Georg, an sich selber verzweifelt festgebissen, mit Verwünschungen
beladen, entstellten Herzens voll Wut und Öde, hockte auf einer Bank im
Park am Sonntagnachmittag. Seltsam schwärzlich war die, schon wie später
Abend tiefe Dunkelheit in der Luft; tiefschwarz, nur durch den Fußweg
und schmalen Uferstreifen von Georgs Füßen getrennt, der Teich, in dem
große Stücke von kalt grauem Silber glommen. Der letzte, mehr schwere
als scharfe Atemzug des abgestorbenen Winters schien in den feuchten
Lüften abzustehn.
Ich habe, sagte Georg zum hundertsten Male zu sich, wie eine Canaille an
mir selber gehandelt. Ich bin ein Pfuscher meines Lebens. O mein Gott,
flehte er elend, sollte es wahr sein, daß seit -- seit -- er tastete
nach einer Vorstellung und fand wieder nur, seltsam in der Luft hängend
wie ein Stück kalten Mondes, diese -- Maske --, seit dieser Maske also
die Dinge anfangen, mir zum Unheil auszuschlagen? Ja, warum ging ich
denn zu den Balten? Um die Maske zu versuchen. Dann war alles natürlich
und überraschend freundlich und nun -- -- ich weiß zwar nicht: ist
Schley wirklich auf dem Wege nach Japan? Und bilde ich mir nur ein, daß
er seinen Assessor abgelegt hat? -- Nun, es wird schon so sein, daß er
verschwindet. Schwalbe werde ich kaum haben können, höchstens für mich
allein, nicht an den Abenden, den -- o diese Abende, nun kommen sie
wieder, da kommen sie! Ich bin verwünscht! -- Er krümmte sich, die Stirn
zwischen den Fäusten. -- Selbst wenn es, wie Ellerau sagte, nur drei in
der Woche sein sollten und ich mich um die andern herumdrücken kann, für
mich allein esse ... dann ist noch der Paukboden, und der ganze Fechttag
am Sonnabend, da sind tausend Zwischenfälle, die mir Stücke aus meinem
Leben schneiden -- ach, es ist ja nicht auszudenken! -- Ihm brach der
Schweiß aus allen Poren; es war, als schwitzte er Fett aus Händen und
Gesicht, sein Hirn dröhnte und kochte, die Augen brannten, der Gaumen
lechzte, und im Magen polterten ekelhafte, moorige Massen. -- Wenn ich,
dachte er sich als letzte Rettung aus, in spätern Jahren einmal mein
Leben in der Hand halten werde und nachsehen, was dies und jenes für ein
Gewicht und Gesicht darin hatte -- was für ein Aussehn mag dann dies
Erlebnis haben?
In der Grotte von Buschwerk hinter ihm raschelte es, ein Vogel oder eine
Ratte, sonst war kein Laut in der furchtsamen Abendstille. Die Stücke
bleichen Himmels glommen leidenschaftlich und zuckten im düstern Teich;
Gewölk rollte darüberhin, graues und schwarzes. Auf den Ufern umher
standen die kaum belaubten Bäume dunkel und regungslos; schwer hangend,
fahl, die Trauerweiden drüben an der kleinen Brücke, die ins Trostlose
zu führen schien. Oben huschte die lautlose, verfinsterte
Wolkenbewegung. Die Luft stand, nicht kalt, nicht warm, unfreundlich.
