Renate, in der Hand die Gartenschere, trat am frühen Morgen auf die
Terrasse hinaus und blieb über den Stufen stehn. Warm schien die Sonne,
aber es wehte so heftig, daß sie mit den Händen in den Falten ihres
dunkelgrünen Kleides hinunterfuhr, um sie gegen den Leib zu drücken; sie
bauschten sich schwer hinter ihr, und die langen Enden der dicken,
silbernen Kordel, die sie unter der Brust um den Leib geschlungen hatte,
flatterten wie ihr Haar. Der Garten, schon sehr entblößt, war ein
flatterndes Gewimmel von Blättern und kleinen Zweigen, gelb und lockrig
ließen die Wipfel überall den hellen, dunstigen Himmel durchscheinen,
aufgelöst ins Trinken des reichen goldenen Lichts. Vollhängende
Fuchsiensträucher schwankten unter der Veranda. Wege und Rasen waren mit
Blütenblättern bestreut; der Gärtner hatte den mit Laub verschütteten
Rasenplatz zur Hälfte gekehrt und war zum Frühstücken gegangen; nun
rollte der Wind die braungelbe Masse von einer Seite auf die andre mit
einem kindischen Vergnügen. -- Renate kämpfte sich gegen den Wind die
Stufen hinab, ging auf dem Wege zur Linken weiter, durch die Büsche und
rechtsum unter den sechs Linden am Gemüsegarten hin auf die Rückseite
der Kapelle zu. Dort flammte, gegen den Wind geschützt, die ganze Schar
farbiger Georginen und Dahlien, schwarze, rote, scharlachne, weiße und
gelbe. Renate schnitt von ihnen, langsam auswählend, einen Arm voll. Da
hörte sie ihren Namen, fern von Magdas Stimme gerufen, antwortete: Hier!
und sah bald darauf, sich wendend, Magda den Weg unter den Linden
herbeieilen, ein Zeitungsblatt in der Hand, heftig atmend und mit
schreckerfüllten Augen.
»Du weißt noch nichts?« fragte sie atemlos. »Das Schiff --«
»Was für ein Schiff?«
»Mit Esther! Es ist untergegangen.«
Renate schrie: »Magda!« ließ die Schere fallen, preßte die Blumen an
sich, griff nach der Zeitung und las unter strömenden Tränen
entsetzliche Dinge von einem Eisberg, bei Nacht, und Hunderten von
Toten.
»Vielleicht ist sie doch gerettet«, weinte sie. Der Wind riß an dem
großen Zeitungsblatt, sie kämpfte, um es zusammenzulegen, packte dann
ihr Blumenbündel hinein und suchte nach ihrem Taschentuch im Gürtel. Da
sah sie es nicht weit von ihr auf dem Wege liegen und eilte daraufzu,
damit es nicht wegfliege.
»Weiß Sigurd es denn?« rief sie Magda zu, die mit zusammengelegten
Händen dastand. Die fuhr aus ihrer Versunkenheit auf, sagte, ja, sie sei
ja gekommen, um mit Sigurd zu telephonieren, und eilte eifrig an Renate
vorüber nach dem Hause.
Mit ihrem großen, bunten Blumenbündel im Arm, heftig weinend und an Nase
und Augen wischend, schwankte Renate den Weg zurück, über den Rasen und
bis zur Sonnenuhr, blickte lange darauf, als wollte sie die Zeit
enträtseln, und legte dann, heftiger aufschluchzend, mit einer wilden
Gebärde die Last auf das Zifferblatt; das Zeitungsblatt öffnete sich und
flatterte. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Postament, wurde
langsam ruhiger, blickte wartend in die Veranda. Schritte wurden hörbar,
Sigurds lange Gestalt erschien, er kam herunter, rote Flecken im
Gesicht, die Augen geschwollen. Er blieb dicht vor ihr stehn und ließ
den Kopf hängen.
»Ja, hier ist es immer schön«, sagte er nach einer Weile, umhersehend.
»Sigurd,« bat sie leise, »ich --, ist es denn -- ist es -- ist es denn
gewiß?«
Er zuckte die Achseln.
»Für mich ist sie tot«, sagte er nach einer Weile abweisend.
Renate wußte nichts zu sagen, legte ihm nach einer Weile eine Hand auf
die Schulter, in der sie ihr kleines Taschentuch zusammengedrückt hatte.
