Renate, zur ersten Arbeitsstunde mit Saint-Georges fahrend, wurde
einigermaßen verwirrt vom haushohen Anblick der roten Gefängnismauer an
der linken Seite der Freiherr-von-Stein-Straße, die sie sich freilich
anders vorgestellt hatte, als Georges ihr den Namen nannte, -- und
gleich darauf hielt der Wagen vor einem ihrer häßlichen Häuser aus rotem
oder gelbem Backstein -- trübe und schmutzig vom Ruß der Fabriken --,
und dieses war gelb obendrein. -- Welch ein Gedanke, dachte sie,
gegenüber vom Gefängnis zu wohnen! Aber paßt er nicht irgendwie zu
meinem stillen Georges? -- Noch fiel ihr sein gelähmter Bruder ein, als
sie den schmalen Hausflur betrat, gleich umhüllt von einem Schwaden von
Gerüchen -- Kartoffeln, Kaffee, Kinder, alte Kleider. Dafür waren die
Wände mit um so köstlicheren, freilich bereits abgeschabten und
zerbröckelten Malereien bedeckt -- eine Schneelandschaft mit Rehen sah
sie im Hindurchgehn. Die ausgetretene Treppe hinansteigend, fing ihr
denn doch einigermaßen zu bangen an vor der möglichen Ärmlichkeit seines
Zimmers, und indem las sie auf der rechten von zwei gelbbraunen, im
Winkel zusammenstoßenden Türen seinen Namen auf einer Besuchskarte, die
an einem Reißnagel hing -- auch das wenig versprechend --, und darunter
war eine Porzellanklingel mit gräßlich hart aussehendem schwarzen Knopf.
Das war er auch, als sie darauf drückte, wobei er mit zähem Widerstreben
einen Ton aufspringen ließ, klanglos wie eine Greisenstimme, dann aber,
beim Loslassen ihres Fingers, noch einen, als sagte er: Da! Bist du nun
zufrieden? -- Renate hatte während des Wartens das peinliche Gefühl,
einen leibhaftigen Adamsapfel mit dem Daumen eingedrückt zu haben, was
sie ein wenig wieder erheiterte.
Nun kamen eilige Schritte auf weichen Socken oder Filzschuhen, und in
der Tür wurde -- zu ihrer neuen, aber ganz angenehmen Überraschung --
statt des erwarteten Dienstmädchens der graue Kopf eines freundlichen
und listigen alten Mannes sichtbar, der auf ihr »Herr Saint-Georges
erwartet mich!« in den engen und dunklen Gang deutend, sagte: »Bitt
schön, die Glastür zum Herrn Doktor!« und lächelnd zur Seite trat. Sie
ging auf den Schimmer in der linken Wand zu, an einem Gaszähler, einem
Kleiderschrank und einer Kommode mit zwei Petroleumlampen vorüber und
zauderte vor dem Arabeskenwerk von Milchglas, das die Scheiben bedeckte,
weiter oben in klares verlaufend. Dann, mit Entschluß, hob sie sich ein
wenig auf den Zehen und spähte hindurch.
