Flor am Rhein, 9. Nov.
Mein Lieber!
So bin ich doch vom Fenster fort zum Papier geflüchtet. Es ist offen --
mein kleines Zimmer liegt im Oberstock des Lehrerhauses --, und lange
saß ich davor über dem langsam verdämmernden Garten. Der Tag, den ich
ins matte Braun und Grün der Baumwipfel versickern sah, war
wolkenverhangen und warm; und wenig anders im Herzen, empfand ich wieder
das wolkenverhangene weite Land, durch das ich bis zum Nachmittag
gereist war, den achtlos hinjagenden Himmel von grauer und weißer
Gestaltlosigkeit und die Einsamkeit alles kleinen Lebens an seinem
Grunde, ähnlich dem im dunklen Wasser abgeschlossenen, langsamen mit
sich selber Beschäftigtsein von Schnecken, Käfern, Pflanzen, das man am
Grunde von Teichen beobachten kann. Und so, wenn ich mich einsam
empfand, empfand ich mich doch nicht allein einsam, sondern innerhalb
der einen großen Verlassenheit unter dem Himmel, von der ich wußte, daß
sie heilbar sei. Mein Auge derweil hielt dem mählichen Dunkelwerden
stand, worin sich hier und dort die Gegenwart eines geheimnisvollen
Wesens verriet -- an dem Blätterwerk eines kleinen Strauches in der
Tiefe, am schon entblätterten Ast einer Kastanie, an Blumen ganz unten,
die schon nicht mehr zu erkennen waren, und die alle von Zeit zu Zeit
sich bewegten, ganz lautlos, so als habe etwas sie verlassen, und sie
verneigten sich und murmelten unhörbare Abschiedsworte. Da wars
beruhigend, sich ein stilles und unsichtbares Geistwesen zu denken, das
hier beschäftigt war, Zuspruch und Beruhigung auszuteilen vor Nacht.
Aber dann kam das Dunkel, und die Einsamkeit überlief mich. Mir schien,
ich bin meinem lieben Freund doch eine Erklärung schuldig, warum ich ihm
mitten aus der Arbeit fort und hierher in die Heimat gelaufen bin, aber
leider -- das muß ein bißchen Geheimnis bleiben. Daß man es aus einer
rechten Verwirrung heraus getan hat, wird er ja verständig geahnt haben.
Sagen aber läßt sich, was man hier suchte -- und auch fand --, und um so
lieber, weil ich mich erinnere, daß Sie schon mehr als einmal nach
meinem Papa gefragt haben und ich damals noch nicht erzählen konnte,
will ich es heute tun und nun gleich damit anfangen ohne weitere
Vorrede.
Einmal fragten Sie, ob es kein Bild von ihm gebe, und ich sagte: Nur in
meinem Herzen. -- Photographien mochte er nicht leiden, und an Malern
fehlte es wohl. Aber er ist nicht schwer zu beschreiben. Ein kaum mehr
als mittelgroßer, etwas gebeugter Mann, an dem Ihnen zuerst seine Nase
aufgefallen wäre, die nicht eben schön war und etwa so krumm und
mißgestalt wie die von Allmers. Sein Haar, ursprünglich von rötlichem
Blond, begann früh weiß zu werden und auszufallen, und ich sehe ihn nun
immer so weiß wie in den letzten zehn Jahren seines Lebens. Nur fünfzig
ist er alt geworden. Seine Stirn war an Reinheit und edler Wölbe das
Schönste, was ich mir vorstellen konnte als Kind. An seinen Augen wuchs
ich auf. Sein Geist war feurig, er erregte sich leicht, und dann waren
sie blaue Flammen. Wie der Sommerhimmel, wenn ich ihn in die weiße
Obstblüte glühen sah, so waren sie und ihr Blick nur schwer zu ertragen.
Durchdringend war er, fast durchbohrend, eine unbeschreibliche Mischung
von Güte und Strenge. Was aber Strenge schien, das kam allein aus der
starken Wahrhaftigkeit seines Willens und Geistes, und sein Herz machte
es milde, wie die Strenge des Marmors mild wird in der Seele des Bildes.
