Georg, Sigurd und Benno saßen spät abends beisammen; Georg, wie er es
gern tat, in seinem Armstuhl, den er mit der Rücklehne gegen den
Schreibtisch gedreht hatte, so daß er zur Kaminecke hinüber sah gegen
den grünen Lampenumhang, -- und rechts dort saß Benno, in seinem Sessel
so tief, daß er Georg unsichtbar war hinter den dunklen Figuren und dem
breiten Dach des Treppengeländers: nur sein obenliegendes Knie war zu
sehn, hell glänzend dicht unter der grünen Tischdecke im nach unten
fallenden Licht. An der anderen Seite hatte Sigurd sich in den breiten
Ledersessel zurückgelegt, das Gesicht nach oben gewandt, das linke Knie
so hoch gegen die Schulter gezogen, daß er die Hände dicht überm
Fußgelenk falten konnte, das auf dem rechten Knie lag. Georg hatte, da
sie eben damit beschäftigt waren, sich nach Kräften an- und
auszuschweigen, Muße genug, ihn zu betrachten, diesen erstaunlich
Schönen; sein dunkelhäutiges langes Gesicht glänzte leise aus der
Dämmerung wie etwas Gegossenes; ein Lichtfunke, in jedem Auge hängend,
machte sie starr in aller düstern Lebendigkeit. Schön im Schweigen
formte sich der volle Mund.
Georg dachte in behaglicher Zufriedenheit über ihn nach. Sich erinnernd,
wie er in dem dunkelroten Mantel hohepriesterlich bei so viel
Jugendlichkeit erschienen war, dachte er, daß noch kaum ein Mensch --
und am seltensten eine Frau -- so das Empfinden ihm bekräftigt habe, es
müsse im schönen Leibe auch eine schöne Seele wohnen. Renate -- ja --
eigentümlich: ihr Glanz war so außerordentlich, so vollkommen, so nichts
mehr zu wünschen lassend, daß man nichts begehrte außer eben ihn, -- und
doch nein; war es nicht seelisches Feuer allein, das, ihre Züge und
Farben durchglühend, sie in solche Harmonie und solches Leuchten
versammelte? Also war vielmehr dies das Absonderliche, daß aus Renate
Einheit strahlte; hier, aus dem Manne dagegen nur Eines, das ein Zweites
ahnen und wünschen ließ, -- und so sehr, dachte er, ist also Schönheit
etwas Nebensächliches, etwas Störendes fast beim Manne, dessen Geist und
Seele allein es sein sollten, die Licht verbreiten. Ja, und Esther, wie
war es mit der? Hatte sie wohl eine Seele überhaupt, oder war da alles
-- nur süß; bis hinab in das Innerste? Ach, kleine Esther, kleine
Chinesin, bin ich nun eigentlich verliebt in dich? und wenn wirklich,
wie wäre das möglich in Anbetracht Renates? -- --
»Wie doch das Schweigen tönt!« hörte er da Benno träumerisch sagen. »Wir
sind ja ein Dreiklang.«
»Dur oder Moll, Benno?«
»Ich weiß nicht, Georg. Musik der Seelen -- und die ist es doch, die ich
höre -- weiß wohl von irdischen Tonarten nichts, und dort ist das
innerlich Selige von Dur und Moll ein unirdisches Gemisch.«
»Ja -- dort, Benno, nicht wahr? Aber wir sind hier und müssen immer
heiter oder traurig sein. Es ist aber schön zu denken, was du sagst.«
Georg schwieg.
Nach einer Weile zogen ihm sanfte Verszeilen durch die Erinnerung, und
er sagte langsam auf:
»Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.«
Sie schwiegen lange.
Benno sagte: »Ergänzen, ja. Zu Moll das Dur und zu Dur das Moll; und
doch wird es Ergänzung nicht allein sein, sondern das -- andre, das --
von hier, wird mit darin sausen, und das wird die Vollkommenheit sein,
die weder Dur ist und weder Moll. Und das hat Bach gewußt.«
Es war wieder still. Georg versank in ihm selber Unbewußtes.
