Rasenplatz führenden Wege plötzlich deutlich sichtbar ward und sich in

das enge Grün hinein entfernte. Darin taten sich immer neue Wege auf,

und ihr Gehen war schön und friedlich anzusehn, und jetzt war sie es

auch wirklich selber, die ging, und sie sah sich nicht mehr. Hinter ihr

sagte die Stimme Bogners: Jetzt kommen die großen Verneigungen. Da war

wieder die weiße Gestalt, sie selber, und hatte auch schon angefangen,

sich zu verneigen, mehrere Male, im Gehen, und aus Verneigung und

Sichaufrichten wurde ein sehr ernster Tanz, der endete, indem all dieses

verschwand in einem grenzenlosen, leidenschaftlichen Schluchzen, das aus

allen Tiefen und Höhen zugleich herauszuquellen schien, zusammenschlug

und sie verschlang. -- Renate ging suchend im Garten umher, Magda wars,

die sie hinter allen Gebüschen suchte, immer ängstlicher und

aufgeregter, allein immer, wenn ein Weg und ein Blick frei zu werden

schien, verstellte etwas die Aussicht, ein Mensch, den sie umgehn, ein

Busch, ein Zaun, ein kleines Haus, um die sie laufen mußte, und auf

einmal befand sie sich vor ihrer Orgel, die mitten in einem Walde stand.

Es war dämmrig geworden, und oben auf den matt glänzenden Pfeifen saßen

regungslos viele dunkle Vögel ohne Augen, und sie sagte: Das sind die

Eulen. Sie mußte die Bälge wohl angetrieben haben und dachte, wenn ich

ganz leise spiele, werden die Eulen es vielleicht nicht merken, sonst

würden sie gewiß aufgeplustert und in die Luft geworfen werden, und sie

zog _Vox humana_ und das Flötenmanual auf, aber indem sie nach ihren

Füßen blickte, die sie auf die Pedale setzen wollte, hörte sie hoch über

sich die _Vox humana_ ganz fern _Agnus dei_ singen, vor ihren Füßen aber

rauschte Wasser klar hervor, die Orgelpfeifen standen darin, und in der

hellen Flut wurden erst Hände, dann Bogners Züge sichtbar, die langsam

nach oben schwebten, anzusehn wie ein grüner Wassergott ...

Renate fuhr zusammen und spürte, daß sie lag. Und jetzt, da das

Glockengeläut schwieg, hörte sie die kleinen Takte und Pausen der

schwarzen Amsel und wußte, daß die es gewesen war, die im Traum _Agnus

dei_ sang.

