Sigurd bückte sich tief, den einen Fuß anhebend, zupfte an einem Faden
im Hosenaufschlag und riß. »Um sie zu halten«, stieß er dabei undeutlich
hervor.
»Ja, wer kann sie halten, wenn sie heiraten wollen«, witzelte Georg
unglücklich.
»Halten kann man sie schon«, äußerte Sigurd verdrossen und sah in die
Luft. -- Sonderbar! Das war ja fast wie ein -- ein Wink? -- Indem fiel
Georg ein, daß Sigurd ihm doch einmal etwas hatte sagen wollen, in bezug
auf Esther. War es das gewesen? -- Er? Konnte er sie, hätte er sie
halten können?
Sigurd war aufgestanden. »Also auf Wiedersehn, Georg«, sagte er, ihm die
Hand hinhaltend, während er mit der andern seine Mappe aus dem Sessel
nahm. »Sie kommt ja wohl her. Dann will ich nicht stören.«
»Adieu, Sigurd.« Sigurd stieg die Stufen hinan. »Vielleicht versuchen
Sie's doch noch mal selber!« rief Georg ihm nach. -- Sigurd öffnete die
Tür, schwieg, sagte dann: »Ach was!« und ging hinaus.
Georg stand verstört. Vor sich niederblickend, entdeckte er plötzlich
die farbigen Bänder auf seiner Brust, faßte wütend nach dem
Porzellanknopf im Rücken unterm Rock, der sie zusammenhielt, zerrte
wütender daran, bis er die Bänder endlich losgerissen hatte, schnellte
sie hervor, ballte sie zusammen und schmiß sie auf den Tisch.
Wenn morgen, fluchte er, die Mensur nicht wäre, würde ich mit ihr in die
Gegend fahren, und niemals käme sie fort, niemals! -- O, wie verstört
sie war! Warum? Warum? -- Er hockte sich in einen Sessel, tat die Stirn
in die Hände und fühlte Angst vor der Abschiedstunde. Ja, soll ich, will
ich, kann ich sie denn halten? O Gott, liebe ich sie denn nun oder
nicht? --
Da war Esther, da Renate. Da waren Renates Schultern, an dem
verwünschten Festabend, -- das Herz zog sich ihm zusammen. Und da war
Esther, wenn sie frühmorgens aus dem Garten kam, kaum sichtbar hinter
einer Garbe frohlockender Blumen, und er im Stuhl mit seinem
verstauchten Fuß, und die langen, langen Tage. Und dann dies, -- war es
denn nun eine Dummheit gewesen? Sie kam herein, und er dachte: ich habe
sie auf eine ebenso eigenartige wie ganz unschädliche Weise lieb und
werde es ihr jetzt sagen. Da stand sie in der Tür zum Garten, lächelte
zu ihm hin, und er nickte und lachte aus seiner Ecke, und wie sie die
ganze Last von -- Päonien oder Stockrosen, oder was es nun war, auf den
Schreibtisch niederwarf, sagte er, nein, da rief er sie zu sich, nahm
ihre Hände und sagte, nicht ohne starkes Herzklopfen und das deutliche
Gefühl, er solle es lieber unterlassen: Eben, kleines Wesen, ist mir was
Prächtiges eingefallen. Ich habe Sie so lieb, wie ich nie einen Menschen
gehabt habe, auf eine ganz besondre Weise, was sagen Sie dazu? Ist's
Ihnen recht? -- Auf ihrem Gesicht flog ein sonderlicher Schatten auf,
ein -- ja ein Lächeln gleichsam auf Stelzen. Sie ließ seine Hände los
und sagte: O ja ... Sie ging zu den Blumen, nahm eine auf, warf sie
wieder hin, nahm eine andre und roch daran, raffte den ganzen Haufen
zusammen und trug ihn ins Speisezimmer.