Sehen Sie, Georges, er liebte die Welt, und er und ich, wir liebten uns
so, daß wir uns nie verließen, und was mich betrifft, ich bin krank
geworden, wenn ich mehr als eine Stunde Weges von ihm getrennt war. Ich
konnte nicht atmen mehr, und das war wirklich. Meine Mutter habe ich
nicht gekannt und sie doch niemals vermißt. Er war mein Lehrer; in eine
Schule bin ich nie gegangen, auch mit Kindern habe ich selten gespielt,
aber ach die unendlichen Spiele mit ihm! Wie wurde da alles lebendig
unter seiner Hand, und er bevölkerte meine kleine Welt mit unzählbaren
süßen Seelen. Er hatte so viele Gewalt, er konnte Krankheiten heilen
durch Handauflegen. Gewiß -- nicht Lungenschwindsucht und dergleichen --
Sie verstehn. Mir fällt ein: Als Magda krank war, sagte ich es zu Jason,
der trübsinnig an ihrem Bett saß, und er sagte in seiner furchtbaren
Zerstreutheit: Freilich, freilich, ich kann es ja auch! Es sei gar nicht
so schwer, meinte er, man müsse die Geister beschwören. -- Die Geister,
Jason? -- Nun, sagt er, oder die Nerven, ich habe keine Vorliebe für das
Wort. Das sei auch so eine Erfindung wie die mit dem Telephon; ein jeder
brauchts, aber keiner weiß, wie es zugeht.
Wie aber kann ich Ihnen begreiflich machen, was er lehrte? Er flößte mir
sein Wesen ein. An jedem Tage, in jedem Augenblick gab er mir seine
strahlende Liebe zu erkennen, und daß sie ein Licht war im größern
Licht. Er lehrte nicht Gott. Bedenken Sie, daß ich sieben und acht Jahre
alt wurde, ohne das Wort Gott zu hören, und daß ich noch älter geworden
bin, ohne mehr und andres davon zu wissen, als daß es der Name aller
Völker für ein Wesen sei, das ich lange kannte, also daß es einen Gott
der Juden gab, der Griechen oder der Christen. Sehen Sie, Georges, er
wollte, daß mir das Wort ganz heilig sei, daß ich mir nicht angewöhnte,
es diesem und jenem beizulegen, oder es im Munde zu führen. Er wollte,
daß ich es selber erzeugen sollte aus meinem tiefsten Gefühl, und so ist
es gekommen. Als ich fünfzehn Jahre alt war, mußte er eine Reise machen
und ließ mich zurück, weil ich einmal zu erfahren hatte, wie es ohne ihn
sei. Es waren zwei grausige Tage. Ich lag krank am zweiten an Leib und
Seele, mir war zum Ersticken in meiner Not, am Abend konnte ich nicht
mehr liegen, konnte auch kaum gehen, und halb auf dem Weg ihm entgegen,
fiel ich um und lag an einer Hecke, als er kam. Da schrie, da weinte
ich: Gott! -- unwissend, ob ich den Vater meinte, der wiederkam, oder
das väterliche Wesen, das ihn mir wieder gab.
Aber nein, so geht es nicht weiter, ich sehe, man muß sein Leben erst
kennen, um verstehen zu können, was er lehrte, denn auch Christus war
ihm Gottes Sohn nicht anders, als wir alle seine Kinder sind. Wo fang
ich an?
Flor ist nur ein kleines Dorf, abseits vom Rhein, aber die Kirche, die
für das ganze Kirchspiel erbaut ist, ist ziemlich groß und sehr hübsch,
ein einfaches und leichtes Barock, graue Pfeiler und Bogen und Kanten,
dazwischen die Flächen von neuer, schön gelber Tünche. Der Turm ist
zierlich, mit einem Kranz kleiner Säulen unter dem Helm, durch die man
die Glocken sehen kann, die ein und aus fliegenden Schwalben und den
Himmel. Im selben Stil war unser Haus gebaut, das nun nicht mehr steht.
Wenige Tage nach seinem Tode schon brannte es ab mit allem, was darin
war, in einer Nacht. Damals war manches geheimnisvoll, und auch dies.
