Renate saß am Abend des ersten Juli, ihres Geburtstages, am Schreibtisch
und schrieb im letzten Licht des Sommerhimmels:
»Mein lieber Josef:
Hiermit schenke ich dir zu meinem Geburtstage eine Stunde von ihm. Eine
sehr kostbare Stunde, denn unten sitzen sie Alle um Jason in der
dämmerigen Veranda und hören ihn kleine Geschichten erzählen. Du kennst
Jason ein wenig durch meine Berichte. Wirklich ist er zu den Lebendigen
zurückgekehrt. Nun erzählt er Geschichten. Geschichten, die er
augenscheinlich selbst macht. Dann sitzen wir Alle um ihn herum, und er
erzählt, halblaut, leise plätschernd, den blassen Mund immer ganz leicht
gekräuselt, beinah möchte man sagen: kaustisch, aber das ists nicht, es
ist bloße Freundlichkeit, immer geruht er ganz leicht, und seine Langmut
ist ja nun unendlich. Die schwarzen Augen wandern unaufhörlich umher,
vom Einen zum Andern, und immer muß man sich freuen, wenn man angesehn
wird. Er weiß auch immer eine Antwort, nicht wie Georges, der Aufschluß
erteilt und Dinge klarlegt, sondern da ist irgendwie eine sanfte, ganz
sanfte Unabänderlichkeit in seinen Worten, sie sind so da wie eine
kleine Wiese, sie stehen da wie ein Büschel Blumen, -- was ließe sich
dagegen einwenden? Aber er spricht niemals von selber, man muß ihn immer
anreden, und dann weiß er immer etwas, ach, ich könnte stundenlang davon
schreiben! Niemals widersteht er; wenn einer spazieren gehen will, Jason
geht mit; wenn einer im Garten sitzen möchte, Jason sitzt mit im Garten;
wenn einer was erzählt haben will, Jason erzählt gleich was.
Aufschreiben wollte er nichts, sagte er, er wäre kein Literat, aber
nachdem ich ihn gebeten habe, hat er mir schon dies und das Stück Papier
gebracht, darauf war mit ganz kleiner, zierlicher Schrift eine seiner
Geschichten aufgeschrieben, und wenn der Bogen zu Ende war, war die
Geschichte auch aus; das nehme er sich so vor, sagte er.
Aber weiter zu den übrigen >Allen<, die ich erwähnte. Da ist:
Magda, die Du kennst, doch wurde sie freilich durch Krankheit und
Schicksal recht verändert. Wenn Du Dir eine sehr mädchenhafte und sehr
deutsche Madonna vorstellen kannst, eine Madonna, die nicht geboren hat
--, dann kannst Du sie sehn, wie sie jetzt ist. Siehe, es giebt
Menschen, die werden durch vieles Leiden -- wie der Stahl durch
Bestreichen mit dem Magnetstein -- magnetisch für anderes Leid, und wer
das seine mit ihr in Berührung bringt, dem weiß sie es sanft zu
entziehen. -- Glück, hörte ich Dich einmal sagen, ist eines der
häufigsten Fremdworte in der Erdensprache. Nun -- dann hat meine Magda
jene Sprache verstehen gelernt, aus der es stammen mag.
Ulrika kennst Du, und sie ist dieselbe; mir nicht ganz nah wie bisher,
so sehr ich sie liebe. Sie muß einen seltsamen, mir unbekannten Geist
mit sich herumtragen, den vielleicht verstehen mag
Bogner, doch will ichs nicht beschwören. Sie sind viel zusammen, soweit
er nicht, wie zurzeit, vor einem Wandstück in der Kapelle sitzt, die er
mit musizierenden Engeln auszuschmücken beschäftigt ist. Um es gleich zu
sagen: Was Bogner sich unter Engel vorstellt, ist nicht mehr und nicht
weniger als ein heroisches Wesen, dem er diesen Namen giebt. Er hat
einen Haufen Studien um sich herstehen und malt. Nein, mit ihm ist
nichts anzufangen, obwohl er nicht ohne Bereitwilligkeit ist; jedenfalls
wenn er nicht malt.