Eine Weile noch lag sie still; die Amsel sang nicht mehr; sie hörte das

Hausmädchen, das die Treppe fegte und mit dem Schmutzblech klapperte,

und auf einmal -- fühlbar -- merkte sie den Stillstand in sich und

fragte: Wie kommst du hierher, Renate? -- Sie lag und mußte still

liegen, und es war Unveränderlichkeit, das wußte sie, solange sie diese

Lage festhielt. Nichts konnte geschehen, zuvor war alles ein beständiges

Fließen, Gleiten, Nachfolgen gewesen, nun aber war sie hier angelangt,

aus gelinder Flut den Kopf an ein schlichtes Gestade hebend,

rückschauend über Strom, Brücken fern, Stadt und Türme, -- wie fremd sah

alles aus! Wer denn hatte sie hierher getragen? Es schien ihr nun, als

ob einmal viele Arme und Hände sie umschlungen hatten, worauf ihr Leben

sich zerstreut, immer zur Hälfte, zu Dritteln, zu Fünfteln sich

weggegeben hatte, und jedesmal entstellte und beraubte der fortgegebene

auch den gebliebenen Teil. Wann hatte das angefangen? Als sie in dies

Zimmer kam, in dies Haus. Ja, hatte sie vordem nicht allein auf sich

gestellt hingelebt? Zugleich freilich ihrem Vater, aber wie war der ihr

gewohnt gewesen! Der war nun schon so lange tot, daß sie, seiner

gedenkend, nichts empfand als sein gütiges Gewesensein in ihrem Leben,

nichts sah, als sein immer freundliches altes Gesicht. -- Dann, ja, dann

war dies hier gekommen, Erasmus, Josef, der Onkel, und bald alle die

Andern, die Friedliebende Gesellschaft, Saint-Georges und -- Bogner. Und

lange schon waren Viele von ihnen wieder fort. Herbst, Winter, Frühling,

-- das waren Namen, -- für was? Orgel- und Klavierspiel, Arbeit mit dem

Freunde, ein Konzert, ein Besuch, ein Mensch, der von der Reise kam,

Gespräche, viel Bücher, immer Beschäftigung, und alldas -- wozu? Wellen

durchs Herz, spurenlose. Sie mühte sich eine Zeitlang, deutliche

Erinnerungen zu finden, aber im Augenblick hatte alles ins Unsichtbare

sich hinweggezogen, es war leer, Windstille, Eisvogelbrüten. Siedendheiß

ward ihr plötzlich. Liebte ich nicht jemand? fragte sie lautlos, aber

beinah grimmig in die Stille hinein, richtete sich auf und heftete die

Augen angstvoll ratlos in die regenumschleierten Wipfel draußen. Wie

weiß das Zimmer ist! dachte sie plötzlich, und, mit Heftigkeit die Knie

an sich ziehend, die Hände neben sich aufstützend, zur Tür blickend,

sagte sie laut: Hier kommt niemand herein. --

Da mußte sie lächeln über diese Versicherung an sich selbst. Und was

habe ich schon davon, murmelte sie und ließ den Kopf hängen. Eine

Flechte fiel an ihrer Wange herab, sie ergriff das Ende davon und strich

damit über die Decke wie mit einem Pinsel.

Ich bin wohl, sagte sie sich kühl, zu Manchem hingegangen; wer kam zu

mir? Niemand. Wie? Kam nicht Josef, nicht Erasmus? Georg vielleicht, war

der nicht auch auf dem Wege gewesen, und wie war das mit Sigurd? Aber

du, du, du, eiferte sie böse, du kamst nicht, und was sollten mir also

die Andern! -- Sie schleuderte ihr Haar hinter sich zurück, packte es

mit beiden Händen am Hinterkopf und warf sich so ins Kopfkissen. -- Mein

ganzes, unverbrauchtes Herz habe ich so in der Hand, knirschte sie

wutentbrannt, wie dies Haar, meines Weges bin ich dahergeglitten, und

nun kommen die tiefen Verneigungen. -- Da mußte sie nun lächeln, ihres

Traumes gedenkend, und jetzt gedachte sie einen schönen Namen zu

flüstern, einen selbstgesprochenen Namen zärtlich zu hören, aber statt

dessen schleuderte sie die Füße unter der Decke hervor und saß nun

aufrecht auf dem Bettrand, vorgebeugt, die Hände aufgestemmt, und

horchte. Alles blieb still, aber ihr Herz schlug laut und langsam.

Plötzlich schlug es dreimal schnell hintereinander, setzte aus und ging

wieder ruhig. War sie erschrocken? Sie lächelte über sich selbst. War

jemand ins Haus gekommen? Die Klingel konnte sie hier nicht hören. Sie

blickte auf die Uhr, es war acht. Gleich darauf klopfte es an der Tür,

und das Mädchen meldete Frau Tregiorni.