Plötzlich -- als sei es genug -- sah er undeutlich Sigurds Haltung sich
lösen; er setzte den Fuß an die Erde neben den andern, beugte sich vor,
legte die Hände um eines der Bücher auf dem Tisch und sagte in seiner
kurzen Weise:
»Wissen Sie, Georg, -- ich wollte Ihnen immer schon etwas sagen. Wegen
Esther. Sie wissen ja: meine Schwester gehört mir, mir ganz allein. Ich
habe sie erzogen von Kind auf; sie ist -- mein Werk. Es gab eine Zeit,
wo sie den Leuten langweilig war, so sehr war sie ein Abguß von mir und
sprach mit meinen Worten. Und was wissen wir schließlich von solch einem
Wesen?«
Er brach ab. Ja, was wissen wir, dachte Georg. Sie geht umher und sieht
süß aus. Alles, was wir wissen, sind Dinge, die sich auf uns beziehn.
Obendrein antwortet sie nur, schweigt, spricht selten von selber, oder
ganz Belangloses, Tatsächliches. Und dabei diese Wandelbarkeit, als
hätte sie gar keinen Kern! Mit jedem Kleid, in jedem Hut, ohne Hut, im
Mantel, in der Jacke ist sie ein andres Wesen; heut ein Kind, morgen
abwesend, eine kühle fremde, Verirrte, jetzt sanft und hülflos, morgen
sicher und verständig, ja scharfsinnig, heut altklug und morgen unbewußt
--, als ob sie immer und nur auf geheime Unterweisung sei und handle, --
aber immer ist sie verführerisch und gefällig mit Miene und Lächeln. Ja,
wenn ich das Sexuelle auch so überschätzte, wie Alle es tun, so würde
ich denken, ich sei in sie verliebt, bloß weil ich ab und an den
zärtlichen Wunsch habe, sie auf den Arm zu nehmen und irgendwohin zu
tragen. -- Während er sich dies sagte, betrachtete er Sigurd, der, die
Zunge im Munde wälzend, das Buch hin und her drehte, und dachte, falls
er, wie es schien, ihm etwas mitteilen wollte, sei es das beste, zu
schweigen. Richtig fing Sigurd auch wieder an:
»Was wissen wir von ihnen? Ihre Gedanken laufen doch immer wo anders
hin. Nun sind sie in Amerika. Sie giebt bekanntlich vor, einen jungen
Mann zu lieben, da drüben ...«
»Warum: giebt vor?« fragte Georg.
Sigurd blickte wegwerfend auf: »Ich sagte ja, daß sie mir gehört, also
liebt sie in Wirklichkeit mich, nur ist sie eben meine Schwester und
merkt es nicht. Und überhaupt nun diese sogenannte Liebe. Esther ist
immer von irgendwem geliebt worden und hat immer irgendwen geliebt.
Endlich kommt einer und sagt, er muß sie heiraten, und da muß sie nun
auch. So ists immer, Alle heiraten aus Zufall, und nachher ist das
Unglück da.«
Georg glaubte sich zu erinnern, daß er das selbe schon einmal von einem
andern Menschen gehört hatte, -- war es nicht Ulrika? ... Aber Sigurd
war aufgestanden, lehnte sich mit der rechten Schulter gegen das
Bücherregal, den Kopf gesenkt, hier und da einzelne Bände tiefer ins
Fach klopfend, während er sprach:
»Ich will sie nicht hergeben, ich brauche sie, wofür lebe ich denn?« Er
wandte sich zu Georg. »So etwas kennen Sie natürlich nicht,« sagte er
mit verächtlicher Traurigkeit in den schweren Augen, »Geschwisterliebe.
Nicht Frau, nicht Geliebte, nicht Freundin, aber von jeder ein Hauch, --
und andrerseits, wenn ich denke, ich könnte eine andre Frau lieben, so
würde mir das Verwandtschaftliche bitter fehlen.«
»Irgend etwas«, sagte Georg weise, »fehlt immer.«
»Esther,« fuhr Sigurd fort, ohne hinzuhören, »Esther hat diese Macht
über die Menschen, dies Verlockende, das ihr eigentliches Wesen ist. Sie
kann nicht anders, sagen Sie selber: wenn sie mit Ihnen allein ist, ist
sie da nicht ganz eine andre, als wenn Andre dabei sind? Unter Vielen
ist sie überhaupt nichts, da steht sie wie ein kleiner Hund im Regen
...« Er lachte verlegen, Georg lachte gefällig mit.