Und danach, eine lange, endlose, atemlose, schreckliche Zeit, während
der er sie nebenan gehen und hantieren hörte, Vasen zusammentragen,
Stiele abschneiden, vor die Tür und an die Wasserleitung treten, und
hörte, wie das Wasser rauschte, dunkel erst, dann heller, aufsteigend in
den Gefäßen, saß er und rang mit sich um Unerkennbares im Herzen und
sagte sich schließlich nur, damit die Zeit verginge, auf: Sie also auch,
sie also auch, -- ganz sinnlos, und dann: Da bin ich ja grauenhaft
ungeschlacht gewesen. Sie wußte es nicht, und nun weiß sie's.
Also liebte sie ihn? Und wollte doch nach Amerika. Sigurd wollte sie
behalten, und er sollte das besorgen. Ja, wie hatte er doch gesagt? Sie
hat immer irgendwen geliebt. Er hielt das also für einen Übergang, auch
hier bei Georg, und im Grunde liebte sie eben ihn, ihren Bruder, und
fand immer wieder zu ihm. Ja, konnten sie vielleicht einander noch in
die Augen sehn, nachdem er damals dies zu ihr gesagt? Nein, sondern da
war zwischen ihm und ihr eine Wand von Angst, Gefahr und Süße, durch die
ihre Blicke nicht zueinander gelangen konnten, außer wenn sie lachten
oder viele Menschen zugegen waren.
Eines Tags aber, würgte er weiter, sah ich Renate in einem goldnen
Kleid. Das Unterkleid war erdbeerfarben, darüber das Oberkleid vorn
offen und nach rückwärts geschweift, so daß es leicht wehte beim Gehn;
es war wie Flügeldecken aus goldener, bräunlicher Seide, ach, und ihr
Hals, ihr Hals! -- Aber dennoch, -- wenn ich es formulieren wollte, so
wäre es so: Wäre Renate weniger schön, so würde ich sie lieben; wäre
aber Esther weniger schön, so würde ich sie nicht lieben. Das soll
heißen, daß ich Renate liebe wie einen schönen Gegenstand (zum Beispiel
die Venus von Milo), und nur das Zufällige ihrer weiblichen Gestalt und
der sexuelle Reiz spiegelt mir ein wahres Liebesempfinden vor. Esther
dagegen, -- ja, wie kann man nur zwischen Beiden schwanken? Esther war,
-- o sie war ja klug und alles mögliche, aber eigentlich war sie doch
nur ein süßes Wesen, ja ein so süßes Wesen, daß ich eben unwiderstehlich
davon verlockt werde, von den braunen Streifen im schwarzen Haar, von
der Stelle der Stirn, an der das Haar ansetzt und das krause die kaum
sichtbaren Schatten wirft, von ihrem Hals, und der Biegung zum Kinn, und
-- und was sollte denn daraus werden? schloß er langsam und stand auf.
Er öffnete die Gartentür, trat ins Freie ein paar Schritt vor und ging
ins Zimmer zurück, erregter, angstvoller, wartend, daß sie komme.
Renate, schlechterdings, sie war zu einer fürstlichen Stellung
geschaffen und gehörte ihm. Er nahm den kleinen Band der Odyssee vom
Tisch unter der Lampe, blätterte, suchte und fand die Stelle:
_Kai tote dä Kronidäs afiei psoloenta keraunon,_
_Ka d'epese prosthe glaukoopidos obrimopatras;_
_Dä tot' Odysäa prosefä glaukoopis Athänä ..._
Halblaut übersetzte er:
Nieder warf der Kronide den funkelnden Blitz, daß er hinschoß vor der
strahlengeäugten, der Tochter des obersten Vaters. Und zu Odysseus
sprach die strahlengeäugte Athene ...
