Tastozzi.«

Georg, nichts begreifend, bemerkte jetzt ein kleines Zeichen, einen

schrägen Strich zwischen zwei Punkten in der rechten Ecke unten, das

>wenden< zu bedeuten schien, und drehte scheu die Karte herum.

»Es geschah aus Liebe zu einem Knaben«, las er.

Er zuckte leise zusammen. Langsam erschienen hinter dem Licht die Köpfe

der Sitzendem von denen keiner ihn ansah. Schwalbe blickte nach oben;

die Andern sahen vor sich hin. Viele Sekunden lang blicklos dies vor

Augen, merkte Georg, daß er etwas in sich niederkämpfte, merkte, daß es

-- Widerwille war, und drückte es entschlossen hinunter. Sich

aufrichtend, sagte er leise:

»Ja. Es steht hier. Er wünscht aber, daß ich es für mich behalte.«

»So.« Ellerau streifte mit einem Blick über Georg hin; die Andern lösten

ihre Haltung und bewegten sich. Keiner sah Georg an.

Da spürte er im Augenblick klar, daß er und der Tote für diese

zusammengehören. Keine Feindschaft -- doch auch nicht Freundschaft. Sie

hatten ihn -- außer vielleicht Schwalbe -- nie begriffen. Wie war er zu

ihnen geraten?

In einem leichten Hochmutsgefühl neigte er den Kopf und ging stumm

hinaus.

Die Haustür öffnend empfand er jählings eine so übermächtige Sehnsucht

nach Renate, daß er sich geblendet fühlte und blindlings die Richtung

nach ihr einschlug, bis er Schritte beharrlich neben sich bleiben merkte

und seitwärts blickend Schwalbe erkannte, der lächelte und sagte: »Ich

komme mit dir, wenn du erlaubst.«

»Du weißt, weshalb er starb?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Schwalbe, »aber -- ich ahnte es immer.«

War es zu ahnen? fragte Georg sich. War ich so arglos?

»Und was denkst du davon?«

»Was soll ich davon denken?« fragte Schwalbe frisch und fest. »Wenn sie

Jugendliche verführen, sind sie Verbrecher, und wenn sie das nicht tun,

sind sie zu beklagen. Und ich weiß nicht, ob man sie beklagen -- kann.

Es sind Menschen mit einem andern Weltbild. Ihre Leiden und ihre Freuden

-- abgesehn von der Verbanntheit -- sind keine andern als die unsern.«

Das klang sehr klar und schön in der singenden Mundart.

Eine Weile, rasch vorwärtsgehend durch die sommerwarmen, dunstigen

Straßen im Licht der Bogenlampen, dann der Laternen in kleineren Gassen,

blieben sie still, bis Georg sich Hardenbergs erinnerte und halblaut

sagte: »Auch Hardenberg ...«

»Hardenberg war homosexuell«, versetzte Schwalbe hurtig.

»Man sollte«, fing Georg bald darauf wieder an, »eine Stadt für sie

gründen, wo sie leben könnten und zufrieden sein ...«

»Ja! Das sollte man tun. Das erinnert mich daran, daß ich Hardenberg

einmal über das Mönchtum sprechen hörte -- du kennst ja seine Weise --,

und zwar kam er bald auf den Trappistenorden, der, wie er sagte, der

einzig mögliche sei. Und dann schilderte er uns das Schweigen dort. Er

machte es wunderbar. Er zog gleichsam mit vollen Händen das Schweigen

aus den Dingen dort, aus den Mauern, den Zellen, aus jedem Gerät, aus

Gießkanne und Gebetpult, aus Spaten und Egge, aus den Blumen im Garten,

den Bäumen. Wir waren ganz eingehüllt in das Schweigen, obwohl er selber

unausgesetzt sprach. Und ich muß sagen, ich war ganz erschrocken, als er

-- nach seinem wunderschönen -- Gesang auf dies Schweigen -- plötzlich

von den Vögeln sprach, die auch stumm geworden waren und nicht mehr

sangen im Klostergarten.«

Ergriffen sagte Georg leise: »Wie schön!« -- und blieb stehn.

