Drei Gespräche: Das dritte

Renate schrieb:

»Tage und Nächte, Tage und Nächte! Da liegst du nun auf der Lauer über

deiner Arbeit wie ein Panther, und ich stehe dabei und weiß nichts. Wie

in der Ermattung dein Menschliches von dir abfällt, so tritt alltäglich,

daß ich ihn sehe, der Gott aus deiner Brust, sitzt da groß, durch Wind

und Wolkenriß hinunterspähend auf das Werdende; Länderflucht und

Wolkenschatten jagen durch seine unbewegten Augen. Warum muß ich

ausgeschlossen sein aus deiner Seele, in einer andern Welt, sprachlos

wie Echo in einem Walde, den niemand betritt? Will mir denn niemand dies

Geheimnis lösen, warum dir alles sichtbar ist, nur nicht ich?

Überstrahle ich sie nicht alle? Bringe ich nicht Glück hin, wo ich

eintrete? Ach, daß ich alle Spiegel der Welt zerschlagen könnte und kein

Bild mehr haben, damit du es merktest, wie ich dürste nach deinen

verhängten Augen! Ich ertrage es nicht, du! daß ich dastehn muß wie

unbekannt, unsichtbar vor dir in meiner Fülle, und dein Auge blinzelt

nicht einmal! An wen soll ich mich denn wegschenken, sag, damit du

endlich, endlich begreifst am Zerschlagenen, was dir aus den Händen

fiel!«

Sie hielt ein, glühend über und über, fliegend, warf die Feder hin,

knüllte ihr Taschentuch in der Rechten, faßte mit der Linken in den

Ausschnitt ihres Kleides am Halse und zerrte. Sie schlug das Buch zu,

löschte die Lampe vor sich und stand auf; teilte den Vorhang und sah

hinaus. Da war nur Finsternis, undeutlich, aber nach Augenblicken wurde

der schwarze Schattenriß des Kapellendaches sichtbar über dem Gewipfel

gegen den gestirnten Himmel, dann auch darunter da und dort der

gelbliche Schein und die Form zweier Fenster. Dort saß er! dahinter saß

er! Saß, malte und sonst nichts. -- Sie preßte die Stirn gegen das kühle

Glas, atmete tief und wurde ruhiger. Es ist beschämend, dachte sie, ich

muß es jetzt vergessen; man könnte es mir ja vom Gesicht ablesen, was

ich in das Buch schrieb. -- Sie sah in die Tiefe ein wenig rechts und

gewahrte den Lichtschein, der aus dem Verandazimmer breit in den Garten

fiel, darin die Schlagschatten, über Weg und Rasen hin, der dünnen,

rankenumwundenen Pfeiler und der hangenden Reben voll Weinlaub; grau

schimmerte, wo die Helligkeit am Boden endete, der Sandsteinsockel der

Sonnenuhr. Nun sah sie auch, daß eine weiße Gestalt zwischen den Büschen

umherging, jenseit des Rasenplatzes; bald kam sie unten zum Vorschein

auf dem Wege, langsam dahinschlendernd, ging durch den Lichtschein -- es

war Magda -- die Unterarme hinter dem Rücken zusammengelegt, am Hause

vorüber und wieder in die Tiefe, wo sie schwand, aber nach einer Weile

wieder sichtbar wurde, stehen blieb und nach oben schaute. Einen

Augenblick glaubte Renate, sie spähe nach ihr, aber sie stand ja im

Dunkel und war dunkel gekleidet. So blickte sie wohl zu dem gotischen

Fenster empor, wo Georg und Esther unter der Lampe saßen; sie hatte ja

dort auf einmal weglaufen müssen, um zu schreiben.

Magdas weiße Gestalt wendete sich wieder und ging zurück und kam

abermals wieder und verschwand auf dem Weg zum Gemüsegarten. Renate, all

ihr Eigenes kräftig niederdrückend, folgte ihr zärtlich mit Gedanken.

Sie öffnete leise das Fenster und beugte sich hinaus. Gleich drang mit

der schönen Nachtkühle und dem Geruch des vielerlei Blühenden eine

gedämpfte Musik undeutlich an ihr Ohr -- o, sie übten ja an ihrem

Brahmsquartett in der Kapelle --, und nun standen deutlich sichtbar alle

drei spitzbogigen Fensters, dunkelgelb leuchtend, im Finstern. Über den

blütenlosen Massen der Baumwipfel war das Heer der Sterne in reicher,

strahlender Stille aufgezogen. Ganz fern zur Linken schimmerte noch

Weißes, -- wohl Magdas Kleid.

