Georg äußerte, ihm wärs egal, wenn --

»Wenns Herz nur schwarz ist, hohoho, nicht wahr, Durchlaucht?« lachte

Nordeck an seiner Seite, sich vornüber kippend, »Ihr Wohl, Durchlaucht,

ich gestatte mir!« -- Also auch der zitierte was, wenn auch eben nur

Rosegger, -- aber Georg setzte eben sein Glas an die Lippen, als die

gesamte Fuchskorona von den Stühlen schnellte und ihr Major beinahe

verständlich gurgelte, das Fuchsmajorat nehme sich Freiheit -- vier

Ganze! -- -- »O, der Teufel hole eure Freiheit«, murmelte Georg,

hinunterwinkend, sein Glas an den Lippen, und trank, dem Nordeck nach

und, was seit langem nötig geworden war, Schwalbe vorkommend. Alsdann

stand er auf, um hinauszugehn.

Durch den halb erleuchteten Kneipsaal auf die Flügeltür zugehend,

gewahrte er draußen in der ovalen und rahmenlosen Spiegelscheibe an der

Wand des Vorraums ein neues Gesicht, in dessen rechtem Auge ein Monokel

steckte; im übrigen war es blaß, die lange Nase verlief oben in die

schräge zurückfallende Stirn, deren Linie wieder weiterhin in den

nackten Schädel verging unter das spärliche blonde Haar; auch hier war

ganz wenig Aztekenerinnerung und nordecksche Geistesleere. -- Jetzt

aber, der Türe näher kommend, sah Georg eine überlange Gestalt darin

erscheinen und erkannte, freudig überrascht, an ihrem oberen Ende das

schmale rechteckige und rötliche Gesicht, die etwas vorquellenden blauen

Augen und die breit auf den breiten, von dünnen blonden Bartzipfeln

chinesenhaft umrahmten Mund gedrückte Nase von >Novalis<, altem Herrn

seines Schülerlesevereins, -- und sein Kinn fiel genau wie damals

zurück. Georg streckte heiter die Hand aus:

»Graf Hardenberg! Wie reizend, Sie hier zu sehn! Aber Sie sind doch

nicht Baltenpreuße? Nun, was machen Sie? Ich habe lange nichts von Ihnen

gelesen. Sie haben doch nicht aufgehört? Und was macht Ihr Pollux oder

Kastor, Ihr Freund -- wie hieß er doch noch? Nun, das müssen Sie mir

alles drinnen erzählen, ich bin eben auf dem Weg nach draußen, ja,

vielleicht zeigen Sie mirs gleich ...«

Hardenberg, verlegen, rot werdend und einsilbig wie stets zu Anfang,

begnügte sich mit Verbeugungen und Händedruck. Da kam Georg, der weiter

wollte, das Gesicht aus dem Spiegel entgegen, jetzt über sehr breiten

Schultern und -- bei etwas schlenkrig stolperndem Gang der schmalen Füße

unten -- so geradeswegs und mit so leerem Ausdruck auf ihn zu, daß er

einen Augenblick glaubte, von dem Andern nicht gesehen und überrannt zu

werden. Doch fiel jetzt, einem großen Wassertropfen gleich, das Einglas

herunter, die Figur blieb stehen, verneigte sich und sagte breit:

»Schley.«

Georg schüttelte ihm die Hand und versicherte, entzückt zu sein. Der

Freiherr fing an, überaus langsam und mit näselnder, nein nöliger Stimme

zu sprechen:

»Durchlaucht -- wollten wohl nach -- draußen. Ich erlaube mir --

mitzukommen.«

Also gingen sie zusammen.