Das war sie. Eine Göttin in Menschengestalt, Fürstin, Herrscherin, kluge
Beraterin, ein Kunstwerk. -- Er schloß das Buch, legte es hin, und nun
erschien ihm Renate in ihrem weißen, sommerlichen Faltenkleid mit
viereckigem Ausschnitt, eine Kette von rosigweißen Korallen, die tief
herunterhing, um den Hals, ohne Gürtel und mit weit offenen Ärmeln. So
stand sie in der Kapellentür wie ein Legendenwesen, so saß sie an der
Orgel, ausgebreitet, schwebende und gewaltige Stimmen entfesselnd, so
war sie, stets würdig, stets Anmut, stets Kühle, eine schöne Weisheit in
Frauengestalt. An wen erinnerte sie nur? Lange grübelte er in Büchern
herum, endlich begann es ihm zu dämmern, seine Kinderstube erschien, und
ein altes Buch, quadratisch, braun, abgegriffen, mit Vignetten, -- von
Richter? Richilde -- stand in verschnörkelter Schrift auf einer Seite,
ein Ritter ritt durch eine Landschaft, ein spitzbärtiger Ritter kniete
vor einem Walfisch, aus der Kelchblüte einer großblättrigen,
stilisierten Pflanze winkte ein elfenartiges Wesen mit einem Schleier
nach einem Jüngling, der hinter einem Paar schöner, weißer Stiere
schritt, -- Libussa. -- Flugs stieß Georg einen Sessel zur Seite und
langte das Buch tief unten aus einem Regal, wiedererkannte es freudig,
schlug es auf und fand nach einigem Blättern und Verweilen die
Geschichte Libussas, der Elfentochter, der späteren Herzogin von Böhmen,
welche die drei höchsten Güter in sich vereinte, nämlich Weisheit,
Schönheit und Reichtum; und Libussa hatte in ihm als Knaben jenes Gefühl
erweckt, das ihm jetzt von Renate auszugehn schien: sie war ihm zu
makellos und wandellos, zu hoheitsvoll, zu leidenschaftslos erschienen,
zumal gegenüber den kriegerischen Werbern, -- ja, wollte Esther denn
noch immer nicht kommen? Wenn ich lese, dachte er, wird sie gleich hier
sein, setzte sich und las, und es stellte sich heraus, daß jenes
Knabengefühl ganz ungerechtfertigt gewesen war, denn liebte Libussa
nicht den Primislav, sieben Jahre getreu, und sandte ihm endlich ihr
weißes Leibroß, um ihn zu holen und zu ihrem Herzog zu machen? -- Ein
rechtes Märchen, aber bei Renate und mir ists ja umgekehrt. -- Folgende
Stelle las er mit Vergnügen:
>Libussa hatte nicht den stolzen, eiteln Sinn ihrer Schwestern. Ob sie
gleich die nämlichen Fähigkeiten besaß, in die Geheimnisse der Natur
einzudringen und sich ihrer verborgenen Kräfte zu bedienen: so genügte
ihr dennoch an dem Anteil der wunderbaren Gaben aus der mütterlichen
Erbschaft, ohne solche höher zu treiben, um damit zu wuchern. Ihre
Eitelkeit erstreckte sich nicht weiter, als auf das Bewußtsein ihrer
Wohlgestalt, sie geizte nicht nach Reichtum, wollte weder geehrt noch
gefürchtet sein wie ihre Schwestern. Wenn diese auf ihren Landhäusern
herumtoseten, von einer rauschenden Freude zur andern eilten und den
Kern der böhmischen Ritterschaft an ihren Triumphwagen fesselten, blieb
sie daheim in der väterlichen Wohnung, führte das Hausregiment, erteilte
den Ratfragenden Bescheid, leistete den Bedrückten und Preßhaften
freundlichen Beistand, und das alles aus gutem Willen ohne Entgelt. Ihre
Gemütsart war sanft und bescheiden und ihr Wandel tugendsam und züchtig,
wie es einer edeln Jungfrau ziemt.<
Auch dieser Satz gefiel ihm sonderlich: >Sie nahm mit bescheidenem
Erröten die Herrschaft über das Volk an, und der Zauber ihres
wonniglichen Anblicks machte jedes Herz ihr untertan.<
O Himmel! dachte er aufseufzend, wenn ich Herzog bin, wird dann alles
anders sein? Wer ist denn zur Herzogin hier geeignet, sie oder Esther?