Will es nun nicht endlich bald regnen? dachte Georg erbittert. -- Es
regnete nicht, aber es wurde unheimlicher, als stünde etwas bevor. Bäume
fingen an wie Gespenster auszusehn, wie entseelt, wie entsetzt. Aber all
dies ist in mir, dachte Georg; die gute Natur, sie weiß nichts, sie
nimmt die Gestalt von dieser oder jener Stunde an, wenn wir das Herz
danach haben, es zu sehn. Wir sagen dann: heiter, oder: trübe, weil uns
immer etwas peinigen muß oder freun. Du, Natur, schlichte, richtige,
bist ohne Entweder-oder, aber du giebst nach, wenn wir uns an dich
hängen, wir immer Beladenen; du hast nur dich selber zu ertragen, du
entwächsest dir nie, du bist dir immer leicht und schwer genug, derweil
wir stürzen oder steigen, hängen oder fliegen -- ich glaube, all das
Elend kommt doch allein von unsern Füßen her. Wenn wir fest stünden,
würden wir vor unendlichem Staunen über all die Bewegung um uns her
längst in diese milde Ergebenheit des duldenden Baumes versunken sein,
der allem nachgiebt und um nichts sich bemüht. Aber diese Stunde ist
wahrhaft schrecklich. Vielleicht war es doch sie allein, die sich den
Nachmittag über entfalten wollte, rang und nicht konnte. Ich stand am
Fenster, stundenlang, und sah, wie sichs wandelte. Nun ist es ja, als
lägen überall Tote begraben; unterm Rasen dort rechts, der wie mit
umdüsterten Augen herüberblickt, durch die Dunkelheit, die sich hebt und
bewegt; im Teich, unter allen Bäumen -- vielleicht liegen welche
überall, still, mit gefalteten Händen, ohne Bewegung, aber sie haben
begriffen, daß sie tot sind, und wissen nicht, was nun geschehen wird.
Ach, stünden sie _auf_ einmal! alle, in irgendeiner Gestalt! gingen
umher, streiften mich, daß doch nur einmal etwas geschähe, das
entsetzte, das starr machte, das man nicht aus sich heraus erfinden
müßte wie jedes Staunen, jeden Schrecken, jedes Gefühl, das tausend
Jahre alte, tausend Male empfundene. Daß einmal etwas hereinbräche über
einen, von draußen, von weit draußen, ein Unmeßbares, für das man nicht
im Augenblick alles bereit hätte, um es festzustellen, um es zu
erkennen! Ich verstehe Raskolnikoff, ich verstehe, daß er etwas tun
mußte, von dem er nicht vorher wußte, was es sein würde; das sich vorher
berechnen ließ bis aufs Haar, und das doch ein völlig anderes sein
würde, wenn es geschehen war. Ich verstehe, wie er mit all seinen
Haaren, mit zehntausend schmerzlichen Knoten an seiner Umgebung hing, an
Steinen und Menschen, an Häusern und Geschäften, an Gefühlen und Plänen,
an Büchern und Maschinen, und wie er den einen, einzigen Ruck haben
wollte, wo alles das riß, und er so allein war im Raum, wie nur die
Seele eines Mörders allein ist, die zwischen Sternen sitzt und friert.
Dummheit friert an mir. Aber ich schreibe ihnen, sie möchten
entschuldigen, ich wäre gestern betrunken gewesen, und sie möchten mich
gefälligst ... Heut noch schreib ichs, denn wenn ichs heut nicht tue, so
fällt mir morgen ein, mich an ihre edlen Regungen zu wenden und dem
Konvent eine freundliche Rede zu halten, und dann bin ich schon
ihresgleichen, und sie kriegen mich doch herum. Oder am Ende ists heute
doch nur der Alkohol im Leibe, und wenn morgen früh die Sonne scheint,
denk ich, es wird schon gehen, oder daß ich wieder acht Tage verreisen
kann, und daß sie mich auf vier Wochen hinaushängen, oder daß ich
einfach versuche, zu tun, was mir paßt, zu ihnen gehe, wann mirs
beliebt, und warte, was _sie_ tun. Warum soll ich auch handeln? Wär es
eine Gemeinheit, ein Verbrechen, das man bereuen könnte, Herrgott, so
hätte man doch was _getan_! Nun ists bloß eine Dummheit, und -- ist das
ein Mensch, der Schatten da? Ich bin ja ganz schreckhaft geworden! --
Hinter der nackten Esche, die vom rechten Ufer her ihren riesigen Ast
kahl und schweigsam über die fahle Fläche reckte, kam der Schatten
hervor, trat dicht ans Wasser und stand dort, seltsam, als ob er hinge,
dunkel vor der Undeutlichkeit des Parks und dem bleichen Scheinen im
Wasser. Nach einer Weile glitt er fort und verschwand zur Rechten hinter
Gebüsch. Georg nahm seinen Stock von der Bank, drehte sich seitwärts,
legte das linke Bein über das rechte, den rechten Ellenbogen auf die
Banklehne und den Kopf auf den Unterarm.