Renate dachte, daß sie das grüne Fenster von unten gesehen haben müsse,

wie sie selber immer wieder leise betroffen von seiner Stille im

Schweben, und es wurde ein alter Vers in ihr wach, -- vielleicht summte

auch Magda ihn im Gehen vor sich hin, sie kannte ihn ja:

Gottesauge still und klar

Zwischen dem Gezweige!

Wandellos im Sternenjahr,

Dulde, daß ich wandelbar

Meine Seele vor dir neige,

Die verzweifelt war ...

Bist du nun am Land, Kind? dachte Renate. Du bist es, ich weiß. Deine

Gedanken gehen kleine Wege, wie deine Füße im wohlbekannten Garten von

selber sich durch das Dunkel finden; gehen ein Stückchen neben Georg,

laufen zu Bogner, der unbekümmert um das musikalische Getöse hinter

seinem Rücken vor seinem Wandstück sitzt und mit Kohle Landschaft und

Gestalt in den großen Linien festhält. Du brauchst deine Gedanken, die

dir nicht mehr weh tun, wenn sie sich nur bewegen, nicht mehr zu hüten;

es giebt kein Hinaus mehr aus der wunderbaren, nur mit Gottes Hülfe zu

begreifenden Schmerzlosigkeit, die all deine Poren erfüllt ...

Sie atmet leicht, sagte Renate, ich weiß es. Ihre Gedanken halten sich

ans Geschaute, rühren an die alltäglichen Vorgänge, an Menschen und

Dinge umher nun mit einem sicheren Gefühl und machen sie milde. Nein, es

gab nichts Hartes mehr für sie; ein wenig schattenhaft war alles

geworden, ein unveränderliches Abendrot von unirdischer Gläubigkeit

ruhte am Himmel aus, von dem die sehnsuchtslosen Schatten ein sanftes

Dasein bekamen; da mußten alle Stimmen leiser gehn, auf den Gesichtern

lag das starke, aber milde Leuchten des Sonnenscheidens, -- hatte sie

ihr selber nicht einmal gesagt, wie durchsichtig die Gesichter ihr

schienen, bis ins Innerste der Gedanken; von ihrem eignen, Renates,

Antlitz hatte sie es gesagt und hinzugefügt, was sie Saint-Georges

einmal von ihm hatte sagen hören: Niemals kann es welken ...

Da war sie schon wieder bei sich. Ein halbes Jahr jünger war die

Freundin als sie und schien älter fast um zehn Jahre. Sie aber stand im

Anfang ihres Herzens und -- Renate richtete sich auf und ging durch das

dunkle Zimmer hinaus.

Im Treppenhaus blendete sie das grelle Licht, und als sie durch das

erleuchtete Verandazimmer gehen wollte, erschrak sie plötzlich vor einer

schönen und großen Gestalt, die auf sie zuschritt in einem großen,

dunkelgrünen Kleide, -- bei Gott, sie selber wars, vor der sie

erstaunte, die aus dem Empirespiegel auf sie zugeschritten kam. Sie

blieb stehn, lächelte verzweifelt zu der drüben hin und spottete sie an:

Ist es wohl nun zu begreifen, daß du hier herumgehst so groß wie ein

Pferd, und kein Mensch sieht dich? -- Achselzuckend trat sie an den

Tisch; dort standen Früchte in Schalen, Brombeeren und Himbeeren, auch

Bananen und mächtige Trauben von schwarzblauen Beeren. Von denen nahm

sie eine in jede Hand, drückte sie zu beiden Seiten unterm Kinn gegen

den Hals, trat so vor den Spiegel, aber das half alles nichts, im

Gegenteil dachte sie, daß ihre Augen genau wie die Weinbeeren aussähen,

und das ärgerte sie irgendwie, sie warf eine der Trauben wieder auf den

Teller, erschrak aber und sagte: Nun mußt du sie auch essen, warum hast

du sie angefaßt! -- Warum nicht? Gerne! -- So schlenderte sie auf die

Veranda, nachdem sie der Verschwendung des elektrischen Lichts Einhalt

geboten, sah ins Dunkel, aber es war niemand zu sehn. Sie trat an die

Brüstung, legte eine der Trauben darauf, lehnte sich gegen den eisernen

Pfeiler ins Rebgewind und fing an, Beere um Beere sachtsam ablösend, zu

essen, und nach einer Weile, als ihre Hand sich mit den Schalen füllte,

die folgenden in den Garten zu spucken. In diese Aufgaben vertieft,

angenehm durchtränkt von dem süßen Saft, als ob sie Beeren aus

Nachtkühle äße, hörte sie Schritte unten auf dem Sande, blickte auf und

sah Jason al Manachs Schattengestalt und weißes Gesicht unverkennbar um

die Hausecke kommen. In der Nähe der Stufen zur Veranda blieb er stehn

und sagte: »Guten Abend.«

In der Meinung, er habe sie erblickt, wollte sie gerade antworten, als

sie unter sich Magdas Stimme: »Guten Abend, Jason!« sagen hörte, und

sich überneigend gewahrte sie richtig Magda, die auf der Bank dicht

unter der Veranda saß. Jason ging zu ihr und setzte sich neben sie.

Eine Weile blieb alles still. -- Ich habe Lust, dachte Renate, hier

stehen zu bleiben und zu hören, was sie reden. Vielleicht reden sie von

mir. Vielleicht reden sie von Bogner. Sicher reden sie irgend etwas

Gutes. Es muß angenehm sein, hier in der Nachtkühle zu stehn und gute

Dinge zu hören, die im Dunkel beredet werden.

»Nun, Jason, woran denkst du wohl?« hörte sie Magdas Stimme.

»Woran möchtest du denn, daß ich denke?« kam es freundlich zurück.

»Wie ich vorhin im Garten herumging, mußte ich viel an Ulrika denken.

Sie kommt mir so verwandelt vor. Was mag mit ihr sein?«

Minutenlang herrschte Stille. »Ulrika Tregiorni,« hörte Renate Jasons

Stimme ganz langsam, »Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage

Benvenuto Bogners, des Malers, niemals nachgesonnen über das Leben,

seine Gewalt und Verhängnisse, vermochte also nicht zu wissen, daß es

Menschen giebt, die eines Tages aus weiter Ferne herkommen, vielleicht

um in ein Haus zu treten und zu jemand zu sagen: Tue dies! und wieder

fortgehn, keiner weiß wohin, und unbekümmert um Verwirrung oder

Zerstörung, die sie angerichtet haben mögen und hinter sich dort

zurücklassen, wo Ordnung und gelassene Zufriedenheit das Gesetz aller

Tage gewesen war.«

»Wie sonderbar du sprichst, Jason!« klang Magdas Stimme. »Als ob du eine

Geschichte anfangen wolltest.«

»Sind wir nicht Alle Geschichten?« sagte er leise und sprach weiter:

»Dies wußte sie nicht. Ihre kühlen, beschränkten Mädchenaugen hatten nie

mehr als den Glanz gerader und gefälliger Oberflächen erfaßt; und sie

hatte es nicht anders gekannt, als daß alle Dinge, zwischen denen sie

aufgewachsen war, ihr dienten und ihr weiterdienen und mit ihr gehn und

sich nie verändern würden, so wie sie selber einfach und geraden Weges

aus einem Kinde ein Mädchen und Weib geworden war, das den natürlichen

Gang des Geschehens auch darin erblickte -- -- nun, Ulrika, du kannst

fortfahren, auch darin erblickte ...« Richtig, da stand ja Ulrika

Tregiorni, weiß gekleidet, im Dunkel vor den Beiden. »Spracht ihr von

mir?« fragte sie. »Worin soll ich was erblicken, Jason?« Damit wurde sie

für Renate unsichtbar; sie setzte sich wohl auf die Bank, zwischen die

Beiden, kam es Renate vor.

»Ich sagte,« wurde Jason wieder hörbar, »es sei außerordentlich

natürlich für dich gewesen, eines Tages zu heiraten.«

»Ach, Jason, ist heiraten natürlich oder unnatürlich vielleicht?«

»Unnatürlich, Ulrika, ganz gewiß, denn man spricht von natürlichen

Kindern.«

Renate, während die unten herzhaft lachten, biß sich auf die Lippen, um

nicht laut zu werden.