-- Er lachte fast, hielt kaum rechtzeitig inne.
Das Licht hatte sich verändert draußen, die Schatten waren tiefer und
länger geworden, Esther kam nicht. Georg, immer angstbeklommener vor
dem, was kommen sollte oder könnte, trat wieder in die Tür zum Garten,
der windstill, tief beschattet bei sinkender Sonne, tiefgrün mit schönen
großen Farbflecken, gelben, roten, glattbraunen, von Birke, Platane und
Roteiche, unter dem reinen, erlösten Himmel ruhte. Darin sollte sie nun
nicht mehr umhergehn mit ihren kleinen, ein wenig breiten Füßen,
kleinschrittig, von denen der rechte bei jedem vierten oder fünften
Schritt leicht nach innen schlug.
Indem hörte er hinter sich die Tür, Esther stand drin, sehr blaß, in dem
Kleid, das er liebte, von rotvioletter Seide mit Goldborte an Hals und
Ärmeln. Sie kam auf ihn zu und gab ihm die Hand, wie sie pflegte, mit
ein wenig vorgeschobenem Leib ganz nah herankommend, und murmelte etwas
wie: Sigurd hätte ihm wohl alles gesagt.
»Wann geht dann das Schiff?« fragte Georg.
»Mittwoch.«
»Und Sie bleiben erst ein paar Tage in Hamburg?«
»Ja, ich fahre am Sonntag.« »Und morgen«, sagte Georg trübe, »muß ich
wieder auf Mensur.«
»Schon wieder?«
Sie hatten sich unterweil in Bewegung gesetzt und schritten langsam den
Weg hinunter. Georg hob eine in den Weg hängende Hopfenranke über
Esthers Kopf, dachte: Wenn Sigurd gesagt hat, daß sie immer irgend
jemand liebte, so heißt das wohl auch, daß sie mich alsbald vergessen
wird, -- und verstrickte sich derweil in umständliche Erklärungen: daß
er seine letzte Mensur im vergangenen Semester schlecht gefochten habe
--
»Ach, als Sie so lange mit dem Kopfkissen herumliefen?« fragte sie
lächelnd. Sie meinte das schwarze Stück über der Gazekompresse, das er
zum heimlichen Gespött aller Freunde wochenlang nicht vom Mittelkopf los
geworden war. Er bejahte und fuhr fort: daß die Mensur ungenügend
beurteilt worden sei; daß er Reinigung fechten müsse, und nun habe es
sich über die Ferien hingezogen, während er doch für dies Semester
seinen Austritt geplant hatte, und schließlich würde er morgen einen so
scharfen Gegner bekommen, daß -- ja also daß sie sich heute wohl zum
letzten Male sähen ... Dies schien sie gewußt zu haben, denn sie
antwortete nichts.
Sie standen jetzt am dunklen Wassergraben; ringsum loderte der Herbst,
das unbeschreiblichste Grün, mit Gelb gemischt, lohendes Rot, prangendes
Kaisergelb flatterte hoch oben vor der vergoldeten Bläue der Luft; noch
höher wehten weißliche Geister aufgelöst durch den Oktoberhimmel. Ach,
wie lieblich war ihre verschleierte, huschende Stimme! -- Sie sagte, es
würde ihr wohl sehr schwer fallen, nicht mehr des Morgens in diesen
Garten gehen zu können, und Georg murmelte etwas Unklares von
Kalifornien, Palmen und: auch sehr schön ... Dann setzten sie sich auf
die Bank, die hinter ihnen stand. Esthers Hände lagen im Schoß.