Es war -- erfreulich zu bemerken -- ein sehr großer Raum, der sich
langhin quer vor ihr erstreckte; sie selber stand in der Mitte der
langen Wand, den vier Fenstern gegenüber, durch deren Gardinen sie noch
eben die Bekrönung der roten Mauer und weiter zurück die vergitterten
Quadrate einiger Gebäude mit flachen, grasbewachsenen Dächern gewahren
konnte. -- Kaum, dachte Renate, bin ich beim Gefängnis, benehme ich mich
wie ein Spitzbube, -- und brachte die Augen getrost näher ans Glas, sich
tröstend, das Zimmer sei leer. -- Im Gegenteil aber saß am Fenster ganz
links ein junger, blonder Mensch mit sehr zartem, rosigem Gesicht, ein
wenig spitzem Kinn und flachen, hellen Augen, die hinausblickten, in
einem Lehnstuhl, die Beine unter einer Decke. -- Das war sein Bruder; am
Gesicht wäre die Gelähmtheit zu sehen gewesen, wenn Stuhl und Decke
nicht von ihr gesprochen hätten. -- Da sah sie ziemlich in der Mitte des
Zimmers rechts, ihr den Rücken zuwendend, eine junge Dame sitzen, so
hübsch angezogen, daß sie näher zusah. Ei das war reizend: ein kleiner
grüner Strohhut mit langen dunkelgrünen Seidenbändern, die im Bogen tief
herunterhingen; der Kleidrock wie die halblangen, spitzdütig
auslaufenden Ärmel war weiß -- Piqueeleinen augenscheinlich --, die
Taille aber, die Brust, Rücken und noch die Hüften fest und schlicht
anliegend umschloß -- war aus einem buntgeblümten Stoff -- Rot, Gelb und
ein wenig Grün auf mattblauem Grunde. Sie hatte ein Bein über das andere
gelegt, die Hände im Schoß, weiße Schuhe und Strümpfe, -- und nun wandte
sie auch das Gesicht nach links hinüber, so daß ihr Profil, zart mit
vorgewölbter Oberlippe und dunklen Augen sichtbar wurde. Die Lippe
bewegte sich, sie sprach. Aber dorthin, wohin sie zu sprechen schien,
war für Renate nichts zu sehn, sondern nur noch eine braune Tür mit
Giebel an der linken Querwand. -- Wieder rechts hinüber schweifend,
schon die Hand auf der Klinke, sah Renate noch einen großen,
dunkelhaarigen Menschen, der sich quer über einen langen,
schreibtischartigen Tisch vor der rechten Wand beugte, um aus einer
Reihe von dastehenden Büchern eines herauszulösen.
Renate wunderte sich, wer alles da zusammen war, und trat ein.
Gleich sah sie in der Buchtung eines alten, braunen Flügels zur Linken
Saint-Georges selber stehen, der nun auf sie zukam. Die junge Dame stand
auf und hatte ganz runde braune Augen. Der Mensch am Schreibtisch drehte
sich um und zeigte ihr ein langes, schönes Gesicht mit dunklen, ein
wenig schwermütigen Augen. Alle Wände waren bis zur Decke, auch die
Zwischenräume der Fenster mit Bücherreihen bedeckt.
»Guten Tag, Georges«, sagte sie.
Er stellte ohne weitere Verlegenheit seine Gäste vor: »Fräulein Cornelia
Ring und der Student Sigurd --«
Renate hörte vor Überraschung beim Namen der Cornelia den zweiten Namen
nicht mehr. Eilfertig im Unterbewußtsein suchend -- denn bewußt hatte
sie sich bestimmt keine Vorstellung von ihr gemacht -- fand sie irgend
etwas Bleiches, Stolzes, Einsames, -- nun diese muntere Bereitwilligkeit
der rundesten Augen von der Welt ...?
»Aber wie mich das freut!« sagte sie, ihre Hand ergreifend. »Josefs
Freundin, nicht wahr?«
Die errötete lächelnd und sagte nichts. Indessen war Renate inne
geworden, daß der schöne jüdische Mensch Saint-Georges' neuer
Cellospieler sein mußte, und reichte auch ihm die Hand, die er mit
linkischer Verbeugung ergriff. Mund und Kinn waren voll und weich, die
Stirn hoch und rein unter buschigem, schwarzem Haar, die Nase ein
langer, im oberen Stück heruntergebogener Haken, die geröteten
Backenknochen standen ein wenig vor. -- O, der gefiel ihr! Und wie fest
und warm seine Hand war!
»Und hier ist mein kleiner Bruder«, sagte Saint-Georges.
Rasch hinübergehend, beugte sie sich zu ihm und fand ihn so rührend in
seinem flammenden Rotwerden -- das, da er keine Hand bewegen konnte,
alles sagen und geben mußte --, daß sie ihn auf die Stirn küßte, worauf
er ganz erschreckt »O danke!« sagte.