Sie waren auf der kleinen Brücke zwischen alten Häusern, die zur Insel

hinüber führte. Rechts unten strömte der schnelle, dunkle Fluß zwischen

alten Mauern, am Ufer drüben blinkten Lichter aus winzigen Fenstern, aus

dem Grün und Blumenrot der Dachgärten, deren Silberkugeln und weiße

Geländer in der Dämmerung schimmerten. -- Still sahen sie eine Weile

dorthin, dann legte Georg die Arme auf die Brüstung, und in der dunklen

Wasserfläche unten erschien ihm das Gesicht des Toten mit jenem

besorgten Ausdruck, den es bei Georgs letzter Mensur gehabt hatte.

Ach, wußte er nun, was hat denn auch er andres getan und gewollt als --

Lieben. Seine Natur schrieb ihm diese furchtbare, angstvolle Stille vor,

aus der er niemals heraustrat, er, der mit keinem sprach, bevor er

gefragt oder angeredet wäre. Sich um Andre bemühn, dienen, gütig sein,

war sein Wunsch, und da fand er denn dies heraus ... Georg mußte

sprechen; er sagte, Schwalbe auf dem Geländer lehnen sehend wie er

selber, breitbrüstig und ruhig:

»Es war doch schön, wie er um uns Alle besorgt war beim Fechten. Bist du

je von ihm anbandagiert worden? Erinnerst du dich, wie er die Brille

zuzog? Diese Sanftheit des Ziehens, bis mit einem kleinen Ruck die

Brille saß, wie sie nicht besser sitzen konnte?«

»Jawohl. Wie du das sagst, scheint mir, es war doch etwas Hellenisches

um ihn. Nicht nur, daß er einen wundervollen Körper hatte --«

»Ja, hast du ihn gesehn? Ich kam zufällig einmal dazu, wie er sich eben

ausgezogen hatte zur Mensur und dastand, ganz grade, das Mensurhemd in

erhobenen Armen überm Kopf, wie ein gelber Marmor.«

»Hellenisch war, scheint mir, vor allem seine Art, uns zum Kampfe zu

rüsten. Der Kampf war ihm mehr als uns, war ihm eine schöne Sache, und

einmal -- ja einmal habe ich ihn richtig reden gehört. Da sprach er ein

paar Worte über italienisches Fechten, das so viel beweglicher sei als

unser stumpfes Dreinhaun und den ganzen Körper erziehe und durchbilde

...«

Man sollte nackt fechten ... Tastozzis leise Worte, irgendwann gehört,

zogen durch Georgs Erinnerung.

Sie schwiegen und sahn auf das endlose dunkle Fließen unter ihren Füßen.

Georg dachte:

Aber warum hellenisch? Er wollte im Grunde doch nur dienen. Oh der arme

stumme Trappist mußte eine Leidenschaft haben, mit Handlung, mit der

sorgsamen Dienstleistung auszudrücken, was ihn beseelte. Aber ... Nun,

auch wenn es ein körperlicher Reiz und ein sinnliches Verlangen war, zu

den Gliedern der jungen, geschmeidigen Menschen eine Begierde: die

Begierde war es doch nicht, die seinen schönen stummen Händen diese

Sanftheit gab, diese Behutsamkeit, diese Freude am verständnisvollen

Behandeln; die kam aus seiner ganzen Natur, von der das andre nur ein

kleiner Teil war, und so fand er denn in seinem Leben diese vorsichtige

kleine Stelle, wo er ein wenig geben konnte und -- ein wenig nehmen ...

Schwalbe richtete sich auf.