Irene kennst Du. Mit ihr, Georges, dem gleichfalls Dir bekannten Benno
-- dessen Namen ich nur anzuschlagen brauche, um Dich den ganzen
rührenden Akkord mit allen Ober- und Unterstimmen seines Wesens hören zu
lassen -- und einem Dir Unbekannten, der das Cello spielt, haben Ulrika
und ich eine Quartett- und Triovereinigung an Mittwoch- und
Sonntagabenden. Was das Cello angeht, so bist Du vollkommen ersetzt. Er
heißt
Sigurd Birnbaum, studiert Medizin und ist neunzehn Jahre alt. Menschen
beschreiben kann ich nicht gut, so mußt Du Dich mit der Versicherung
begnügen, daß ich ihn schön finde und so aussehend, daß ich ihn Unkas
getauft habe nach dem letzten Mohikaner. So sieht er aus; so geht er --
schwer und mit den Füßen etwas einwärts, wie diese, noch ein wenig
tierhaften Menschen sich den Gang auf langen Wanderungen erleichtern
sollen; so einfältig ist sein Gemüt, kampfbereit sein Geist -- und im
übrigen habe ich einen Vers darauf gemacht, der später kommt. Seine
Schwester heißt
Esther, ist das Lieblichste von der Welt, gleicht aufs Haar einer
kleinen Chinesin, wird von allen liebgehabt und kann sonst auch gar
nichts, obwohl sie sehr klug ist. Da sie aber etwas tun muß, so haben
wir einen Fond gegründet für Handarbeiten, denn darauf versteht sie
sich. Was kann das Mädchen himmlische Sachen sticken! Wie ich gestern in
Dein Zimmer komme, sitzt sie da mutterseelallein über einem großen Stück
schwarzer Seide und näht an einer handtellergroßen Scheibe in der Mitte
aus kleinen Rosen, von kunstvoll zusammengefalteten, lichten
Seidenläppchen; in handbreiter Entfernung soll ein dichter Doppelkranz
von gleichen Rosen herum, und das Ganze bekommt eine altgoldene
Spitzenborte, die ich hergeben werde. Leider ist sie ganz arm. Also hat
sich der wohlhabende Teil unserer Gesellschaft zusammengetan und einen
schönen Fond gegründet zum Einkauf von unermeßlichen Seidenstoffen,
Kanevas, Wolle, Seidenfäden und so weiter, und die gute Esther wird die
ganze Gesellschaft mit Kissen und Morgengewändern, Fenstervorhängen und
Tischdecken versorgen. Außerdem ists unendlich behaglich, wenn einer
vorliest und jemand dabei sitzt und stickt. Jason kann ihr Geschichten
erzählen, wenn sie allein ist.
Prinz Georg wäre dann der letzte zu erwähnende, und Du kennst ihn. Nicht
wahr: immer freundlich, gutherzig, ehrlich, immer gern literarisch --
oder muß es in diesem Fall literatisch heißen? -- und im übrigen so wie
der Vers, den ich auf ihn gemacht habe. (Kommt später!) Allzuhäufig
sieht man ihn nicht, denn er ist in einen >Geheimbund<, wie er das
nennt, eingetreten, wo er >sich in den Sitten wilder Völkerschaften
übt<.
Ein Name -- sagte Josef einmal -- ist was der Henkel am Topf; also
nennen wir uns die Friedliebende Gesellschaft. Wir kommen und gehen in
diesem Hause, wie es uns beliebt, und unser einziges Statut ist, uns nur
einmal am Tage zu begrüßen.
Ich -- ja was kann ich zurzeit andres tun, als gute Menschen zu
versammeln und zu denken, daß sie sich nichts zuleide tun und, solange
sie beisammen sind, sich des Lebens freun. Sie haben ein jeder ihre
Arbeit, draußen; also werden sie auch alle ihre Leidenschaften und ihre
Leiden, ihre Feindschaften, ihre Seufzer und ihre Plagen haben, so wie
ich die meinen, aber sobald sie hier sind, das weiß ich, herrscht
Wohlsein, und unsere Gemeinsamkeit ergeht sich auf dem Boden guter
Arbeit erholenderweise, wie der Bauerntanz auf der Tenne. Dazu ist
Sommer, alles blüht, die Farbe herrscht, in der Natur und an den
leichten Kleidern von uns Frauen. Nach der Hitze des Tages leben sie
Alle bei Dunkelwerden vollends auf, wandern umher, hören von fern
irgendeine Musik, gehen über die Wiesen hinaus, an den Fluß, singen
unter den Sternen und hinüber zu den Lebensbäumen des Friedhofs; wir
leben gegenwärtig, gedankenleicht, unbedacht, geschwisterlich. Kommt die
Nacht, steht Schlaf bevor, sind wir jeder wieder allein. Dann herrscht
das Unsrige, -- das Eigentliche wohl. Mag es.
