Ohne das Geschriebene noch einmal zu überlesen, legte sie die Bogen
zusammen, faltete, kuvertierte sie und schrieb die Adresse. Danach
löschte sie das Licht, trat einen Augenblick ans Fenster, ließ sich von
der lauen Nachtluft an die Gesellschaft in der Veranda erinnern und ging
treppunter.
* * * * *
Als Renate die dunkle Halle betrat, war von der Veranda her so kein Laut
hörbar, daß sie glaubte, es sei niemand dort; doch gewahrte sie gleich
darauf im linken Fenster den Schatten eines Menschen, der wohl draußen
auf der Fensterbank saß, und nun auch im grauen Rechteck der Mitteltür
einen weiblichen Schattenriß, undeutlich, der draußen stand. Auf dem
weichen Teppich kam sie wider Willen unhörbar bis zur Tür und sah nun,
daß doch wohl Alle da waren, aber so still wie die Büsche im Garten und
kaum zu erkennen im Finstern.
Der weibliche Schatten war Magda, die dicht an der Treppe zum Garten an
der Brüstung lehnte, halb verhangen von dem schwarzen Rankenwerk des
Weins und Jelängerjeliebers, das vom Verandadach herabhing. An der
andern Seite des Eingangs stand, fast wie sie, Ulrika. Ganz ferne links
in der äußersten Ecke war der weiße Schein von Jasons Gesicht tief unten
zu erkennen: er mußte auf einem Taburett, fast am Boden sitzen. In
seiner Nähe saß, kaum zu unterscheiden von der Brüstung und den Blumen
darauf hinter ihr, Esther; an der Wand Saint-Georges, am roten Glühpunkt
seiner Zigarette zu erraten. Der im Fenster hockte, war Sigurd, und
neben ihm, als Einziger bescheidentlich auf einem graden Stuhl aufrecht,
saß Benno, wie er pflegte: ein Knie überm andern, die Hände darauf, den
Rücken gebogen, das Gesicht ein wenig emporgerichtet. Und Irene? -- Sie
saß wohl verborgen hinter der Rückenlehne des Sessels, ganz in Renates
Nähe. So war nur Bogner abwesend, -- und Georg -- in seinem Geheimbund
vermutlich.
»Erschreckt nicht,« sagte Renate behutsam, »ich bin es.«
Ein Schimmer -- Irenes Auge -- erschien über dem Sesselrücken. Die
Übrigen bewegten sich Alle ein wenig, doch keiner sprach.
»Ich habe,« bemerkte dann Jasons Stimme fein aus dem Hintergrund, »wie
man von feindlichen Batterien sagt, sie sämtlich zum Schweigen
gebracht.«
»Wie denn?« fragte Renate.
Für Jason antwortete Irene nach einer Weile tief: »Er erzählte so
seltsam ...«
»Darf ich wissen was?« fragte Renate, in einen leeren Sessel gleitend.
»Ach,« hörte sie Esther aufatmen, »wie kann man das sagen? Es sind ja
keine Geschichten. Nur ein Stück Leben, das er erscheinen läßt, wie --
wie in einer _Laterna magica_, so farbig und so leise.«
»Wenn Sie«, ertönte Saint-Georges' Stimme nach einer Zeit, »den Inhalt
wissen wollen: Da war ein Buchbinder. Der stand von früh sieben Uhr bis
abends zehn am Arbeitstisch. Er hatte einen sehr alten, weißbärtigen
Vater, der noch helfen konnte, eine große, üppige Frau, die an besonders
arbeitsreichen Tagen zugriff, und einen zehnjährigen Jungen, der ins
Realgymnasium ging, aber albern war, nur herumlief und lachte, nichts
lernen konnte; ein halber Idiot. Damit der einmal zu leben habe, mühte
sein Vater sich tagein tagaus, ohne Festtag, ohne Freude als eben diese.
»Eines Tages fing er an, sonderbare Reden zu führen. Dann verschwand er.
Dann kam er wieder, redete irre, tobte. Dann kam er ins Irrenhaus, und
dort starb er bald darauf. Fast das ganze Guthaben des Sparkassenbuches
hatte er vergeudet.
