Am 10. (vormittags)

Gestern kam ich vor Schläfrigkeit nicht mehr dazu, Ihnen zu sagen, daß

ich den ganzen Tag noch hierbleiben muß. Der Lehrer hat nicht reinen

Mund gehalten über mein Hiersein, nun weiß es die ganze Gegend, und alle

wollen mich sehn. Aber es gießt vom Himmel in Strömen, ich kann nicht

aus dem Haus, und keiner kann zu mir. Da sitzt sichs schön in der

Verschleierung und Regenkühle dicht am offenen Fenster, mitunter spritzt

was herein, also was da Flecken sind in der Schrift, das ist aus den

Augen des Himmels gefallen und nicht aus meinen.

Und nun gehts weiter.

Sie wissen von dem Übergang der preußischen Truppen über den Sund und

der Erstürmung der Insel Alsen am 29. Juni. Er war dabei, in großen

Kähnen setzten sie über, und als der Morgen graute, wagten sie die

Landung.

So hat er mirs zwanzig- und hundertmal beschrieben. Die lange

Nachtfahrt, lautlos, ohne Licht, mit umwickelten Rudern, dann das

schaurige Ergrauen der Welt im Osten, das Schwinden der Sterne im kalten

Nachtraum. Ihm war schon schauerlich um das Herz; obwohl er seine

Erregung nur für Abenteuerlust hielt, schien es ihm mehr, als führen sie

alle zu einem Fest der Sonne über das dunkel Unsichtbare, dessen Dasein

seltsam plätscherte an den tastenden Rudern, als zum Sterben und Töten.

Als einer der Ersten sprang er dann in das flache Wasser. Es ward

bereits hell; die Umrisse der Insel erschienen deutlich im Morgengrau,

und das Letzte, was mein Vater sah, war am bleichen Osthimmel der eisige

Morgenstern und seine schreckliche Verwandlung. Denn da fiel ein Schuß,

er spürte einen allmächtigen Schlag auf die Brust, nein, mitten auf das

Herz, und in einem ungeheuren Erdonnern fand er sich angedroht von dem

gewaltigen Stern wie vom Auge der Welt.

Ihm schwanden die Sinne; er lag, als er erwachte, am Ufer; und da war er

ein anderer Mensch.

Und wie ging es zu, Georges? Er hatte in seinem Besitz eine alte große

Münze, die er bei einem seiner ersten Besuche in der Zelle seines alten

Freundes an sich genommen und später nicht zurückzugeben gewagt hatte.

Die war ihm eigentümlicherweise in die Hand geraten am Tage, wo er

seinen Koffer für den Feldzug packte, und in einem unbegreiflichen

Gefühl, wie unter einem unwiderstehlichen Zwang hatte er, da ein Loch

darin war, eine Schnur durchgezogen und sie um den Hals gehängt auf die

nackte Brust. Er zog sie hervor, als er am Ufer der Insel in der

Morgensonne lag; ein Geschoß steckte darin, und sie war blutig, da es

noch in seine Brust eingedrungen war.

Nicht wahr, Georges, das scheint nicht eben viel, ein glücklicher

Zufall, nichts weiter, und ich glaube wohl, man müßte es alles erlebt

haben, um es zu begreifen: die nächtliche Fahrt, die Waffen, die

morgendliche See und den Feind im Verborgenen, den bleichen gewaltigen

Himmel und den Stern und vorher das ganze gequälte Leben: um zu fühlen,

daß eine Hand ausfahren kann aus dem Unendlichen, um ihren Finger auf

eine Brust zu setzen, während das Auge des Ewigen dich bedroht.

Ja, so war sein Damaskus. Er hat dann den Feldzug noch mitgemacht, ohne

freilich mehr an den Feind zu kommen, hat danach sein Abschiedsgesuch

geschrieben und ist mit bewilligtem Urlaub ins Riesengebirge gefahren.

Er fand dort eine Stelle, wo er in fast völliger Unabhängigkeit von

Menschen und in Einsamkeit leben konnte, und dort ist er länger als ein

Jahr geblieben, indem er gewann, was er gewinnen sollte: die Einsicht in

die vollkommene Ordnung der Welt.

Verstehen Sie, Georges? Die Weisheit Kaiser Mark Aurels, >die von Ende

zu Ende reicht und stark und sanft alle Dinge ordnet<. Ganz gewiß, diese

wars, die er einsehen lernte, und die ward sein Glaube. Aber welcher Art

war diese Einsicht? Sie hat ihn erfüllt wie ein Odem, so war sie

überall, und jedes Ding von ihr lebend, sie, die ewige Weisheit, deren

Walten die Liebe ist. Aus Neigung und Abneigung der gewaltige Einklang,

und daß alles Beseelte beseelt ist vom Streben nach Neigung und nach dem

Einklang.

Ich weiß nicht, ob Sie ganz verstehen, oder ob Sie vielleicht fragen,

wie mancher fragen wird: Warum, wenn eine Vollkommenheit ist, warum ist

sie so, daß ich sie nicht zu sehen bekomme, indem es mir elend geht?