Es ist ja nicht das, lief das Rad in ihm weiter, nicht diese Eselei,
wieder im Korps zu sein, und auch nicht der Alkohol. Es ist einfach die
Angst, weil du nicht weißt, was werden soll. Dies ist nun der dritte
Versuch. Erst sollte die Natur Klarheit schaffen; dachte natürlich nicht
daran. Außerdem Benno, -- nun das war wohl nur ein halbes Viertel von
einem Versuch. Nun die Menschen, auf die es ja schließlich ankommt, und
da merke ich nun die verfluchte Verzauberung der Relativität. Renate,
schönes Licht! dachte er seufzend, aber sein Feuerzeug war wohl naß
geworden, das Licht glomm nicht auf, es wurde nur dunkler umher. Woran
soll ich mich denn messen, wenn alles relativ ist und ich nicht aus mir
heraussteigen kann! Bin ich denn ein Lügner? Ich spiegle den Menschen
etwas vor, das ich nicht bin. Schade ich damit? Bin ich nicht bereit zu
allem Besten? Zahle ich nicht mit Qual? Irgend jemand sagt mir, ich sei
nicht der Sohn meines Vaters, und da soll ich miteins andere Gefühle
bekommen? Wie kann ich zwanzig Jahre auslöschen wie ein Talglicht?
Darauf aber kommt es an, auf das Innere, und alles andre -- -- ich weiß
nicht, sitzt da jetzt einer neben mir oder nicht?
Er wandte langsam und vorsichtig den Kopf. Ja, neben ihm saß ein Mensch,
den Kopf in den Händen; schien übers Wasser hin zu sehn. Das war ja ...
Georg wandte sich, beugte sich vor, sah das Profil des Dasitzenden und
sagte erleichtert: »Guten Abend, Herr Birnbaum!«
Der Angeredete wandte sich um und stand hastig auf.
»Entschuldigen Sie, Prinz,« sagte er mit mehreren Verbeugungen, »ich
hatte Sie nicht erkannt. Und diese Bank«, setzte er hinzu, »ist
gewissermaßen mein Eigentum, meines und meiner Schwester, wir sitzen oft
darauf.«
»Aber so setzen Sie sich doch, alter Freund, und erzählen Sie! Vor zwei
Jahren haben Sie Examen gemacht, oder erst vor einem? Habe ich Sie nicht
im Syndikatskolleg gesehn?«
Birnbaum bejahte, sagte aber, daß er Mediziner sei.
»Daß Sie's gleich hören, Georg: meine Mutter ist vergangene Nacht
gestorben«, sagte er kurz. »Nein, sagen Sie nichts, es ist nichts zu
sagen,« fuhr er heftig fort, »sie war ja kein richtiger Mensch mehr,
jahrelang schon, wir hatten uns, wenn ich so sagen darf, ihrer schon
längst entwöhnt.«
Georg dachte an Bennos Mutter, fragte, ob sie denn krank gewesen sei,
und bekam zur Antwort:
»Ja, geisteskrank, sechs, sieben Jahre.«
Sie saßen still beieinander. Georg suchte den verwirrten schwarzen
Himmel ab -- war dort nicht ein Stern? -- Nacht stand um den Teich;
nichts regte sich darin.
»Standen Sie vorhin dort am Wasser?« fragte Georg. »Sehen Sie, es ist
wieder jemand dort! Sehn Sie den Schatten?«
Der Andere blickte hin und sagte: »Ich glaube fast, das ist meine
Schwester.« Er schüttelte den Kopf. »So ist sie nun; geht aufs
Geratewohl in die Nacht hinein und ist überzeugt, daß sie mich findet.