»Ich muß leider nach Hause«, sagte er. »Es war schön hier, mit dir zu

stehn und an Tozzi zu denken.« Er streckte seine breite Hand aus. »Auf

Wiedersehn am Grabe, Georg. Übermorgen ist die Beerdigung. Gute Nacht.«

Georg, der noch gern ein Wort gefunden hätte auf das zugetane »es war

schön hier, mit dir ...« fand nichts als stummes Zunicken und Lächeln

beim Händedruck, mit dem sie sich trennten. Gleich darauf befand er sich

außerhalb der Stadt, mitten in den dunklen Wiesen.

Auf Wiedersehn am Grabe ... klang es ihm da im Ohr. Merkwürdig, sagte

man so? Das habe ich noch nie gehört, -- und es ist ja auch der erste

Tote, den ich kenne. Auf Wiedersehn im Grabe ... das klang fast genau

so. Armer Tozzi! -- Sonderbar, da war er uns Allen ganz fremd, und doch

nannten wir ihn mit der liebevollen kleinen Abkürzung. So muß doch bei

allem Abgekehrtsein von ihm in jedem geheim ein kleines Gefühl für ihn

gehaust haben, das sich, für Alle unhörbar, ganz laut mit diesem Namen

nannte ...

Hineilend auf dem vor ihm dämmernden, hellen Streifen des Fußpfades am

Ufer über dem hastig mitkommenden, glucksend sich manchmal

überstürzenden Fluß, sah Georg jetzt wieder Renates einzig schöne

Gestalt in der Ferne, und heiß schwoll ihm die Brust. Nie noch fühlt ich

solche Sehnsucht nach ihr, dachte er, ja ist nicht dies das

allerseltsamste, daß sie mich betäubt, wenn ich vor ihr stehe, und daß

ich sie -- vergessen hatte, wenn ich allein war? Überseltsames Wesen,

Renate! -- Er lief und lief. Fast feurig aus den dunklen Gründen der

Wiesen strömte erdiger und grasiger Geruch und der Nachdampf von Regen.

Jenseits des Flusses fern zackten Schattenrisse von Türmen sich über

schwarzem Gewipfel in das glühende Nachtrot des Städtehimmels. --

Seliger sich fühlend, befreiter, zuversichtlicher erklomm Georg den

Hügel der Bismarcksäule, überschritt langsam die Plattform, faßte mit

schweifendem Blick die schwarze Gegend in sich, ein Erglänzen in der

hochgewölbten Fläche des Stroms, eine lose Schar Sterne, leis blinkend

im Finstern, und stürzte sich mit einem schweren, beklommenen Lustgefühl

die Böschung hinunter in die Wiesen.

Weißlich leuchteten von drüben die Grabhäuser zwischen den Lebensbäumen.

Jetzt dämmerte ein Lichtschein darüber, seltsam unwirklich und groß.

Langsam erschien eine fleckige Scheibe, der Mond, rot wie neues Kupfer

im grauen Himmel; eine schwarze Spitze reckte sich vor ihm, die er bald

mühelos überklomm. Georg stand und hatte das Gefühl, als ob er nicht

weitergehen könne, ehe es Tag wurde. Schon hing der Mond dort, mächtig

groß, voll und nun bernsteingelb, rauchig; schieferblau der Himmel, --

und Georg ging langsam weiter im Finstern, vorsichtig die sumpfigen

Stellen umgehend, und das einzige Geräusch weit und breit war das

Rascheln der Halme und Blumen, die um seine Füße schlugen. Da bewegte

sich ein Schatten links vor ihm, ein weißer Fleck erschien im Dunkel, --

ah, das waren die alten Omnibuspferde, die hier einen Sommer lang

Erholung genießen durften. Er kam ihnen näher, er kannte sie ja, da

stand das schwarze ganz nah als ein dickes Schattenpferd, er hörte, wie

es emsig Gras abrupfte, hörte es schnurpsen; und da war auch der Schecke

mit den großen weißen und dunklen Placken; der stand still, schnoberte

und trabte heran; er liebte die Menschen. Georg tastete mit der Hand

zwischen den Drähten der Einfriedigung hindurch und empfand mit

freundlichem Schauer das gewaltig Lebendige, die weiche, samtige

Tierschnauze, die aus der Nacht kam und sich befühlen ließ, empfand das

sonderbare Geström der Fremdheit aus diesem großen, stummen Wesen, das

mit Fell bekleidet war und ein großes, weiches Maul hatte. -- Armer

Tozzi! murmelte er leise. -- Still stand das alte Pferd und atmete tief

und laut.

