Es ist doch Besuch gekommen, und ich hab abbrechen müssen. Gegen Mittag
hat das Wetter sich dann aufgeklärt, ich konnte meine Besuche machen,
und um ja zu recht Vielen zu kommen, hab ich einen Wagen anspannen
lassen. Das war eine Fahrt! Der Himmel so blau, die Erde dampfte ganz
wild in der Sonne, und über das lächelnd Blaue flog immerfort Weißes,
als würden lauter Tücher emporgeworfen, immer dahinten, wo man nicht
sein kann. Die Obstblüte, dahier das Schönste, ist ja leider zu andrer
Jahreszeit, aber dies Grün, o dies nasse, schwere Grün der Bäume und
Wiesen, und noch Blumenfarben in den kleinen Gärten und die blitzenden
vielen Silberkugeln und die blauen, die sie lustig hineingestellt haben,
und in denen man den Himmel sehn kann und alles, mitten zwischen den
Blumen. Vor jedem Dorf auf der Landstraße kamen die Kinder mir
entgegengelaufen, alle kleinen Hände voll Sträuße, mein Wagen ist so
voll geworden, daß sie an den Seiten wieder herausfielen, und aus den
Haustüren traten die alten Leute, lachten und weinten -- sicher hab ich
zwanzigmal Kaffee getrunken, na und Kuchen so viel, daß ich kein' Atem
mehr kriegen konnt, und geredet! Das sind ja dahier rheinische Menschen,
nicht so plump wie der Bayer und so derb, auch nicht so verschlossen wie
der Bauer im Norden, sondern treu- und offenherzig und redselig, und o
fein sind wir und gebildet, und wie war ich froh, daß ich ihr Schwäbisch
noch hab verstehen können! Ach, daß sie mich Alle gern mögen, weiß ich
ja auch, aber eigentlich hat es alles doch ihm gegolten, und ich bin ja
auch sein Geschöpf, und ich hab wohl gesehen, daß ihnen Allen so lustige
kleine Spruchbänder vom Mund wegflogen, wie auf den Bildern im
Mittelalter; wo aber auf denen jedesmal der Name der Person aufgemalt
ist, da hat immer sein Name gestanden --, ach lieber Freund, ganz satt
und trunken haben sie mich gemacht mit ihrer Liebe zu ihm!
Und ich muß nun, wenn ich weiter erzählen will, im Gegenteil von
Lieblosigkeit reden, aber es wird ein Übergang sein, und halt läßt es
sich nicht ändern.
Er hatte, bevor er in seine Einsamkeit ging, dies Vorhaben und seine
Notwendigkeit seinem Vater nur schriftlich mitgeteilt und keine Antwort
empfangen. Ins Haus zurückkehrend, mußte er von der Dienerschaft
erfahren, daß seine Mutter gestorben war, und daß sie den Auftrag
hätten, ihn am Eintritt zu verhindern. Er kehrte um, eine Adresse
zurücklassend, um die er gebeten wurde. Der Großvater schrieb ihm, daß
er nunmehr satt sei der Unbotmäßigkeit. Er möge sehn, was er treibe, ihm
jedoch nicht früher vor Augen kommen, als bis er im Besitz eines Berufes
sei, der ihn ernähre. Die Unterstützung hierzu könne er alljährlich bei
einer Bank beheben. --
Papa hatte nun das Glück, einen wundervollen Aufschwung all seiner
Kräfte und Fähigkeiten zu erleben. Die Offenheit der Welt war in ihm,
und was in ihn stürzte, war Reichtum der Welt und kostbare Nahrung. In
der Einsamkeit hatte er zu der großen ersten Erkenntnis eine zweite, für
sein tätiges, sein gleichsam persönliches Leben gültige gewonnen -- die
seiner Berufung zum Priester. Zum Priester ja, und weniger zum
Verkünder, zum Apostel, sosehr er glaubte, damals, im mächtigen Feuer
seines Gottesgefühls glaubte, den Schatz einer neuen Religiosität
gefunden zu haben. Jedoch hatte er bei aller Leidenschaftlichkeit
keinerlei Anlage zum Revolutionär, ja, er verabscheute das
Revolutionäre, das Zerstörerische daran und auch die Gewaltsamkeit neuer
Formung. Da allezeit kaum der hundertste Teil von dem, was der
revolutionäre Geist erstrebt, seine Verwirklichung in der menschlichen
Gemeinschaft findet, so schien es ihm ersprießlicher und seinem Wesen
gemäß, die Verwirklichung des von ihm Erkannten zu erstreben und
versuchen im einfachen Wirken. Bilden, sagte er, im menschlichen Stoff,
ist Umbilden; ist, den guten, den brauchbaren Keim zu erkennen und, ihn
entfaltend, die alte Form zu durchwirken und umzuschaffen.