»Ist Bogner in der Kapelle?« fragte Ulrika. Einer von den beiden Andern

mußte wohl genickt haben, denn sie sagte gleich darauf: »Er muß morgen

wieder in die Haide, ich weiß nur noch nicht, wie ichs anstelle, er

sieht ja schauerlich aus. Ich werde ihm alle Pinsel in Ölfarbe stecken.«

»Du bist doch ein glücklicher Mensch, Ulrika«, sagte Jasons Stimme.

»Hünde,« sagte Ulrika, »Hünde, hörte ich einmal ein kleines Mädchen

sagen, sind doch glückliche Menschen!«

Es gab wieder ein kleines Gelächter. »Glücklich?« kam nach einer Weile

Ulrikas Stimme. »Ja, da fand ich Hölderlins Gedichte oben auf dem Tische

und darin die Worte, -- er sagt vom Menschen: »Daß er verstehe ...« Wie

heißt es genau, Jason?«

»Alles lerne der Mensch, sagen die Himmlischen,

Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern'

Und verstehe die Freiheit,

Aufzubrechen, wohin er will.«

Wieder war es still unten. Ulrika sagte, ein wenig leiser als zuvor:

»Wie sonderbar du das betonst: daß er _verstehe_ die Freiheit! Ganz so

sagte mirs Bogner, als ich mit ihm darüber sprach. Und ich begreife noch

nicht recht, daß Freiheit etwas so Sichtliches --, wie soll ich sagen,

so einfach Vorhandenes sein soll, daß auf das Verstehen das meiste

ankommt. Aber es wird schon so sein.«

Jason sagte: »Die Freiheit ist das Natürliche, mein Kind, das weißt du

doch auch, denn die Natur ist frei, auch du, wie du da geboren bist und

mit sämtlichen Gedanken. Wenn du dich einmal unterworfen haben wirst,

wirst du auch verstehen, was Freiheit ist.«

Lange Zeit herrschte Schweigen; Renate hörte den Nachtwind in den Bäumen

oben, dann tiefer unten. Es rauschte, bald hier, bald dort; es kam

kühler aus der Tiefe. Eine leise Frauenstimme sagte dort gedankenvoll:

»Ja, so meinte er es wohl«, ohne daß Renate erraten konnte, ob die

Stimme den Dichter meinte oder Bogner. Jetzt war alles still, ein

kleines Gelächter Ulrikas ward hörbar, und sie sagte:

»Eben fällt mir etwas so Nettes von ihm ein.« (>Ihm< sagt sie, dachte

Renate betrübt, als ob es nur den Einen gäbe.) »Als wir neulich in ein

Dorf marschierten und der Maler gerade mit seinem ungeheuren Baß eine

schauerliche Musik machte, kam uns ein winziges kleines Mädchen

entgegen, blieb bei unserm Anblick, andachtsvoll den Finger im Munde,

stehn, rannte plötzlich aus Leibeskräften auf den Maler zu, der es

anguckte, und hatte ihn schon bei der Hand erwischt, was er aber, immer

herrlich singend, gar nicht recht zu merken schien; er schleppte es so

am Zeigefinger mit sich, es trabte eifrig, da stolpert' es, fiel hin und

erhob ein so jämmerliches Geschrei, daß er es schleunig auf die Arme

nahm. Was nun kommen sollte, wußte er augenscheinlich nicht, aber das

Gesicht des Kindes -- es war kränklich und schmutzig mit übergroßen

braunen Augen -- blieb mitten im Weinen stehn, und als er sich nun mit

einem beruhigenden Gemurr darüber beugte, wurde es ganz still und sah

ihn an. -- Ich weiß nicht, was er da gesehen haben mag, aber später

zeichnete er das Gesicht des Kindes in sein Buch aus dem Gedächtnis, und

es war sonderbar, während er zeichnete, hatte sein Gesicht denselben

Ausdruck wie vorher, als er das Kind anblickte, so daß es ruhig wurde

und ihn ernsthaft ansah. Es läßt sich nicht sagen ... Er lächelte ein

wenig, und von Güte, von Beruhigung, von Väterlichkeit, von Verständnis,

von all dem war etwas darin.«

Einen Augenblick, nachdem sie geendet hatte, setzte die Musik in der

Kapelle wieder ein mit einem schwunghaften Angriff aller Instrumente,

deren jedes deutlich zu unterscheiden war, Klavier, die Geigen zusammen

und die knarrende Stimme des Cellos. Renate hörte zwar wieder Sprechen

nach einer Weile, doch war nichts zu verstehn. Sie wollte schon hinunter

gehn, aber die Musik brach plötzlich ab, und Ulrikas Stimme wurde

hörbar. --

»Nein, nie! Davon spricht er scheinbar höchst ungern, und ich habe ihn

beinah im Verdacht, daß er mit seinem Schweigen bloß seine Dummheit

bemänteln will, aber ...« Sie lachte und fuhr fort: »Ich versuche es ja

immer wieder, auf den verzwicktesten Umwegen ihn dazu zu bringen, aber

kaum daß ich ihn habe, wo ich will, beweist er mir einen gräßlichen

Irrtum und sagt: Da denken Sie nun mal schön darüber nach!«

Renate riet noch, um welch geheimnisvolle Sache es sich wohl handeln

möge, als derselbe Angriff der Musik wieder aufbrach, so daß sie nichts

mehr verstand. Nun wartete sie nicht ohne Ungeduld auf das Ende des

Satzes; er war nicht lang, wie sie wußte.

Endlich war es still, aber auch im Garten herrschte Schweigen. Ein wenig

übergebeugt, sah Renate alle Drei unten sitzen, Ulrika in der Mitte, die

Hände um das übergeschlagene rechte Knie gefaltet. Gleich darauf sagte

sie:

»Aber wie ich schon sagte: Nachdem ich ihm die schwierigsten Sachen

vorgeführt, Technisches und Handwerkliches, den Orgelpunkt und auch

Kontrapunktisches, soviel ich davon weiß, meinte er, es bestehe nicht

der geringste Zusammenhang.« Womit denn nun? dachte Renate verzweifelt,

ich muß doch hinuntergehn, -- während Ulrika weitersprach: »Alle Künste,

sagte er am Ende, sind so völlig voneinander getrennte Gebiete wie die

fünf Sinne, wenn sie auch alle an derselben Stelle verankert sind. Und

seht ihr, so macht er's nun! Mir fiel nämlich ein, daß es ja auch fünf

Künste giebt, wie fünf Sinne, und ganz geschwind setzte ich ihm

auseinander, wie das sich auch entspräche, denn Gehör und Gesicht haben

ihre Kunst, auch der Geschmack, sicherlich, denn die Kochkunst und ihr

Genuß, wenn ihr's euch richtig vorstellt, ist eine wahrhafte Kunst, wie

das Dichten und Gedichtegenießen; für das Gefühl steht die Dichtkunst,

innerlich und äußerlich, denn unsre Sprache ist doch die Vermittlerin

unseres Fühlens; nur der Geruch habe keine Kunst entwickelt, sagte ich,

und das entspricht nun genau der Architektur, die auch keine Kunst an

sich ist, sondern im Zweck wurzelt, versteht ihr, wie ich es meine? Der

Geruch ist uns ganz Mittel geblieben, während die andern Sinne sich doch

über ihre Zweckmäßigkeit zu reinem Empfinden, zum Genuß des Schauens und

Hörens entwickelt -- ist es nicht so?«

»Was für ein kluges Mädchen du doch bist, Ulrika!« sagte Jason.

»Das hat er auch gesagt,« versetzte sie gleichmütig, »und dann meinte

er, es wäre alles Unsinn, und nun sollte ich mal drüber nachdenken, --

ich sagte ja, so macht er's.«

»Hast du schon?« fragte Jason.

»Was?«

»Nachgedacht?«

»Noch nicht, aber vielleicht hilfst du mir!«

»Gerne,« sagte Jason, »aber nun fängt die Musik wieder an, und Renate

versteht kein Wort mehr.«

»Renate?« fragte nach einer Weile Ulrika verdutzt. --

Renate lehnte sich über die Brüstung.

»Jason, du schmählicher Verräter!« sagte sie leise.

Die beiden Frauen wandten die Gesichter herauf, auch Jason langsam.