Sigurd, den Kopf senkend, blickte darauf und sagte: »Ganz naß ...«
Seine Lippen zuckten, er begann: »Esther --« Dann: »Was war sie nur? Ja,
was hat sie euch viel bedeutet! Ein kleines Gartenland, -- ausgerauft.«
Er stockte. »Esther, mein Gott!« sagte er, faltete die Hände, blickte
irr und schrie auf einmal: »Ich dachte, sie wäre hier! Ich dachte, sie
wäre hier, und nun ist sie ja nicht da!«
Über den Stufen der Veranda erschien Magda in ihrem mattblauen Kleid und
blieb da stehn, an einer Weinranke zupfend. Sigurd wand sich
verzweifelter.
»Helfen Sie mir doch,« sagte er, »wie soll ich denn das verstehn, daß
sie auf einmal tausend Meter tief im Wasser liegt, und die Fische
schwimmen drüber weg, und man kann sie nicht heraufholen. O ich Mensch!
o ich Mensch!« stöhnte er, die Finger in den Haaren, »daß ich sie habe
allein fahren lassen! Aus Trotz ließ ich sie weg und hetzte diesen
Prinzen, diesen Literaten, diesen Hanswurst --«
Magda blickte langsam nach ihm hin; Renate sagte leise: »Sigurd! Wir
können uns doch beherrschen.«
Er hielt mitten in seiner Wutgebärde inne, blickte sie erstaunt an,
schien ihr Gesicht zu erkennen und stürzte zu ihren Füßen hin, laut
schluchzend, röchelnd und sich schüttelnd. Das Gesicht auf ihren Schuhn,
umschlang er ihre Knie und riß daran, -- Renate schwankte und griff nach
dem Zeiger der Sonnenuhr hinter sich, um sich daran zu halten. »O, ich
liebe dich doch,« jammerte er laut, »ich liebe dich, und nun ist alles
aus!«
O das war schrecklich. Da er wieder ruhiger wurde, gelang es Renate,
seinen Kopf zu fassen, zu heben und an ihre Knie zu drücken. Da stand er
schwerfällig auf, zog sein Taschentuch und brachte Gesicht und Haar in
Ordnung.
»Eins zieht das andre nach sich«, sagte er trocken. »Daß man sich in Sie
verliebt, ist freilich natürlich. Ich wußte ja, wenn sie den Prinzen
näher kennen lernte, so konnte sie nicht widerstehn, niemals konnte
sie's. Dann ging alles seinen Gang. Eines Tages war die heillose
Verwirrung da, und sie wußte nicht mehr, wohin sie sollte, nach Amerika,
zum Prinzen, oder zu mir. Da dachte ich, wir müßten es probieren, und
wenn wirklich ich die Hauptperson in ihrem Leben war, so würde sie sich
ja auch aus Amerika zurückfinden. Nein, Gott, nein, wie hätte ich allein
bleiben können! Mein Dasein hatte seinen Glanz und seine Freude doch
bloß von ihr, und ohne das ist man doch in einer steinernen Öde und
friert. Aber da hatte ich mich ja selbst von ihr abgewandt und zu Ihnen.
Nun, freilich, was das schon hieß, aber mein Gefühl, ja, mein Gefühl war
doch dadurch schwächer geworden gegen sie, und dafür bin ich nun
gestraft. Ihm aber, bei Gott, Renate, ihm aber werde ichs einmal
heimzahlen, daß er sie zu sich herüberbog so weit und dann wieder fahren
ließ, dieser Bastard von einem Literaten! Konfus hat er sie gemacht,«
schrie er aufgebracht, »und da zeigte der Tod ihr einen Mittelweg, und
sie folgte natürlich wie immer. Meinen Sie denn etwa,« fragte er mit
zornigen Augen, »ich wüßte nicht, wie sie gestorben ist! Meinen Sie, ich
hätte --, ja, glauben Sie etwa, Jason wäre auch ertrunken?«
Da er einen Augenblick schwieg, um Atem zu schöpfen, murmelte Renate:
»Der gute Jason ...« Auch sie konnte sich nicht denken, daß er tot sei.
