man ihnen überall nachsah, -- wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens
aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene
Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen
Manne gegenüber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix.
Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klärchen am
Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn
als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht.
Gretchen aber sah dem Bräutigam erst forschend und dann ganz erzürnt in die
Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klärchen
bemerkte das und wußte gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach
zuerst die peinliche Pause.
Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht so sehr überrascht mit
einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.
Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell gekommen, und mit
Aehnlichem. Der Bräutigam hatte während dessen seine Fassung vollständig
wieder gewonnen und spielte den Beleidigten.
Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, -- sagte
er gereizt, -- und daß ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine
Verhältnisse sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost als solcher nahen
darf.
Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die Tante sanft, ich wünschte
nur, Klärchen hätte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz
unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns ganz unbekannt sind;
weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehört.
Ich kenne den Herrn wohl, -- sagte Gretchen jetzt leise, aber mit
unverkennbarem scharfem Ausdruck.
Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorübergehend, vielleicht
im Theater oder in einem Kaffeegarten.
Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darüber
hin und knüpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb
ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen auch, bis zu aller
Erleichterung der Besuch ein Ende hatte.
Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mußt Du
versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst
Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde behandelt, und
was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht.
Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet
hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, -- eher
bemitleidet; und dahinter mußte etwas stecken. Und daß auch die Tante
so wenig Freude über den vornehm aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr
entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich vor dem
zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.
Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß Beide wenig Gelegenheit
fanden, sich zu sprechen. Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete
nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu können und den Grund
von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr
zahlreichen Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben aus. Sie
fand die Tante und Gretchen in der dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht
recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit
etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem
Bräutigam wüßten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder.
Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen möchten wir es Dir recht
begreiflich machen, daß wir es gut mit Dir meinen. -- Bei diesen Worten
nahm sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht
herzlich an. Klärchens Herz war leichtfertig, aber für die Stimme der
Wahrheit hatte sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie und
erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:
Kennst Du Deinen Bräutigam genau?
Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klärchen. Ich weiß, daß
er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze
Geschäft führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen wird. Er hat
Konnexionen, Vermögen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe
aus- und eingehen, geachtet und geliebt.
Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur äußere Dinge, und
Du könntest bei alle dem kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein
rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr
fürchtet, als die Menschen?
Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine
Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's
Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.
Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klärchen liege ihres
Bräutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es
nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz war
gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte mit der ganzen Welt hadern
mögen.
Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem Bräutigam wissen, begann die
Tante, Du kannst dann überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten
Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte Gretchen für mich manche
Krankenbesuche übernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein
Mädchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an
der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, daß es ihr am
Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was
sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber auch innerlichen
Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr
vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer
umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen über den Menschen mit anhören
müssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als
das Mädchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr größtes
Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden
noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon früher die
Unterhändlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen
abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt
und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme
zuspricht, ist diese untröstlich und sagt nur immer, sie müsse Günthern
noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehört und auch
nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie
ihr Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so schmählich verlassen
und verstoßen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem
Heilande, der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und so Aehnliches,
um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt die Frau herein, die immer an Günther
abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen,
aber der Mann steht in der Thür, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an
das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, --
und dazu weint sie bitterlich. -- Das ist meine Schuld nicht! entgegnet
er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende
hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. -- Du hast
mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. -- Ich? ruft
er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es
nicht, daß sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr hätten als
er, die sollten sich nur um sie bekümmern. -- Die Kranke kann vor Weinen
nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurück. Da
kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und
legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unnütze Reden, die
Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht
so harte Worte von Ihnen hören. -- Er ist ganz erschrocken, denn er hat
Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und führt nun eine andere Sprache
und läßt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mädchen todt.
Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster Aufregung. Sprechen konnte sie
nicht; sie reichte der Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. Die
Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, sie lief mit eilenden
Schritten über die Straße und verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier
brach sie in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhältniß
vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte
einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der
besonders weit über Tante Rieke und über Greten stand. -- So gingen ihre
Gedanken anfänglich durch einander. -- Als sie aber eine halbe Stunde
geweint, und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze
Geschichte wahr wäre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Daß ich
seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch
deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von
allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die
eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern entschuldigen und
so die Last beider tragen. Daß das Mädchen so dumm war, sich verführen zu
lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, die Arme
so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie ein ganz unbedeutendes Wesen,
die ihn nicht fesseln konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das
einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen blieb, und daß gerade
ihre Verwandten so tief hinein blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die
Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst
Herrin eines großen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von
dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so
fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mußte doch überlegt
werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so
schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so
strengen Blicken an; in den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten
sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, und um so demüthiger
werden und ergebener. Als er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften
zu ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen flossen von Neuem
bei seinem Anblick. Er, mit dem bösen Gewissen, war besonders weichherzig,
forschte nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien
sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste
Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die
absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm Klärchen abspenstig zu
machen. Wer weiß, in welchen Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern
sich, sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken
erzählte er: sie sei Hausmädchen hier gewesen, und er habe allerdings ein
kleines Liebesverhältniß mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, sei
liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu
ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich
durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die
Person ihm keine Ruhe gelassen. -- Und das ist die Geschichte, die Deine
vortreffliche Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du mußt mir
jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar
zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet
und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, daß sie die
Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach
dem, wie sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, daß ich je
wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. -- Hierauf begann er seine
Pläne für die nächste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glänzend,
so herrlich, daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle seine
Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie
noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels
gar nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade
gegenüber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen
möglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klärchen sollte da allein
ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jährlich bekommen,
außer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen.