Als Renate nach beschleunigtem Bad und Ankleiden herunterkam, wurde ihr

gesagt, Ulrika sei in der Kapelle. Es regnete heftiger, sie mußte unterm

Schirm hinübergehn. Ulrika, in einem nassen Lodenmantel und Kapuze,

frisch und lebendig aussehend, stand vor einem von Bogners Engeln. Ja,

nun mußte Renate erst ihr Kleid von allen Seiten in Augenschein nehmen

lassen und erzählen, daß sie sich für den Winter als Haustracht drei

solcher einfacher Röcke habe machen lassen, einen russischgrünen, einen

violetten und einen eisengrauen; die Blusen hatten die Form eines

russischen Kittels mit ledernem Gürtel, an dem der Hals frei blieb und

der Verschluß von der rechten Seite des Ausschnittes schräg über die

Brust hinunter zur linken Hüfte lief. Ja, und der graue Kittel war

orangefarben gepaspelt, und man konnte jeden Kittel zu jedem Rock

tragen, und so trug sie heute Grau und Grün zusammen. Alle Farben könnte

sie tragen, jammerte Ulrika, sie mit ihrem roten Haar hätte bloß ihr

ewiges Blau oder Grün, und an Festtagen Lila. »Braun hab ich dir doch

offenbart«, lachte Renate und umarmte sie. -- Warum sie aber wohl in

aller Herrgottsfrühe herausgelaufen sei? -- Dies wußte Ulrika

keineswegs; es hätte so schön geregnet. Und sie hätte so seltsam

geträumt, sagte sie nachdenklich.

Während Ulrika ihren Traum erzählte, frei in der leeren Kapelle stehend,

den Blick im offenen Fenster, wogten so seltsame und wirre Empfindungen

durch Renate, daß sie plötzlich erschrak, da sie allein, als habe sie

Ulrika geträumt, vor ihrer Orgel saß. Nachträglich begann jetzt Ulrikas

Erzählung sonderbar in ihr zu klingen, in einem langsam schreitenden

Takt, der die Worte allmählich ordnete, und sie begann in das erste

beste Notenbuch vorn auf die leere Seite den Traum aufzuschreiben,

folgendermaßen:

Mir träumte: In der nächtigen Allee

Entgegen kam ich ihm; ich sah: er war es,

Jedoch ein Fremder schien er, und er ging

Vorüber mir wie ich an ihm, jedoch

Nach wenig Schritten mußte ich mich wenden.

Da stand er hergewandt nach mir, und Beide

Entgegen kamen wir uns nun und sahn

Uns lange ernsthaft, ernsthaft in die Augen.

Ich kann nicht sagen, was ich da empfand.

Wir gingen nun zusammen, er und ich,

Hinab die finstere Allee ganz schweigsam.

Am Ende blieb er stehn, ich aber bog

Zur Seite in den Park, und um den Teich

Ging ich und sah nicht um, doch als im Bogen

Ich weit herumgekommen war, da sah

Ich ihn, wie er mir langsam nachging. Endlich

Fand ich die Bank, wo wir einmal die Drossel

Am Abend hörten und gesprächig wurden.

Dort setzt ich mich. Da kam er, und er sah

Nicht mich und ging vorüber als ein Fremder.

Verschwunden war er, aber ich stand auf

Als eine andre; als ein andrer Mensch;

Neu war ich, reif, vollkommen, ganz in Frieden,

Mit mir, mit euch, mit Gott; nicht klug, nicht reich,

Jedoch gehalten, aufrecht, und von innen. --

Sag, warum weint ich so, als ich erwachte?

Sag, warum weint ich so, als ich erwachte, wiederholte Renate noch

willenlos, auf die geschriebenen Bleistiftzeilen starrend. Dann errötete

sie langsam, während sie sich fragte: Habe denn nun ich das geträumt,

oder wer? -- Sie sah Gegend und Menschen dieses Traumes dergestalt

leibhaft, daß ihre Vernunft ihr in Verwirrung zu geraten drohte. Auch

die Amsel sang in diesem Traum, bloß hatte Ulrika gesagt: Drossel. Nein,

>entgegen kam ich _ihm_<, das hatte sie nicht gesagt, sondern: >Bogner<.