So ging er fürs erste daran, die menschlichen Wissenschaften vom
Göttlichen sich zu eigen zu machen, indem er zunächst Theologie
studierte, später auch Philosophie, Natur- und Sozialwissenschaften.
Dazu erwarb er reiche Kenntnis in den lebenden und toten Sprachen, sogar
im Sanskrit und der Bilderschrift der Ägypter, überall aus den Quellen
selber zu schöpfen geneigt. Erst fünf von den zehn Jahren, die er daran
setzte, waren vorüber, als sein Vater die Zahlung der Unterstützung
einstellte mit der Begründung, es sei ihm zu Ohren gekommen, daß er mit
einer Weibsperson zusammen lebe. Er möge sie aufgeben oder ihn. Papa
mußte dies Ansinnen leider abweisen. Durch seine Verheiratung mit jener
Weibsperson, meiner Mutter, einige Jahre später, und seinen
gleichzeitigen Übertritt zum Protestantismus, zog er sich die väterliche
Verfluchung zu. (Seltsam, nicht wahr, daß der Großvater am Sohn nicht
anerkennen wollte -- ja, vielleicht nicht einmal erkannte --, was er
selber im gleichen Alter getan hatte!) Er ließ ihn wissen, daß er fortan
nur noch einen Sohn habe, und er hielt dies Wort so, daß er auch die
Beziehung zwischen Papas Bruder und ihm gewaltsam verhinderte und ihn
nicht rufen ließ, als er starb. Papa hat ihn nur als Leiche
wiedergesehen. -- Lassen Sie mich aber nun erst von meiner Mutter
erzählen.
Nachdem jener Schuß auf Alsen Papa getroffen hatte, lag er noch zwei
Tage an der Küste von Schleswig in einer seltsamen Gelähmtheit, die er
erst am folgenden Morgen verspürte, fast weniger der Glieder als des
Willens, bei dänischen Bauersleuten, die ihn pflegten. Besonders nahm
sich ein Mädchen seiner an, noch halb ein Kind, das in jenem Haus
aufgewachsen war, aber ihm nicht entstammte. Sie war eine Deutsche und
dies alles, was man von ihr wußte. Eines Morgens war das Kind auf dem
trocknen Strand in einem Korbe gefunden worden, ohne Zweifel in einem
Boot hergebracht. Ein Zettel von männlicher Hand mit der Bitte, sich des
Kindes um Gottes willen anzunehmen und es zu taufen, verriet so viel,
daß es nicht von bäurischer Herkunft war, was sich denn auch erwies, als
es heranwuchs und von übergroßer Zartheit des Leibes ward. Nicht eben
schön, von sehr schmächtigem Wuchs und auch schmächtigen, länglichen
Zügen, blond und helläugig mit jenen starken Augäpfeln, wie man sie
nicht selten sieht bei so zarten und schmächtigen Geschöpfen, so kenne
ich sie nach ihrem einzigen Bild. Sie war so still wie ein Licht, und
wie das Licht nur Flamme ist, so verzehrte sich in ihr eine goldene
Seele von lauter Feuer. Seit dem Augenblick, wo sie meinen Vater
erblickte, hing ihre reine Jungfräulichkeit ihm an, und er wurde der
Leuchter, der die allzuglühende Flamme noch so lange dem zarten Körper
erhielt. Muß ich sagen, daß und wie sehr er sie liebte? Sie wich nicht
von ihm. In die Einsamkeit zog sie mit, freilich nur bis zu einem Dorf
in der Nähe seines Aufenthalts, von wo sie ihm alltäglich Speisen
brachte. Später lebten sie dann ehelich zusammen, merkwürdigerweise
lange Jahre, ohne Kinder zu bekommen. Denn auf jenen Einfall der
Sternengeburt ist Papa erst viel später gekommen, und obschon sie dann
eine Pause eintreten ließen im ehelichen Umgang, bis sich die Stunde
erfüllte, schien ihm die anfängliche Kinderlosigkeit grade ein Zeichen,
daß alles sich so vollziehn sollte, wie es dann geschah. Aber ach, sie
hat mit dieser Geburt ihre Kraft erschöpft! Fast nur noch Seele, glühte
sie in grausamer Schnelle nieder, und sie erlosch ganz, anderthalb Jahr
nach meiner Geburt, freilich in der inbrünstigen Gewißheit, nunmehr erst
zu reiner Flamme aufzublühn in der Vollkommenheit und überall zu sein
wie das Licht.
