Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin

Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem

Unglück gehört, und bedaure Sie.

Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen

schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. -- Die

Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich

bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders

werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme

zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen,

vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu

schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. -- -- Klärchen konnte nicht

weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser

unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie

die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung

versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren

Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern

wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft

zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als

eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut Morgen in der

Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme

und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu

schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei

der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit

verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre

Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.

Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen

schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr

wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu

suchen, und führte sie noch schwere Wege.

Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm,

und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie

andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie

nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände

und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das

könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen

Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten.

Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten

nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie

schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke

und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten,

und der liebe Gott wird das segnen.

Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter

überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu

Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre

hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer,

sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie

nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich

darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war

aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig

hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die

Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege

ihres Kindes. Von _einer_ Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung

von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem

Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte

den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich

in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können,

wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr

wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um

willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.

Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen

und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der

sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie saß allein

in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken

fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie

durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie

fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie

sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater,

halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an

Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie

sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da

schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß

an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach,

sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz

konnte sich beugen.

Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu

zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen

sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging

deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn

wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten

sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen

mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen.

Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte

noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden

Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel machte sich bitter fühlbar. Tante

Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in

diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu,

weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward

denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um

Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war

sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie,

länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt

fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der

Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für

die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden

mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge

zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor,

und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren

Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich

eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler

dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den

Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch

war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter

ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und

konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr

warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen,

um nicht zu frieren, und Klärchen ging in den Holzstall, um noch

einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau

eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee

und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte

nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind

durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen

wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm

hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas

unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen

Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber

dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag.

Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu

Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an

einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu

groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie

selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt

hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug

all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.

Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat

sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb

mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt.

Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für

Klärchens Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte,

verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist

in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie

vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das

Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater

Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der

sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in

Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen

als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat.

Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch

flogen ihre Glieder vor Frost.

Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.

Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen -- hier stockte Klärchens

Stimme.

Warum hast Du keinen Mantel um? -- fuhr die Tante fort -- was hast Du

denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten

Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken,

warum denn keinen wollenen Rock?

Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie,

und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen

nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für

Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend:

O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind.

Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche

aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens

Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die

Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte

Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die

Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah

ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein

Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein

Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege

hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.

Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, --

denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von

den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, -- da gingen seine Gedanken

zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die

warnenden Worte gesprochen, -- wie hatte sich seitdem alles geändert!

Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines

treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch

die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte

das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem

Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären

möge, daß er sie _einen_ Weg führe zum himmlischen Jerusalem und dort oben

ewig selig vereinigt halte.

Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der

Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt

schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr

einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott

nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll,

und du hast es verdient! -- Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter

ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche

war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht

gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich

und äußerlich welkte sie dahin.

Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf,

sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm,

schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe.

Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an

Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam

zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine

verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles,

was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie

im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand

der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des

Kindes immer bedenklicher. Klärchen empfand große Qualen; je mehr sie das

Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes.

Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das

Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie

wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen,

vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins

war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen

im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen

Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es

aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte

Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte

Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward

es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße,

als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.

Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.

Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt

ewiglich, -- sagte die Tante bewegt.

Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes

Lippen.

Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide

kinderlos, -- Thränen erstickten ihre Stimme, -- auch mein Gretchen ist

hinübergegangen.

Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn

im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.

Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich,

die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten

sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr

Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es

dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr

half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte

sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der

Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen.

Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres

Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.

* * * * *

Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum

Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte

sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch

äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre

Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den

Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden,

seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter,

ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie

mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen

sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte,

da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott,

sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.

* * * * *

Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen

Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und

fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz,

obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit

hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter

schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine

Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand

zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des

Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und

Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in

seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet

eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen.

Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt

und immer gekränkelt hatte, mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen

durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal

erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende.

Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, -- die Tante nahm sie nicht

allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter.

Als der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens Fenster neben

blühenden Schneeglöckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja,

seine Liebe zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und Klärchen hatte

mit ihm wieder scherzen und plaudern und fröhlich singen gelernt. Der

Staarmatz rief: »Klärchen, so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie:

Lobe den Herrn, o meine Seele! -- Fritz arbeitete rüstig in der Werkstatt,

lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er

Klärchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, wie sie ihm

auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frühling immer schöner

hervorbrach, Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz

nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe

schauen.

Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trägt nur

dunkle Strümpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu

und schöner erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres

Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes

Enkelchen auf den Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen zur

Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und

singt mit schöner Stimme:

Lobe den Herrn, o meine Seele,

Ich will ihn loben bis in Tod!

Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,

Will ich lobsingen meinem Gott;

Der Leib und Seel gegeben hat,

Werde gepriesen früh und spat.

Halleluja, Halleluja.

Selig, ja selig ist der zu nennen,

Deß Hülfe der Gott Jacob ist,

Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen

Und hofft getrost auf Jesum Christ.

Wer diesen Herrn zum Beistand hat,

Am besten findet Rath und That.

Halleluja, Hallelujah.

Druck von Ed. _Heynemann_ in Halle.

Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen

zu erhalten:

#Gutzkow# (Karl), #Die Ritter vom Geiste#. Roman in neun Büchern.

_Zweite Auflage._ Neun Bände. 8. 11 Thlr.

Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's

großartiges Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen

Deutschlands gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch

nöthiggewordene _zweite unveränderte Auflage_ desselben, um auch diejenigen

zur Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen

Genuß noch nicht verschafften.

Levin Schücking's neueste Romane.

Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen

zu erhalten:

#Der Bauernfürst.# Zwei Bände. 8. 4 Thlr.

#Die Königin der Nacht.# Roman. 8. 1 Thlr. 24 Ngr.

Die beiden neuesten Romane _Levin Schücking's_, eines unserer beliebtesten

Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes«

(1849), »Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß

am Meer« (1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen.

Erschienen ist bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# und durch alle

Buchhandlungen zu beziehen:

#Italienischer Novellenschatz.# Ausgewählt und übersetzt von

#A. Keller#. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1 Thlr. 10 Ngr.

Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem

rühmlichst bekannten Professor #A. Keller# in Tübingen übersetzt, als

eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen

Erzählungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in

Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der anerkannten

Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beiträge

zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen

Publicum die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen

Erzählers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem

Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der »ausgezeichneten«

Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel führt:

#Boccaccio# (Giovanni), #Das Dekameron#. Aus dem Italienischen

übersetzt von #K. Witte#. _Zweite_ verbesserte Auflage. Drei Theile.

12. 1843. 2 Thlr. 15 Ngr.

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

Bei #Richard Mühlmann# in Halle ist erschienen und in allen soliden

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#Die Kammerjungfer#, eine Stadtgeschichte, von _Maria Nathusius_,

Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der

Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9 Bogen. 9 ~Sgr.~

Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte · 第 8 / 9 段