Dieser hier war erstaunlich, dachte Georg über seiner Verrichtung vor

der marmornen Nische, aber Hardenberg -- das war wirklich eine neue

Freude. Dies Haus steckte ja voll Überraschungen. O, Hardenberg schrieb

die entzückendsten Dialoge, fast ein Geplapper, das sich aber zu einer

fast furchtbaren Verve steigern konnte, und in dem er auf die

allergeistvollste Weise meist die Daseinsberechtigung der geistlosesten

Dinge verfocht. Ja -- zudem war er allerdings homosexuell, allein er

machte -- wie es in der Schülersprache hieß -- keinen Gebrauch davon,

und angesichts seiner stillen Würde und unwandelbaren Vornehmheit

hätte niemand es gewagt, in seinem, wie kein anderes inniges

Freundschaftsverhältnis zu -- -- Georg konnte nicht auf den Namen kommen

-- etwas anderes als eben -- Freundschaft zu argwöhnen. Wie sich die

Kunde von seiner Anormalität verbreitet hatte, war unklar, doch die

Tatsache stand fest.

Um etwas zu sagen, äußerte Georg beim gemeinsamen Händeabtrocknen zu

Schley, ob noch viele Balten das Korps aufsuchten, was der langsam

bejahte.

»Mein Vater allerdings«, fuhr er in seiner Nöligkeit fort, »war --

Kölner. Aber ich bin ei'nlich 'n halber Franzose. Ich seh bloß nich so

-- aus.« Dabei kratzte er sich ratlos den Kopf und ließ -- plötzlich --

das Glas aus dem aufgerissenen Auge tropfen. Als sie den Vorraum wieder

betraten, machte er sich erbötig, Georg das Haus zu zeigen, und so

wandelten sie denn ziemlich schweigsam von Zimmer zu Zimmers, Schley die

Namen sagend, die sich ohnehin von selbst verstanden nach der

Einrichtung, Georg einen Lobspruch fallen lassend. In der Bibliothek

aber fand Georg ein wohlbekanntes stark violettes Buch liegen und sagte:

»Da liegt ja der >siebente Ring<. Wem mag der denn gehören?«

Schley sah näher hin. »Das wird wohl meiner sein«, bemerkte er zögernd,

nahm ihn langsam auf, betrachtete ihn ebenso langsam von allen Seiten

und erklärte, ja, es wäre seiner.

»Ich hab'n Schwalbe geliehen, der seinen glaub ich auf seinem Gut

vergessen hatte. Meine Frau -- ich bin drei Tage verheiratet -- hat 'n

mir grad erst geschenkt.«

»Haben Sie denn schon drin gelesen?« fragte Georg neugierig.

»O freilich! Ich kenne ihn lange! Er ist ja sehr -- schwierig, aber wenn

man sich 'n büschen Mühe giebt, dann -- geht es. -- George -- -- ja, das

ist so 'n -- großer Saturn möcht ich sagen ... So ein ganzer riesiger

Weltkörper in einem goldenen Ring von Gesetzen. Nee, wissen Sie,« fuhr

er auf einmal ganz lebhaft fort, das Monokel schnell wegtropfen lassend,

»wissen Sie, da is ein Gedicht in einem früheren Buch, das fängt an:

>Die Herden trabten aus den Winterlagern ...< Kennen Sie das? -- Ja, ich

muß doch sa--gen,« sprach er wieder langsamer, »wie ich das zuerst las

-- da sind mir die Tränen in die Augen getreten.«

Georg fühlte sich eigentümlich ergriffen, weil der Mensch so ernsthaft

und echt sprach.

»Ja, nicht wahr,« erwiderte er eifrig dann, »so ists mir mit manchem

Gedicht ergangen, und --«

»Und er hat so was Heiliges, muß ich sagen,« hörte er die gar nicht mehr

näselnde Stimme wieder, »so etwas Götternahes wie sonst nur Hölderlin.

Das ist alles wie so große eherne Platten ...«

»Ja, eingegraben, nicht wahr? So unabänderlich und unerbittlich!«

Georg ärgerte sich, daß ihm Worte und Geist versagten, wandte sich und

trat an das offene Fenster, das nicht eben hoch über der Straße lag.