Im Weitergehen war es Georg, als schluchzte etwas in der Dunkelheit. War

ihm selber danach zumute? -- Auf einmal hörte er eine Melodie, ein paar

lange, süß hinzitternde Noten, eine Stimme, Worte dazu, aber all das war

in ihm selbst, die Nacht umher totenstill, doch erkannte er jene schöne

Kirchenarie von Stradella, die ihm Magda vorgespielt hatte, weil sie sie

singen wollte, und er hatte ihr auf ihre Bitte einen deutschen Text

dazugeschrieben, der sich in der Kirche singen ließ. Jetzt hörte er die

Worte deutlich, hörte die kleinen Tonreihen, die langen Pausen

dazwischen, hörte, niederschwebend von den Sternen, die sanfte,

melodische Frage:

Wer weint in Finsternis?

Und wieder, nach einer Pause:

Wer schluchzt im Dunkel?

Begütigend nun eine milde Stimme:

O du, sei still!

Chorstimmen, begütigend, hallten daher:

Siehe doch funkeln

Sternenschein gewiß!

Siehe doch funkeln

Sternenschein gewiß!

Holder, gesteigerter, entzückter schwoll die Melodie:

Lasse das Weinen,

Gott hilft den Seinen,

Gott, der die Gepeinigten

Aufrichten will ...

Jetzt? Im helleren Mondlicht deutlich sichtbar stand ein neuer Schatten

ferne auf Georgs Weg; ein menschlicher wars. Mystische Schauder

schweiften im Dunkel. Es konnte der Tod sein, der dort stand, zwischen

ihm und dem Friedhof, einen schwarzen Arm gegen die goldene Mondscheibe

emporstreckend. Hoch oben im Nachtwind verhallten die zarteren Stimmen

...

Georg schritt weiter, behutsam, beklommen; gleichzeitig glitt der

Schatten vor ihm davon; war es eine Frau? trug er antikes Gewand? -- Nun

verschwand er vom Weg, und als Georg die Stelle erreichte, wo er

abgebogen sein mußte, wars dort, wo auch Georg abzubiegen hatte, wenn er

zum Montfortschen Hause gelangen wollte. -- Wie still es war! Wer ging

dort und führte ihn ungerufen? Da war schon das Gittertor, da der

Graben. Der Schatten, unhörbar, glitt zwischen den, von weitem

verschlossen scheinenden Stäben hindurch, erschien an etwas höher

gelegener Stelle im vollen Licht; es war Renate.

Renates Haltung war es, obgleich sonst nichts an der Schattenfigur

Renate zu erkennen gab. Georg folgte ihr leise von fern, süßliche Angst

im Herzen, andächtig, sie nicht zu stören, zitternd, voll Melodien. Er

sah sie die schräge Ebene emporgleiten, unter den Bäumen schwinden, wo

Finsternis stand, eine Uhr schlug nicht fern zweimal hell und

zuversichtlich. Er hörte die Gartentür zufallen, trat leise hin und sah

Renates Schattenriß im Lichtschein zur Rechten, der die offene

Kapellentür ausfüllte. Es trieb ihn näher, er versuchte, lautlos durch

das Pförtchen zu kommen, es gelang, er schlich unterm Buschwerk über den

Rasen bis zur Tür, trat rechts neben die Stufen und hatte den Raum vor

sich, der von einer unsichtbaren Lichtquelle erleuchtet war. Renate

stand mitten darin; sie trug eine lose grüne Tunika mit kurzen Ärmeln,

die bis in die Nähe der Knie hinabreichte; die Farbe des am Boden

schleppenden Untergewandes war nicht zu erkennen, aber das Grün

leuchtete an ihrer Brust, wie sie sich jetzt zur Seite drehte, ihm halb

den Rücken wendend, auch der weiße Nacken, -- und nun erschien sie Georg

draußen im nächtlichen Wiesenland, hinter ihr der Mond, -- er ging auf

dem Grassteig auf sie zu, an ihr vorüber, sah ihr weißes Gesicht und die

Augen ohne Blick wie eines sinnenden Gottes, und das fremde Gewand. --

Wo kommt sie her? wie kommt sie zu uns? in dies Land? dachte er. Sie ist

ja fremd hierzuland.