»Nun also der in Amerika«, fing Sigurd wieder an. »Ein außerordentlich
tüchtiger Mensch, müssen Sie wissen. Unglücklicherweise nahm er an einem
Monatsletzten -- als er noch hier war -- dreißig Mark aus der Kasse, um
sie am Ersten wieder hineinzulegen, da kam die Revision. Es gelang mir
natürlich,« sagte er mit innerlichem Stolz, »den Chef zu überzeugen, daß
er keine Anzeige machen durfte und ihm ein Zeugnis ausstellte auf
Tüchtigkeit und Fleiß mit dem Vermerk: verläßt seine Stelle nach
Übereinkunft. Ja, und trotzdem verfiel der arme Junge so in
Verzweiflung, daß er in die Staaten hinüberging. Oh auf ihn kann man
sich verlassen, aber auf Esther? Warum soll sie nun grade den immer und
ewig lieben, nachdem sie sich so oft geirrt hat? Aber ihr Gefühl für
mich, das ist immer das gleiche geblieben. Sie fängt nach einem halben
Jahr an, sich zu langweilen, immer mit dem selben Mann, wohin soll sie
sich noch entfalten?«
»Ja, ja,« lachte Georg, »Sie haben recht: unter mehreren Männern ist sie
die bescheidene und kluge Lauscherin -- Leonore im Tasso --; mit einem
allein entfaltet sie sich zart -- Leonore mit Tasso.«
»Achtzehn Jahre ist sie alt,« sagte Sigurd kopfschüttelnd, »und bildet
sich wahrhaftig ein, dieser Kaufmann drüben sei in Europa und Amerika
der einzige Mensch, mit dem sie das Leben zu Ende führen kann.«
»Sie sind närrisch,« meinte Georg, »Liebe und Überlegung ...?«
»Ja, soll sie ihn lieben!« brauste er auf, »aber warum denn um Himmels
willen heiraten? Wie schön ist die Liebe, wie ideal ist die Liebe! Sie
erregt alle heftigen Gefühle, Sehnsucht, alle Empfindungen nach --
hinaus, nach oben, ins Offne, ins Unbegrenzte, -- und dann wird
geheiratet.« Er lief an Georg vorüber und hinter seinem Rücken im Zimmer
hin und her.
Georg fiel Cora ein, die er seit Monaten einfach vergessen hatte, und
sagte: »Ideale, das wissen Sie doch, Sigurd, sind dazu da, daß man sie
hat, nicht daß man danach lebt. Zum Leben brauchen die Menschen Ziele.«
»Na, und was machen Sie da wieder für einen psycho-philosophischen
Unterschied?«
»Ein Ideal«, sagte Georg ernsthaft, »ist keines -- nicht wahr --
innerhalb erreichbarer Grenzen; ein Ideal ist doch nichts Persönliches,
nichts, was man für sich allein hat, oder käme es nicht mehr von Idee
her? Ideal ist Religion. Wie ich schon sagte, nicht wahr: auch Religion
müssen die Menschen haben, aber wer lebt danach? Für ihr Leben haben sie
ihre Gesetze und sonst praktische Wegweiser, was ich Ziele nannte.
Wegmarken braucht der einfache Mensch, um zu sehn, woher er kommt und
worauf er zugeht, und daß er sich bewegt.«
»Ach, Sie denken immer so artistisch! Dem Künstler freilich sind seine
Werke solche --«
»Dem Künstler«, griff Georg mit Festigkeit ein, »sind seine Werke
niemals Ziele, sondern stets Ideal. Was er erreicht -- im Werk --, das
mag Andern, ja mag ihm selber ein Ziel scheinen, eine Wegmarke, eine
Stufe, um höher zu steigen: im Grunde bleibts ideal, weil unvollkommen
gegenüber seiner Idee. Ein vollendetes Kunstwerk, nicht wahr -- das kann
niemals mehr heißen als: ein fertiges. Selbst Gott hat nur gesagt, es
wäre sehr gut, und ich bin überzeugt, daß sein Ideal von Welt hoch, aber
höchst anders ausgesehn hat!« Georg, nachdem er seine Sätze auf das
eifrigste hervorgesprudelt hatte, stand auf, ging hin und lehnte sich
gegen die Bücherwand. In der Tiefe des dunklen Raumes sah er Sigurd
neben dem Pensieroso stehn, der vor ihm saß, unbekümmert wie je, den
Handrücken unterm Kinn, sinnend.