Plötzlich gab es einen Stillstand in Georg.

Die Bogenlampe über dem Portal verbreitete ein stark flutendes rotes

Licht. Jenseits von dessen Grenze lagen die Anlagen im Dunkel, wo

wenige, grünlich weiße Laternen brannten. Eine Zeile von ihnen führte

unterhalb des hochübertürmten Schattenrisses der Universität vorüber;

eine andere zur Linken in die Ferne, unterm schwarzen Wall der

Alleebäume. Das Pflaster war schwarz, naß beregnet. In ein und dem

selben Augenblick spürte Georg einen sehnsuchterregenden Atemzug aus der

Mainacht und hörte er eine Stimme in seinem Innern sagen:

>Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren --

In Liebesqual -- in leerem Zeitverprassen ...<

O mein Himmel ja, >wer wüßte je das Leben ...? Wer hat die Hälfte nicht

davon verloren?<

Schley hinter ihm im Zimmer sagte etwas; Georg konnte sich nicht

losmachen, blickend, ohne zu sehen, doch fing er willenlos an zu zählen,

als die Uhr im Turme der Universität schlug, und zählte zehn Schläge. --

Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren ... Nein, das ging ein wenig

zu weit ... Freilich, was kam auch heraus bei solchen Gesprächen? Nun,

wenns gut ging, eine angenehme Bekanntschaft -- man mußte doch Menschen

kennen lernen -- eine Freundschaft womöglich. Schade, daß Schwalbe, als

Soldat, selten zu haben sein würde ... Aber wenn ich öfter herkäme --

Verkehrsgast würde ... Öfter herkäme ... öfter herkäme ...

Ja: meine Maske ... Deshalb kam ich ja. -- Georg merkte den leisen Druck

der Angst auf der Brust und fuhr auf. Mit heftigem Schnarchen warf ein

gewaltig großes, offenes Automobil mit blendenden Scheinwerfern sich um

die nahe Hausecke zur Linken und rauschte heran; etwas Kleines,

Weißgekleidetes befand sich einsam im erhöhten Rücksitz, eine junge

Dame, die, gegen den Fahrtwind geneigt, mit der einen Hand, erhobenen

Armes, einen helmartigen kleinen Hut aus rosafarbenem Stroh auf den Kopf

drückte, und im nächsten Augenblick hielt der Wagen dicht vor Georg. Aus

einem kleinen, weißen, fast dreieckig geformten Antlitz richteten sich

übergroße schwarze Augen auf ihn. Dann öffnete sie den Mund und sagte:

»Guten Abend. Ach bitte, ist mein Mann vielleicht hier? Baronin Schley.«

Baronin Schley? Georg staunte. »Aber gewiß, Baronin!« rief er,

»Augenblick!« und zu Schley zurück: »Herr von Schley, freuen Sie sich,

Ihre Gemahlin ...«

Schley kam ungläubig und mit Seelenruhe ans Fenster, hatte aber kaum

einen Blick hinausgeworfen, als er nur: »Virgo?« sagte und schnurstracks

hinausging. -- Virgo? dachte Georg. Mein Gott, das ist hinreißend! --

Und ging flugs hinterher.

Durch das offene Haustor, die Stufen hinunterblickend, sah er sie im

geöffneten Wagenschlag stehn, leicht mit dem einen Fuß hin und her

schlenkernd -- ganz rosenfarben war der von Strumpf und Seidenschuh --

emsig auf ihren Mann herunter redend und lachend, und während Georg nun

hinzuging, rief sie ihm entgegen:

»So, also Sie sind dieser Prinz, dessentwegen er mir durchgegangen ist!