Nun, auf diese Frage hatte er allerlei Antworten, und eine sehr einfache

ist mir im Gedächtnis geblieben. Er sagte: Wenn einem Menschen, der

niemals ein Bauwerk gesehn hat, ein einzelner Stein gezeigt wird, so

wird es ihm auf keine Weise gelingen, sich eine Vorstellung zu machen

von der Vollkommenheit des Gebäudes, das sich aus einer Anzahl solcher

Steine errichten läßt. Und, die Vernunft des betrachtenden Menschen in

jenen Stein übertragen, so wird auch der Stein keine Vorstellung haben

können. Darum, wie hoch auch die Vernunft eines Teiles sein kann, so

wird er doch niemals eine Vorstellung gewinnen können von der Ordnung

des Ganzen, dem er zugeteilt ist, ja das durch ihn besteht. Daß aber der

Mensch nur ein Teil ist, kein Ganzes, wie jedes Ding, das braucht nicht

bewiesen werden.

Nein, höre ich meinen klugen Freund sagen, denn sonst würde er nicht

zeugen, -- immerhin aber ein sehr schwerer Glaube für Menschen, und gab

es keine Erleichterung?

Freilich wohl, und eine vor allem. Er hatte doch in einem Augenblick

seines Lebens diese Vollkommenheit wirklich gesehen. Ja, Georges, er

hatte ihren Finger gefühlt leibhaft, mitten im Herzen -- das heißt, er

hatte Allmacht gefühlt, sie, die ihm dann in seinem einsamen Jahr wieder

erschien in anderer, nicht mehr bedrohlicher Gestalt, eben als die

Vollkommenheit. Also konnte sie offenbar werden. Und so war dies sein

Erkennen und sein Glaube, daß sie beherrscht war von einer süßen

Neigung, offenbar zu werden. Liebe, das war die Kraft, die all die

Myriaden Teile dieses Ganzen zusammenhält, und so war es ihm durchzogen

von einem schimmernden Netzwerk von Offenbarungen. Lassen Sie es mich

noch einmal sagen: als er Einsicht gewann in die ewige Weisheit, da ward

sie ihm so feurig leibhaftig, so odemvoll lebendig, so schnaubend regsam

in ihm und reich an unendlichen Sinnen und Kräften, daß sie sich von

einem persönlichen Gotteswesen, wie Andere es für wahr halten, nur durch

die Eigenschaften unterschieden haben mag, die eben die Andern ihm

beilegen. Sie hatte ja fast Züge, und mir, Georges, mir sah sie schon

ganz aus wie mein Vater. Sehen Sie, Freund, Gott ist immer ein und

derselbe, und verschieden sind nur die Wege.

Ein wundervolles Gewebe von Offenbarungen, das erfüllte ihm die Welt,

und überall konnte dessen Feuer hervorleuchten, aus einer Blume, aus

einem Stern, aus Kindesmund, aus der Bibel. Der Einfältigste konnte es

empfinden, und der Weise es auslegen. Ja, so stark sei der Wunsch

Gottes, offenbar zu werden, daß die Offenbarung nicht wahr zu sein

brauche an sich, sondern allein wahr durch den Glauben des Herzens, und

Spiritismus und Okkultismus, Bibelauslegung und Zungenreden der Sekten

-- all das galt ihm so lange für ernst, wie er den Ernst zu sehen

glaubte in der Seele des Menschen. Er selbst glaubte fest an die Sterne,

und das war der Grund, weshalb ich geboren wurde.

Das ist nun aber mal furchtbar komisch gewesen. Er glaubte an die

Sterne, ihren Zusammenhang untereinander und unseren mit ihnen, wie

schon sein alter Lehrer, Pater Jucundus, ihn unterwiesen hatte. Und so

-- nachdem er gründliche Kenntnisse in der Sterndeutekunst erworben

hatte -- glaubte er auch, daß ein Mensch, zu einer bestimmten Stunde

gezeugt, zu einer bestimmten Stunde geboren, gewisse, in den Sternen

ausgedrückte und erkennbare Eigenschaften auf die Welt bringen würde.

Und nun sehen Sie, Georges: es ist alles eingetroffen, Zeugung und

Geburt zu den vorgesetzten Stunden, und gewisse Eigenschaften auch, bloß

-- er hatte alles berechnet auf einen Sohn, und es kam eine Tochter,

nämlich ich.

Papa, als er es mir erzählte, sagte, er sei im Leben nicht so verblüfft

gewesen. Er hatte die Möglichkeit, daß es kein Sohn werden könne,

überhaupt nicht im entferntesten geahnt und wollte nicht glauben, was er

sah. Nachher freilich habe er auch lachen müssen wie nie im Leben. Er

sah nun ein, daß die Vorsehung sich zwar erkennen läßt, aber in keiner

Weise beeinflussen. Im übrigen stimmte, wie gesagt, die

Sternenberechnung durchaus, und auch ich hatte gewisse Eigenschaften

bekommen, die jene Stunde der Geburt einem weiblichen Kinde verleihen

sollte, und weiter noch hat es sich in meinem Leben gezeigt, daß von

drei >Schicksalstagen<, als welche auch in der Sternauslegung eine große

Rolle spielen, der erste eingetroffen ist -- die andern verriet er mir

nicht --, sein Todestag.

Aber davon später; wir verließen ihn ja im Riesengebirge, und ich will

weiter erzählen.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 46 / 124 题