Georg dachte daran, wie er ihre Hand zuerst im Handschuh gefühlt, halb
leblos, und wie sie hier mit Jason gesessen hatten, der ihren Handschuh
von der Bank nahm und davon sprach. Sie schwiegen. Kein Blatt fiel.
Etwas simmte an Georgs Ohr, und eine verspätete Mücke setzte sich auf
seine Hand, aber sie sog nicht. Da vertrieb Esthers Linke sie mit einer
flatternden Bewegung, die an ihrem Haar endete, und Georg sagte mit
einem Versuch zu scherzen:
»Und nun will so ein kleines Mädchen ganz allein über das große Wasser
fahren?«
»Der gute Jason«, sagte sie -- dies war ihr letztes Lächeln! -- »wird
mich bringen. Merkwürdig, nicht: Eben traf ich ihn, und er brachte mich
hierher. Als ich ihn scherzend fragte, war er gleich bereit, und im
vollsten Ernst. Er hätte längst mal nach Amerika gewollt, sagte er.«
Jetzt wird sie in Tränen ausbrechen, dachte Georg und vermied den
Anblick ihres Gesichts, sah aber doch, geradeaus blickend, neben sich
ihr Profil, ein wenig vorgeneigt, unterm straff zurückgespannten Haar,
die Stirn glatt, ganz wenig gerunzelt, das fremdgeschnittene,
bewegungslose Auge, den unbeweglichen Mund. -- Um nur etwas zu sagen,
fragte er: »Warum der _gute_ Jason?«
»Ich weiß nicht«, meinte sie nach einer Weile. »Einmal, das fällt mir
ein, wollte er ein Buch auf den Tisch legen, und es fiel daneben. Da
sagte er ganz erschrocken: O entschuldige, Buch! -- Ich mußte so
lachen.«
»Ja, er ist mit allen Dingen, die sich nicht selber helfen können, wie
mit kleinen Kindern. Wissen Sie eigentlich etwas aus seinem Leben?«
»Nein, gar nichts.«
»Ich war dabei,« sagte Georg leiser, »als er sich das Leben nehmen
wollte, zweimal, und doch glaube ich, daß dies nicht das Schlimmste in
seinem Leben war. So wie er jetzt ist, ist er noch gar nicht sehr
lange.«
Hörte sie eigentlich, was er sagte?
»Wissen Sie,« begann sie nach einer Weile, -- »aber Sie dürfen nicht
lachen, -- nein, ich meine -- -- Sie dürfens nicht zu ernst nehmen --
--«
»Immer was Sie gern wollen, Esther.«
Sie schwieg.
»Wollen Sie es für sich behalten, dann --« er zögerte -- »nehmen Sie es
mit nach Amerika.«
»Oh!« stieß sie schmerzlich hervor, beugte sich vor und sah nach oben.
»Schön ist doch der Herbst,« sagte sie dann wie beruhigt, »das sanfte
Scheiden.«
»Ja, es wird gut mit uns gemeint.«
Auf einmal schnürte sich ihm das Herz zusammen, er suchte nach
gleichgültigen Dingen, fand nichts und bat:
»Was wollten Sie denn eben sagen?« Sich vorneigend wie sie, sah er sie
nun an und merkte, daß ihr Gesicht von innen kalt und bleich geworden
war.