Renates Augen, die gedankenleer langsam nach oben gingen, trafen sie

selbst in dem kleinen Spiegel über ihr. -- Ja, so schreckhaft bin ich

geworden, sagte sie vor sich hin, daß ich den Spiegel da habe machen

lassen. Manchmal kam Onkel ja herein, während ich spielte. Wie oft saß

ich schon hier, sagte sie, sich immer ansehend, entfremdet hinter dem

Spiegelglas, seltsam zusehend, wie in den Zügen Bewegungen entstanden,

eine Wendung des Halses, ein Senken der Lider, die doch sie selbst

machte, die aber da drinnen von selber vor sich zu gehn schienen, -- wie

oft saß ich hier, spielte nicht, hatte die Hände im Schoß und hatte in

ihnen so wenig wie im Herzen. -- So saß sie nun wieder, müde an sich

selber, ratlos, tatlos, sah durch das in ihrer Nähe offene Fenster das

matte Regengrün des Gartens, hörte die Spatzen und die ersten Töne der

Grasmücken. Verging nun Zeit? Ja, es regnete nicht mehr; ganz fern, kaum

hörbar sang die Amsel. Verging Zeit? Sie schloß die Augen, sie hörte

wieder das spitze Picken von Regentropfen auf Blättern, und nun strömte

es schwer herunter, es wurde dunkler, es rauschte ganz um sie her,

schließlich spritzte es naß zu ihr herein, und sie stand widerwillig

auf, ging die Stufen hinunter und schloß das Fenster, hinter dem die

Sträucher sich unwillig im Regenstrom hin und her warfen. Ihr fiel ein,

daß es Zeit sein müsse, zu Saint-Georges zu fahren, aber sie brachte es

nicht fertig, die Uhr hervorzuziehn, sie stand vor dem großen Engel, der

mit der kleinen Harfe in ausgestreckten Händen durch die Landschaft über

die Wand hineilte, dachte: So läuft er an mir auch vorüber! und ärgerte

sich ungemein, daß sie immer und immer an ihn dachte. Da schüttelte sie

sich, ging zur Tür, sah nichts mehr, fühlte nur das große Rauschen der

Wasser, das alles in sich hinabschlang, fühlte sich ergebungsvoll und

nachlässig gefangen gehalten. Durch diesen Regen komme ich ja nicht,

sagte sie. Wozu hinaus? Ich schlafe langsam vor meiner Orgel ein, die

Eulen setzen sich lautlos auf die Pfeifen, damit kein Staub hineinfällt,

und ich werde hundert Jahre so sitzen. Nicht Jahre, nein, Jahr--en! sagt

man hierzuland. Die Orgel schläft über mir, der Regen braust, wir wachen

niemals auf.

Auf einmal war sie dabei, nachzurechnen. Jeden Vormittag vier Stunden

Arbeit mit Georges; jeden Tag wenigstens zwei bis drei Stunden Klavier

und Orgel; jeden Tag mindestens ein Besuch bei Kranken oder Bedürftigen;

dazu Küche, Haushalt und all die Rechnungen, nur Abends Erholung, ein

Buch, ein Konzert, ein stilles Gespräch mit Georges. Es ist so viel, daß

ich mitunter nicht zum Nachdenken komme. Warum genügts mir denn nicht?

Ist mein Herz nicht dabei?

Sie verlor sich, lange gedankenlos, mußte sich mühsam besinnen,

schreckte zusammen und flüsterte: Nein, so ists aber nicht! Mein Herz

ist immer dabei, und ein jedes ist mir Freude, solange ich dabei bin ...

Aber eben: solang ich dabei bin nur, und wenn ich jetzt daran denke, so

meine ich -- so mein' ich ...

Wieder sich verlierend, ertappte sie sich, daß sie schief auf dem Stuhl

saß, den rechten Ellbogen auf dem Knie, die Hände gefaltet,

vornüberhängend, aber sie war minutenlang unfähig, die Haltung

aufzulösen, saß nur gelähmt und vermochte sich nicht zu helfen, bis ein

Gezwitscher draußen vorm Fenster sie aufzuschauen bewog und sich grade

zu setzen.