Und so ist es schön. Wer ins Haus kommt, der weiß als Gewissestes den
Maler in der Kapelle; der findet Esther, von buntem Zeug umgeben, im
gotischen Fenster, findet Jason im Hintergrund, findet Georg, eine
Seidensträhne durch die Finger ziehend neben Esther, findet Benno am
Klavier phantasierend, findet Irene, Arme voll Blumen zusammentragend,
die sie ihrem arbeitsamen Mann heimschleppt, damit er auch was hat,
findet Magda unter den sechs Linden, unserer >kleinen Allee< hinter der
Kapelle hin- und herschlendernd, als ob sie innen sänge, der armen Frau
Marie Grubbe gleich, als sie noch ein Mädchen war und sehnsüchtiger als
mein Kind Magda, und findet uns schließlich Alle beisammen in der
Kapelle unterm Gewölk von Klängen voller Sterne, Blumen, Blitze und
Engelsgesichter.«
Renate merkte, daß es so dunkel geworden war, daß sie ihre eigenen
Schriftzüge kaum noch erkennen konnte. Sie streckte die Hand nach der
Lampe, die Glühbirne im kleinen gelben Schirm flammte auf, sie blickte
einen Augenblick geblendet nach oben, erkannte das weiße Gesicht
Ech-en-Atons über ihr, lächelte und schrieb weiter.
»Zum Beschluß eine kleine Szene von der heutigen Geburtstagsfeier. Zu
diesem Zweck wurde Renate in ihrem allergrößten, dem glühroten Kleide
mit blauem Moireemuster, das Du kennst, nebst der grünen Halskette von
Dir, vor der Orgel aufgestellt, und die ganze Gesellschaft kam im langen
Zuge zur Kapellentür herein, indem sie nach der Melodie: >Mariechen
sitzt auf einem Stein, einem Stein, einem Stein< den schönen Choral
sangen: >Renate hat Geburtstag heut, -burtstag heut, -burtstag heut!<
Als sie, Georg als der Durchlauchtigste voran, am Podium angelangt
waren, setzte Benno sich an die Orgel und spielte ganz leise den
Jungfernkranz in Fis-Moll, während Einer nach dem Anderen das Podium
bestieg und seine Gabe überreichte. Herrliche Dinge gab es da. Georg
schleppte eine große, chinesische Göttin der Barmherzigkeit aus
mattgetöntem Porzellan, die wie eine Muttergottes aussieht und lieblich
lächelnd segnet. Hinter ihm kam Irene mit einem halben Dutzend
langhängender Seidenstrümpfe in allen Farben an jeder Hand. Ulrika trug
einen Stoß Noten auf dem Kopf wie ein Negersklave. Sigurd hatte alles
und Alle photographiert, Menschen, Haus und Garten, und trugs in einem
schönen Album unter dem Arm herbei. Magda hatte Spitzen geklöppelt, dünn
wie Spinnweb, der Himmel mag wissen, wo sie die Zeit hernahm, die immer
nur für Andere da ist! Saint-Georges brachte eine ererbte Kostbarkeit
herbei, einen grünen Porzellanmops, den ich schon immer hatte haben
wollen, und Esther kam, in ausgebreiteten Händen einen grauen Florschal,
den sie mit silbernen Vögeln bestickt hatte, ein Wunderwerk der Kunst.
Zuletzt kam Bogner und hatte Stiefel gekauft. Das war zum Totlachen! Das
heißt, Stiefel nannte es Irene, die vor Gelächter sterben wollte, aber
es waren ganz schlichte, kleine, gelbe Schuhe, und der Maler
versicherte, er hätte tagelang nachgedacht, bis ihm beim Anblick der
Schuhe in einem Schaufenster die Erleuchtung gekommen sei, und er hatte
es gut gemacht, denn als Renate ihren linken Schuh abstreifte, saß der
neue wie angegossen. Bogner hatte wirklich einen schönen Charakter,
obgleich Renate im Herzen zitterte und knirschte, nachdem sie eine Woche
lang sich vorgestellt hatte, was er ihr wohl malen würde. Darum, als
durch das Gedränge der Übrigen auf dem Podium, die gegenseitig ihre
Geschenke bewunderten und anpriesen, der gute Benno sich endlich
durchgewunden hatte und mit unzähligen Verbeugungen, Erröten und
Stammeln eine zierlich geschriebene Kantate auf den 133. Psalm
geschrieben: >Siehe, wie fein und lieblich ists, daß Brüder einträchtig
beieinander wohnen< überreichte, wäre sie mit Freuden in Tränen
ausgebrochen. -- Stiefel! jauchzte Irene, der Maler hat Stiefel gekauft!