»Hast du uns wahrhaftig belauscht?« rief Ulrika.

»Wahrhaftig. Es war so schön, hier oben zu stehn und euch sprechen zu

hören. Der Wind rauschte, aber die Musik war vorhin wirklich zu laut.

Nun sind sie ja am Adagio, und Jason kann ruhig weitersprechen. Auf

eurer Bank ist ja sowieso kein Platz mehr. Los, Jason, was wolltest du

sagen?«

Ulrika flüsterte Magda etwas zu, dann flüsterte Magda, dann waren sie

still, und Jason fing an.

»Was denkst du eigentlich vom Tanzen, Ulrika?« fragte er, »ist das keine

Kunst?«

Ulrika schien betroffen. »Wenn man will ...« sagte sie endlich zögernd.

»Nun, wolle nur!« redete Jason ihr zu, »und denke auch gleich einmal an

die Mathematik. Nicht an die angewandte, die du so kennst, sondern die

reine. Und Reiten, wie steht es damit? Ist es keine Kunst, mit einem

Tier so zu verwachsen, daß es keinen Willen mehr hat als dessen, der es

lenkt? Und bedenke, was nötig war! Es muß doch Jahrhunderte gedauert

haben, bis das Pferd so weit gebracht war, und gleichzeitig wurde

obendrein das ganze Pferd umgewandelt und aus einem kleinen, bösen Vieh

ein großes, seelengutes Tier. Für Gefühl hast du die Dichtkunst einfach

eingesetzt, aber mir scheint, die Tanzkunst entspricht dem noch viel

einfacher, da sie die empfangenden Nerven an die bewegenden anschließt,

innere Wollust in erleichtertes Bewegen auflöst und wieder auf die Sinne

zurückwirkt, betäubt und befreit, -- und was meinst du, wäre ein

tieferer Zauber aller Künste als eben der, zu betäuben und zu befreien,

im Wechsel auf und nieder?«

»Mit dem Reiten«, sagte Renate von oben, »scheinst du mir zu

übertreiben, aber das tat nach meinem Gefühl auch Ulrika, ich konnte es

bloß nicht sagen vorhin, mit ihrer Kochkunst. Nur mit der Mathematik

magst du recht haben, ich weiß nur nicht ganz, wie.«

»Ich will es erklären«, sagte Jason.

Ringsum war alles still. Jason sagte: »Was, meint ihr, ist denn nun

Kunst? Ja, nun müßt ihr meine Worte recht verstehn, denn nun will ich

vom Allerfeinsten reden, vom Gefühl, vom Empfinden, und das ist, als ob

ich Seifenblasen mit Handschuhen anfassen wollte. Aber doch scheint mir

>Heilen< das beste Wort. Kunst ist Heilkunst. In Heilkunst liegt

Heilkunde zuerst, nicht wahr? Und Mathematik ist Zahlenkunde, da habt

ihr schon einen kleinen Zusammenhang. Und nun denkt euch einmal ein

Kunstwerk, eine Dichtung oder eine marmorne Figur, wie sie dasteht, wie

sie einfach ist, wie sie klar ist, so leicht zu begreifen, so

unweigerlich, so sichtlich und mit den zehntausend unsichtbaren

Verknüpfungen in ganz unbekannten Schächten eurer Seelen verankert, euer

Dunkel erhellend im Augenblick und tiefer vertiefend, -- und nehmt

dagegen eure Welt, alle Verworrenheit, alle Irrtümer, alle Unkunde,

alles ewig Schmerzliche, den Tod und die Wege der Liebe, Trübsinn und

Weisheit, Erraten und Verfehlen, Schwinden und Funkeln, Erstehn und

Verfallen, die ungeheure Gesetzlosigkeit, die unzählbaren Ahnungen, --

und wieder blickt nun zurück! Da stehen mitten in dieser traurigen,

zerrissenen, unbekannten Welt zwei Dinge: die Zahl -- und das Werk.

