Georg, nicht unfroh unterm Absingen des schönen Liedes von der >_aura
academia_<, saß auf der Gartenterrasse des Baltenpreußenhauses bei
seinem Pflichtbesuch.
Die vielen Verse des Liedes ließen ihm Muße, umher- und alles anzusehn.
Es dämmerte bereits; zum Erstaunen geschmackvolle, schön geformte und
zartfarbene Japanlampions schwebten in der dunklen Luft. Grüne Gärten in
allen Tiefen schauerten angenehm im Sommeratem, wenn es still war in den
Pausen des Gesangs; dahinter waren die roten, festungsartigen Mauern der
Papierfabrik dunkel zu gewahren. Georgs Blick kehrte zurück und
schweifte über die kleine Tafel mit ihren Gästen in kornblumenblauen
Alltagszerevisen von Mützenstoff und Pekeschen, deren Blau infolge der
Größe heller schien als das der Mützen, indem er bedachte: wie nett, daß
es so Wenige sind, und die Wenigen obendrein so nett, wie es scheint.
Besonders sein Gegenüber war ihm herzerfreuend, wie er dasaß, gut
mittelgroß, eingepreßt den rundlichen Leib in die zartgrüne
Einjährigenuniform der schweren Jäger mit hohem und engem, grünem
Kragen, voll- und rotbäckig, die linke Wange leider von Narben zerfetzt,
freundlich umherglänzenden Auges hinterm ungerandeten Kneifer, die Stirn
mächtig gewölbt und gebuckelt unterm geschorenen Schädel, -- im ganzen
nicht nur älter und gesetzter, sondern durchaus anders scheinend als die
Übrigen, fast fremdartig, aber nicht ohne Behagen in sich selbst
beschlossen und für sich allein bei aller Teilnahme. Beim Vorstellen
hatte er nur »Schwalbe« gesagt, doch gehörte er vermutlich zu den
kurländischen Freiherren, die mit den Keyserlings verwandt waren, von
denen wieder Georgs Fuchsmajor bei den Schwaben und -- vor allem -- der
Dichter abstammte; ein tröstlicher Gedanke. Der Präses neben Georg,
zufällig auch Korpssenior, Graf Ellerau, sah in seiner gewaltigen Größe
und Breite, dunkelhaarig und kleinäugig, gutmütig und ein wenig
schläfrig aus, dagegen unten am Fuchsmajorat der kleine, kaffeebraune
portugiesische Marquis, der aufs Haar einem seltenen Azteken glich,
mißfiel Georg. Beim Vorstellen hatte er bloß gegurgelt. Was kann er den
Füchsen beibringen, wenn er kein Deutsch redet? Ja, etwas schien er
ihnen beizubringen: er schenkte ihnen Allasch aus einer Kruke in jedes
Bierglas, -- was doch wohl nur dazu dienen konnte, daß sie sich übten,
bei früher Betrunkenheit sich lieblich aufzuführen, -- eine wahre
Hundsfötterei. -- Reizend, was so die Ausländer bei uns lernen! -- Georg
bedauerte die drei Füchse, besonders die übermäßig langen und dünnen
Zwillinge Rotenhahn -- seltsam vergoldet von literarischen Erinnerungen
-- mit ununterscheidbaren, eben handgroßen, blassen Gesichtern, über
denen die kleinen, blauen Mützendeckel schwebten. Der dritte Fuchs war
belanglos, klein und schwärzlich. -- Unangenehm waren die Gläser, aus
denen ein scheußliches dünnes Biergemisch getrunken wurde, weil wenig
über faustgroß: Georg, an seinen Münchener Maßkrug gewöhnt, glaubte
mindestens schon zehn verschluckt zu haben in kaum mehr Minuten, allein,
wie er bemerkte, war es Sitte, überhaupt nur Ganze zu trinken ...
Indem hob Georgs Nachbar zur Rechten, der Nordeck hieß und bei
erstaunlich langer Nase und blassen, ein wenig idiotenhaften Zügen,
blondes, zierlich gekräuseltes Haar trug, sein Glas und trank Georg zu,
der, mitkommend, das seine gegen jenen, merkwürdigerweise
pockennarbigen, finster und vereinsamt wie ein Anarchist aussehenden
Grafen Tastozzi schwang: »Übers Kreuz vor, Graf, mit Ihrer Erlaubnis!«
Der errötete heftig, ergriff tastend sein Glas und trank mit. -- Der
Diener kam, beide Hände voll gefüllter Gläser, und Georg bemerkte, daß
er jedem immer gleich mehrere hinsetzte, praktisch unleugbar -- für ihn,
weniger für das ohnehin schale Bier; jedoch gehörte vielleicht auch dies
zur Erziehung.
Ja, wenn nicht das Trinken wäre, seufzte Georg, könnte es ja reizend
sein. Ich bin doch überrascht ...
Der Präsidenspeer knallte auf der Tischplatte. »Schönes Lied ist aus,
ein Schmollis den Sängern! Prost Markwis!« rief der Senior stehend,
schüttete den Inhalt seines Glases hinunter und setzte sich. Georg
beugte sich zu dem Freiherrn gegenüber: ob er nicht Balte sei ...
»Ich bin Balte«, wiederholte der, schnell und fest, bereitwillig sich
zusammenraffend und die Arme auf den Tisch legend. »Nein, danke,« wehrte
er Georgs Zigarettendose ab, »ich rauche nur, wenn ich mich langweile.«
-- Recht behaglich klang sein nicht allzubreites Ostpreußisch mit leicht
zungengeschlagenem R-Laut. Er hatte die Gewohnheit, die Augen hinter dem
Kneifer niederzuschlagen, sobald er sprach.