»Nun stellte die Frau sich an seinen Platz. Sie hatte alle Fertigkeit
gut begriffen, nur die feineren Einbände machte der Schwiegervater, aber
bald konnte sie das Vergolden der Titelschriften und dergleichen besser
als der Alte, ja mit Frauengewissenhaftigkeit machte sie's sogar
akkurater als der Tote, in freilich längerer Zeit. Und dann starb
plötzlich der Schwiegervater. Ja -- und dann fand man sie eines Morgens
am Bett des Knaben, sitzend, über ihn gebeugt, und das Zimmer war
gefüllt mit Leuchtgas.«
»Ja,« setzte Saint-Georges nach einer Weile hinzu, »das wars.«
»O nein, das wars nicht!« sagte Ulrikas Stimme hinter Renate. »Wir haben
es doch alles gesehen! Die lange Werkstatt mit den blinden, verklebten
Fensterscheiben voll rostiger Eisenquadrate, und den langen
Arbeitstisch, darunter das Werkzeug, -- und wie der Mann mit seinen
dunklen Augen und dem zurückfallenden schwarzen Kinn und den wehmütig
hängenden Mundwinkeln soviel plappert, immer seine kurzen: Ja, ja, --
jawohl, jawohl, -- ja ... Und dann der Geruch ... der Leim auf dem Herd,
der Kleister, Druckerschwärze und gekleistertes Papier, und Leder, und
Kaliko, jedes ...«
Benno räusperte sich. »Ach,« sagte er, »und draußen der schmale Hofraum,
das alte Pflaster voll Gras, und in der Ecke der alte Leierkasten, der
herrenlos war ...«
»Und gegenüber den Fenstern«, redete Sigurd, »die vier braun
gestrichenen Türen der Klosette mit dem Herzloch oben, nicht wahr, und
dahinter die alten Fachwerkwände, die Fenster und Gardinen, und die
Geraniumstöcke im Sommer ...«
Nun schwiegen sie wieder. Renate, schon -- wie den Geruch der Blumen,
des Rasens, des ganzen Atems der Sommernacht -- den Duft des Erzählten
aufsteigen fühlend, bat innerlich: nur weiter! so bekomm ich vielleicht
doch noch das Ganze ...
Und überdem hörte sie Esther wieder:
»Es war so traurig! Am traurigsten war, wie die große, dunkle Frau da am
Bett sitzt und nicht mehr lebt. Nein,« überbot sie sich, »das Traurigste
war wohl doch, wie der Mann da die Dirnenbekanntschaft gemacht hat, und
er nimmt seine Frau mit zum Stelldichein --«
»Ich glaube,« fiel Magda leise ein, »am schrecklichsten fand ich, wie er
dann seine Frau auf den Rücken klopft und sagt, sie wäre aber doch die
Beste und --«
»Nein, Magda,« raffte Esther sich erregter auf, »das wars doch nicht!
nicht das, sondern -- wie sie selber Jason das alles erzählte und dabei
Zeitschriften heftet und weint und alles zwei und dreimal wiederholt und
>du bist doch die Beste<, wie er das gesagt habe, und sie sagt, daß sie
das ja auch immer gewußt hätte, er wäre nur bloß eben ... Und wie sie
eigentlich gar nichts Besonderes drin fand und -- -- sags doch, Sigurd!«
»Keinen Namen, keine Bezeichnung dafür, nicht wahr? Nur ein Unglück, ein
furchtbares Unglück; so furchtbar, daß es sich nur hinnehmen ließ ...«
Sie waren verstummt. Renate konnte, da es heller vor ihren Augen
geworden war, nun von Allen die Helligkeit der Gesichtszüge und die
dunklen Flecken der Augen erkennen, in denen es glänzte. Plötzlich tat
sich neben ihr, fast laut, entrüstet und verwirrt, Irenes Stimme auf:
»Und das Ganze kommt nur von der fehlenden Anzeigepflicht der
Geschlechtskrankheiten.«
Ein Lächeln, kaum hörbar rauschend, wehte im Kreise umher. Und
Saint-Georges sagte: »Bravo! Die Frau ihres Mannes.«
Bevor Irene auffahren konnte, wurde jetzt Jasons melodische Stimme
hörbar, der langsam sagte:
»Ihr Kinder! ihr Kinder! Wie seid ihr doch sonderbar! Meint ihr denn nun
eigentlich, die Menschen in meinen >Geschichten< seien andre als ihr
selber, daß ihr von alledem sprecht, als ob ihr nie dergleichen gesehn
hättet? -- Und in meiner letzten Geschichte, von dem Buchbinder, da
waren sie wohl euch wieder nicht gütig genug bei all ihrem Unglück, denn
war die Mutter nicht öfters hart zu dem albernen Jungen, und es gab auch
wohl Schläge, und der Alte erst, der immer schlechter Laune war und
brummte, obwohl er tun und lassen konnte, was er wollte, um sechs Uhr
Feierabend machte und sein Bier trank, und als der Sohn tot war, sprach
er obendrein schlecht von ihm. Denn über ihnen Allen war das
Unsichtbare, das, was Irene andeutete, was sie alle Drei wußten und
nicht wissen wollten, das Verschulden, das doch keines war, sondern in
Wahrheit -- Verhängnis. Verhängnis? Sie waren es doch selber, in ihnen
wirkte es, ihr Leben wars, das, wonach sie sich eingerichtet hatten, und
sonst nichts.«
»Ja,« fing Esther an, »ich weiß nicht, Jason, -- deine Menschen sind
doch sonderbar. Irgendwas -- glaub ich -- fehlt. Sie sind nicht gütig
und nicht schlecht, nicht tugendhaft und nicht edel, und auch nicht
gemein. Eigentlich sind sie gar nichts.«
»Sind sie nicht vielleicht -- leidend?«
»Oh freilich, Jason ...«
»Und das, kleine Esther, ist zu wenig, wie? Außerdem, meint ihr, muß
jemand noch etwas _sein_, wie? Nicht nur so -- leben, das Leben
verrichten, sondern auch gewissermaßen eine Vorstellung davon haben.