-- Aber nun, wo war Jason al Manach? Siehe, da kam er herein, wie stets,
wenn er verlangt wurde, nickte Allen herzlich zu, gab Renate die Hand
und seinem Wohlgefallen Ausdruck, daß wieder einmal Alle da wären. Ja,
ob er nicht wisse, was heute sei? Richtig, da fiel ihm ein, daß
Geburtstag war. Er hatte es vollständig vergessen. O Jason, wie wurdest
du da verhöhnt! Sein berühmtes Gedächtnis! -- »Saint-Georges, was sagen
Sie dazu?« fragte ich geknickt. Er aber, der alles weiß, fand das
erlösende Wort: »Was hielte stand vor Renate?« sagte er. »Sogar Jasons
Gedächtnis versagt.«
Renate aber ergriff eine perlgestickte Tasche, holte eine Handvoll
gekniffter Zettel hervor und verteilte sie, befahl darauf, daß jeder, in
der Folge, die sie bestimmte, den Inhalt laut und deutlich vorlese. --
Renate hatte nämlich die ganze Gesellschaft mit Ritornellen beschenkt.
Sie selber begann, Magdas Hand, die neben ihr stand, ergreifend:
Magda, -- vom Leide
Geführt, in unserm Kreis der kleinen Freuden,
Ist unser Aller Trost und Herzensweide.
Georg mußte lesen:
Georg, der Trasse,
Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
Drum sieht er rings -- nur Masse, Masse, Masse.
Ulrika las, nicht ohne Erröten:
Ulrika, holde!
Gott segne deine immer klaren Augen
Und fülle sie mit immer tieferm Golde!
Irene las und dankte mit Knicks und Lächeln:
Irene, hell,
Beschwingt und tönend wie die schwarze Amsel,
Ist nur vergleichbar einem -- Ritornell.
Maler Bogner las, nachdem er mit einem Blick auf seinen Zettel: Eiweih!
gemurmelt hatte:
Der Maler Bogner
Ist unsres Hauses festgefügte Säule,
Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner.
Esther Birnbaum las ganz leise und tief errötend:
Die kleine Esther
Ist eine Königin ganz im geheimen.
Wie schön ist das! Nun nennen wir sie Schwester.
Sigurd las ein wenig ernst und scheinbar betroffen:
Sigurd. -- Ein Mahner
An Gideon, der Makkabäer Nachfahr,
Im Adlerschmuck vom -- letzten Mohikaner.
Saint-Georges beschloß:
Saint-Georges, der Stille
Im Hintergrund, ist regsam wie im Fachwerk
Die niemals ruhende, geschäftge Grille.
Und nun hob Jason ein ganz furchtbares Lamentieren an, weil er keins
bekommen hatte. Die Anderen verhöhnten ihn maßlos, weil das die Strafe
für seine Vergeßlichkeit sei, Renate aber entschuldigte sich, sie hätte
wohl an ihn gedacht, aber keinen Reim weder auf Jason noch auf al Manach
gefunden, und davon habe sie nicht loskommen können. »Ach, du lieber
Gott,« sagte er, »es ist doch so leicht wie Wattepusten:
Jason al Manach.
Zu nichts zu brauchen als zum Märchenplappern,
Vielleicht zu einem Reim auf Lukas --«
Statt des letzten Wortes ließ er den Mund erschreckt und kindlich halb
offen stehen, als habe er nun auch das Reimwort vergessen.
Eine Weile später fand Renate sich von Saint-Georges gefragt, warum sie
selber sich vergessen habe. »Ach, Georges,« sagte sie, »Sie können gern
noch eins haben, obwohl nur die Hälfte von mir selber ist und die andere
Hälfte von Mörike:
Des Freundes Achtung
Ist vor Renates Versen sehr gesunken:
Sie stieg hinab >zum Abgrund der Betrachtung<.«
»Warum so giftig?« sagte er freundlich.
Von zwei Menschen, die zur Vervollständigung meines derzeitigen
Lebensbildes gehören würden, habe ich bislang geschwiegen und -- will es
nun bis ans Ende tun.
Dein Auftrag ist ausgeführt. Cornelia Ring lernte ich schon vor längerer
Zeit durch einen Zufall kennen und denke seitdem nicht an sie, ohne zu
bedauern, daß sie nicht unter uns sein kann. Übrigens befindet sie sich
in meinem >Weichbild<, denn Maler Bogner hat sie zu sich genommen, und
sie hält ihm alles instand, von den Strümpfen bis zu den Pinseln.
Ja, Josef, was fange ich mit dem Brief an, den Du mir da geschrieben
hast? Ein Feuilleton über >den Unfug der Vereinigten Staaten<. Du
hättest es an die Frankfurter Zeitung schicken sollen. Darf ichs
nachträglich für Dich tun?
Gott befohlen, Josef!