Der Schreibtisch war nichts als eine lange fichtene Platte auf Böcken
voller Papiere und Bücher. Daneben war noch eine braune Tür, und in der
Ecke dahinter stand ein altes, rotes Plüschsofa vor einem ovalen Tisch
und ähnlichen Sesseln; aber ein sehr schöner türkischer Schal, ein
Longschal mit schwarzer Mitte, ein Erbstück, hing über dem Tisch.
Sie sei eben recht gekommen, um zu helfen, sagte Saint-Georges zu
Renate, nachdem sie abgelegt hatte und im Sofa saß, die Cornelia im
Stuhl neben sich, während Sigurd Birnbaum sich an dem Bücherstreifen
neben dem Schreibtisch zu schaffen machte. -- Ja, Fräulein Ring suche
eine Anstellung, erklärte Saint-Georges, vor den Beiden stehend, weiter,
aber bisher habe selbst Sigurd nichts gefunden. Sigurd nämlich wisse Rat
für alles. -- Sigurd hingegen verfinsterte sich und murmelte wegwerfend
nach den Fenstern zu, er wisse gar nichts. Gar nichts!
»Sie tun immer so,« grollte er, »als ob Gottweißwas an mir wäre, und
dabei bin ich -- bin ich --« Er schloß, augenscheinlich keinen Grad der
Niedrigkeit findend, mit einer verächtlichen Handbewegung und stellte
sich an die Bücherwand, trotzig.
»Wie man alten Schweinslederbänden neuen Glanz verleiht,« sagte
Saint-Georges lächelnd, »wie und wo man einen vor fünf Jahren in einer
völlig vergessenen Zeitschrift gelesenen Aufsatz über den Anteil des
rumänischen Bauern an der Weltwirtschaft wiederfindet, -- wie man für
einen aus Sibirien entsprungenen politischen Verbrecher Geld, Pässe und
Gönner in Amerika findet -- -- und so weiter, nicht wahr, Sigurd?«
Der mußte wider Willen lachen, gebärdete sich aber ergrimmt.
»Und Sie suchen eine Anstellung?« fragte Renate Cornelia. »Ja, was
können Sie denn Gutes?«
»Gar nichts!« lachte sie munter, »das ists ja eben. Alles, was ich
gelernt habe, war Singen -- bis mein letzter Lehrer mir die Stimme
verdarb. Und da --« sie verstummte.
-- kam Josef, ergänzte Renate im stillen, indem sie »Wie traurig!«
sagte. Wie gut, dachte sie, könnte sie zu uns ins Haus kommen und mir
helfen, allein -- das würde sie selber nicht wollen, das selbe Haus in
Josefs Abwesenheit betreten, das ihr, als er da war, nicht offen stand.
Aber, als habe etwas aus diesen Gedanken den Weg zu Cornelia gefunden,
sagte sie jetzt mit scherzender Betrübtheit: dann könnte sie ja Köchin
werden ...
»Die Kochkunst«, sagte Saint-Georges, »darf niemand verachten. Wo haben
Sie gelernt?«
»In Budapest.«
»Glänzend! Die besten Mehlspeisen in Böhmen, die besten Fleischgerichte
in Ungarn. Wer mit Liebe und Ehrfurcht kocht, erhebt diese Verrichtung
zu einer wahren Kunst, wie auch alle anderen nur dadurch zu einer
werden.«
»Aber für wen kocht man mit Liebe?« meinte sie kläglich.
Sigurd bemerkte schlechtweg:
»Für Bogner, nicht wahr? Der sucht doch eine Haushälterin.«
Saint-Georges staunte.