Das ist nun zwei Jahre her. Die Menschen im Dorf, in der ganzen Gegend
haben ihn sehr geliebt. Sie haben nur den Schutt fortgeräumt, einen
Rasenhügel aufgeworfen und ihn darunter begraben, denn sein Grab war
noch kaum geschlossen. Auf den Hügel haben sie eine alte steinerne
Sonnenuhr gestellt, von der er selber einmal gesagt hatte, daß er unter
ihr liegen möchte. Unter ihrem Spruch: _Demit una, dat altera_ war Platz
für seinen Namen. -- Übrigens waren die zwei ersten Lettern der Schrift
immer ausgelöscht, und Papa sagte, man könnte also das Wort sowohl als
_Demit_ ergänzen wie als _Sumit_, je nachdem, wie man den Spruch
wünsche: die eine Stunde nimmt fort, die andere giebt wieder, oder: die
eine empfängt, und die andre giebt hin. --
Dort stand ich nun heut, und im Anfang war es doch schmerzlich, so im
Leeren zu stehn. Von der Haustür, an deren Stelle ich mich versetzen
konnte, führt eine Allee kleiner Kuppellinden auf die Gittertür des
Friedhofes zu; zwischen ihren Stämmen sind mannshohe dichte Hecken, so
hoch, daß die Baumkuppeln nahe darüber schweben, im Sommer ein ganz
grüner Gang, ganz voll Schatten, Sonnensprenkeln und Lindenduft und
tönend vom Summen der Bienen. An jedem Abend gingen wir lange darin auf
und nieder. Das Land umher müssen Sie sich vorstellen wie einen einzigen
Obstgarten. Nur nach dem Rheine zu sind es Rebengärten, etwas kahl, und
der glatte Strom, der sich biegt, scheint öde zwischen den grünen
Uferhängen. Aber ich war dort geboren, und er war mir vertraut und sehr
lieb.
Ach, Georges, aber das ist auch kein Anfang geworden, und meine tickende
kleine Uhr sagt, es ist schon zwölf. Nun, ich bin gar nicht müde und
will nun ganz von vorn anfangen und bei meinem Großvater.
Papa sprach selten von ihm, aber Onkel Augustin sagte, er sei
unwidersprechlich der härteste Mensch gewesen, den man sich einbilden
könne. Stellen Sie sich Onkel Augustin vor, seine Gestalt und Gesicht,
ein bißchen kleiner, aber in den rosigen und ewig freundlich scheinenden
Zügen eine nicht zu beschreibende Verhärtung. Seine Mutter ist eine
Wuppertalerin gewesen, und er sah recht aus wie so ein alter Wuppertaler
Fabrikmensch, glatt, freundlich, geistlich und hart. Diese Härte ist
aber so innerlich gewesen, daß sie sich niemals unmittelbar äußerte.
Gegen alle Menschen, auch die er quälte und zugrunde richtete, war er
höflich und scheinbar herzlich; in Gesellschaft verstand er zu plaudern
wie ein Franzose, aber sein Witz soll Tränen in die Augen gebissen
haben. Er war so, daß er zum Beispiel sagte, er pflege zum Aufschneiden
der Bücher, die er lese, ein silbernes Obstmesser zu benützen; davon
bekämen selbst die trockensten eine Erinnerung an Früchte.
Onkel Augustin ist ganz in seiner Gewalt gewesen -- das waren Kinder
auch damals noch mehr als heut --, aber mit meinem Papa traf er es
schlecht, der war unbändig. Er war kein gutes Kind, war über die Maßen
hitzig, kannte im Zorn keine Ehrfurcht noch andere Grenzen und hatte --
ja, er litt unter einem unbezähmbaren Zwang, seinen Gelüsten zu folgen.
Zwischen seinem Vater und ihm kam es, als er kaum laufen und sprechen
konnte, zu solcher Feindschaft, daß es ihn, Papa, wie er mir erzählt
hat, noch als er schon lange erwachsen war, schüttelte in der Erinnerung
an manche Szene, und er hatte die qualvollsten Träume. Man muß freilich
wissen, daß Vaters Wesen damals, als er Kind war, nicht sein wirkliches
war, und die Feindschaft kam aus einer höllischen Gegensätzlichkeit
ihres Wesens. Der eine war eben warm, der andre ganz kalt.