»Es giebt so viele Worte«, sagte Sigurd. »Wie alt sind wir eigentlich?
Unsereins sieht immer über die rationalen Dinge hinweg, als ob Gott und
Welt und Ewigkeit das einzige wäre, was uns anginge, als ob wir sie im
Sack hätten, als ob sie nur so um uns herumstünden wie Schränke.
Übrigens haben Sie davon angefangen.«
»Ja, Sie merken doch alles, Sigurd«, sagte Georg sardonisch. »Glauben
Sie wirklich nicht, daß das Alltägliche genügt, um es zu tun? Soll man
auch davon reden?«
»Nicht vom Alltäglichen,« versetzte Sigurd kurz, »das ist eine
Unterschiebung. Ich sprach vom Realen oder Tatsächlichen und bin nicht
der Meinung, daß es so einfach ist, daß Tun genügt.«
»Ich kenne eine Frau,« erwiderte Georg nachlässig, »deren Ideal wäre es,
die Geliebte eines Prinzen zu sein. Jawohl, Sie bemerken ganz recht: der
Prinz bin ich selber.« Sitzt mir die Maske? fuhr es durch ihn hin. Er
sammelte sich und fuhr fort. »Ich sage Ideal, Sie würden sagen Ziel.«
»Weil Sie,« Sigurd lachte spöttisch, »weil Sie ihr dies Ziel nicht
erfüllen wollen? Also ein idealisches Ziel, wie Ihr Kunstwerk, wie der
Himmel für den primitiven Frommen, den Moslem oder so: solange man
danach strebt, Ideal, wenn mans hat, Ziel.«
»Ach, Unsinn!« murrte Georg. »Der Himmel (und die Hölle genau so gut)
sind keine Ideale für den Frommen, sondern einfach Ziele, weil sie mit
zum Irdischen gehören, weil sie in seinem Dasein inbegriffen sind.«
»Also leugnen Sie überhaupt Religion?«
Es klopfte. Die Tür zum Flur wurde geöffnet, und Esther stand über der
Treppe in einem dicken bräunlichen Regenmantel, den Kragen
hochgeschlagen, kaum sichtbar das kleine Gesicht mit den funkelnden
Augen unter tiefen Scheiteln und der Kappe aus schwarzem Haar, die sie
heute trug. Sie hatte einen Brief in der Hand.
»Ein realer Brief,« sagte Sigurd, indem er näher trat, »siehst du,
Esther, der Prinz leugnet alle Religion außer Buddhismus.«
Ich dachte an Märtyrer, sagte Georg sich schweigend, indem er Esther die
Hand gab und fand, daß sie wie ein gutes, schwärzliches Tierchen aussah,
süß zum Wegtragen und Füttern. -- »Als wir anfingen, Esther,« sagte er,
»sprachen wir von Ihnen; nun sind wir glücklich beim Nirwana.«
Sie lächelte. »Das ist eben das Gute an uns, daß ihr von uns überall
hingeraten könnt! Ihr müßt immer bei uns anfangen, ihr Männer.«
»Und von überallher zu euch zurückkommen«, schloß Georg lachend. »Ihr
seid der Kreis und seid im Mittelpunkt.«
»Ja, Kreis«, wiederholte Sigurd, am Schreibtisch stehend, Georgs
Malaiendolch in der Hand. »Was ist mit dem Brief?« schloß er kurz.