»Ich habe doch gesagt, Sigurd, du würdest es wissen. Bogner --« wandte
er sich an Renate, die eben dabei war, sich hastig den Kopf zu
zerbrechen mit der Frage, ob sie wohl auch mit Andacht und Liebe für ihn
kochen könnte, -- »Bogner hat ein einsames Haus an einem unbekannten
Waldrand gemietet und sucht eine Vertrauensperson, die ihn pflegt, denn
die es zuletzt tat, ist vor kurzem selig geworden. Abgemacht,
Verehrteste, Sie gehen zu Bogner. Sie wissen doch, wer das ist?«
»O -- ob ich will?« sagte sie aufstehend heiß und wie es schien
ergriffen. »Ja -- o ich kenne ihn! Aber -- glauben Sie denn, daß er
will?«
»Welche Frage! Wenn ich Sie bringe. Er hat mich doch beauftragt.«
»Dann ists gut«, sagte sie fromm und bereit, nahm ein Paar langer
Schwedenhandschuhe von der Tischdecke und streckte Renate die Hand hin,
sich entschuldigend, daß sie gestört habe. Renate, innerlich schwach,
äußerlich mit Nachdruck »Auf Wiedersehn!« wünschend, bedauerte sehr, daß
sie ging. Wie leicht ihr Gang war! --
Saint-Georges, der sie hinausgeleitete, blieb eine Weile aus; so
benutzte sie die Gelegenheit, gleich auf ihren Quartettenplan zu stoßen
und Sigurd zu fragen, ob er in ihr Haus zum Spielen kommen wollte.
Allein Sigurd lehnte völlig ab. Das sei ganz ausgeschlossen, denn er
könne nicht das geringste. Er sei ein Stümper, behauptete er, den Kopf
gesenkt, mit den Füßen bemüht, den umgeschlagenen Rand eines grauen
Läufers mit roter Kante zu glätten, der seiner Länge nach am Boden durch
das Zimmer gespannt war.
Ablenkend fragte Renate zu dem Gelähmten hinüber, sein Bruder laufe beim
Arbeiten wohl fleißig auf und ab, daß er diesen Läufer hergelegt habe?
-- Der Gelähmte lachte nur heiser zur Antwort, Sigurd aber bemerkte
lächelnd, der Läufer sei doch seine Erfindung! Der Fußboden wäre ganz
weiß abgelaufen darunter.
»Sie studieren Medizin?«
»Ja -- leider«, erwiderte er mit tiefem Ernst.
»Warum sagen Sie leider?«
Ganz düster versetzte er: »Weil mir als Juden doch die besten Wege
verlegt sind. Ich meine natürlich nicht,« fuhr er hochmütig fort, »daß
ich nicht ordentlicher Professor werden kann, sondern daß mir die
technischen Hülfsmittel verschlossen bleiben, die mit solchen Stellen
verbunden sind. Und ich bin solch ein kraftloser Mensch ...«
Renate, ganz unwirsch von soviel Erniedrigung, war froh, Saint-Georges
wieder im Zimmer zu sehen, der lächelnd dastand, gegen Sigurd blickend,
die Finger in den Westentaschen. Ernst werdend, sagte er dann zu Renate:
»Wir kamen früher schon überein, Sigurd und ich, daß alle Juden sollten
umgebracht werden.« Und schon rief Sigurd erzürnt:
»Sogar die Russen sind vornehmer, tun wenigstens wie Herren, behandeln
den Juden als Sklaven und schlagen ihn tot zum Zeitvertreib. Dies aber,
dies ist das Verruchte, dies Geltenlassen und Verachten, daß wir
herumgehen wie in einem Labyrinth schmaler Mauergänge, abgeschlossen,
aber nicht ausgeschlossen, beklebt von oben bis unten mit Erlaubnissen
und Verboten, und die Türen stehen uns alle offen, aber kein einziges
Herz.«
Renate hatte sich auf das Sofa gesetzt, aber er vermied ihren Blick.
»Ja, Saint-Georges, was ist da zu sagen?« fragte sie.
»Ich,« brach Sigurd los, nicht ohne Pathos: »ich will nichts sagen, ich
will was leisten, mich einsetzen, dazu ist mein Volk das nächste; ich
will kämpfen und mich ereifern, solange ich jung bin. Ich kann nicht die
Achseln zucken und mein Schicksal anerkennen, kann auch nicht jüdische
Witze reißen in christlicher Gesellschaft. Sie, gnädiges Fräulein,
kommen doch aus einem Pfarrhaus, und da können Sie mir vielleicht sagen,
ob Ihr Christus, den ich gewiß so gut zu lieben verstehe wie Sie, ob er
die Silbe anti gekannt hat? Und wenn er sie gekannt hat, ob nicht etwa
sein ganzes Leben und Sterben darin bestanden hat, sie auszurotten? Sie
haben doch recht behalten, die unten standen und schrien: Dein Blut
komme über uns!«
»Sein Blut doch nicht«, sagte Renate begütigend und mit innerem Lächeln,
denn von seiner grad eben betonten Kraftlosigkeit schien in diesem
Augenblicke keine Spur vorhanden.