Was gehn dich wohl fremde Prinzen an, wenn du gerade geheiratet hast! --

Er telephonierte, ein Prinz wäre da und er müßte hierher.« Sie schöpfte

Atem. Ihr Mund mit gesenkten Winkeln war ein entzückendes kleines rotes

Dach. Die Nasenflügel blähten sich zitternd, und wie hoffärtig war die

kleine Biegung der Spitze! Tiefe, bläulich schwarze Ränder unter den

Lidern machten die Augen noch größer, als sie waren.

»Und da wollten Sie ihn wegholen?« hatte Georg gefragt.

»Nein,« sagte sie, »nun will ich hinein. Nun will ich die akademischen

Sitten kennen lernen.«

Schley, während Georg nur »Ach weh!« äußerte, meinte, zu ihr aufsehend,

langsam und ruhig: »Ach, davon verstehst du ja -- gar nichts«; worauf

sie aus dem Wagen kletterte.

»Los!« sagte sie, zwischen den Beiden stehend, »Ihren Arm, Durchlaucht!

und deinen, Wolf!« Sie warf auflachend den Kopf zurück und zog die

Beiden wie ein Kind mit sich; und wie bei einem Kinde -- Georg sahs, als

sie vor den Haustorstufen den Kopf senkte -- war unter der tiefen Krempe

von zartem, rosigem Stroh -- eine einzige goldene Rose saß daran -- das

Haar, braun, kurzgeschnitten, in lockeren Büscheln durcheinanderstehend.

Augenblicke später fuhr die freudig überraschte Korona auf der Terrasse

von den Stühlen, wurde vorgestellt, der Senior legte seine Würde nieder

und -- die Fidelität eröffnend -- die des Vorsitzes zur ersten Attischen

in die Hände Georgs.

Ja, nun würde es köstlich werden ... Georg drückte sich mit Behagen

gegen die hohe Rücklehne des Präsidenstuhls zurück, die Tafel

hinunterschauend, die kleine Fremde zur Rechten, ihren Mann zur Linken

und weiterhin all die erwartungsvollen, blitzenden Augen und roten,

vergnügten Gesichter, Schwalbes feste, bereitwillige Freundlichkeit und

des überragenden Hardenbergs Georg zugewandtes Lächeln, das merkwürdig

menschlich an dem, wie ein Zaunpfahl ungefüge zurechtgeschnittenen

Haupte angebracht war.

»Entschuldigen Sie, Baronin,« sagte Georg, »nun giebts einen Knall!« und

sie fuhr zusammen, als das Schlägereisen über die Tischplatte prallte.

Dann sagte Georg schnell ein paar verehrungsvolle Begrüßungsworte auf

und befahl -- ihr zumurmelnd: »als erste Vorführung« -- den Salamander.

»_Ad exercitium salamandri! Salamander incipitur_ eins, zwei, drei,

eins!«

Georg spähte, während hörbar ringsum aus den angesetzten Gläsern das

Schlucken gluckste und sichtbar die gelbe Flüssigkeit abnahm, nach Virgo

-- denn so nannte er sie. Sie sah großäugig, den Mund halb offen vor

Staunen, zu ihrem Mann auf.

»Zwei, drei. Eins -- -- zwei -- -- drei.« Die Gläserböden rumorten auf

dem Tisch. »Eins! -- zwei! -- drei!« Der Aufschlag sämtlicher Gläser

erdröhnte tadellos. »Füchse haben nachgeklappt, in die Kanne eins, eins,

Blume melden! _Salamander ex, silentium ex, colloquium!_« schnurrte

Georg zu Ende und setzte sich, nicht ohne Stolz.

»Wolf, was für'n -- Unsinn!« sagte sie hörbar in das allgemeine

Schweigen, worauf ein Gelächterhallo folgte. Drei, viere begannen auf

sie einzureden, aber sie schnitt alles ohne weiteres ab und gebot

spöttisch: »Na denn weiter! nächste Nummer!«

Georg schlug vor, ein Lied zu singen. »Von Scheffel,« sagte sie, »die

sollen ja so komisch sein,« und da mehrere Stimmen den >Enderle<

beantragten, befahl Georg diesen. Das Klavier ertönte, vier, fünf Hände

reichten ihr Liederbuch der Kleinen, Füchse kamen viel zu spät,

aufgeregt noch blätternd, zu dem selben Zwecke herangesegelt, Georg

erhob sich, das Lied begann.