Esther erklärte munter, wie sie, um den Brief in den Kasten zu werfen,
vor die Tür gegangen, wie die Nachtluft so herrlich nach dem Regen
gewesen sei und nach nassem Pflaster geduftet habe, daß sie hergelaufen
sei, um Sigurd abzuholen, -- und den Brief habe sie dabei in der
Manteltasche vergessen. Georg verschlang sie mit Augen dieweil und hörte
kaum ihre Worte. Sigurd nahm ihr den Brief wortlos fort, während Georg,
ihr aus dem Mantel helfend, freundschaftlich fragte: »Für wen ist denn
der dicke Brief, kleine Esther?«
»An meinen Verlobten,« hörte er sie abgewandt sagen, und einen Stich im
Herzen, fiel ihm ein, daß Sigurd ihm ja etwas hatte mitteilen wollen,
Esther betreffend. Was konnte das wohl gewesen sein? -- --
Nun saßen sie schweigend alle Vier, bis Esther mahnte: »Sagt doch was,
Kinder, seid ihr immer so schweigsam?«
»Ja, Benno!« -- Benno saß ganz grade auf dem Vorderteil seines Sitzes,
dieweil eine Dame zugegen. -- »Benno hat den ganzen Abend noch nichts
gesagt. Also Benno ...«
Benno lachte erschütternd. Er habe alles, was ihm für heute zu reden
gegeben sei, schon vor Esthers Anwesenheit gesagt. »Nun müßt ihr reden!«
Esther schlug vor, Georg möge etwas vorlesen.
»Ja, Georg!« bat Benno schmelzend und glitt erwartungsvoll unbedacht
tiefer im Sessel, richtete sich aber gleich wieder auf. Georg wehrte
jedoch ab; er habe nichts Rechtes. Als Sigurd nun aus der Ecke am Kamin
fragte, ob und was Gutes Georg zurzeit lese, fühlte er einigen Ärger
über Sigurds schlankes Abbiegen und sagte nachlässig bloß: »Jean Paul.«
Keiner von den Dreien erwiderte etwas. Der Name löste wohl zwiespältige
Empfindungen aus, die nicht zu Worte gelangten.
»Natürlich,« sagte Georg, »wenn man Jean Paul sagt, sind Alle wie auf
den Mund geschlagen. Habt ihr Jean Paul gelesen? Haben Sie Jean Paul
gelesen, Esther?« -- Esther murmelte etwas vom Katzenberger.
»Dieser ewige Katzenberger! Als ob das nun Jean Paul wäre, nicht wahr!
Katzenberger! Das ist wie -- wie so eine hornhäutige Ferse am Absatz
eines Engels; als solche ja ganz merkwürdig. Aber den Engel solltet ihr
reden hören! Wartet --« Sich im Stuhl drehend griff er den kleinen
schwarzen Band vom Schreibtisch hinter sich. »Flegeljahre,« sagte er,
»ich will euch nur eine Stelle vorlesen, nur eine, und ihr sollt --« Er
blätterte erregt. »Nein, wartet mal, wo war doch das! Richtig, ich hatte
doch ein Zeichen ... An der Stelle ging mir zum ersten Mal mit
blendender Klarheit der Unterschied zwischen Dichtersprache auf und --
wie soll ich sagen? -- da ist die Stelle!«
Georg hatte sein Zeichen gefunden, nahm es heraus, bog das Buch auf und
las:
No. 16. Berguhr
Sonntag eines Dichters
Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und
der Thürme dunkelroth vor der frühen Juli-Sonne standen, und verrichtete
sein Morgengebet, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war
noch leise, an den Gebirgen verlief das Nachtmeer still, ferne
Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu ...