»Ich wollte sagen,« sprach sie sehr langsam und ohne Betonung, »es muß
gut sein, zur rechten Zeit sterben zu können. Ich glaube, der Tod --,
ich meine: das Sterben, der letzte Augenblick giebt dem Menschen eine
Klarheit, eine Kenntnis, ganz sichere, über Leben und Tod. Gut kann die
sein oder sehr schmerzlich. Und die gute wäre, daß man zur rechten Zeit
stirbt.«
Sie hatte nun ganz leise und mit rauher, verhauchender Stimme
gesprochen, und Georg, obgleich er kämpfte, konnte es nicht lassen,
tiefer zu gehn und zu fragen: »Esther, sind wir denn so traurig, daß wir
statt vom Scheiden vom Sterben reden müssen?«
Sie stand auf, zuckte mit den Schultern, wie um etwas abzuwerfen, und
sagte: »Ich muß gehn.«
Jenseit des Grabens stand eine junge Roteiche, reich mit großen, heftig
gezackten Blättern überhangen, rot wie neues Kupfer und so einzeln, daß
sie sich zählen ließen; im bläulichen dunklen Wasser unten hing ihr
Spiegelbild, umgekehrt, verdunkelt. Uns, dachte Georg mit seltsamer
Empfindung, uns und unsre Spiegelbilder sieht von drüben der stille
Baum, und nun war ihm, als sähe er selber sich und sie -- in dem schön
violetten Kleide mit goldenen Borten sie und sich in dem dunkelgrünen
Anzug -- wie zwei geschmückte Geister in einer elysischen Gegend,
weltferne Zwiesprache haltend. Aber, sich umwendend, fand er Esther
nicht mehr neben sich und sah sie schon fern zwischen den grünen Büschen
den Weg hinunter auf einen Trupp hoher, verdorrter Sonnenblumen und
schwarzroter Dahlien zugehn; ihr Gang war nichts als ein notwendiges
Bewegen der Füße, aber daran, daß der rechte nicht nach innen --, doch,
da schlug er nach innen, und nachdem Georg eben gedacht hatte, er müsse
sie so weiter und weiter und fortgehen lassen, eilte er ihr jetzt nach,
holte sie aber erst im Zimmer ein, wo sie stand und sich umsah.
Eiskalt war ihm am ganzen Leibe, er zitterte, wußte aber gleichwohl, daß
er imstande sei, die simpelsten Höflichkeiten zu sagen, redete auch ganz
bedeutungslos draufzu, indem er sie bat, sich doch etwas zum Andenken
mitzunehmen. Sie bewegte den Kopf langsam hin und her. Gleich darauf
sank er tief herunter, ihre Brauen zogen sich wie grüblerisch fest
zusammen, doch war es wohl etwas andres, und er konnte es nicht mit
ansehn und trat an den Schreibtisch. Mit dem Rücken gegen die Platte
gelehnt, sah er, wie sich ihr Kopf langsam wieder hob; sie stand
aufrecht und sah ihn an, ohne zu lächeln. Jetzt kommt es! dachte er im
Frost, was soll ich jetzt tun? was fragt sie jetzt hinter ihrer Stirn?
Indem fiel ihm ein: Wenn aber nun alles Einbildung ist? Ja, wie, wenn
sie nicht meinetwegen so verzagt ist, sondern Sigurds wegen? Sollt' ich
so närrisch sein? -- Fast ward ihm da leichter; er dachte: also muß es
geschehn ...
»Esther«, sagte er, nur um nicht zu schweigen, um nicht -- --
Und sie kam. Er nahm ihre erfrorenen Hände und legte sie auf seine
Brust. Sie blieb, sie würde bleiben, sie mußte, er konnte sie nicht
entbehren. -- So blickte er in ihre Augen, sah ganz nah die schönen
Brauen, sah winzig sein eigenes Gesicht, ganz wenig verschwollen in
dieser, in jener schwärzlichen Pupille, und die Reflexe vom Licht, sah
die kleinen schwärzlichen Härchen neben den Mundwinkeln und mußte die
Lippen darauf drücken. Seine Augen schlossen sich. O, wie süß war dieser
Mund! O nicht fremd wie -- wie -- --
Da öffneten seine Augen sich wieder, sie war zurückgetreten, er sah sie
zum Stuhl gehn, ein flacher, grauer Hut lag darauf mit grünen Blättern
und schwarzen Rosen, den hob sie auf. Ja, mußte denn noch etwas -- --,
mußte er noch etwas -- --? -- Er sah sie den Hut aufsetzen, die Nadeln
festmachen, und da lag auch eine Jacke, die sie nun anziehen wollte, und
er hätte fast vergessen, ihr zu helfen. Noch einmal, während er den
Kragen ihres Kleides in die Jacke hineinglättete, ihren Hals berührte,
sah er ihren Haarknoten, weich geschlungen, ganz nah, aber dies galt
schon nicht mehr, und sie wandte sich und gab ihm die Hand, und er
sagte: »Leb wohl!«
Das Schluchzen stieg ihm in die Kehle, sie sagte nichts, ging zur
Treppe, der Raum kreiste, etwas klang hart, Esther war nicht mehr im
Zimmer.