Ich habe, soviel ich vom Vater bekam, doch manches von ihr ererbt. Sie
muß eine Norddeutsche gewesen sein, nach ihrem Charakter und allem, was
man von ihr weiß, und übertrug so auf mich, was schon von Voreltern her
Nördliches im Blut des Geschlechtes war und was mein Vater entbehrte,
dessen Ungebärdigkeit und plötzliches Wesen erst in späteren Jahren zur
Ruhe kam, zu einer mehr gleichmäßigen Glut sich verdichtete.
Was aber nun ihn angeht und seinen Beruf, so hatte er inzwischen einsehn
gelernt, was ich schon sagte: daß Gott der Eine ist, verschieden nur die
Wege. Er wollte Neues bringen, einen neuen Weg, aber nicht mit Schrecken
und Übermaß, sondern allein durch das Wirken von innen. Er hatte auch
die Menschen kennen gelernt und sah, daß sie des Priesters bedurften,
die Einfältigen wie die Klugen, des Hülfreichen, Heilenden, so gut wie
ihr Körper des Arztes, und dies wollte er sein. Ja, wenn er einen neuen
Weg zu finden gemeint hatte, so war er ersichtlich doch neu nur in
seinen Augen und uralt in Wirklichkeit, daher es seinem Wesen
widerstrebte, als neu auszurufen, was es in Wahrheit nicht war. Längst
erkannt hatte er auch Jesus von Nazareth und sein ewig Gültiges, obschon
er ihm mehr durch sein Leben als durch sein Sterben jene >stark und
sanft alle Dinge ordnende Weisheit< zu vertreten schien. Und wenn sie
ihn nicht gekreuzigt hätten, sagte er, würde er _nicht_ gen Himmel
gefahren sein nach solchem Leben? Also kann ich mit Recht den Kreuzestod
überschlagen, aus dem sich doch, wenn man die Summe zieht, zwar die
Kraft seines Wesens und Glaubens, aber mehr noch die Unvernunft der
Menschen ergiebt, und die, sagte er und lachte, ist schon anderweitig
bekannt geworden. Er unterließ nicht, auch das Blutzeugnis Christi
anzurufen, wenn er an die Kraft der Gläubigkeit im Menschen gemahnen
wollte, aber seine Abendmahlspredigten -- nun, ich werde sie Ihnen
daheim zu lesen geben.
Er hatte ferner erkannt, daß der einfache Mensch der Satzung bedürftig
sei und des Dogmas, aber daß es Beruf und Aufgabe eben des Priesters
sei, diese auszulegen auf den rechten Gebrauch, damit sie würden, was
sie sein sollen: Mittel des Lebens, Hülfen, Ordnungen, nicht aber was
die Menschen allzeit aus ihnen gemacht haben: Ketten, Hindernisse und
Kerker und Fallen, die sie unaufhörlich einander stellen. Er erkannte
endlich, wie schwer es sei, sie zu seiner Einsicht zu führen, die für
ihre Augen zu blendend war, und daß sie der lindernden Spiegel
bedurften, um den ewigen Strahl zu ertragen, um ihn zu lernen, bevor sie
ihn ungeschützten Auges empfingen, -- aber auch daß es überall die
Wenigen gebe, die der Wahrheit ins Antlitz zu schauen vermögen; daß es
seine Aufgabe sei, vor allem diese zu finden, zu bilden, zu einer
Gemeinschaft zu gestalten, die weiterhin sich auswirke.
Priester des katholischen Bekenntnisses zu werden, war ihm solchermaßen
unmöglich, da er keinen Stellvertreter des Ewigen auf Erden anerkennen
konnte. Im Kern der protestantischen Lehre dagegen, dem: so halten wir
es nun, daß der Mensch gerecht werde nicht durch des Gesetzes Werk,
sondern allein durch den Glauben, fand er den Quell seiner Lehre wieder,
die mit der Einsicht in das Wesen der Vollkommenheit beginnt, die eine
Religiosität und Lehre freilich sein soll für das Leben und das Handeln,
in der aber jegliche Handlung erst möglich wird durch den Glauben. -- So
ist er Protestant geworden und verknüpfte mit dem Übertritt die
äußerliche Form der Ehe mit Mama, die zuvor nur vor Gottes unsichtbarem
Altar geschlossen war.