»Und sind mit den Keyserlings verwandt?«
»Ich bin mit Keyserlings verwandt, allerdings, aber mit welchen meinen
Durchlaucht? Mit Ihrem Keyserling bin ich _nicht_ verwandt«, betonte er
lächelnd mit tippendem Zeigefinger.
»Ich dachte an den Dichter.«
»Mit dem Dichter bin ich verwandt, jawohl«, bekräftigte er, den Kopf
vorwärts drückend, während Graf Ellerau ihm die Hand auf die Schulter
legte und nicht unfreundlich sagte:
»Unser Schwalbe ist selbst Dichter. Er macht schöne Verse. Ja, wir sind
solch ein Ästhetenklub. Die Zwillinge sollen auch dichten insgeheim; sie
schwärmen für alle schönen Künste, besonders Malerei, glaub ich. Wie
ists, Füchse, Erwin! Emil! Prost! Für welche Kunst schwärmt ihr grade?«
Die verdonnerten Fuxen griffen nach ihren Gläsern und schwiegen. Georg
sagte, um die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken, in das Gelächter der
Andern:
»Das ist ja aber erstaunlich! Sie machen Verse -- und Sie lesen sie
womöglich?«
»Ab und zu«, gestand der Senior lächelnd ein. »Ein gutes Buch hin und
wieder ist man doch schon seiner Gesundheit schuldig.« Schwalbe ließ
seine Augen standhaft und freundlich in Georgs. »Es zuckt mir manchmal
geradezu in den Fingern nach Seitenblättern -- wie's einem im Herbst
drin zuckt, wenn die Krickente streicht, nach dem Abzug.«
Der gekräuselte Nordeck, ein mächtiges, tiefes und hohles Gelächter
herausschüttend, sagte breit altenrepenisch: »Ja, man bodet ja auch alle
vierzehn Toge! Ihr Wohl, hohoho, Durchlaucht, ich gestatte mir.«
Georg trank. »Unser Keyserling«, wandte er sich dann wieder zu Schwalbe
hinüber, »pflegte gern von zu Haus zu erzählen. Sagen Sie, ist das wahr:
er behauptete, er hätte, bevor er zu uns kam, nie einen Buchenwald
gesehen.«
»Ja!« Schwalbe setzte sich wieder in Anteil und Bewegung, »das ist wahr.
Als ich selber zuerst einen Buchenwald sah, dachte ich, ich käme in
einen Palmenhain. Es jiebt ke--ine Buchen bäi uns.«
»Was dann? Fichten? Nadelholz?«
»Jawohl; Fichten. Vor allem aber -- Birken. Und die Birken wachsen nicht
wie hier, in Trupps und kaum mehr als armdick. Bei uns sind es janze
Wäldchen, aber die Stämme stehen janz ver--e--inzelt, doch wie die
E--ichen, und der Bo--den ist Wiese und daher janz mit Blumen bedäckt.«
»Ah!« Georg sah lebhaft die einzelnen, weißen Säulenstämme mit grünem
Laubgeschleier vorm Himmelsblau und unterhalb einen Teppich buntfarbener
Anemonen. »Das muß ja beinah -- arkadisch aussehen.«
»Stellen Sie sich Orkodien so vor, Durchlaucht?« schüttelte der blonde
Nordeck mit seinem unmäßigen Gelächter heraus. Der Tastozzi drüben
lächelte gezwungen mit; Georg entschloß sich, ihm »definitiv« zu kommen,
was ihn wieder sehr zu erschrecken schien, und Georg gewann ihn fast
gern dadurch.
Ach, deine Sicherheit! durchzuckte es ihn beim Trinken jählings. Er
stellte mit innerlichem Achselzucken sein Glas hin. Ich bin, der ich je
war, stellte er fest und biß die Zähne zusammen.
Da er nun den Präsiden mit dem Korpsdiener flüstern und die Worte
»telephoniert haben« sowie einige Namen, darunter Schley, zu verstehen
glaubte, wandte er sich an Ellerau mit der Frage, ob etwa seinetwegen
etwas vorgehe -- womöglich die Alten Herren behelligt würden --, und
Ellerau wehrte verlegen ab. In der Tat, die Nachricht von Georgs
Erscheinen sei erst so spät gekommen, -- da habe er sich bei dem ohnehin
geringen Bestand des Bundes erlaubt, einige alte Herren, die immer sonst
kämen, noch telephonisch herbeizurufen --, worauf er, abbiegend, die
Gelegenheit geschickt benutzte zu höflichem Keilen, indem er
Aufklärungen gab über die hiesigen Korpsverhältnisse, die durchweg
leider nur geringen Bestände an Aktiven, die Erwünschtheit des Zuwachses
-- wo dann eine kleine Schmeichelei über die Beziehungen zu den
Münchener Schwaben seit altersher einlief --, ferner über die
verhältnismäßig freie Auffassung vom Korpsleben in der norddeutschen
Großstadt, wo der Student nicht, wie an den kleinen Hochschulen, alles
gelte und jedem bekannt sei, -- was alles Georg mit schweigsam nickender
und lächelnder Höflichkeit über sich ergehn ließ, am Ende einen
Augenblick still war und, dem Grafen zutrinkend, nach dem gehörten Namen
Schley fragte. Ob er mit der Motorenfabrik zusammengehöre.
»Jawohl. Sein Vater ist der Besitzer. Der Adel -- Schley-Schleyenburg --
ist ein bißchen sehr -- jung; zu jung für manchen unter uns ... ich weiß
nicht, wie Durchlaucht ...«