Schatten

Georg, am letzten Spielabend vor Semesterende in die Terrassentür

tretend, sah, daß er wieder, wenn auch gegen jede Absicht seinerseits,

zu spät gekommen war: um die kleine Tafel zur Rechten vor der Hauswand

saßen die wenigen Korpsbrüder, wie stets in zwei Gruppen am Kopf- und

Fußende; ein hellrot beschirmtes Windlicht in der Nähe jeder Gruppe

malte ihre Schatten beweglich an der Wand empor. Eigentümlich still

schienen sie Alle, -- die Füchse unten mit einer Bowle beschäftigt,

schweigsam, ganz ohne den gewöhnlichen Lärm bei dergleichen; oben die

Zwillinge, Nordeck, Sousa -- ah auch Schwalbe saß da und in Zivil! --

Ellerau hatte die Uhr gezogen, sah jetzt Georg unbestimmt entgegen, dann

vor sich hin, indem er, ein Lächeln unterdrückend, mit vorgeschobenem

Kinn die Oberzähne auf die unteren setzte, einen Augenblick, -- worauf

er seine Haltung löste; und Georg wußte wohl, das hieß mit Worten: Auch

heute wieder verspätet; da es aber der letzte Abend vor Semesterschluß

ist -- Schwamm drüber! --

Georg, innerlich aufatmend, trat näher, in dem er »Guten Abend« sagte

und »Na, so still heut?«

Ellerau sagte: »Ja.« Er griff mit der Hand in die innere Brusttasche und

zog einen Brief heraus, sah darauf, streckte dann die Hand mit ihm gegen

Georg und sprach:

»Diesen Brief hat Tastozzi für dich hinterlassen. Er ist tot.«

»Tot?« fragte Georg erschreckt. »Tozzi? Tastozzi?« verbesserte er sich

verwirrt. »Mein Gott ...«

»Leider. Er hat sich heute nachmittag in seiner Wohnung erschossen.

Bisher weiß niemand warum. Er war uns ja immer völlig verschlossen.

Vielleicht giebt er dir Aufschluß.«

Georg, den Brief mit winzig kleiner Aufschrift am oberen Rande in der

Hand hin und her drehend, ruckte sich zusammen, trat an die leere Stelle

des Tisches, riß den Umschlag auf und hielt die herausgezogene längliche

Karte in die Nähe des Lichts. -- Kleine, kaum leserliche, verschnörkelte

Schriftzeichen ... Er entzifferte mühsam allmählich:

»Lieber Georg:

Fremd allen Andern, hatte ich Deine Augen immer lieb. Nun, indem ich

fortzugehen bereit bin, sehe ich, daß niemand da ist, von dem zu

scheiden wäre, also auch niemand, den der Grund meines Fortgangs etwas

anginge, zumal ihn nennen, das teuer gehütete Geheimnis meines Daseins

preisgeben hieße. Da sehe ich Deine Augen vor mir in jener Sekunde, wo

man Dir mein Fortgehen berichtet, und mir scheint, daß sie verstehen

möchten -- und nicht so wie die Andern. So reiche ich Beides -- Grund

und Geheimnis -- Dir, schon abgewandt, ohne mehr wissen zu wollen, ob Du

trauern wirst oder richten.

In beiden Fällen: Beklage mich nicht. Es ist gut so.

Aber ich erhoffe ein wenig Trauer.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 27 / 124 题