Dafür ist sie ja nun mein Geschöpf.«
Die Gestalt kam langsam am Ufer den Weg herauf, zögerte, kam näher,
stand endlich vor ihnen, schmal und dunkel, einen Schal um den Kopf.
»Bist du's, Sigurd?« fragte sie. Er stand auf, trat zu ihr und legte
einen Arm um ihre Schulter. »Bist du böse, daß ich mitten aus dem
Kaddisch weggelaufen bin?«
Georg schiens, als bewegte sie leise den Kopf hin und her, dann hörte er
sie fragen -- eine huschende, verhaltene Stimme --: »Mit wem sitzt du
denn hier, Sigurd?«
Sigurd sagte: »Es ist Prinz Georg, Esther, du weißt, daß er eine Klasse
unter mir war.«
Georg, der inzwischen aufgestanden war, reichte ihr die Hand; die ihre,
in einem Zwirnhandschuh, fühlte sich hölzern an. Ihr Gesicht im Dunkel
war nur ein weißer Fleck mit zwei schwarzen darin, den Augen, die
allerdings absonderlich geschlitzt schienen. Sie setzte sich ans andere
Ende der Bank, ihr Bruder sich zwischen den Beiden. Nach einer Weile
hörte Georg ihn flüstern, dann sie, er schloß die Ohren, verstand auch
nichts, aber das Flüstern dauerte an ... Nun schloß er auch die Augen,
vernahm das seltsame Geräusch der Lippen in Pausen, dachte an die tote
Frau und geriet an Heines Vers: >Keine Messe wird man singen, keinen
Kaddosch wird man sagen ...< Kaddisch hatte Birnbaum gesagt, aber das
war wohl dasselbe. >Dunkler Hund im dunklen Grabe ...< kam das nicht im
selben Gedicht vor? Nein, das war ja:
Nicht gedacht soll seiner werden.
Aus dem Mund der armen, alten
Esther Wolf ...
Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch ... Es ließ ihn nicht
wieder los. Sieh, aber nun waren Sterne da! Lieber Gott, wie das nun
gleich erleichterte! Da standen sie, klein, schwach, bläulich, dort
einer, dort ganz oben, fast über ihm. -- Keinen Kaddosch wird man sagen
...
»Verzeihen Sie, Birnbaum, was ist Kaddisch? Sie sagten es eben. Und mir
fiel ein Vers von Heine ein, da heißts --«
»Kaddosch,« sagte Birnbaum, »es ist dasselbe. Kaddisch ist das
Totenbeten; die Verwandten verrichten es, oder auch -- wie bei uns, die
wir keine in der Stadt haben -- Freunde und angestellte Frauen. Ich bin
davongegangen. Ich konnte nicht ertragen, das Klagen zu hören, wo ein
Mensch endlich seine Seele wieder hat, denn das müssen die Andern doch
wenigstens glauben. Komm, Esther, siehst du die Sterne? Wollen wir
Mutter unsern Kaddisch sagen?« Sie antwortete nicht. Einige Minuten
später hörte Georg ihn sprechen, nicht mehr in seiner wegwerfenden,
schnell fertigen Art, sondern seltsam innig und sanft. --
»Mutter,« sagte er, »warst du denn noch ein Mensch? -- Kannst du uns
jetzt sagen, was du warst? Da warst du, warst so klein und noch ganz
schön, saßest immer bei uns und hattest keine Augen für uns, wenn wir
hinsahn. Aber wenn wir still saßen und lasen, wie oft merkten wir dann,
daß deine Augen auf uns waren, wie Kinderaugen, verschüchtert, wie ein
Bestraftes, das nicht sein darf wie die Andern ...