»O Gott,« stöhnte er nun wieder vor sich hin, »ich seh ihn ja immer und
immer herumlaufen, über alle Verdecke, durchs ganze Schiff, oben, unten,
in alle dümmsten Winkel spähn, und die Angst ... Und ich bin mit ihm
herumgerast und hab geschrien: Esther! Esther! Esther! -- Aber sie«,
schloß er leise und verwirrt, »lag wohl schon lange unten und war auch
-- wohl ganz froh ...«
Nach diesen Worten drehte er sich langsam und vergrämt um und ging fort,
die Stufen empor, wo Magda einen Arm um ihn legte und mit ihm
weiterging. Sie waren verschwunden, aber nach einer Weile erschien er
wieder allein, blieb über den Stufen stehn, hob die Hand winkend und
rief: »Machen Sie sich keine Sorge um mich!«
Renate lief auf ihn zu, wollte ihn fragen, was er denn vorhabe, da kam
er herunter zu ihr und erklärte ihr ruhig und zurückhaltend, er könne
natürlich nicht hier bleiben, wo an jeder Straßenecke und in jedem
Zimmerwinkel Esthers Schatten stünde, sondern ginge nach Berlin, wo er
noch gerade rechtzeitig zur Immatrikulation kommen würde.
»Geld,« sagte er, »habe ich ja nun mehr als früher. Dann, wenn ich die
Examina gemacht habe, -- das muß schnell gehn, höchstens in einem Jahr
geh ich nach Rußland zurück. Da können sie mich vielleicht brauchen.
Jedenfalls bewegt sich das Leben dort in den Kreisen, die mir nahe sind,
so, daß ich hineinpacken kann; ich muß mich ja nun wohl an das
Allerreellste halten, was man so >Taten< nennt, und -- und vielleicht
kann man die Dinge doch fühlen; ich will versuchen, sie wieder
anzuwärmen; der Tod pflegt ja alles erst mal kalt zu machen. Sie werden
wohl zuweilen an den letzten Mohikaner denken.«
Renate nickte nur und sah ihm liebevoll in die Augen; er ergriff ihre
Hand, küßte sie ungeschickt, ging ruhig und kehrte nicht zurück.
Renate, noch hinter ihm her sehend, erinnerte sich, daß Josef der letzte
war, der ihr die Hand geküßt hatte. Dem einen war alles genommen, der
andre wollte nichts mehr haben. Sie sah über das Dach des Hauses hinauf,
wo die kleinen grauen Steinfiguren sich vor dem leichten Gewebe von
Wolkenweiß und Himmelsblau zu bewegen schienen; die Sonne brach
kräftiger hervor. Seltsam war mit dem Ende von Sigurds heftigem Ausbruch
auch der Wind stiller geworden; es wehte nur leise durch den Garten hin.
Sie zog die silberne Schnur, deren Knoten sich gelockert hatte, fester
zusammen, nahm ein zusammengerolltes Blatt von ihrem Kleid, glättete die
grüne Seide, in der schwarze Linien von oben nach dem Saum hin liefen,
und sah die Blumen auf ihrer Zeitung auf dem Postament liegen; der Wind
zauste darin wie ein Kakadu; einige lagen am Boden. Die sammelte sie
gedankenlos auf und legte sie zu den andern. Ja, nun mußte sie wohl zu
Saint-Georges --, nein, es war ja Sonntag. Sie dachte an ihre Orgel,
irgend etwas aber trieb sie, den Weg, den sie vorhin gekommen,
zurückzugehn. Vor einem Trupp halb welker Sonnenblumen stand eine sehr
hohe mit nicht sehr großem Antlitz, das sich mit einem geringen Ausdruck
von Ernst und Hoffart herabneigte. »Wie stolz du bist, Schwester
Sonnenblume,« sagte sie, »laß dich küssen.« Sie bog das gelb und
schwarze Sonnengesicht zu sich hinunter, küßte es leicht in die Mitte,
knickte den Stiel dicht unterm Kopf ab, hielt einen Augenblick die
weiche Blätterschale in den Händen, hängte sie dann vorn in den spitzen
Ausschnitt ihres Kleides. Dann ging sie weiter, langsam an einer Linde
nach der andern vorüber, die den Weg mit welken Blättern bestreuten,
blieb endlich am letzten Stamm stehn, die Hände auf dem Rücken
zusammengelegt, den Blick durch die fast entlaubten Wipfel
emporgerichtet. Ununterbrochen trieb und flatterte es von oben durch das
Licht. Sie spürte, in Gedanken verloren, wie ihr Kleid unten zuweilen
seine Falten regte, sich bauschte und wieder hinsank.