An einem Eisenbahnfenster über vorbeisausender Felderlandschaft erschien
Esthers Gesicht; darauf stand geschrieben: Trostlos. -- Georg näherte
die Hände dem Gesicht, ermannte sich, schüttelte den Kopf, nahm eine
Zigarette vom Rauchtisch, zerbrach ein Streichholz, noch eines, noch
eines, tat endlich den ersten Zug und setzte sich.
Ja, sagte er, ja, ja ...
* * * * *
Nicht mit Absicht berauschte Georg sich an diesem Abend sinnlos, das
heißt, er setzte sich nicht in der Absicht, sich zu betrinken, zum
Trinken nieder, sondern es kam so. Quid quod, sagte er in der letzten
hellen Minute, das ist eine lateinische Redensart und heißt ungefähr:
Was soll man dazu sagen? -- Einige Zeit später weinte er sehr am Halse
seines Leibfuchsen, der auch weinte, und abermals eine Zeit später
wachte er mit riesigem Schädel und ohne Denkvermögen in seinem Bette
auf, tat unbewußt das am Morgen Nötige des Badens und Ankleidens, saß
ein paar Stunden, bloß eine kahle Bouillon im Magen, bei den Mensuren
herum, übrigens ein wenig voll Ekel, ein wenig voll Wut und ein wenig
voll Beschämung, worauf er sich anbandagieren ließ, heftig angewidert
von den nassen, warmen, nach Blut, Schweiß und Äther stinkenden Binden
am Halse. Armer Tozzi, heut gehts mir schlecht, dachte er, die Zähne
zusammenbeißend, als die eiserne Brille auf seine Nase gepreßt wurde,
und nieste. Dann stand er da und arbeitete schwerfällig mit dem
Schläger, fühlte bald, wie ihm das Blut vom Kopf rieselte, es gab Pause,
er saß, stand wieder, es gab endlose Pausen, um ihn schwirrte und rannte
es, er hörte ein Flüstern: laß dich lieber abführen! -- aber das wollte
er nicht. Der Speer ward ihm fortgeschlagen, noch einmal fortgeschlagen,
er wankte und taumelte bei jedem Hiebe und stand dann, den Kopf gesenkt,
von dem das Blut herunterlief, wie Spülwasser so dünn vom Alkohol.
Dumpfe Wut hielt ihn aufrecht, aber er ermattete immer mehr, nach jedem
Gang schien eine Pause zu kommen, er trank Wasser, trank Kognak, ihm
ward zum Erbrechen elend, und dann merkte er noch, auf dem Stuhl
sitzend, daß sein Blut nicht mehr lief. Und was war das mit seinem
Herzen? Das machte ja Sprünge! Von allen Seiten beugten sich höfliche,
neugierige, ein wenig mitleidige Gesichter, er hörte wieder die Stimme
des Sekundanten von weit fern her: Also noch einen Gang, weiter! Stand
auf, schwankte, hörte hoch über sich die Worte verhallen: Baltoborussia
führt ab nach dreizehn Minuten, und verlor die Besinnung.