Beide innig verbunden durch eins: Harmonie. Gott machte die Sterne, wir

aber machen schöne Werke immerhin, die uns erfreuen, die, wie sie auch

sein mögen, heiter und tragisch, bitter und schwer und voll Elend

geschilderten Jammers, doch den tiefen Glanz der Ordnung haben, des

Selbstgewollten, des Geregelten, der Harmonie. Den Schein immerhin von

etwas Absolutem, das tiefe Feuer der Notwendigkeit, denn mußte nicht

Kunst kommen? Mußte sie nicht, wie eines Tages die Zahl entdeckt wurde,

daß sie sei und gelte allgegenwärtig? Heilkunde trägt die Kunst; unsre

immerwunde, betrübte, seelenkranke Herzenswelt heilen wir mit dem

schönen Werk, ja den Tod heilen wir und heben ihn auf mit dem

unvergänglichen, dem unsterblichen, dem ewigen Werk. Und Heilkunde,

Heilkunst ist auch die Mathematik, weil sie nach dem Reinen strebt, weil

sie Gesetze erkennt, und so ein jedes Betreiben, ein jedes irdische

Geschäft, das über irgendeinen alltäglichen Zweck hinausgeht gegen das

Ewige; das mehr will als Menschliches, mehr als sich selbst, das

Unabhängigkeit will, eignes Wirken, Freiwilligkeit, Freude, denn am Ende

ist dies doch wohl das gute, einfache Wort.«

Jason schwieg, still blieb es im Garten, in der Nacht, bis mit so

erschreckender Plötzlichkeit aus der Tiefe der Büsche die Stimme des

Cellos, tief und inbrünstig, einen stürmischen Seufzer aushauchte, daß

alles umher zusammenzuschaudern schien. Renate fühlte im Augenblick die

Erinnerung an die Stunde vor dieser, oben in ihrem Zimmer, in sich

heraufschießen mit einem so unermeßlichen Schmerz um Bogner, daß sie

glaubte, es nicht ertragen zu können. Aber der Schmerz ebbte langsam und

schwand später. Renate fühlte ihr Haar wehn auf der Stirn, kühle

Atemzüge strichen über ihre Wange, ihre Stirn, den Hals, es rauschte

allenthalben in der Nacht, es bewegte sich, Ulrika stand groß und weiß

unten, die Hände im Nacken gefaltet, das Antlitz emporgerichtet. Die

andern Instrumente hatten den Seufzer längst mit Beruhigung und

Verschleierung in ihre sanftere Gemeinschaft zurückgezogen, gleich

darauf verstummten sie nacheinander, der Garten lag schweigend.

Hinter Renate im Saal flammte das Licht auf, nach Augenblicken wurde

Esther sichtbar, hinter ihr Georg, aber sie sahen Beide Renate nicht.

Esther lief die Stufen hinunter, Georg folgte langsamer quer über den

Rasen. So verließ Renate ihren Platz, schritt die Stufen abwärts, fand

unten aber nur noch Magda, die ihr entgegensah. Jason war verschwunden.

Ulrikas Gestalt entfernte sich zwischen dem Buschwerk nach der Kapelle

hin. Renate, in unbestimmte Gefühle verloren, hörte Magda fragen, ob

Obst im Zimmer stünde, nickte nur freundlich und ging weiter.

In der Kapelle herrschte Vergnügtheit. Esther stand da, drehte sich, als

sie Renate hörte, zu ihr, rief »Fertig!« und schwenkte einen herrlich

glitzernden Kissenbezug. Ganz rechts in der Ecke hockte der Maler vor

seinem Wandstück und rauchte. Über den Pulten und am Klavier, wo Benno

glücklich saß, brannten rötlich die vielen Kerzen, Ulrika und Irene

haschten nach Esthers Kissen. Ja, und der Prinz und Saint-Georges und

Sigurd waren ja auch da. Gleich darauf erschien Magda mit den beiden

Schalen voll Obst, und alles stürzte sich auf sie. Renate sah Ulrika

eine Handvoll roter Himbeeren greifen und damit hinter den Maler

schleichen. Über seinem Kopf hob sie die Hand empor und ließ die Beeren

fallen; eine blieb in seinem Haar hängen, er faßte, völlig

geistesabwesend das Gesicht herumdrehend, mit einer Hand danach und

zerquetschte sie grausam. Was er zwischen den Fingern behielt,

betrachtete er nachdenklich, bis Ulrika kam und ihm unter vielen

Entschuldigungen mit ihrem Taschentuch die Finger putzte.

Erst als Esthers Kissen ihr an den Kopf flog, endete Renates Verwirrung.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 31 / 124 题