Georg sah, daß sie mit leicht geneigter Stirn zu jemand sprach, den er

nicht gewahren konnte; das mußte wohl Bogner sein. Georg gab es einen

Stich, er wollte davon, blieb aber und sah hin. Ach, ihr gesenkter

Scheitel, der gewellte Bogen von der Stirn zum Ohr, ähnlich, doch nicht

ganz so tief wie bei Esther, und dies seltsame lichte Braun des Haars

...

Sie sprach: »Noch nicht fertig, Bogner?« »Morgen früh«, hörte Georg die

Stimme des unsichtbaren Malers. »Will es nicht gehn?« Sie sprach ruhig,

mit verdunkelter Stimme. Die Antwort des Malers blieb unverständlich;

nach einer Weile kam wieder Renates Stimme: »Sie sollten schlafen.« Wie

schön verhallte das im leeren Raum!

Nun wars still. Renate stieg auf das Podium, setzte das Windwerk in

Gang, öffnete das Manual und spielte bei geschlossenen Registern ganz

leise den Choral: >Nun ruhen alle Wälder< mehrere Male.

Schweigen. Georg, im Dunkel an die Mauer gepreßt, durch die Zweige über

ihm emporblickend, sah einen und zwei kleine Sterne, zitternd im Ewigen.

Er vernahm das sanfte, melodische Brausen in der Nachtstille und

wünschte, nur Herz zu sein, in diesem beweglichen Rauschen ruhend,

atmend darin, wie der still im ziehenden Gewässer schwebende Fisch ...

Er zuckte leise; seitwärts in der Tür über ihm stand jemand, Renate; sie

stieg nieder, verschwand im Gebüsch und kam nicht wieder zum Vorschein;

nach langer Zeit hörte er unendlich leise das Geräusch ihrer Füße auf

dem Steinboden der Veranda. Sie war im Haus. Georg trat auf die Stufen

und ging in die Kapelle.

Bogner nickte bloß, als er ihn begrüßte. Nein, der wunderte sich ja wohl

über nichts. Er saß da in der Nähe der Orgelempore, hatte die Fäuste auf

den Oberschenkeln und sah nach oben gegen sein Gemaltes. Da er nicht

rauchte, steckte Georg ihm eine Zigarette zwischen die Finger, zündete

sie ihm an und rauchte selbst eine. So, die Hände in den Hosentaschen,

ging er hin und her, die fertigen Gemälde betrachtend, drei an der Zahl,

zwischen den Fenstern gegenüber dem Eingang. Es war wohl geplant, daß

die Wand oben zwischen den gotischen Spitzbögen über den drei Meter

breiten und zwischen fünf und sechs Meter hohen Gemälden mit ihrem

Himmel bemalt werden sollte bis zum Beginn der Wölbung, denn die

Bemalung endete oben nicht rechteckig, sondern zerfloß in dünnes Gewölk

und Grau, ähnlich dem Stein. Georg stand vor dem äußersten Engel.