Verächtlich erwiderte er: »Freilich, er hat ja vergeben -- was das schon
hilft!« und setzte sich auf den Stuhl, der hinter ihm stand.
Jetzt sah Renate, da er den linken Arm auf die Tischplatte legte, diese
große, prachtvolle Hand, die wie ein sicherer Bergsteiger vom Halse des
Cellos zur Brust nieder und wieder aufwärts klettern mußte, und sie
winkte Saint-Georges mit den Augen zu ihr hin. Der sah sie an und sagte
langsam:
»Ja, das ist Gideons Hand, die Hand der Makkabäer, Salomos Hand war
nicht anders, sie weiß noch von davidischen Harfengriffen, und es ist
eines Fischers Haus, und Saulus erhob sie bei Damaskus. Es ist eine gute
Hand, und warum sollte Christus eine andere gehabt haben?«
Sigurd errötete und schnob grimmig, die wären Alle hin, und Christus am
längsten tot. Taten müßten geschehen, hätte er in einem neuen Buche
gelesen, und er zog ein Zeitungsblatt aus seinen mit Broschüren
vollgepfropften Taschen, warf es auf den Tisch und sagte:
»Da hat wieder einer eine Umfrage losgelassen, woher es denn nun
eigentlich käme, daß kein Mensch uns leiden könnte, und er faßt alles
über uns gut und glatt und schonungslos zusammen, ich könnts nicht
besser, und meint ihr, wir wüßten selber nicht, wo's uns fehlt? Und das
natürlich steht auch drin, daß, wo ein Arier gemein handelt, er, wo ein
Jude gemein handelt, die ganze Rasse verdorben und schuld dran ist. Gott
im Himmel, was haben wir denn gegen euch, warum streuen wir denn Gift
aus, wie kommen wir denn dazu, will denn nicht jeder am liebsten in
Frieden leben, wenn man ihn nur läßt? Wir sind doch nur da und wollen
leben, nur die schmählichste Achtung haben, warum muß denn immer auf uns
herumgetreten werden, seid ihr denn besser? Freilich, ohne Sklaven gings
nirgends, der Amerikaner hat noch immer seinen Neger, und ihr habt euren
Juden.«
Er sprang auf und stellte sich an seinen Bücherstreif, um daran zu
zerren. Das Buch, das er in die Hand bekam, schlug er auf, blätterte,
schlugs wieder zu und bohrte es vorsichtig, die unteren Ecken voran,
hinein. Überdem klopfte es.
Renate hatte bereits vor Sekunden die Flurglocke gehört und wunderte
sich, wer nun erscheinen würde. Was hereinkam, war eine liebliche kleine
Chinesin -- Renate hätte es auf den ersten Blick geschworen -- in einem
schwarzweiß gestreiften Kleide von leichter Halbseide, einen großen,
flachen, schwarzen Strohhut in der Hand. Ja -- ganz eiförmig war das
kleine, dunkelhäutige Gesicht; die nach hinten gekämmten,
glattschwarzen, glänzenden Haare waren zu einem kunstvollen,
chinesischen Bau getürmt, in dem etwas Silbernes steckte; ganz klein und
lackrot war der Mund; die Augen, geschlitzt, funkelten schwarzbraun im
Lächeln, wie sie knickste und vorwärts getrippelt kam und, wieder
lächelnd, stehen blieb. Und doch lag wieder ein deutlicher Hauch von
Europa über dem Ganzen, der das Befremdliche lieblich vertuschte und
versüßte. -- Richtig: das waren die Brauen; sie schienen, so dünn und
fein sie gezogen waren, doch nicht chinesisch geführt.