»Und so seltsame Dinge mußtest du immer tun! Wenn du allein warst, da
bewegte sichs in dir, und du mußtest immer folgen, und wenn einer von
uns wieder hereinkam, so warst du nicht mehr da. Dann hocktest du
zwischen Sofa und Bücherschrank ganz klein, die Hände im Schoß, oder du
knietest unter der Tischdecke, als wolltest du Verstecken spielen, oder
du hattest ins Schlafzimmer gehn müssen, das Bett gesehn und dich halb
ausgezogen und hineingelegt. Und niemals durftest du im Bett sein
nachts, wenn Esther erwachte und nachsah: dann mußtest du mit kalten
Füßen beim Schrank stehn, oder im Fenstervorhang, aber du warst doch
immer willig, kleine Gestalt, und tatest, was man verlangte, legtest
dich gleich wieder hin und decktest dich zu. Manchmal freilich war dirs
verboten, mit uns zu essen, und dann mußtest du heimlich in die
Speisekammer gehen und finden, was Esther dir hingesetzt hatte ...«
»Und wie war es denn, als du starbst?« fing er leise wieder an. »Auf
einmal fandest du die Korridortür nicht verschlossen und huschtest
hinaus. Und als dein Sohn im Dunkel mit dem Streichholz die Treppe
heraufkam, saßest du auf den Stufen, klein und weiß in deiner
Nachtjacke, die Stirn ans Geländer gelehnt, und da warst du tot ...
»Ja, Esther, da war er nun wieder hinausgegangen, der törichte Geist,
der ihr all das Seltsame riet, über das sie so viel den Kopf schütteln
mußte. Und all das, weil eines Tages ein lieber Mensch auf der Erde lag
und nicht mehr antworten wollte auf ihr Schreien und Schütteln und
Schlagen, und all das, damit sie nun sein Gesicht wieder hat -- ein
wenig Wehmut am Mundwinkel, ein wenig Friede über Schläfen und Augen,
und das Unbegreifliche ...«
Sigurd war verstummt. Georg sah nicht ohne Erleichterung viele Sterne
oben in der Nacht; auch in der Schwärze des Teichs waren sie sichtbar
geworden.
»Und wir,« sagte Sigurd leise, aber wieder heftiger schon, »wir bewegen
uns, wir greifen dies und jenes an und nennens Verstand. Einmal merken
wir dann, daß wir immer das Verkehrte getan haben. Aber in uns saß doch
einer, der wollte es so. Es war so seltsam, Esther, wie Mutter nun dalag
unter der Hängelampe, und du standest neben ihrem Kopf, in deinem
schwarzen Haar, mit fließenden Augen, im langen, weißen Hemd und getötet
vom Schlaf. So sonderbar war das! Nun wirst du bald heiraten wollen und
über das große Wasser fortgehen. Ja, meine Lehre ist nun aus. Sehen
Sie,« wandte er sich zu Georg nicht ohne ein wenig Bombast, »es ist ja
nichts ohne eine gute Seite. Esther mußte die letzten vier Jahre aus der
Schule fortbleiben; da hat sie viel unnützes Zeug gespart und eine
Menge Gutes von mir gelernt, Buchführung und Philosophie,
Sozialwissenschaften, und einen ungeheuren Stoß gute Bücher gelesen.
Verloben konnte sie sich auch, und ich kann dann von dem kleinen zum
großen Mütterchen zurückgehen, Mütterchen Rußland, und sehen, ob man
mich dort brauchen kann.«
»Sie sind doch Balte?« fragte Georg, um etwas zu sagen. Sigurd nickte.
»Komm, Esther, wir wollen gehn«, sagte er, und sie stand auf. -- Georg
ging willenlos mit.
Sie sprachen nicht mehr, bis sie am kleinen Palais anlangten. Als Georg
sich hier verabschieden wollte, hörte er Esther zum ersten Male nach den
wenigen Worten zu Anfang etwas sagen, indem sie erstaunt fragte, ob er
hier wohne? -- Leider, gab Georg zurück, sei die Einrichtung noch nicht
fertig, sonst würde er sie bitten, hereinzukommen.
»Siehst du, Sigurd,« sagte sie da ganz heiter, »nun komme ich doch
hinein!«
»Sie hat es sich als kleines Kind schon gewünscht,« erklärte ihr Bruder,
»einmal in den verschlossenen Garten zu kommen, da freut sie sich nun
freilich.«
Georg meinte, das Stück hinter dem Schlößchen sei nur klein, aber es
würde ihn doch sehr freuen, -- was nicht aufrichtig war, denn er hatte
keinerlei Eindruck von ihr gehabt, und obendrein war sie verlobt. Er
haßte Verlobungen. -- Also schieden die Geschwister von ihm.
