ward wieder geliebt -- und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt.
Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; er hing an ihren Blicken, sie
hatte nur über ihn zu bestimmen! -- Als der Sohn der Generalin sie damals
so plötzlich aufgegeben, war sie -- wie schon erzählt -- sehr unglücklich,
doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des
leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe
bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Bründel.
Mit Entzücken ward die Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht so
spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise
versuchen zu müssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal
nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel vergangen. Frau Krauter
machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu
begünstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Börse, und sie führte ein
herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klärchen trauen
zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens Klugheit
war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie
wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im Theater
war sie öfters gewesen, und in künftiger Woche wollte der Graf sie auf eine
Redoute im Theaterlokale führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens.
Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen Modeblättern und
durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge verliehen wurden. Endlich hatte sie
sich für eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu ein grüner
Sammetüberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt
angemessen war. Woher aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in
allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschüssen
geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade
selbst nichts hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in allen Läden
fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei
Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es längst
bezahlen können und würde auch bald wieder Geld die Fülle haben, es war
nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte
sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter zu sein, und dazu
gehörten kaum einige Thaler. Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer
den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein!
sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen würde freilich die Generalin
eine so kleine Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen
gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen
vergessen hätte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden
konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die Zeit der
Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens könntest du das Geld nehmen
und legst es wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand
nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige
Waffe, mit der sie sich vor Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr
gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte
diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand, und das grüne Sammetgewand ist
nothwendig zu deinem Glücke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte
Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände zitterten, als sie in den Kasten
griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter
war und vor dem Spiegel den grünen Sammet probirte, zitterte sie nicht
mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen
flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit gepriesen ward, da
schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges
Geld, denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und Gustchen Vogler war
schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch
der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern
Morgen später als gewöhnlich aufstand, mußte sie es bis zum nächsten
verschieben. Den Tag aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die
Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gütig, von
_der_ Seite war Klärchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die
kleinen Schulden in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster Gelegenheit
wieder borgen zu können. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden
stand, bemerkte sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche. Noch
dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen gesprochen, und der älteste Diener
gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber doch ernsten
Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung
solche Vorschüsse zu machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die
Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die künftige Gemahlin eines
Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung
und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler
ging ihr Weg. Gustchen mußte das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr
am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben. Gustchen war gutmüthig;
sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht
wieder bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte
Klärchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen
ihrer Stellung ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich bei der
Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mußte. Es
war das erste Mal, daß Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen,
und dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen. Mit klopfendem
Herzen wartete sie auf der Mutter Rückkehr; diese aber brachte den
traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so
oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen früh um zehn das Geld
anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht.
Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spät Abends nach
Haus gekommen, aber heut früh verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen
kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertröstet.
Noth bricht Eisen, dachte Klärchen, morgen früh hole ich Geld aus dem
Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal
auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter noch einmal nach dem Grafen
aussehen. Er war noch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen mit
großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie kühner. Sie nahm nahe an
drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die Thür
hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat. Klärchen schrie laut
auf. -- Also doch! sagte die Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das
Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden.
Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, daß
Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß und
besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie der Dieb seien.
Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld
wieder hineinlegen.
Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen,
haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann
Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir
ganz der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggründe
dazu. Ueberhaupt muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von
dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerüchte verbreitet haben.
Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war
dahin. Die Sünde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es,
die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen,
freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber
an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre
erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, hätte sie das zweite
Geld nicht genommen, ja sie würde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt
haben. Seine Liebe war so großmüthig gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war
auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.
Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, getäuschtes Mädchen
sei, daß es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie würde ein achtbares
Offiziercorps es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, wie sie!
Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie
leise.
Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der
Straße umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige
Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.
Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte
sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde sie
geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg
zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers,
wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten.
Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines
solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klärchens
Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame,
von der Sache nicht zu reden und Klärchen bis Ostern ruhig im Dienst zu
behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie diese
Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen aufzulösen, soll das von seiner
Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes
unglückliches Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, daß er Sie zur
Diebin machte.
Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, --
aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte
endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu
schreiben; sie schilderte ihr Unglück, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn
er sie verließe. Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift kaum
zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein.
Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klärchen, Du mußt schnell den
Brief zum Grafen tragen.
Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon.
O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar nicht nöthig gewesen! Sie
bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch
nur noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht über sie gekommen!
Die Mutter war außer sich über den Schmerz der Tochter, sie forschte,
sie tröstete, sie erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen
gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut früh
im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrücken müssen. Er brummte
freilich ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge über
seine Kräfte.
Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin,
und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe,
und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich
wieder.
Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte den Kopf, sie wußte
nur: Guste Vogler würde kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht
wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie redete also der Tochter zu.
Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig
Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut
Abend zu uns bestellen, da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich
die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir noch wie mein
Rechtsgelehrter.
Klärchen wollte eben auffahren, als es an der Thür klopfte. Guste! sagte
sie leise und sah dabei unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.
Soll ich? fragte diese.
Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thür,
sag', ich sei krank.
Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mußte sie die
Besorgung des Briefes an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß nicht
ohne Antwort wieder zu kommen.
Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und
Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle
Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht
sehen zu müssen. Hier lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie
machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein
Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück nicht ertragen können, er wird
selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird
sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. -- Aber wie
ward ihr, als die Mutter in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten
Bescheid: Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe von einem zweiten
Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden
Unannehmlichkeiten, er müsse sich die Sache überlegen und wolle morgen
Bescheid schicken.
Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte sich in einer solchen Nacht
des Unglücks, daß sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die
Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett
liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand
sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne doch noch einen
tröstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurück, wie seine Liebe
da so heiß, seine Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen;
aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind,
die wie Seifenblasen verwehen; sie gehörte zu den Tausenden von thörichten
Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten.
Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die Mutter kam mit dem Briefe,
und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden
geschrieben werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber man muß der
Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darüber
bricht. -- Klärchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb
den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den größeren Theil
der Goldstücke, die der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der
Mutter nur den kleineren zu geben.
* * * * *
Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frühlingssonne
schien auf die belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei
krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber fürchtete sie
sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter
hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu
angeben müssen: Klärchen könne das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich
darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung hätte.
Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen für die Frau Generalin
zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Straße,
vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klärchens Ohren. Klärchen
aber war betrübt und verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das
lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber
war es ihr, daß Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht,
sie mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt machen. Die Tante
war aber nicht so schlimm, als sie gefürchtet.
Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, mußt doch recht krank
gewesen sein.
Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte hinzu, daß der neue Dienst
im Hotel Reinhard gewiß passender für sie sein würde.
Aber ein Gasthof! sagte die Tante.
Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klärchen, ich
bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe
das Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche unter mir. Dazu
bekomme ich 60 Thaler Gehalt und viele Geschenke.
Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der
Tante Haus erreicht. Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der
Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm
in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber
es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. -- Bei den
Worten beugte sie sich über einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als
ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.
Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen her? fragte Klärchen.
Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wußte, daß
Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das
Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner
Stube zur Blüthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die
weißen Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Köpfchen so
still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglöckchen,
und Benjamin hätte mich durch nichts mehr erfreuen können.
Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich
nicht über Blumen freuen.
Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun hilf mir, Klärchen,
Erbsen legen und Salat säen. Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle
recht früh zu haben. -- Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit
stehenden Samen und ging der Tante und Klärchen voran.
Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen zogen daran, der
Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen
auseinander, die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen Schimmer, der
Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben girrten auf den Dächern, und in
den Nachbarsgärten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin
schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß ihm auf der Schulter und rief:
»Jungfer Gretchen, so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine
häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin aber flüsterte dem Vogel
etwas zu, und der schnarrte sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer,
daß selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe
gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah über das Staket hinüber,
Gretchen bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn wohl auch
hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine
Gebete erhört und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme für das
arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. Er wußte ihr Schicksal mit dem
Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre
Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.
Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch
und fröhlich, sein Herz freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte
wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten
Fliederbaume über das Staket und übernahm selbst das Amt des Reihenziehens.
Frau Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock
gestützt, sich von der Frühlingssonne wärmen ließ, schien sich noch mehr zu
erwärmen am Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.
Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glücklichen Menschen.
Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut
ordentlich hübsch vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die Grete
gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den
Fritz so schnöde behandelt zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu
bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen Welt gescheitert, konnte
sie sich das Leben in einem stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz
schon möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes, fleißiges,
ordentliches Mädchen wie Gretchen sein, flüsterte eine Stimme in ihrem
Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen
Wangen.
* * * * *
Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen
freute sich erst an den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz
hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und gesäet, daß Alles lustig
durch einander blühte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte
sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn nach einem schönen,
warmen Sommerregen brach plötzlich ein F. und G. aus der braunen Erde
heraus und war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu lesen.
Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang
lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele.
Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder
aufgeblüht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden
bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Daß dies keinen
weiteren Einfluß auf ihr künftiges Leben haben würde, wußte sie, es waren
Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren
wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und wollte überhaupt mit
vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem
Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes Herz und
Bildung mußte der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stübchen
leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der
Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch
und französisch, ging immer in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und
hatte in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß sie gerade mit ihrer
Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er
ihrer Liebe gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse klar
auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte
200 Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber
sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine
Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war
schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte
Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte
ein Leben wie eine Prinzessin führen, und schalten und walten nach
Wohlgefallen. Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward wieder kühn
in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig und mit sich zufrieden.
Zum 10. August, Klärchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die
Verlobung zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im Voraus einen rosa
Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem
Sopha in ihrem Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh
daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spät dämmerig,
ihre Stubenthür war nur angelehnt, -- da hörte sie zwei flüsternde Stimmen
auf dem Korridor.
Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so
viel Verstand, daß er weiß, was ihm noth thut.
Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher
Mensch wäre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.
Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat
hundert Thaler schlägt er gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und
hat den Narren an ihm gefressen.
Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war in besonderer Aufregung.
Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche
Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte
er so nach Wein geduftet, daß sie ihn darauf angeredet; er aber hatte
gelacht und gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht
probiren wolle, auch wäre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden
Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß der Wein
aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn geübt, hatte Klärchen noch nie
gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar
der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er
sprach so schön. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden,
und näher kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner Moral
beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch
eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es die Leute
wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste
bei der Sache. Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie mußte aus
ihrer Ungewißheit kommen, und verließ deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen
faßte sie an ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf sah sie
in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Küche und erkundigte
sich, für wen der Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin
unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand,
grinsete bei diesen Worten die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen
mußte sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen;
sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich,
wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die
Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende
Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen
ließ, wie es wollte, -- wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke
Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlägen sicher. Und wie
mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen
wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward
ihr ganz bange, und -- wunderlich genug, -- Fritz Buchstein und Tante Rieke
standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor
ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch für dein
leichtsinniges Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht hätte mit ihrem
Sprüchwort: Wie man's treibt, so geht's? -- Aber was sollte sie machen?
Jetzt wieder zurücktreten -- das war unmöglich, ihr Ruf würde darunter noch
mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht
lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist
ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben,
bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend,
sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie
wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon
manche Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn
ändern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat
noch keinen Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie dieser
Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer geben sie sich wieder
den alten Sünden hin. Einen Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht,
gehört die Kraft von oben.
Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen
Morgen Eduard mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit vor
ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mußte sie ihm von
dem Gespräch -- zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es
ihr eine Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine Fehler wußte. Sie
erzählte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher
Dinge glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten hören.
Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte mußten die
Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen
den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber
war er recht froh, daß ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine
genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung
des Betrinkens erklärte er damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und
daß die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, ihm nicht wohl
gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig geworden. O, er that so erzürnt
und erboßt, daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, um ihn wieder
zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, und Beide unterdrückten durch
süße Worte ihre gegenseitigen beängstigenden Gefühle.