Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit

zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen

weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien,

ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und

eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam

flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit

fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit.

Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um

den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und

Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.

* * * * *

Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther

suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in

Kaffeegärten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar

nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die

übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken

und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit

Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger

nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem

Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken

und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen,

meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie

zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später,

sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen,

jetzt könnten sie sich behelfen.

Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam,

wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther

sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm

die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen.

Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich

beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen

fuhr, die Klärchen wieder beruhigte.

Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen

Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen,

den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch

ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im

Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals

das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten.

Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.

In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch.

Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie

sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden

Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, -- fünf tausend Thaler,

-- das soll gehen, -- das muß gehen. -- Klärchen schloß schnell die Thür

hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!

Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter

Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte

wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen

fragte, wer da sei.

Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn

Eduard sprechen.

Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte

mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu

glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um,

setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand

auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung

aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte

sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und

verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu

führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß

und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich

raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! -- Klärchen stand erschrocken,

aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben

können. -- Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich

gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und

schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie

laut auf. -- Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und

streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen

Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und

entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen

Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch.

Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, -- zehntausend Thaler -- und dann

links um kehrt! -- Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt;

er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer

unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.

Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht

zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm

allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen ihr einziger Trost.

Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief.

Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete,

regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher.

Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine

Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und

Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer

überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen

Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße

Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich

werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm.

Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu

reden.

Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?

Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist?

fragte sie mit zitternder Stimme.

Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn

der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu

behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie

es einer ordentlichen Frau zukommt.

Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von

Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß

die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur

heimlich fortgebracht habe?

Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du

hättest nur hier so fortfahren sollen.

Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu.

Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte _sie_ an. Das war

das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte

sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu

Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels

abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen.

Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer

Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.

Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich

fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast

nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu

werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht

Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht

einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu

sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel

saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch

leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.

Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens

leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch

prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn

nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern

Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen.

Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen

hübschen Sachen bedacht, -- so gab es nur fröhliche Gesichter.

Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu

zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung

sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu

zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen

ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie

mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war

ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der

letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu

denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante

Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war

sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können.

Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen,

daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr

besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine

entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tönen die Kirche erfüllte, als

viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm'

ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß

Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu

lesen und zu singen:

Es ist der Herre Christ unser Gott,

Der will euch führ'n aus aller Noth,

Er will eu'r Heiland selber sein,

Von allen Sünden machen rein.

Er bringt euch alle Seligkeit,

Die Gott der Vater hat bereit't,

Daß ihr mit uns im Himmelreich

Sollt mit uns leben ewiglich.

Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte

Klärchen. -- O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller

und lustiger als der andere, die Welt so lachend, -- warum bin ich nur in

mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe

keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen

haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht

kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder

von ihren Gedanken ab.

»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich

darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete

er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von

seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange,

daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. -- »Wie groß und

unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so

bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht,

-- unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen,

daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der

Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt

uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die

Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie

müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du

kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen,

stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst

mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu

nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein

sein auf ewig!« --

Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie

nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt

weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und

aus Gnaden sollen wir selig werden. -- Doch bestürmten heut auch heiße

Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen

erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht.

Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet

flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen.

Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie

schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und

demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den

Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und

Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im

Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim

Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es

erlaubt, komme ich bald. -- Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen

in die Augen und sie eilte hinweg.

* * * * *

Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen,

Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens

vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt

und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und

gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete.

Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz

besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu

Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester

sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl

in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu

holen. Aber heut hole ihn nur! -- Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf

den Tisch. -- Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig

ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, -- wenn

ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein

Vergnügen haben. -- Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar

Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht,

wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen

und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum

kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein

erfreuen, ist wohl erlaubt.

Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte

sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen.

Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des

Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie

weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle

Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. -- Günther

stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.

Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch

Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das

neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.

Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und

gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich

schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu

edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger

Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen

gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die

Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben,

konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch

war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang

am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe

ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt,

daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und

Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.

Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem

Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die

Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich

ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen

Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte,

demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und

wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und

so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der

zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder

mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz

Buchstein -- welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre

Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene

Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes

in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen

könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste

Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt

noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben

sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so,

sie mußte sehen, wie es abliefe.

Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin,

sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des

Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das

einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr

Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben.

Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand,

öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen

Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft

ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte

Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden.

Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr,

um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen

Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie

hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war

abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum

redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn

und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte

Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine

Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen

war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben,

und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild

hergehen würde, war vorauszusehen.

Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward

angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und

die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein

bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und

das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes.

Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der

Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los.

Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut

über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich

aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt

aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter;

blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die

Schlafstube flüchten. Dem Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und

er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube

auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, -- dahin

gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend

das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu

entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit

Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben.

Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von

dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie

wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und

so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu

legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig

sein.

Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter

aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für

Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine

Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er

nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu

schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie

nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine

Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht

lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche

Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber ließ sich auf nichts ein, er war

grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen.

Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte

brechen. Mit _dem_ Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von

ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen

konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr

Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte

sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche

aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es

verboten, sich dabei beruhigt.

Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei

ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen,

selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem

Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück

war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie

wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders

als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine

Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter

behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du

kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu

rühren. -- Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen,

ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben

führen. -- Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne

das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich

schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -- Ja, das Kind!

seufzte Klärchen. -- Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin

sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können,

wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte

darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil

sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er

oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich

gefallen lassen.

Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte · 第 6 / 9 段