Leider verzog sie, wie Georg bemerkte, bei keinem der köstlichen Verse

eine Miene; selbst das >Jetzt weicht, jetzt flieht, jetzt weicht, jetzt

flieht, mit Zittern und Zähnegefletsch!< entlockte ihr kein Lächeln, und

das Lied war aus.

»Aus«, sagte sie seufzend und sah umher. »War das komisch?« Sie zog ein

Gesicht, als argwöhnte sie, daß man sich über sie lustig machte. »Warum

singt ihr dann nicht lieber von Christian Morgenstern etwas; darin ist

doch wenigstens Sinn. Na, also dann weiter, was giebts noch zu sehen?«

Also wurde ihr der Trinkkomment vorgeführt. Ein Feuerwerk von Zuprosten

nach allen Seiten sprühte. Vor-, mit-, nachkommen, übers Kreuz, unter

demselben, definitiv, bis keiner mehr wußte, was er wem schuldig war,

während die Füchse in die Kanne steigen mußten, daß sie verreckten, in

den Verruf flogen und sich verzweifelt herauspaukten, der aus dem

zweiten, der aus dem dritten, ein Tohuwabohu, in dem sie immer stiller

und immer blasser und immer schmaler an ihrer Stuhllehne wurde, selten

matt lächelnd, wenn jemand auf ihr Spezielles mit ausgeschlossener

Löfflung trank, -- als wovon ihr Georg erklärte, daß es keine

Beleidigung sei, sondern eine Ehre.

»Nun ists genug,« raffte sie sich endlich auf, »ihr werdet ja alle

betrunken werden.«

Schley und Georg betrachteten sich sardonisch während des

Höllengelächters der Übrigen, Beide augenscheinlich das gleiche Wort auf

den Lippen, das sie verschwiegen. Georg selber keuchte einigermaßen vom

quellenden Bier in seinem Innern.

»Ich hab mal«, hörte er sie erst nach einer Weile leise sagen, »was von

Bier -- Bierjungen -- heißt es nicht so? gehört. Was ist denn das? Das

ist noch nicht vorgekommen«, meinte sie mit mühsamer Heiterkeit. Georg

seufzte.

»Also los, Baron, zanken wir uns. Ein Bierjunge«, erklärte er ihr, »ist

ein Bierduell nach vorangegangener Beleidigung. Ich muß mich doch

wundern, Baron, Sie nach kaum angefangener Ehe in solcher Gesellschaft

zu sehn.«

»Das geht Sie ja gar nichts an, Durchlaucht.«

»Nichts angehen! Das ist Tusch!« schrien ein paar Stimmen.

»Bierjunge!« sagte Georg finster.

»Doppelt!« erwiderte Schley, »das ist hier so üblich,« setzte er hinzu,

»entschuldigen Sie.«

»Dreifach!« versetzte Georg. »Na, nun ists aber genug. Herr von

Schwalbe, bitte wollen Sie Richter sein?« Schwalbe erhob sich

bereitwillig mit einem Ruck.

Da es nun eine Pause gab, bis Schwalbe, zwischen Georg und Schley sich

setzend, die herangeschleiften sechs Gläser auf ihre genau gleichmäßige

Füllung verglichen hatte, meldete der Fuchsmajor gurgelnd von unten

einen Solokantus der Zwillinge, die sich wankend erhoben, dann mit

ungeheurer Anstrengung steif dastanden, die Mützen abnahmen und sich

langsam herdrehten. Ihre kleinen, todbleichen Gesichter mit schwimmenden

Augen sahen so entsetzlich aus, daß Georg Virgo kaum anzublicken wagte.