Engel? freilich nur, weil er faltiges Gewand trug und ein Instrument in

Händen. Georg trat zurück und betrachtete sie alle drei. Oh, sie waren

groß! Obgleich sie alle in der Ferne sich durch ihre Landschaft

bewegten, erschienen sie riesenhaft und übermenschlich; die Haltung

ihres Schreitens war in Formen von Eisen gepreßt, die Luft mußte scharf

und bitter schmecken, mit solcher Schnelle wurde sie von diesem riesigen

Pilger durchschnitten. Es war keine Beleuchtung da, Licht lag in der

Luft. Ja, da schritt er, der engelhafte Bote, in grauviolettem, wehendem

Gewand, heroisch von Zügen, eine kleine Harfe in ausgestreckten Händen,

vor einem kleinen dunkelgrünen Föhrenwald mit grauen Stämmen; gelbe und

schwarze Haidelandschaft ringsum, aber unendliche Stille herrschte; nur

der Engel ging, ausgreifend vollen Vorderfußes wie ein Löwe,

emporfedernd den Hacken des andern. Oh, siehe daneben den andern in

Mattrot, wandelnd mit der Gitarre um einen kleinen grauen Teich unter

einigen Zedern! Und hier, der Schwefelgelbe blies die gegen Himmel

gerichtete lange Lure auf violettem Haidehügel mit kleinen

Wacholderstauden, schwarzgrün. Georg wanderte vom einen zum andern; sie

blieben, um sie herum schien sich die Landschaft zu wandeln im

Vorbeifliehn, es wehte von ihren Kleidern, sie bewegten sich und holten

aus, sie fegten dahin, -- nein, aber dies war nur der eine, der

Violettgraue mit der Harfe, der so hinjagte über die runde Welt; um die

andern wars still, sie standen.

Georg wandte sich und trat hinter den Maler. Da saß er in seinem

buntgescheckten Kittel unter der tief hängenden, eigens für ihn

angebrachten Osramlampe, die scharf strahlte, umgeben von Töpfen und

Pinseln. -- Ah, das war unglaublich! Dolomitisches Geklüft, rosengrau,

Felswände, Terrassen, übereinander gesteigert, immer ferner, immer

tiefer, bis sie ganz ferne mit wagrechtem Kamm gegen den mattblauen

Himmel abschlossen, und dort, hoch oben, weit fern, saß der weiße Engel,

so groß und deutlich, daß er noch überm ungeheuerlichen Geklüfte ein

Riese schien, aber er war doch schmaler, doch zarter als die andern; es

war eine Frau, sie hatte kein Instrument, sie lauschte und zeigte die

zarten Züge und das dunkelrote Haar der Ulrika Tregiorni.

Georg blickte näher hin, ob sie es wirklich sei, -- nun, die Ähnlichkeit

war schwach und bestand hauptsächlich im Haar, aber er bemerkte bei

dieser Gelegenheit nun, welch eine simple Malerei dies war, -- aber

welche Kunst! Was mußte das gekostet haben, bis die Sparsamkeit dieser

zarten Kontraste, dieser Flächen, dieser Linien herausgepreßt war aus

der Zahllosigkeit der Möglichkeiten. Was aber diesen Engel anging -- er

war kaum zwei Schuh groß und hielt das Kinn in der Hand des

aufgestützten linken Arms --, so hatte er keinen rechten Arm, und dieses

schien es zu sein, worüber Bogner sich den Kopf zerbrach, denn da

standen auf der Erde unterschiedliche Arme um ihn herum, die Hand nach

unten, als sollte der Engel seinen rechten Arm ein wenig hinter sich

aufstützen.

Bogner sah auf zu ihm, hatte rote Flecken im grauen Gesicht und schien

verwirrt.

»Ganz schön, nicht?« sagte er. -- Georg legte ihm eine Hand auf jede

Schulter und sagte feierlich: »Bogner, Sie sind ein edler Mensch.«

Bogner ergriff einen der Kartons mit der Kohlezeichnung eines nackten

Frauenarms, Ulrikas Arm, wie es schien, nicht sonderlich schön, aber

durcharbeitet, durchseelt; auch eine Hand, locker ausgestreckt, war noch

auf dem Karton. Ja, das war diese seltsame Klavierhand, hager und mit

unzähligen Runzeln auf den Fingergelenken in der locker gewordenen Haut.