Kalt, ja, und hat doch seine Zeit einer Wärme gehabt. -- Papas Mutter
war ein sanftes, ganz weiches Wesen. An ihr hätte, so sagte Papa, ein
Engel nichts auszusetzen gefunden, und sein Vater hatte keine
Gelegenheit, seine Härte gegen sie anzuwenden. Zärtlichkeit kannte er
zwar nicht, aber -- sie war katholisch, und um sie heiraten zu können,
ist er es geworden.
Als Papa sieben oder acht Jahre alt war, gab Großvater den Kampf mit ihm
auf und steckte ihn in eine von Jesuiten geleitete Erziehungsanstalt.
Sie wären, meinte Papa, seinem Vater alle ähnlich gewesen in der äußeren
Höflichkeit und Glätte des Betragens und der inneren Verhärtung, und es
waren für ihn furchtbare Jahre. Nicht ohne sein Verschulden, gewiß, er
verübte tausend Tollheiten, er bemühte sich, ihnen entsetzlich und
unerträglich zu werden, als er sah, daß Davonlaufen nichts half, da er
stets eingefangen wurde, und wie er es anstellte, ihnen schrecklich zu
werden, können Sie sich denken. Er höhnte und lästerte die Religion, er
verdarb seine Mitschüler, er kämpfte einen jahrelangen Berserkerkampf
gegen das Göttliche, die heiligen Einrichtungen und Symbole bis zu den
schmählichsten und ausgesuchten Lästerungen. Dies war in ihm wie ein
wüstes Feuer, und er war klug und erfinderisch, und als er im Unterricht
auch die heidnische Götterwelt kennen gelernt hatte, stellte er sich als
Heide, behauptete, das Blut oder die Seele irgendeines Griechen oder
Römers in sich zu spüren, und statt zur Mutter Gottes oder einem
Heiligen zu beten, sprach er mit lauter Stimme Anrufungen an Isis oder
Dionysos. Denen errichtete er insgeheim Altäre in der Absicht, daß sie
entdeckt würden, feierte mit selbsterfundenen oder gar den kirchlichen
Riten ihre Kulte, ja, und dann endete es, glaub ich, damit, daß er eine
Katze umbrachte, um sie dem Poseidon oder Ares Opfer darzubringen. Da
haben denn auch die frommen Väter den Kampf aufgegeben und ihn
heimgeschickt. Drei Tage später saß er im Kadettenkorps.
Das war wenige Jahre vor dem Krieg 1864, den er als Junker mitgemacht
hat. Im Korps tat er zwar kaum besser als bei den Vätern Jesuiten, aber
jenes schwarze Feuer der Gottlosigkeit fand dort keinen Stoff, um zu
brennen, und alt genug war er auch geworden, um einzusehen, daß er den
Erwachsenen ausgeliefert war, und daß er nichts Klügeres tun konnte, als
sich zu beeilen, gleichfalls erwachsen zu werden; so nahm er sich mit
seinen Tollheiten, nächtlichen Gelagen und Kartenspielen und was es nun
war, einigermaßen in acht. Obschon er nicht aufhörte, alles Religiöse,
vor allem die frommen oder frömmelnden Äußerungen der Mitschüler zu
verspotten, sagte er mir, daß mit dem Abfallen jenes schaurigen Zwanges
der Gotteslästerung eine wahrhafte Erleichterung über ihn gekommen sei.
Trotz allem diesem hat er nicht so wenig gearbeitet und gelernt, nur
eben aus Trotzigkeit nicht im Unterricht; für sich allein aber trieb er
beispielsweise Italienisch und Spanisch. Wenn aber in der Klasse
Thukydides gelesen wurde oder Cicero, so las er im Gegenteil Pindar und
den verbotenen Catull oder die Begebenheiten des Enkolp -- ach, er war
schrecklich!