»Das ist es!« rief Georg, »das ist es: ferne Entzückungen oder
Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Ja, was denkt ihr euch
dabei? Ist das irgend etwas Vorstellbares? Ist das nicht unbeschreiblich
imaginär? Entzückungen, die fliegen? stumm? auf den Sonntag zu? Und da
quillt einem doch das Herz über von etwas geisterhaft Irdischem und
Unirdischem in wunderbarster Vermengung, und die Seele über von
unsagbaren Visionen des Morgenhimmels und der Dämmerstunde. Und deshalb
-- nicht wahr -- was liegt an den Worten? Das überwogende Empfinden des
Dichters schwemmt sie hervor, -- vom Rhythmus, der alles ist, ergriffen,
ankristallisiert, schwemmt es sie hinüber in uns, wo sie zergehend
wieder ausschäumen in Empfinden und in Vision. So spricht der Dichter.«
Still waren die Andern. Wie, keine entzückte Bejahung? -- Endlich sagte
Sigurd:
»Und wie, meinen Sie, sprechen wir?«
»Wir? Wir machen uns verständlich. Wir wollen verstanden werden, wollen
wirken und suchen den passenden Ausdruck, den treffenden, nicht wahr,
Deutlichkeit. Der Dichter will sich niemand verständlich machen, nicht
wahr, sondern muß singen, nachsingen, was der Dämon vorschreibt, und
dies eben, nicht wahr, daß er vollkommen weiß: er kann sich auf unsre
Weise nicht ausdrücken, weil dann nur Deutlichkeit entstünde, aber nicht
-- Empfinden, Sichtbarkeit, Fühlbarkeit, das -- nicht wahr -- giebt ihm
die Gegensprache vom Ausdruck, das -- eigentlich ists ein Verhüllendes,
nicht wahr, das -- Bild, Gleichnis, die Gestalt, das heißt: er stellt
dar. Darstellung und Ausdruck, das sind die beiden.«
»Dagegen«, sagte Sigurd nach einer Weile, »ließe sich wohl nichts
einwenden. Wie Sie aber -- in dem, was Sie zuerst sagten -- das Wort so
erniedrigen, zum Mittler des Gefühls erniedrigen können, das verstehe
ich nicht. Ich --« Georg, obwohl sprachlos vor Überraschung, daß er
erniedrigen sollte, er, dem wie keinem Andern die Einzigkeit, die
vollkommene Aristokratie des Wortes bewußt war, -- kam nicht zum
Einfallen. »Ich empfinde«, sprach Sigurd weiter, »da ganz anders. Ich
empfinde --« Vorgebeugt in seiner Ecke, die Ellenbogen auf den Knien,
legte er Gelenke und Fingerspitzen der gewölbten Hände mit kleinen
formenden Bewegungen gegeneinander -- »ich empfinde -- den Leib des
Wortes. Ein tiefes Erfülltsein, Umschlossensein; kein Überströmen.«
Esther, die sich bislang unteilhaft verhalten hatte, nickte jetzt
beistimmend und schüttelte den Kopf. Auch Benno drehte sich.
»Nein, da müssen Sie mich mißverstanden haben«, sagte Georg. »Das Wort
als Mittler? Auch ich --« die Zeile Jean Pauls wie auf einer langen
Fahne vor sich, ließ er sie auf sich wirken, und sagte, langsam seinem
Gefühl nachsprechend: »Ich empfinde das Wort, Leib und Seele. Die Seele
aber flutet über die Ränder und -- bildet, mich erfüllend, den Leib noch
einmal in mir. Und das geht -- hin und her, nicht wahr; immer ist eines
im andern. Die Seele freilich -- auf die kommt es doch allein an -- die
Seele des Worts ist die mächtigere, die immer wieder überflutet und mich
-- ahnen läßt, tausendmal mehr ahnen, als das Wort enthält.«
»Sie lassen Ihre Phantasie spielen, Georg. Sie sind Romantiker,« sagte
Sigurd, »und --«
»Ich bin kein Romantiker, was fällt Ihnen ein?«
»Dann denken Sie eben an besonders romantische Gedichte, die es ja
giebt, die von dieser überfließenden Art sind.«
Esther und Benno nickten lebhaft.
»Aber ich bitte euch!« widerstritt Georg. »Nehmt doch etwas andres,
nehmt -- was ihr wollt! Nehmt >Der Wald steht schwarz und schweiget --
Und aus den Wiesen steiget -- Ein weißer Nebel wunderbar ...< Was liegt
denn an den Worten? am schwarzen Wald und weißen Nebel? Aber eine golden
verschattete Welt steigt auf, und das ist die Kunst, wie ich sagte: mit
einem Wort hundert und tausend mal mehr zu geben, als es enthält.«
»Und das ist romantisch«, beharrte Sigurd.
»Ja, Georg,« wagte Benno sich hervor, »handelt es sich hier nicht um
etwas andres? Das ist doch -- Landschaft. Die soll gemalt sein, gesehen
werden, und da wirkt natürlich die Phantasie. Hier tut sie's auch bei
mir. Sonst aber -- verhüllt sie sich eher --«
»Verhüllt sich!« sagte Sigurd. Esther nickte und lächelte.
