Und, kaum wissend, was sie tat, griff sie nach der Blume, löste sie vom
Kleide und reichte sie ihm, ließ aber ihre Hand noch am Stiel, den er
faßte. Den Kopf hielt sie tief gesenkt, und, in blinde Wonne versinkend,
sah sie mit unbeschreiblichem Staunen eine kleine Gestalt in weißem
Gewande vor sich stehn, den König, der an ihr vorüber sah mit dem
fortschwebenden Blick, den er immer hatte, und sie reichte ihm die
Blume, demütig, die er nicht sah. -- --
Plötzlich schrak sie leise schaudernd auf, blickte auf die Blume und
rief: »Aber --, sie ist ja schwarz, die Blume, mit goldenem Rand,
umgekehrt wie die Sonne.«
Nun standen sie Beide, die Blume zwischen sich haltend, und
Saint-Georges schien nicht minder betroffen als sie.
»Ja,« sagte er endlich, »so weit ist sie gekommen, diese große, eifrige
Blume. Da sie keine Augen hat wie wir, so ist es wahrscheinlich, daß sie
die Sonne als scharfe Lichtscheibe wahrnimmt, und herum ist es schwarz;
davon ward sie das Negativ, und so auch wir: Denn der Gott ist das
gewaltige Strahlen in der Finsternis; wir aber, finster von Leiden, wir
können einmal strahlen, -- schön, Renate.«
Langsam ließ sie ihren Blick aus seinen Augen gleiten, ließ auch die
Blume los, nickte, sich fassend, und ging an ihm vorüber den Weg hinab.
Saint-Georges sah: Es flatterte und rieselte gelb und grünlich über ihre
große, grüne Gestalt; das Kleid wehte nach links in schwerem, gebogenem
Bausch, vom Hacken bis zur Hüfte zeigte sich in Festigkeit die Linie des
rechten Beines, das sich gegen den Stoff preßte, seltsam lebendig,
geheimnisvoll anzusehn, als wäre es der Leib der Dryade, an den Stamm,
ins Gezweige geschmiegt. Etwas vorgeneigt ging sie, langsam Fuß vor Fuß,
ihr Haar wehte, ein bräunlicher Schleier, die Arme hatten ab und an eine
leichte, anmutsvolle Bewegung. Da blieb sie stehn, wandte sich, hob mit
sanfter Gebärde das Haar aus der Stirn, so daß es wie ein Winken schien,
und Saint-Georges folgte ihr nach.