Sehen Sie, lieber Freund, welch schwerer Glaube es war, den er seinem
Kinde von Anbeginn lehrte, nur mit dem einen lindernden Spiegel, dem
Augenpaar ewiger Liebe unter seiner eigenen Stirn. Denn eines war für
den Menschen in dieser Lehre nicht enthalten; eines, dessen mit allen
Religionen auch das Luthertum, das er auf der Kanzel vertrat, nicht zu
entraten wußte; die eine gewaltige Hülfe Gottes im Leben: das Gebet. Ja,
die Wenigen, die er ganz für sich gewann, des Gebets zu entwöhnen, war
die schwerste, war ja die eine, eigentliche Aufgabe. Denn sie ist, die
Vollkommenheit, ist, und sonst nichts. Erflehen läßt sie sich nicht,
sondern allein empfinden, und dies ist die Aufgabe, die sie auferlegt,
so ganz von ihr erfüllt zu sein an Seele und Gliedern, sie so aufgesogen
zu haben in das Sein, ins Fühlen und Denken und Handeln, daß sich in ihr
leben läßt, und daß Leben heißt, sie ausstrahlen. Und davon die Folge?
Daß in jeder Lebensnot, jeder Gefahr, in aller Ungeduld und Verwirrung
und Trübsal der Mensch allein angewiesen ist auf sich selbst. Nichts
ist, was sich erbitten und beschwören, was um Halt, um Erleuchtung, um
Linderung sich anrufen ließe. Man muß glauben. So viel gab er wohl zu,
daß ein Streben in der ewigen Weisheit walte, eine Neigung,
zurückzugewinnen, was aus ihr gefallen sei, entgegenkommend dem Streben
des Gefallenen selbst. Verwirrung dagegen ließe sie kaum noch gelten,
sagte er, und was überhaupt die große Mehrzahl der Daseinsnöte angehe,
alltägliche Kümmernisse und dergleichen, so möge sich keiner einbilden,
daß sie, die Weisheit, eine Ahnung davon habe, und möge sich für sich
allein damit abfinden. Wohl habe das Göttliche eine Sehnsucht danach,
ausgestrahlt zu werden vom letzten Punkt der Erde, und eine Freude
daran, sich zu ergießen in jede willfährige Stelle; sie bemühe sich aber
so wenig um das Taube wie um das Blinde, und das hingegen möge der
Mensch selber besorgen.
Man muß glauben; und ich, ach ich habe es bald erfahren, denn hier bin
ich ja, heute wieder geheilt, aber die Verwirrung, in der ich kam -- ach
wie klein seh ich sie nun! --, war doch so stark, daß sie alles umwarf
in mir und mich hertrieb zu der ganz irdischen Stelle, wo ich einst
alles hatte, Gott und Glauben und Vater und Heimat und Seelenruhe, alles
in ihm, der zu frühe ging und als ich noch lange nicht fertig war.
Als er starb, da glaubte ich es zu sein. Das war so:
Er legte sich nieder in seinem fünfzigsten Jahr mit Lungenentzündung und
sagte gleich, er wisse, daß es das Ende sei. Er sagte das mit einem
furchtbaren Gram der Sorge um sein Kind, und bald, als er das Bewußtsein
verlor und delirierte, war aus den Worten, die er hervorstieß, zu
erkennen, daß er von nichts anderem gequält wurde als einer maßlosen
Angst, mich schutzlos, unfertig zu verlassen, und ins Ungemessene stieg
auch die meine. Plötzlich war dann für mich alles aus. Was geschehen
ist, weiß ich kaum. Von Papas Bruder, den ich gerufen hatte, dessen
Kommen ich aber schon nicht mehr wahrnahm, erfuhr ich später, daß ich
bewußtlos dagelegen habe und wie von Stein. Und dies sieben Tage. Er hat
mir nicht sagen wollen, was unterweil mit meinem Vater geschah; sein
Grab war, als ich aus einem tiefen und reinen Schlummer erwachte, eben
geschlossen. Vorher, vor dem Schlummer, so viel nur weiß ich, war das
Entsetzliche. Es hatte keinerlei Gestalt, doch ich weiß, daß es Kampf
gewesen ist. Ein Kampf um Leben wurde ausgefochten, ich weiß nicht von
wem, aber mein Vater hat teil daran gehabt wie ich selbst. Wer gesiegt
hat in dem Kampf, auch das ist mir unbekannt geblieben, aber mein Vater
starb. Später sagten sie mir, die Vögel der ganzen Gegend hätten nicht
gesungen noch gezwitschert in jenen sieben Tagen, -- und was es
bedeutet, werden Sie verstehen, wenn Vetter Josef sagte -- er war mit
seinem Bruder zum Begräbnis gekommen --, daß er niemals eine so
vollkommene Reinheit der Luft eingeatmet hätte wie während jener Tage im
Haus.
