In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald

nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare

Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. -- Aber der

Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn

und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom

ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von

seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte

der Zukunft. -- Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie

sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den

Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche

gewesen.

Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft

lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen.

Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur

zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten

führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und

ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders,

als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes

gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen

getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den

wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.

Eines Sonnabends Abends --, es war Anfangs Mai --, da saß Klärchen am

offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem

fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien

von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn,

Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward

bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte

sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm

Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das

Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie

unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. -- Doch

spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne

Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und

wanderte zum Thore hinaus.

Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den

sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der

Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl,

wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden

Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen

jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! -- Sie trat

in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem

Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den

blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und

sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug

eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des

lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er

doch auch _dein_ lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen,

trat aber erschrocken zurück, -- in einer Fliederlaube saßen Fritz und

Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen

geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß

blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut

aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag

war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen

Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein,

aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen

sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit

geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen

und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich

es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich

weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt

denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir

doch auch nicht helfen. -- Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich

einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und

feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die

Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben

sollte --, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen --, sie wollte doch

gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.

Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein.

Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm

die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und

knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht

und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet.

Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist

sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich

auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben

ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber

wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen?

-- Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie

fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein

ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie

Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen

konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte

ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich

geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm

anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht,

die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen

hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen;

_der_ ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine

unüberwindliche Scheu.

Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor

sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen.

Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal

veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken.

Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann!

Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen,

aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens

Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich,

mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in

die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung

aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und

brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet

vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen,

theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz,

und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war

es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse.

Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.

Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen

könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine

Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe

ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich

sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch

seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit

trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen

Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.

Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr

erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar

schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und

zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude

an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind

hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war

aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten

seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja,

in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der

Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an,

daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl

ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen.

Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten

Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren

Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie

Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in

der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum

hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter

stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun

haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam.

Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag

süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der

Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen

geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem

geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch

davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört,

und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen

geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft

in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser,

es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie

war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt,

-- sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war

dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen

zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des

Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren

Dingen.

Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern

aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen

entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.

Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden

Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den

Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.

Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen.

Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und

sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk.

Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen,

und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn

wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein

Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt,

falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen

sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd

neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die

Verwirrung. -- Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther

vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe.

Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des

Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt,

laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für

Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las:

Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest,

bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein

Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt.

Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig

machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der

Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich

aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach

Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht

leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen

Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben

und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. -- Du

kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.

Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief

nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm

entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu

dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde

verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen

ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er

etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und

die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte

nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen

Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst

einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.

* * * * *

Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre

ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und

Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage

war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die

Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr

Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen

gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte,

wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte

den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen

hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am

Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden

Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen,

dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth;

was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht

und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die

ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben.

Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen,

hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und

daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die

Stephani-Kirche! -- dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts

geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die

Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott.

Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging

jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein

langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam,

als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte.

Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß

rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den

Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne

Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz

an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der

Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor

das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den

Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in

den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie

vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem

Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte

gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante

Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn

es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und

trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze

Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr

ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt:

Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und

Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege

schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse

ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost

sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine

Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen

Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue

Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie

sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten

gebräche.

Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den

letzten Stürmen so erschüttert, daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht

verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges

Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn

Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte,

sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette

saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer

Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr

Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig;

Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte

ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und

fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie

kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren.

Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft

eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute

Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und

Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre

Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch

der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht

nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und

Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf

Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein

gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß

sie trotz ihrer vielen Sünden sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß

alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den

er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die

Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie

die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit

Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung

vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja,

der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie

Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen

Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie

nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen

und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz

gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten.

Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte:

Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie

kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben.

Bald darauf, -- Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, -- öffnete

sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den

letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde,

als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er

aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend.

Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz

über, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und

weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat

schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er

auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich

dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres

Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung

kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte

ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der

Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen

sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die

Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die

Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens

Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich

zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte.

Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle

und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen

Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie

der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus

dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit

hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige

fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem

gefährlichen Zustande.

Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war

voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher

Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden

nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des

treuen Herrn.

Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war

ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin.

Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und

Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um

Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog

sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund

gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth.

Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten

Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an

demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort

im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und

wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre

Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die

Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten

der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!

Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte

oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient

und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen

hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so

theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie

vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.

Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte · 第 7 / 9 段