Als Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren
Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Günther
von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr
schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre Verleumdungen, als für ihre
Hochzeitsgeschenke, ich könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde
sie nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein
Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. -- Klärchen
machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr
gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht
beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach
den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir
sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben
plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ sich bereden,
und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit
sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen,
ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief mitgegeben, den Günther
heut Morgen an die Tante geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen
dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther gestern Abend sich
vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden
Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das Unglück und über
den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese
Verheirathung der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher
Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein
herrliches Leben geführt, sie erwartete nun den Himmel von Klärchens
eigenem Hotel. Als sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete sie
gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht
ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre doch
nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und
Du mußt es mit Deinem Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter
doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hieß es jetzt, und da sie den
Bräutigam nicht fallen lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die
Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen,
wie unglücklich sie über ihres Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn
zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse sie sich in
seinen Willen fügen und den Umgang mit der Tante für jetzt abbrechen, --
doch nicht für lange, denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und
die Tante um Verzeihung bitten.
* * * * *
Es war der 25. September. Klärchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa
Schürze um den weißen Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war nun
bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. Gestern hatte sie
Hochzeit gehabt, war stolz im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren
und war als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem
Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine
Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair
mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen
Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der
Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese Leute nicht zu ihren
eleganten Zimmern paßten, aber auch Günther war in dieser Gesellschaft
ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er
sprach anders und ließ sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme
Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und das
ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, tröstete
sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrühstück
nehmen. Klärchen hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen Tassen
standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und
sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre
Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen
und Chokolade, setzte sich wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:
Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es Dir noch so glücken würde,
Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging
Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß wir nun eingelaufen sind
in den Hafen!
Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem
Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu
bequemen wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, aber guter
Laune ein. Die Gäste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau
Krauter ließ es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte
der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. Mir ist heut mehr wie
Weintrinken, sagte er scherzend, verließ das Zimmer und kam bald mit einem
Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten
auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen sah ängstlich auf ihren Mann.
Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, denn sie
sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm die Hände zitterten. Sie hätte
gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute
sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte sie, daß Günther in
solchen Dingen sich nichts sagen ließ. Die Herrengesellschaft ward immer
lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß ihr Mann
schon seit einigen Tagen unwohl sei und daß ihm der Wein sehr schlecht
bekommen würde. Er ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten
auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der
Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen
Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf
die Auflösung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Männern nicht
leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klärchen war
mit dem Mann und der Mutter allein.
Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen
konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu
Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und
Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten
Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich
erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster
und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein
lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr
lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das
anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer,
ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer
Wünsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen.
Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die
Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere
Wohnung träumen können, -- und doch war sie nicht befriedigt und das war
ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der
ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus
ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens
zu zerstreuen.
Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er
etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte
er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte,
im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn
schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.
* * * * *
Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten
Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber
herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der
Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch
allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel-
und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen,
auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und
Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer
Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen
seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war
seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu
bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.
Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen
Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch
einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann
neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz
konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch
nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir
nicht.
Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen,
und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen.
Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen
Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen
werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel
bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie
führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues,
starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte
er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo
Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute
er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der
Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß
die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket.
Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen
mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz
Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt
schon längst die Gedanken meines Herzens. -- Gretchen nickte.
Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft
geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so
gern möchte.
Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches
Glückes.
Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm
in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den
Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das
Brett und schnarrte: Jungfer Braut! -- Ja, Du alter Benjamin steckst Deine
Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem
Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze
mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr
segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem
Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« -- ja
da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten
sie ein und Benjamin ebenfalls:
Ich will ihn loben bis in Tod!
Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
Will ich lobsingen meinem Gott;
Der Leib und Seel' gegeben hat,
Werde gepriesen früh und spat.
Halleluja, Halleluja.
Selig, ja selig ist der zu nennen,
Deß Hülfe der Gott Jacob ist,
Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen
Und hofft getrost auf Jesum Christ.
Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
Am besten findet Rath und That.
Halleluja, Halleluja.