Da fiel Georg Renate ein, und es kam ihm, Bogner geradeswegs zu fragen:

»Warum lieben Sie nicht Renate Montfort?«

»Ach, ich!« wehrte der Maler unbetroffen ab, wandte sich aber nach einer

Weile ein wenig um und fragte, ob Georg glaube, daß sie ihn lieben

könne. --

»Lieber Gott, Bogner,« sagte Georg, »danach sollte der Mensch doch

zuletzt fragen! Ich glaube, Maler, Sie sind ein Individuum gänzlich ohne

Leidenschaft.«

»Muß denn bloß so heißen, was sich sexualiter äußert, Prinz?« fragte

Bogner, stand auf, setzte seine Kohlezeichnung an die Erde, reckte sich

und fing an, hin und her zu gehn.

»Übrigens«, sagte er, »könnte ich auch wie der Tobias -- wie heißt er,

in der Komödie?«

»Bleichenwang?«

»Ja, wie der Tobias Bleichenwang sagen: Mich hat auch mal eine lieb

gehabt. Zärtlichkeit ist wunderschön, ja, das weiß man ja schließlich,

ja, man entbehrt sie sogar manchmal, -- nun, das kann ja alles noch

kommen. Warum fragen Sie überhaupt immer so aufdringlich?«

Georg lachte: »Sie brauchen ja nicht zu antworten! Setzen Sie übrigens

Zärtlichkeit mit Liebe gleich?«

»Das nicht«, meinte der Maler.

»Zärtlichkeit, Wollust und Liebe, das sind die drei unterschiedlichen

Liebesempfindungen,« sagte Georg, »nur wo alle drei vorhanden sind, ist

das Gefühl vollkommen.«

Ob er das meinte, fragte Bogner. Ja, also Liebe ... Nach einer Weile,

vor dem posaunenden Engel stehend, fuhr er fort, daß er auch die Liebe

ganz gut zu kennen glaube; er habe sich darin versucht gewissermaßen und

sie immer verschieden gefunden, auch sehr angenehm, besonders im Anfang:

März. Aber es sei ihm zuletzt doch immer nur vorgekommen wie ein Absud

von männlichem und weiblichem Geschlecht, im Tiegel so lange gemischt

und geschüttelt, bis er einfach erschien; in Ruhe gelassen sonderte sich

beides alsbald, männliches sank, weibliches schwamm oben, es habe wohl

irgendein wirklich bindendes Element gefehlt. Er sprach undeutlich, da

er abgewandt stand. Georg sagte, eben das wäre es, darauf käme es an,

das Element sei zu finden, sei zu suchen.

Suchen? meinte der Maler. Wer denn dazu Zeit habe? Auch sei's wohl klar,

daß, wenn es dies Element wirklich gäbe, es einzig sei, wirkbar nur bei

einzigartigen Menschen, immer zwei auf zwanzigtausend.

»Ja, ja!« rief Georg entzündet, »Sie bringen mich auf einen Gedanken!

Zum Beispiel Romeo und Julia. Was sind die Beiden? Ein liebender

Geliebter, eine liebende Geliebte; sonst nichts. Womit beschäftigten sie

sich? Mit ihrer Liebe. Hatte Romeo einen Beruf? Kümmerte ihn die

Geschlechterfehde? Er und sie hatten nicht Eltern, nicht Geschlecht,

nicht Volk, nicht Stadt noch Heimat; alles dieses war belanglos wie

Tisch, Bett und Gartenbank, von denen nichts vorhanden war, solange

nicht ihre Gemeinsamkeit ihrer bedurfte. Nichts gab es außer ihnen als

die Freunde, die ihrer Liebe beistanden, und den Tod, der das Gift in

Adeptengestalt verkaufte. Aufgelöst waren sie in jenes Element, in dem

sich alles mischen mußte zu einer einzigen Riesenempfindung. Ja --«

setzte er zögernd hinzu, denn Tozzis Gesicht erschien ihm: »vielleicht

ist es also -- der Tod?«

Der Maler war von ihm fortgegangen und stand bei der Tür, einen

ausgestreckten Arm gegen den Rahmen gestemmt, in den Raum hereinblickend

zu seinen Engeln.