Sage mal -- seid ihr denn wohl anders? Seid ihr auch so etwas
Bestimmtes, so ein Bild mit was Gutem oder was Schlechtem darauf?«
»Nein, Jason! aber --«
»Aber die Menschen in Geschichten, das habt ihr so gelernt aus den
Geschichten, die müssen außerdem noch etwas bedeuten, nicht wahr?
Nämlich: Charaktere; dann: Frömmigkeit, Festigkeit, Güte, Heimtücke,
Verwahrlosung, Verkommensein und dergleichen schöne Dinge mehr, die es
gar nicht giebt.«
»Aber Jason!«
»Weil es eben nur Menschen giebt, und jeder Mensch die Bewegungen, die
Handlungen und all das, was sein Leben ist, tut, wie sie aus ihm kommen,
weil er so ist, aus allen seinen bunten Eigenschaften, die über jeden in
Menge, ganz gleichmäßig von der verschiedensten Art und immer nur
teilweise freilich, niemals ganz, ganze Eigenschaften, abgewogen und
ausgeteilt sind, und bloß ihr, ihr habt daraus die Begriffe gemacht, und
wieder aus jedem Begriff einen ganzen Menschen, und darum verlangt ihr
dann, daß die Menschen -- die Andern! euch selber seht ihr ja niemals --
sich nach den Begriffen richten, danach wachsen und nach ihnen sich
gebärden sollen, nicht nach sich selber. Dann fehlt euch an jedem etwas,
darum scheint euch alles so unzulänglich, es könnte noch so bitter und
zerlitten sein, darum kommt ihr immer höchstens zu eurem: er hat doch
auch so viele gute Seiten ... darum seid ihr nie zufrieden miteinander,
und Großmut und Wahrheit, Glaube, Liebe und Hoffnung, die gehen ihrer
Wege.«
Da waren sie auf einmal Alle aufgestanden. Auch Renate erhob sich,
betroffen, und bewegte sich mit den Übrigen auf Jason zu, sie waren Alle
um ihn herum, und mehrere Stimmen fragten: Was ist es denn, Jason, du
weißt es doch, was fehlt uns Menschen, wie sollten wir sein, wie uns
halten, wie uns helfen? --
Er hatte aber die Augen geschlossen und sah fast unwillig aus und
kränklich, und sie wollten sich schon abwenden -- denn war er nicht
selber vor kurzem erst von den Toten auferstanden? -- als er die Augen
wieder aufschlug, und sie erschraken wohl Alle wie Renate vor diesen
schwarzen Augen, die plötzlich im Dunkel waren, viel schwärzer als alles
Schwarze, so glanzlos, als ginge es dort in die schwarze Ewigkeit
hinunter. Dennoch, obgleich er die Augen nun langsam von Einem zum
Andern bewegte, schien er durchaus keinen wirklich zu sehn, sondern
etwas ganz andres. Sie selber aber fühlten nicht ohne Schauder an seinen
Augen: da war es, wonach sie gefragt hatten. Nennen ließ es sich nicht,
aber -- es war da. Es glänzte aus dem Schwarzen herauf, es -- nein,
Jason lächelte, das war das Ganze.
Sie gingen aber schweigsam auseinander danach, kaum mehr als stumm sich
die Hände reichend und zunickend beim Abschied; nicht Zwei blieben
beisammen.