Das Schlimmste daran, jedenfalls für ihn, war, daß er sich zwar weder
kannte, noch anders konnte, daß es aber im Grunde eine unaufhörliche
Qual gewesen; daß ihm immer bewußt gewesen ist, falsch zu handeln, zu
denken, zu fühlen, so als sei er einmal vergiftet worden und müßte Gift
ausschwitzen bei jeder Erregung. Onkel Augustin hat mir erzählt, als wir
über dies alles sprachen, daß Papa als ganz kleines Kind beim ersten
Sehen seines Vaters in ein heftiges Schreien und Weinen ausgebrochen und
noch lange Zeit später seinem Anblick niemals begegnet sei ohne
Geschrei, ohne Tränen, dergestalt daß er späterhin -- Onkel -- sich des
Gedankens nicht habe erwehren können von einem schaurigen Spiel der
Natur, und daß Papas Dasein von Anfang an auf ein falsches Geleise
gesetzt worden sei, von dem frei zu kommen die gefangene törichte Seele
kein Mittel gefunden habe. -- In der Jesuitenschule hat er einen Freund
gehabt, einen sehr alten Mann, der keinen Unterricht mehr erteilte,
seine eigenen Wege ging und sich -- freilich immer in dem vom Glauben
gezogenen Rahmen -- mit naturwissenschaftlichen Forschungen
beschäftigte, auch mit Sternkunde und Astrologie. Der habe, erzählte
Papa, ihm wie jedem neuen Schüler das Horoskop gestellt, und was er
erfuhr -- er verriet es nicht --, muß ihn bewogen haben, den Knaben in
seine Nähe zu ziehen. Nun war sein Äußeres so ehrfurchtgebietend, daß
Papa ihm gegenüber sich hat beherrschen müssen. Sicherlich erfuhr der
alte Mann -- Bruder Jucundus, so hieß er -- von den Lehrern der Anstalt
alles über den Jungen, was ihm selber verborgen blieb. Er hat aber nie
etwas andres getan, als ihm beim Betreten und Verlassen seiner Zelle die
Hand auf den Kopf zu legen und in sein Auge einen Blick zu senken, dem
der Knabe vergeblich standzuhalten versuchte. Er ließ ihn teilnehmen,
auch mit den jungen geschickten Händen helfen bei seinen Untersuchungen
mit dem Mikroskop und den chemischen Experimenten, wies ihm an klaren
Abenden die großen Himmelskörper im Fernrohr, abgesondert vom Firmament,
und ohne eine Erwiderung je zu verlangen, lehrte er ihn nicht nur die
Kenntnisse, sondern das Walten der göttlichen Vernunft in alldem, und
daß Stern und Tier und Pflanze und Menschenherz nur Äußerungen seien
eines ewigen Willens. Seltsam sei es gewesen, sagte Papa, daß er die
Stunden mit dem Greis allzeit als schön, als rein, als wundervoll
empfand, und daß doch mit dem Augenblick, wo die Tür hinter ihm zufiel,
wo noch der unwiderstehliche Abschiedsblick in ihm brannte, die Luft des
Flurs, des übrigen Hauses als dumpfe Wolke sich über ihn gesenkt habe.
Im Augenblick habe er vergessen müssen, krampfhaft und doppelt gereizt
zum alten Treiben.
Beim Verlassen der Anstalt hat Pater Jucundus ihm dann ein einziges Wort
gesagt. Er sagte: Ich weiß alles von dir, mein Sohn, habe es immer
gewußt, und Damaskus ist nun nicht mehr fern. Gehe mit Frieden! -- Dies,
und mehr noch der gütevolle, ja vertrauensvolle Ausdruck, mit dem es
gesagt wurde, hat Papa noch lange bewegt, ehe er es vergaß.
Es vergingen aber seit seinem Abschied von dort noch vier Jahre. Dann,
wie ich schon sagte, machte er den Feldzug gegen Dänemark mit, und da
traf er sein Schicksal.
Lieber Georges, nun ists aus, und ich kann nicht mehr. Halb drei ist,
mein Licht ganz heruntergebrannt, ich bin todmüde, so schön die Nacht
eben ist. Aus der Tiefe des Gartens steigt so ein feines Duften, das
Schlafende atmet stärker, auch reiner als am Tag, und immer wieder hör
ich ein ganz leises Knistern -- Regentropfen auf Zweigen --, und da fühl
ich so schön: die Natur schläft und trinkt zugleich wie ein ganz kleines
Kind. Die gute Natur! Sie ist geduldig und voll, und wir sind schlaflos
und rastlos und verstehen uns nicht in ihrer Fülle.