»Sieh da, Esther!« sagte Saint-Georges und zu Renate: »Das ist Sigurds
kleine Schwester.«
Esther sah ein wenig schüchtern aus glitzernden Augen zu Renates Größe
auf, während sie ihr die Hand gab.
»Ach, entschuldigen Sie nur,« sagte sie ganz deutsch, »ich wollte nur --
ich dachte, du kämest mit spazieren. Bitte, entschuldigen Sie vielmals.«
Sigurd, noch mit dem Hineinstecken seines Buches beschäftigt, nickte und
murmelte, er komme.
»Du wirst doch noch mal Bibliothekar, Sigurd!« sagte sie träumerisch und
lachte. -- Saint-Georges, während Renate lächelnd bekräftigte, das wäre
ja ein Ausweg, meinte auch: gewiß, in eine Bibliothek vergraben brauchte
er sich um nichts zu bekümmern.
»Und nun macht, daß ihr fortkommt! Jetzt müssen wir arbeiten!« rief er.
Esther knickste gleich und ging zur Tür. Renate konnte es nicht lassen,
zu Sigurd, als er ihr die Hand gab, bittend zu sagen, er werde doch
einmal kommen, versuchsweise, -- und nun versicherte er errötend und
bereitwillig, ja, sehr gern, außerordentlich gern. Dann waren sie Beide
draußen.
»Nein, woher kommt dieser Tapfere?« fragte Renate gleich. »Und diese
Chinesin? Ach, die ist ja zu reizend! Georges, die müssen Sie mir
bringen.«
»Zuerst«, sagte Saint-Georges, »muß ich um Entschuldigung bitten wegen
der Besucher. Allerdings kam nur Cornelia unerwartet; Sigurd ließ ich
selber holen, einesteils damit er helfe, andernteils weil er Ihnen auf
diese Weise am einfachsten gegenübergestellt wurde, denn in Ihr Haus
hätte ich ihn schwerlich bekommen. Wie gefällt er Ihnen?«
»Sehr gut, Georges! Aber wie ist er sonderbar! Und von Ihrem Läufer
sagte er, er hätte ihn hingelegt. Und warum holt er immer Bücher heraus
und --«
»Das ist wieder ganz Sigurd«, lachte er. »Unseren alten Läufer, Jürgen,«
rief er zu seinem Bruder hinüber, »den schon mein Vater abzulaufen
angefangen hat, den hat er hingelegt!«
»Ja, lügt er denn?«
»O niemals, Renate! Er ist nur immer gleich so bei jeder Sache, daß es
ihm scheint, sie stamme von ihm her. Er ist ganz wundervoll. Wenn man
ein Mensch ist, der Pläne hat, Aussichten in die Zukunft, kann man keine
bessere Stütze finden als ihn. Was man ihm sagt -- Dinge, die einem
selber vielleicht noch unklar sind --, davon läßt er sich mit seinem
guten Herzen und hellem Geist augenblicks dergestalt durchflammen, als
wär es sein Eigentum, als habe er nichts getan, als eben diese Sache von
Grund aus zu treiben, und kommt man drei Tage später und sagt: Sigurd,
das war alles Unsinn, was ich neulich geredet habe, die Sache sieht
vielmehr so aus, dann ist er wieder völlig derselben Meinung, gänzlich
als habe er das erstemal keine andere als die zweite Meinung verfochten.
Ja, schlüpfrig ist er schon, fassen läßt er sich nirgend, aber welches
Juwel! Sein ganzes Dasein scheint nur darauf gestellt, Andern zu helfen.
-- Ja, was ist denn?« brach er ab, trat ans Fenster und öffnete, indem
er sagte: »Es hat gepfiffen.«
Sich hinauslehnend, bemerkte er zurück: »Es ist Esther!« Renate hörte
ihn dann nach draußen sprechen und lachen, ohne die Worte zu verstehen.