>Die rechte Freude am Leben<, träumte sie dann, >kann nur von einer

tiefen liebenden Erregtheit kommen, gleichviel auf was sie sich richtet,

Gott oder Mensch oder Sache; denn dann findet sie ihre Erfüllung in

jedwedem Tun, jedem Geschäft und Gedanken, und alles wird liebevoll.

Dann formt sich das ganze Wesen in Tätigkeit aus, nichts wird gespart,

nichts unterdrückt, und die Belohnung ist guter heilsamer traumloser

Schlaf.<

Das war Papas Rede, dachte sie, Wort so für Wort. Ja, so war er selber

erfüllt von Gott, und ich wars von ihm, aber heut bin ich leer.

Plötzlich schrak sie zusammen. Ihr Herz schlug laut, sie atmete schwer.

Was ist das, mein Gott, dachte sie angstvoll, ich war doch so leicht und

bewußt beim Erwachen? Was geht denn vor? Was geschieht jetzt? -- Und

einen Augenblick lang war sie völlig wie verzaubert, gelähmt, nicht

imstande, ein Glied zu bewegen. Aber dann wußte sie: Mein mattes Herz,

meine schwache Seele, mein müder Geist, die lähmen mich so.

Nutzlosigkeit, sagte sie langsam vor sich hin. Und danach, mit

Anstrengung, sich selber verlockend:

Es ist nicht die Stille. Es ist nicht das Unglück dieses Hauses, nicht

das finstre Wesen des Erasmus, nicht die Angst vor dem Onkel, nicht mein

Schuldgefühl, was mich so lähmt, mich so ungefüge, so nutzlos, so

kleinmütig, so beklommen, so elend macht. Vielleicht, ja, es wird auch

all dieses mit sein, aber seit wann bin ich denn so, daß Fremdes mich

hindert, anstatt mich gut und hülfreich zu machen?

Tief in ihr schrie eine gellende Stimme: Was ich bin und habe, Leib und

Seele, Leib und Seele, alles, alles, Herz und Schoß, Brust und Knie,

Haar und Augen und Lippen will ich -- will ich -- --

Auf einmal lief sie gepeitscht durch den Raum, aufs Podium, drückte sich

mit dem Rücken, die Hände ringend, in die Nische der Tabulatur zu den

Registern hinein, warf den Kopf in den Nacken, als biete sie den Hals

einer Kralle, einem Gebiß, das hineinschlagen solle, wehrte sich,

kämpfte, überwand sich, senkte das Haupt wieder, blickte starr, schloß

die Hände, rang die Hände. Sie demütigte, zerknirschte, öffnete sich,

wollte, versuchte zu sprechen, flüsterte, gestand und sprach: Ich will

bekennen.

Wieder warf sie sich herum. Ich will, ich kann nicht, hilf mir, mein

Gott! Und sie umklammerte mit den Augen ein Bündel Pfeifen und sagte

laut und deutlich empor:

Auf dich warte ich jeden Tag. Um deinetwillen leide ich, durch dich bin

ich so müde, so lahm, so nichtswürdig, so arm. Ich liebe dich, du! Ich

liebe dich, ich liebe dich! Von mir und dir rührt all dies Elend her, an

deinem Leben hänge ich, an deinen Lippen schlafe ich, von deinen Augen

träume ich, du machst mich so schwer. Für dich singt die Drossel,

zwitschern die Vögel, grünen die Bäume und blühen die Sträucher, aber

ich habe meine Augen abgewandt, und all das ist mir nichts. Vergieb mir,

du, meinen Stolz, höre mich an, erhöre mich, sei gut zu mir, tröste

mich, richte mich auf, mache mich wieder gut, komm zu mir, komm zu mir!