»Zum Beispiel, wenn du an das von George denkst, dies Wunderbare, du
lasest es neulich: >So war dein sanfter Sang der Sang des Jahres -- Und
alles kam, weil du es so bestimmt.<« Benno verhauchte beseligt. Sigurd
am Regal lehnend, die Finger in den Westentaschen, das Gesicht vornüber
gesenkt, sagte kurz, nach innen grübelnd:
»Es muß etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ästhetisch. Es muß ein
ethischer Vorgang sein.«
»Da komme ich nicht mit«, erklärte Georg. »Jeder Vorgang ist an sich
rein ästhetisch, nicht wahr? Ethisch wird er allein durch die Erkenntnis
-- Sie verstehen, Esther --, durch Erkenntnis von Werden und Entstehn,
von den Zusammenhängen, von der Form. Hier aber, hier handelt es sich ja
um Vorgang und nur um Vorgang. Das Ethische können Sie ja dazu haben,
aber -- was hat das mit Dichtung zu tun? Das ist doch -- abstrakt.«
Benno war nicht einverstanden, und Sigurd bewegte stumm den gesenkten
Kopf. »Warum abstrakt?« fragte Benno und mit ihm Esther aus den Augen.
»Warum? Also -- -- also wenn ich sage: Bauen, -- nicht wahr? Wer baut?
Einer schleppt Steine, einer legt sie aufeinander, einer macht Fenster,
Türen, Fußböden, einer das Dach. Wer baut denn nun? Der Architekt macht
Pläne, beaufsichtigt, das alles sind die Vorgänge. Was aber alle
zusammen tun, nicht wahr, und auch allein der Architekt durch Planen und
Beaufsichtigen, das sehen wir im Begriff >Bauen<. Begriff! der kann
ethisch sein, aber wie wollt ihr den empfinden, nicht wahr? Wo das Wort
so voll Vorgang ist, so voll Vorgang!«
»Das können Sie nicht sagen, Georg!« Sigurd hob voll die heißen Wangen
und brennenden Augen gegen ihn.
»Ich empfinde das eben.«
»Ich auch, Georg!« rief Benno.
»Du auch? Ich hatte sonst sagen wollen: Sie, als Jude, nicht wahr, --
seien vielleicht eher begabt für das rein Gedankliche.«
»Das sind wir. Herz und Intellekt wohnen bei uns näher zusammen als bei
euch.«
»Und darum überschätzen Sie das Wort!«
»Ach das Wort, Georg, doch nicht das Wort!« Benno lief aufgeregt mit
schwingenden Armen in den Raum. »Wie wäre es dann mit der Musik, die
wortlos ist? Wärens da Töne, Akkorde, Septimen, Quinten und Quarten? Ist
es nicht --«
»Und die Musik,« rief Georg aufspringend und sich zu ihm drehend, »die
Musik, da du davon sprichst, wie läßt die erst überwogen, sich auflösen,
ins Namen-, ins Uferlose, ins --«
»Bei dir, Georg, aber doch nicht bei mir!« schrie Benno vom bronzenen
Borgia her. »Die Musik ist eine so völlig klare, gesättigte Sprache wie
die der Dichter. Ja, das ists! Sprache, Georg, Sprache! Nicht das Wort,
das Ganze -- eben -- Musik!«
»Das ist wieder was andres, Benno. Meinen Sie das?«
Sigurd nickte.
»Dann also -- meint ihr -- den Rhythmus, nicht wahr?«
»Es ist mehr, Georg, es ist --«
»Unter Rhythmus«, erklärte Georg, »meine ich die innerste Essenz, die
wieder Destillat ist aus dem allen: Worten und Takten, nicht wahr, Reim,
Bildern und ihrer Wahl und Ordnung, der Glut der Stunde vor allem -- was
man Stimmung nennt, nicht wahr? -- der Duft, die Seele -- und der Leib
-- all das, all das strömt zusammen zum Rhythmus, der die Seele des
Gedichts ist, die Seele der Form. Mit einem Wort, die Form meint ihr,
das ganze Gedicht. Ja, dann freilich, -- das ist bei mir natürlich auch
so. Das Gedicht tritt in mich ein und --«
»Nun kommen wieder Ihre überquellenden Ränder«, sagte Sigurd, der ein
Buch aus der Reihe vor ihm gezogen hatte und es eben aufschlagen wollte.