Im Hausflur zauderte Georg, ob er in die unfertigen Zimmer gehen sollte
oder in die für die Zwischenzeit zurechtgemachten Prunkgemächer. Aber
nach einem Blick in den kahlen, vom schwarzen Abend verdüsterten Raum
voller Bücherkisten, Teppichballen und Möbeln in Lattenkäfigen, und
einem weiteren durch die Gartentür ins Freie, ob etwa aus Bennos
Fenstern Licht falle -- doch alles war dunkel dort --, wanderte er
schlaff und unfähig in der dunklen Zimmerflucht hin und her, bald nahe
am Weinen vor Schmerzwut im Gedanken an Benno, der natürlich bei Renate
war. Renate, die ihm ewig verschlossene! Denn dort war ja nun Magda im
Hause, und dies -- nein, dies brachte er nun doch nicht fertig, vor
ihren Augen zu Renate zu beten.
Er stand wieder still, durch ein Fenster starrend auf den Rasenplatz, wo
aus der Eichengruppe die Nacht wie eine schwarze Fackel aufstieg.
>Keinen Kaddosch wird man sagen ...< Dieser Sigurd war gewiß ein
ungewöhnlicher Mensch, in der Schule wurde ja viel von ihm gesprochen,
seinen Kenntnissen, seiner Belesenheit und -- ja vor allem seiner
Hülfsbereitschaft. Nun, mich wird er schwerlich aus meinem Sumpf
herausziehen können. Also was bleibt mir übrig?
Darauflos leben, lustig sein, wieder die Nächte durchsausen, saufen,
speien, johlen, Zoten hören. Ach, wenn nur die studentische
Ausgelassenheit heutzutage nicht so unendlich nichtswürdig wäre! Wenns
noch Freude wäre, Überschwang, Lebensüberfülle, wahre Ausgelassenheit
voll Geist und Witz. Ausgelassenheit? Ja, die Vernunft wird ausgelassen
und der Stumpfsinn herein, sie betäuben sich, anstatt sich zu befreien,
vernichten sich selber in Berauschung, sie sind so unfeurig, das ist es,
sie brennen ja von nichts und für nichts, ja sie brennen bloß von
Alkohol, von Spiritus, dünne, kraftlose Flämmchen, -- o Renate, Renate!
Georg mußte sich niedersetzen vor Mattigkeit, hatte jedoch innerlich
etwas Haltung gewonnen.
Was also muß ich tun? fragte er sich, so klar er konnte. Ihnen
abschreiben oder nicht abschreiben? -- Es durchzuckte ihn, daß er diese
Last auf sich nehmen müsse, wegen der -- Maske, die sich gerade im
ständigen Umgang mit seinesgleichen allein probieren lasse. Lieber --
dachte er -- ein besonders schweres Stück Weges jetzt -- und dann
Freiheit so oder so, als die lange Ungewißheit, Ratlosigkeit, und so --
Verschleppung.
Wenn ich, dachte er, Herzog bin, werde ich das alles abschaffen. Und
damit ich das kann, fuhr er innerlich errötend fort, muß ich nun wohl
dafür bluten ...
Die Augen fielen ihm zu; er öffnete sie schwer, sah die zwei grauen
Rechtecke der Fenster bleich und öde im Dunkel und tastete nach seinem
Herzen. Die Angst stieg darum wie Flut; er atmete mehrmals, so tief er
konnte. Entschließe dich, Georg, gebot er sich, schreibe, schreibe
gleich! -- und schon zum Aufstehen aus dem tiefen Sessel sich
vornüberbückend, die Hände auf den Knien, kam er nicht weiter aus dieser
Haltung.
Wenn ichs nicht tue, fragte er sich besinnungslos, tue ich es dann aus
Tapferkeit nicht oder aus Feigheit?