»Wirklich,« fuhr Georg fort, »die allgemeine Liebe empfindet und wünscht

nichts als gesteigerte Freude, gesteigertes Dasein; jene Beiden aber

fühlten die letzte, höchste Steigerung, überlebensgroß, in den Tod,

unbewußt schon in der ersten Umschlingung, und so erreichten sie die

Dauer.«

»Im Tod?« fragte der Maler von fern. »Nein, das ist vorläufig noch

nichts für mich.«

Ja, wo aber die Leidenschaft bleibe? hielt Georg hartnäckig fest. Bogner

streckte die Hand aus und deutete auf seine Engel, einen und den andern,

den posaunenden, den wandelnden mit der Gitarre, den reisigen mit der

Harfe. Georg senkte niedergeschlagen den Kopf.

»Unbewußt in der ersten Umschlingung?« fragte der Maler, gutgelaunt, wie

es schien. »Wie Sie das so wissen können! Ich will Ihnen aber etwas

erzählen. Nämlich, als ich siebzehn Jahre alt war, also mitten in der

schönsten Erstlingsglut, liebte ich ein Mädchen, etwas älter als ich,

für mich wunderschön, klüger, tapferer und sanfter als ihre Schwestern.«

»Die Frauen,« sagte Georg, da der Maler innehielt, »die Frauen, das

glaube ich nun, sind an und für sich nichts; aber es kann alles aus

ihnen werden. Jeder, möchte ich sagen, jeder Mann findet zur Zeit

diejenige, aus der er machen kann, was er im Augenblick braucht. Sehr

gut sind sie. Und so unendlich geduldig!«

Georg, Magdas arme Gestalt mit wehmütigem Gedenken umfassend, hörte den

Maler weitersprechen:

»Zur selben Zeit geriet ich an den Scheideweg. Dort mein Vater und sein,

hier ich und mein Wille. Entschied ich gegen ihn, so wars auch gegen

sie, denn dann ging ich fort, und sie mußte bleiben. Sie half mir beim

Fortgehn, ja, das tat sie. Dafür bin ich ihr dann treu gewesen, so gut

ich es konnte, und habe auch jedes spätere Mal für mich und gegen die

Liebe entschieden, denn, sehen Sie, das wollte ich sagen: damals, ein

für allemal, entschied sich für mich diese Angelegenheit.«

»Was ist aus ihr geworden?« fragte Georg.

»Danke. Sie hat es gut überstanden. Sie war, wie gesagt, tapfer. Sie ist

mit einem Kaufmann verheiratet, hat vier Kinder, und alle sind gesund.

Ich sehe sie zuweilen. Stattlich sieht sie aus, gewiß nicht, als ob sie

jemals vor einem Menschen auf den Knien gelegen und gefleht hätte: Um

Gottes willen, geh! geh, ehe ich dich halte! --«

»So sind Sie wohl Beide Ihrer Bestimmung treu geblieben«, mußte Georg,

wie ihm schien nicht sehr tiefsinnig, bemerken, und der Maler erwiderte

nur zerstreut, ja, ja, er habe ja auch gar nichts dagegen einzuwenden,

und griff nach seiner Pfeife.

»Gehn wir schlafen«, sagte er, als er sie gestopft und angezündet hatte.

So verließen sie die Kapelle, der Maler schloß sorglich zu, und sie

gelangten durch den Garten, am dunklen, schlafenden Haus vorüber auf die

Straße.

Viele und seltsame Pferde liefen durch Georgs Träume in dieser Nacht,

gelenkt und vorgeführt von Bogner mit langem Pinsel wie von einem

Zirkusdirektor, aber Renate erschien nicht darunter. Gesang schlug an,

engelstimmig und süß, Georg erwachte, und es war Morgengrauen. In

abgeklärten Pausen sang draußen die schwarze Amsel, laut und friedevoll

in der Morgenstille.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 28 / 124 题