Er ließ es aber in der Hand hängen und fuhr fort, zur Bekräftigung damit
Stöße gegen Georg führend:
»Der wirkliche Vorgang ist: den Leib des Wortes, samt der Seele, die
ganze Form: noch einmal aufrichten, noch einmal baun. Er ist, wie alles
in Wahrheit Ethische -- ein Schaffen, Neuschaffen von Grund aus.«
»Ja, Georg, ja, Sigurd!« jubelte Benno aus dem Hintergrund, kam hervor
gestürmt und stand nun im Licht so lang er war, hoch gerötet in großer
Gebärde mit flammenden Augen und fliegender Stirn.
»Georg!« rief er mit ganz unterdrückter, inbrünstig eindringen wollender
Stimme, »hast du's denn nie gefühlt? Nie dies tiefe Glück empfunden im
Empfangen der Form, das -- den -- den Einklang, das Vollkommene, die
ewige Harmonie des Irdischen mit dem Unirdischen, vollzogen im
göttlichen Augenblick? Musik, seht ihr, sie ist nicht der Himmel selbst,
aber -- sie ist das Zwischengebiet, von uns erreicht, ja von uns erzeugt
mit unsern irdischen Kräften und unserm überirdischen Glauben, -- wo das
Himmlische irdisch ward und das Irdische himmlisch -- himmlisch im
Tönen, himmlisch in der geschaffenen Form, in der wir nun aufgehn,
aufgehn, Georg, in beiden -- und doch nur eins noch empfinden: Glück.«
»Wundervoll, Benno, ja, aber das, was du da sagst, das habe ich im
Tiefsten immer empfunden. Das ist allerdings ethisch, und es ist dann
so, daß ich es unbewußt empfand. Ich kann ja -- wenn ich überhaupt ein
ethischer Mensch bin -- nur hierin das Wunder der Kunst erfahren, und --
ja, es ist doch so, nicht wahr: die meisten Menschen -- nun, ethisch
sind sie natürlich alle, denn wenn einer es sein kann, müssen alle es
sein. Sie alle haben, nicht wahr, einen ethischen Grundstoff. Von dem
wissen die Meisten gar nichts und können deshalb nur moralisch
empfinden, das heißt: das Stoffliche. Die Nächsten gelangen bis zur
Anschauung, zum Empfinden der Form, also zum Ästhetischen, nicht wahr,
und das sind die, die wir gemeinhin Ästheten nennen. Die Dritten haben
nicht nur die Erkenntnis des Ethischen, sondern auch -- wie Sigurd,
nicht wahr -- das Empfinden davon. Und bei mir ist es nun so, nicht
wahr, daß ich, als selber Schaffender, zwar die Erkenntnis haben und für
sich allein auch empfinden kann, aber der Anschauung verhaftet bleibe.
Ich habe Phantasie, ich kann sie nicht unterdrücken; alles was sie, die
Anschauung mir zuführt, bewegt mich _vor_ allem andern, und das Ethische
-- Vischer meinte es wohl auch, wenn er das >Moralische< sagte --
versteht sich von selbst.«
»Ja, Georg, dann sind wir ja einig«, bekräftigte Benno mit gerührt sich
verbiegendem Körper, als wären sie nach langer Verfehdung wieder Freunde
geworden.
»Ja, und Sie, kleine Esther,« sagte Georg, vor sie hintretend, »Sie
haben überhaupt nichts gesagt.«
Ihre Augen glitzerten. »Oh ich,« lächelte sie errötend, »ich freue mich,
wenn kluge Männer sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen.«
Sie lächelte mehr bei jedem beziehungsvollen Wort:
»Ich folge gern, denn mir wird leicht zu folgen,
Ich höre gern dem Streit der Klagen zu --
Wenn die feine Klugheit,
Von einem klugen Manne zart entwickelt,
Statt uns zu hintergehen, uns belehrt!«
Georg, die ganze Zeit, während sie sprach, stark und stärker versucht,
ihr Gesicht in beide Hände zu nehmen und zu küssen, konnte es nun nicht
lassen, wenigstens ihre Schultern leicht zu berühren, indem er lachend
spottete:
»Aber das war ja auch nicht von Ihnen, Esther, das war ja von Goethe!«
»Wir müssen gehn«, sagte Sigurd. »Es ist höchste Zeit.«