Es war früher Morgen, als ich zu mir kam aus dem schönen Schlaf, -- Ende
des März wars, und in mein Fenster zu ebener Erde herein blühten die
Kirschbäume des Gartens. Am Fenster stehend, so erquickt, als sei ich in
Himmel gebadet, sah ich ihn über den Wolken der Blüte, erwacht wie ich
selbst, seiner wieder froh, vollkommen rein und leicht wie das Licht.
Daß Papa nicht mehr war, wußte ich auf einmal; aber kein Schmerz! So wie
damals in seine Brust der Stern, aber liebend traf mich von oben sein
wieder ewiges Auge. Es machte mir zum Hause die Welt; es legte mich mit
Blumen und Sternen und Häusern und für immer an seine Brust.
Damals, ach damals war ich stark in seinem Glauben wie nicht vorher,
nicht nachher. Ja, noch so stark, daß, als ich eine Woche später das
Haus verschloß, um in die Schweiz zu fahren, so schmerzlich mich das
Scheiden von allem bewegte, was sein, was doch leiblich an ihm gewesen
war, süß und haltbar, -- daß ich als ganz leicht die Ahnung empfand, ich
würde das Haus nicht wiedersehn. Und selbst als ich, wieder eine Woche
danach, die Nachricht bekam, daß es niedergebrannt sei, weinte ich wohl,
aber ich hielt es für gut und schön, daß auch die weitere Hülle seines
irdischen Daseins nicht mehr sein sollte.
Seitdem bin ich schwächer geworden und so schwach, daß ich nun hier
sitze. Er war gut zu mir wie je, ließ mich die Schwäche nicht entgelten,
sondern blickte mich an aus allem, aus seinem Hügel und der stillen Uhr,
aus Bäumen und Wolken, und es fiel mir bald leicht, ihm zu versprechen,
daß es das erste und das letzte Mal gewesen sein sollte.
Sein Blick nämlich erinnerte mich an eine kleine besondere Lehre, ein
privates Haben von ihm, das er mir mitteilte, und dem freilich viel in
meiner Natur entgegenkam -- die Lehre vom Warten. Wie er sein Damaskus
gehabt hatte zur festgesetzten Frist, so glaubte er -- jawohl, ein
bißchen abergläubisch! -- an bestimmte Stunden, in denen lange Gereiftes
zur Vollendung komme, an Tage, in die das Schicksal sich sammle, und --
wieweit er recht hat, weiß ich zwar nicht, aber in mir kam immer alles
ihm entgegen, wenn er von der Pflicht sprach, geduldig zu sein, ohne
Unrast, nicht bitter zu werden vor der Reife, nicht kränklich im Sehnen,
sich nicht zu vergeuden, nicht zuzugreifen nach allem, was _scheine_,
nicht den edlen Hunger zu speisen mit nichtigen Happen, stark und eifrig
nur in jedem Streben nach einem Guten, dem Glück, da es doch niemals
nütze, die vorbestimmte Frist durch Übereifer und trabende Füße zu
quälen, so wenig es im Eisenbahnwagen helfe zu laufen. Ja, schön, nun
weiß ich das alles wieder recht gut, und doch wäre ich gern den Gang auf
und nieder gerannt im Eisenbahnwagen, um schneller hier zu sein und die
Stillung zu empfangen für das innre Gerenn meiner letzten Wochen.
Sie aber wissen nun auch, lieber Freund, weshalb ich Ihnen so dankbar
bin für das Geschenk des ägyptischen Königs, und weshalb ich ihn so sehr
liebe, Ech-en-Aton, unseren Freund! Daß ich sein Antlitz erkannte als
reinen Spiegel der Weisheit; daß ich an seinem Auge sehe, wie es blind
und selig ins Herz des ewigen Wesens blickt und sein Strahl es nicht
blendet; daß er nur immer dasteht seit Ewigkeit und sich müht, die
Vollkommenheit aufzufangen mit Leib und Seele. O möchte ich ihn einst
brüderlich empfinden können, wie heute noch tief unterlegen!
Gute Nacht, Freund, morgen komm ich zurück. Den Brief werden Sie zwar
später zu sehen bekommen als mich selbst, aber deshalb stecke ich ihn
morgen doch in den Kasten, weil ich weiß, daß übermorgen Ihr Geburtstag
ist, und allein zu diesem Zweck hab ich ihn geschrieben. -- Auf
Wiedersehn!