Ich vergesse die Welt, wenn du da bist, ich vergesse mich, wenn du da

bist, ich bin leicht, ich bin gut, ich bin schön, wenn du da bist. O

vergieb mir, du bist ja langmütig! vergieb, du bist freundlich, vergieb,

ich war so klein! Sage mir, daß du bist, so will ich alles Elend der

Erde tragen. Sage mir, daß du an mich denkst, so will ich tapfer sein

und nicht sorgen. Sage mir, daß du morgen kommen willst, so will ich

mich ver--wan--deln ...

Sie brach ab, denn sie hatte unweigerlich einen Schritt auf den

Steinfliesen der Veranda gehört, und doch war das unmöglich, denn die

war viel zu fern. Sie schwankte todbleich. Was habe ich getan? Hat er

mich gehört? Rief ich ihn her? Und indem wurde sie ganz kühl. Jetzt

kommt Ulrikas Freund, dachte sie friedlich, und siehe da, in der Tür

stand Bogner, schwenkte einen triefenden Hut, lachte und rief, ob Ulrika

nicht da wäre. Renate lachte gleichfalls und erwiderte, sie sei eben

gegangen. Der Maler kam einen Schritt vor, drehte und besah seinen Hut,

schien unschlüssig und murmelte endlich verlegen, ja, dann könnte er

wohl wieder gehn. Scheinbar war er in Ulrikas Wohnung gewesen, aber er

vergaß natürlich, das zu sagen. Einen Augenblick später war er

verschwunden. Renate aber hörte, eigentümlich melodiös und schmeichelnd

die Worte auf sie zuschweben: Ja, wenn du lebtest, wäre vieles nicht.

Der Tag nicht blaß, es glänzte dein Gesicht. Die Nacht nicht schwarz, du

leuchtetest mir gern, ach, du bist fern, bist fern, bist fern, -- ich

weine nicht. --

Freilich nein, gütiger Himmel, sie weinte nicht. Ja wenn -- du --

leb--test! sagte sie mit listiger Betonung vor sich hin. Bogner? Das war

ja ein gänzlich fremder Mensch gewesen! Sie mußte sich umdrehn und an

den Orgelpfeifen emporsehn, ob da vielleicht noch von ihrem Bekenntnis

etwas hafte und ihr beweise, daß es ihm, Bogner gegolten habe. Nein, da

war nichts. Dieser Bogner aber war nur ein Bild, eine Heiligenfigur

gewesen, und sie hatte an ganz jemand Andern gedacht. An wen? An

irgendwen! Und was war nun? Erlösung? Freiheit, Guterdingesein,

Hoffnung, Sicherheit, Zukunft, Irmelin Rose, nämlich: alles was schön

ist? -- Nichts davon, nein, sondern eine furchtbare Traurigkeit senkte

sich in schwarzen Schauern über sie, Schritte waren im weichen Sand des

Gartens hörbar, langsam, unbekannte, -- nein, war das -- --?

Und langsam, wie ein Geist in ihren Augen anzusehn, dem sie entsetzt

entgegenstarrte, stieg die schwere Gestalt des Erasmus die Stufen in der

Tür herauf, den Kopf gesenkt, und nun sah er sie erst, zuckte ein wenig

die Stirn empor, stand still, murmelte: »Verzeih, ich dachte --« Dann

ganz heiser: »-- bei dem Regen ...«

Dann warf er die Schultern auf und nieder, als wende er sich im Rock

angewidert hin und her, wütend, daß er gekommen war. Renate glaubte, sie

würde im Augenblick zu ihm hinfliegen, ihm zu Füßen, ihn anzuflehn, er

solle gut sein, anders sein, -- ja, was denn? -- -- Aber sie stand,

ganzen Leibes in die Tabulatur hineingedrückt, die Augen im Schrecken

weit offen, und danach, als er wieder verschwunden war, sank ihr der

Kopf langsam wie abgeschlagen vornüber auf die Brust.

Viel später fand sie sich, durchnäßt vom Regen, mitten im Garten, wie

sie zu den Fenstern aufsah. Ohne Willen machte sie sich dann zurecht und

fuhr zu Saint-Georges wie alltäglich.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 64 / 124 题