Dann schloß er das Fenster wieder, lächelte hocherfreut und sagte:
»Da haben wir ihn wieder. Esther sagt: vor ihrer Haustür -- sie wohnen
gleich hinter der Ecke -- habe Sigurd erklärt, er hätte noch eine
Postkarte zu schreiben. Sie habe dann gewartet, er aber kam nicht, und
wie sie endlich zu ihm ins Zimmer geht, sitzt er und liest, und dann
schmollt er und behauptet, wir hätten Alle gesagt, er wäre ein Trottel.«
»Was?«
»Nämlich, weil wir gesagt haben, er müßte Bibliothekar werden, denn alle
Bibliothekare wären Trottel und ergo -- -- ja, das ist Sigurd! Ein
eirundes Kind mit einem Goldfasan innen!«
»Ich glaube, Georges, zum Arbeiten kommen wir heut doch nicht. Da
erzählen Sie lieber noch von ihm!«
»Ja, beim erstenmal pflegt das so zu sein«, meinte Saint-Georges
gelassen und setzte sich vor den Schreibtisch, Renate zugewandt.
»Er ist Balte,« begann er dann, »sein Vater ist tot, von seiner Mutter
läßt sich seit langen Jahren nur sagen, daß sie >noch lebt<. In ihrer
Jugend hat sie einen jungen Menschen geliebt, den sie wegen
beiderseitiger Armut nicht heiraten konnte. Dann besorgte sie ein paar
Jahre einem alten und sehr reichen, verwitweten Verwandten das Haus, bis
er starb, beerbte ihn und heiratete nun ihren Jugendgeliebten. Der Vater
war nach Sigurds Beschreibung der edelste, wahrhaftigste Mensch, aber er
verstand nichts vom Gelde, machte Konkurs und schoß sich leider tot.
Seitdem ist die Mutter so wunderlich. Aus der Masse kam dann doch noch
genug zum Vorschein, daß die Drei kümmerlich leben können, wenigstens
bis Sigurd selber verdient.«
»Was mag aus ihm werden?« fragte Renate nachdenklich.
»Ich hoffe, das, was er vor hat, ein Kinderarzt und ein guter. Er ist
ein Mensch mit natürlicher Anlage, sich aufzuopfern. Sie haben wohl auch
seine Sucht bemerkt, sich herabzusetzen.«
»Freilich! und er sagte, alle Wege wären ihm verschlossen.«
Saint-Georges lachte herzlich. »Wegen seines Judentums, nicht wahr? --
Aber das ist seine Jünglingsmelancholie, die sich bei Andern in
Weltschmerz oder in Weltwonne zu äußern pflegt, bei ihm in
Selbstverachtung. Seine Tüchtigkeit, sein praktischer Blick, seine
Arbeitskraft stehen außer Frage, und den Ausnahmen im Lande, wie er eine
ist, haben noch immer alle Wege offen gestanden, außer dem in den
Staatsdienst, den er sicher nicht gehen wird, -- um so besser. Sein Kopf
ist ebenso greisenalt wie sein Gemüt knabenjung. Da sieht er aus wie ein
verbannter Erzengel und kommt sich vermutlich so abstoßend vor wie
Beelzebub. Wer ihn drei Tage lang kennt, liebt ihn, er aber bejammert
seine Unbrauchbarkeit und Niedrigkeit. Eher erschrecken könnte man
schon, wenn er schwört -- in seinen trübsten Stunden tut ers --, er
würde irrsinnig, weil seine Mutter -- und so weiter. Nun, man muß ihn
reden lassen und warten, daß er älter wird. Gott erhalte ihm nur den
Knaben im Herzen. -- Heute ist der Zionismus seine Leidenschaft, weniger
aus Überzeugung, daß die Rückkehr nach Zion die einzige Rettung sei, als
um seiner selbst willen: um was tun zu können.«
Renate schwieg in Gedanken, hörte ihn nach einer Weile fragen, ob es ihr
recht wäre, anzufangen, nickte und hatte gleich darauf ein englisches
Buch in der Hand, während sie Saint-Georges drüben am Schreibtisch sich
zurechtsetzen sah, um seine Notizen zu machen.