Sie sah vor sich nieder. Stumm standen die Zwillinge. Aus den Anderen

scholl Gelächter, aber auch Widerspruch. Dann schrie Ellerau, breit

dasitzend, grausam: »Also los, Füchse, wirds bald! Euren Kantus!

Baronin wartet.« Die schluckten. Hohl, um so hohler, weil ohne

Klavierbegleitung, fingen sie an zu singen:

»Ach, unsre Ju--u--geend --

Wird -- so -- ver--geu--eu--det --

Ja -- uns--re -- Jugendzeit --

Die -- wird -- ver--tan ...«

»Nun ists aber genug«, bemerkte Schley. »Genug!« schrie Georg,

»geschenkt, Füchse, hinsetzen! Macht, daß ihr --«, er verstummte, für

sich allein ergänzend: »-- hinauskommt!« -- Und die Zwillinge setzten

sich verdutzt und eilig. Augenblicke später verschwanden sie. --

Schwalbe erhob sich, verkündete das Bierduell mit dem Stichwort

»Baltoborussia sei's Panier!« und Schley und Georg standen auf.

»Ergreift die Waffen, berührt die Waffen, los!«

Die ersten Gläser verschwanden schnell. Als Georg, etwas langsamer am

zweiten schlang, sah er zu Virgo hinüber; die saß wie ein Steinbild mit

Augen wie schwarze Löcher. Als ihr Mann das letzte Glas ergriff, erhob

sie mechanisch die rechte Hand, wie um ihn zurückzuhalten.

»Borussia sei's Panier!« sagte Georg mühsam, das Glas hinsetzend, und

Schwalbe kündigte an, daß Herr Baron von Schley als zweiter Sieger

hervorgegangen sein dürfte.

Plötzlich war alles durcheinandergeraten. Georg saß irgendwo und redete

ununterbrochen auf die Allerholdeste ein, aber dann riß das ab, Georg

irrte umher zwischen Stehenden und Sitzenden, fühlte sich sehr

unglücklich und in seiner Sehkraft beeinträchtigt. Lichter verschwammen

blitzend in Qualm, Wänden und blauen Flecken; was er ansah, schwang sich

kreisend zur Seite; ganz hinten stand eine weibliche, kleine, weiße

Gestalt, die er auf keine Weise erreichen konnte, sie hatte ihn ja

weggeschickt, obwohl er sie so glühend liebte, nun stand sie mit einem

Andern dort und sprach Schlechtes von ihm, o, sie war ihm entsetzlich

böse, und unglücklich war sie, Georg brach das Herz, es war im Leben

nicht wieder gutzumachen, denn morgen -- nein übermorgen reiste sie nach

Japan. -- Da, jetzt saß er wieder, hatte einen andern -- Schwalbe --

dicht neben sich und redete unaufhörlich auf ihn ein, steigende Rührung

im Herzen und das Gefühl unermeßlichen Genusses im Ausschütten seiner

geheimsten Gedanken. Hin und wieder hörte er auch den Andern sprechen,

verstand ihn auch, sah seine rundliche, rote Hand mit ausgestrecktem

Zeigefinger auf sein eigenes Knie zu tippen, fühlte sich bekräftigt und

verstanden und redete wieder. -- Dann wurde ihm furchtbar übel; er

bezwang sich noch, allein es ward schlimmer, der Raum, die Lampen, grüne

Wipfel, ein großer, geschweifter, grauer Lampion wankten auf ihn zu, er

stand auf und fand sich im selben Augenblick unter ungeheuren Qualen

seiner in Stücke brechenden Brust, keuchend mit rinnenden Augen und

quellendem Munde über ein Becken gehängt. Dann riß wieder alles ab, er

erwachte und hörte ein ohrenbetäubendes Geheul, fühlte sich in die Lüfte

erhoben, Hände tasteten an seinem Leib, er wurde getragen, hatte eine

blaue Mütze in der Hand, die er schwenkte, rief: »Baltoborussia _for

ever_!« Plötzlich glitt er zur Erde, stand wankend, umarmte jemand und

saß auf einem Stuhl, ein Glas in der Hand, während immerfort jemand kam,

um ihm die Hand zu schütteln, worauf er dann einen Schluck ekelhaft

bittern Zeugs in sich trank.