Saint-Georges kam die Allee herunter und blieb bei ihr stehn; sie sah
ihn durch den dünnen Schleier an, den eine vom Wind gelockerte
Haarsträhne über ihre linke Wange breitete, und las in seinen ernsten
Augen, daß er alles wußte. Er sagte nichts weiter als seinen Gruß; nach
einer Weile begann sie leise:
»Ach, Georges, hören Sie die Glocken?«
Lauschend vernahmen sie Beide das ferne, dunkle Getöse, das in der hohen
Weite gegen den Wind ankämpfend umher wanderte und nach Gläubigen
hinunter rief.
»Eben war mir,« fuhr sie fort, »als hätte ich schon ein Jahr hier
gestanden und die rufenden Glocken im Winde gehört. Alles war mir so
fern, -- daß Josef ging, und der Zorn des Erasmus, und Sigurds Schmerz
und Empörung. Hier bleibt es immer still.«
Ihr fielen bei diesen Worten Sigurds ganz ähnliche ein, die er beim
Kommen gesagt hatte, allein sie vermochte nicht zu begreifen, wie das
zusammenhing. »Entblätterte Linden,« sagte sie wie zu sich selbst,
»entblätterte Linden ... Am Boden wirbeln gelbe Blätter ruhlos, -- wer
weiß, wer weiß, wohin einst wir verschwinden!«
Getrieben vom Verlangen, ihre eigne Stimme zu hören, um die Stille und
die ferne Stimme Sigurds abzuwehren, sprach sie weiter: »Sie sind nun
bald alle fort. Wissen Sie, daß auch Magda geht? Ihr Lehrer ist an die
Berliner Oper gekommen, sie will ihn nicht aufgeben, ein Wechsel wäre ja
auch ungesund für die Stimme. Bogner ist irgendwohin; Ulrika ist mit
ihrer Mutter nach Süden; wo ist Jason? Jason ist verschwunden. Sigurd
geht, Georg ist fort, und Esther ... Ach, mir gellt immer noch das
Todesgeschrei all der Menschen in den Ohren, das ich hörte, als Sigurd:
Esther! schrie. -- Ich bin geblieben, -- wie kommt das? Was wird aus
ihnen, dort, wo ich sie nicht mehr kenne? was wird aus mir?« Sie faltete
die Hände und sah ihn ängstlich an.
Saint-Georges' ruhige, lichte Augen umfaßten ihre Gestalt, berührten die
Sonnenblume, sie hörte ihn sagen: »Ich sah Ihre Blumen auf der Sonnenuhr
liegen, -- hatten Sie die schöne Last in die Zeit fortgelegt? Da dachte
ich, daß --« er sprach sehr langsam -- »daß Ihnen nichts geschehen wird,
solange Sie in diesem Hause sind. Hier können Sie leben und sterben
unwandelbar; verlassen Sie es nie.«
»Josef«, entgegnete sie nachdenklich, »muß vor langer Zeit einmal etwas
gesagt haben, worin das Gegenteil von Ihren Worten stand.«
Er lächelte nun abwehrend, berührte mit einer Hand leicht die
Sonnenblume und sagte nach einer Weile versonnen: »Wissen Sie, woher das
Wort Heiland kommt?«
Renate meinte, es bedeute doch wohl heilend. Ja, das lege man dem Wort
wohl jetzt unter, versetzte er, »aber,« fuhr er aufblickend fort, »die
Sonnenblume heißt griechisch Helianthos, und daraus wurde Helianth,
Heliand, wie es noch im Frühmittelalter hieß, dann Heiland.«
Renate schauderte leise unter einem unkenntlichen Gefühl und hörte ihn
weiter sprechen:
»Carossa sagt: >Wenn uns gegeben wäre, immerfort ein Wesen zu schauen
und zu denken, so würden wir uns langsam in dasselbe verwandeln.< So
glaubten Heilige, und so verbürgt es die Form der Sonnenblume.«
»Und wissen Sie,« fuhr er fort, »wer dasselbe geglaubt hat, und wessen
Antlitz es uns verbürgt?«