Und wiederum eine Weile später kämpfte Georg mit den Ärmellöchern eines

Mantels, fluchte, weil jemand ihn hinten am Kragen in die Höhe reißen

wollte, und dann stand er vor einer Droschke, innen und außen beladen

mit Korpsbrüdern in Zivil, die sich auf Georg stürzten und ihn -- durch

das Fenster, wie es schien -- hineinzwängten. Sie führen nach einem

herrlich stinkenden Ort, sagten sie und sangen den schönen Choral:

Lasset uns noch einen verlöten! während einer unendlichen Fahrt durch

eine finstere Fabrikstadtgegend. Schließlich hielten sie den Wagen an

und hatten noch zwei Straßen zu gehn, vornüberschießend, Georg unter

jedem Arm einen Zwilling, von denen immer einer stehen bleiben wollte,

um eine Rede über Moses zu halten. Dann ging es irgendwo Treppen hinauf

in ein Haus, in einen kleinen Saal voller Mädchen, die in Jubelgeschrei

ausbrachen. Georg wußte noch: nach dem ersten Glase Sekt bin ich hin ...

Dann trank er es.

Einige Zeit später hatte Georg das Gefühl, zu erwachen, jedenfalls

wurden allerhand Dinge deutlich um ihn, und er fand sich an der Wand

eines Saales mit unaussprechlich öden Wänden lehnen, ein Sektglas in der

Hand, das im selben Augenblick zu Boden fiel, und zum Umsinken

berauscht. Im Saal, unter den vom Tabaksqualm und Staub fast blinden

Glühbirnen war ein Hexentanz von einigen zwanzig Mann in Fräcken, Röcken

oder Hemdsärmeln und ebensovielen splitternackten Weibern, die Georg

unsäglich garstig und alle zu kurzbeinig erschienen. Einmal tat sich für

Sekunden der Schwarm auseinander und durch die Gasse sah Georg drüben

einen großen, hagern Menschen stehn, hektisch und ungesund, der mit

theatralischer Gebärde im ausgestreckten Arm ein nacktes Mädchen lehnen

hatte wie eine Harfe, auf deren Leib er mit der Rechten große Harpeggien

griff; dazu deklamierte er mit hohler Stimme, deutlich vernehmbar: Vom

Eise befreit sind Strom und Bäche ... Dies Bild schwand spurlos, etwas

Nacktes und Weiches taumelte gegen Georg, sank, während er, selber auf

einen Stuhl fallend, es schwach festhielt, in seinem Schoß zusammen und

schlief ein. Eine Zeitlang betrachtete er das fleischerne, magere Bündel

Schlaf und tote Freude auf seinen Knien, legte ihren Kopf behutsam an

seiner Schulter fest, ließ sein Gesicht weinend darüber fallen und

schlief auch.

Schütteln erweckte ihn wieder; auch das Mädchen erwachte, klammerte sich

an ihn, schluchzte und wollte ihn nicht fortlassen. Georg entkam jedoch

irgendwie, fand sich bald darauf allein in einer morgengrauen, nebligen

Straße und ging mit dem stumpfen Entschluß, zu Fuße heimzugelangen, halb

im Schlaf so lange durch unbekannte Straßen, bis ihn ein Automobil fand,

in dem er sein Haus in der Morgensonne unter lebhaftem Vogelgezwitscher

erreichte. O Gott! dachte Georg, als er auf sein Bett fiel, o Gott!

Morgen ist Sonntag!

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 13 / 124 题