zur Verlobung. Zwei Lichter brannten außer der kleinen Lampe, Tassen und
Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der Röhre, die Mutter saß im
Lehnstuhl am Ofen, und Klärchen mit der Guitarre am Arm saß im Sopha. Der
Student kam, die Thür ward verschlossen und nun ward geplaudert, gescherzt,
gekoset. Die Mutter war ganz glücklich. Der Mediziner hatte schon eine
volle Börse deponirt zu Sachen, die für Klärchen nothwendig angeschafft
werden sollten. Sie mußte sich gestehen, daß Klärchen es weit klüger
angefangen als sie: Klärchen that spröder und vornehmer und kommandirte
mehr. Sie bedachte nur nicht, daß das Ende einer klugen Sünderin ein
gleiches ist, als das einer dummen. Klärchen kam zuletzt mit Vorschlägen
zur Veröffentlichung ihrer Verlobung heraus, die für heute darin bestanden,
noch zu Tante Rieke zu gehen. Der Mediziner sah sie erst verblüfft an
und brach dann in ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften
gehabt, das aber war ihm noch nie passirt.
Närrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher Philister sein! Bei uns
ist wohl von Lieben die Rede, aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst
zusieht, hört aller Spaß auf.
Klärchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. Wenn es so gemeint ist,
sind wir geschiedene Leute, sagte sie in höchster Erregung.
Der Student war wieder verblüfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte,
daß er mit dem Mädchen anders verfahren müsse, als er es bisher gewohnt
gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu
kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute
seine gleißenden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie
dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja,
mit einemmal war es ihr, als müsse sie sich von dem Studenten losreißen,
um einem höheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt
die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schönsten Reden; selbst als
er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin
müsse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, -- und als er sie
bestürmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglück, verschloß sie sich
in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war
weicher, als das der Tochter, sie hätte den Unglücklichen gern glücklich
gemacht, -- dazu die schöne volle Börse auf dem Tisch, -- und versuchte ihn
zu beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entließ ihn so nicht
ganz ohne Hoffnung. Klärchen aber that stolz wie eine Königin. Siehst Du,
sagte sie zu ihrer Mutter, so muß man es machen, spaßen lasse ich nicht mit
mir! Und weil sie doch im Inneren eine große Demüthigung fühlte, daß ihr
der Mediziner entschlüpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit
Worten besonders groß, ließ ihr Glück bei den adeligen Herren ahnen, und
um die Mutter vollständig mit dem ersten Abenteuer auszusöhnen, duldete sie
es, daß diese die volle Geldbörse des Mediziners in Verwahrung nahm.
Auf ihrem Stübchen aber brach sie in Thränen aus, nicht Thränen der Reue
über ihren Leichtsinn, nein, sie weinte über ihre Dummheit, sich mit diesem
rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es
der Lieutenant wüßte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren,
war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen
einlassen. Um sich vollständig zu trösten, wiederholte sie sich die
Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, --
sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt
ein.
Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Höhe, und die Köchin,
die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu
werfen, ward wieder ganz ruhig.
Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes
fortwährend auf Klärchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und
holdselig. Der Graf hatte gesagt: das Mädchen sei ganz verteufelt stolz
und spröde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzählt und dabei
fallen lassen, daß ihre Bildung eigentlich über die eines Kammermädchens
hinausgehe. Klärchen hatte das glücklicherweise wieder erlauscht, denn
wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom
Schlüsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll
der tollsten Pläne und Träumereien.
Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant
war eines Morgens abgereist, ohne daß Klärchen etwas davon geahnet. Sie
war plötzlich eine andere, sie war zerstreut und träge, erst der Generalin
ernste Blicke mußten sie wieder etwas zu sich bringen.
Nach einigen Tagen saß die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch
mit Schreiben beschäftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und
ab. Klärchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles
in der Welt hätte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht
fortgeschickt wird, so ist's möglich, dachte sie. Und wirklich ward
er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die
Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit
klopfendem Herzen hörte Klärchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte
sie begleiten müssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszuführen.
Was sie an kleinen Schlüsseln finden konnte, suchte sie zusammen und
versuchte das Schloß zu öffnen. Ihre Hände zitterten, und zehnmal wohl lief
sie nach dem Vorsaal, um zu hören, ob auch Niemand komme. Sie fühlte zum
erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie
von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum
Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen
Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen.
Doch das Schloß wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurück,
Klärchen verließ hastig und scheu das Zimmer.
In ihrem Stübchen überlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich
Vorwürfe über ihre Angst, beredete sich, daß es gar nichts Großes
sei, einen fremden Brief zu lesen, und hätte gern gleich ihre Versuche
wiederholt. Sie mußte aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine
Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei
solchen Dingen bald den Meister, darum heißt es: Hüte dich vor dem ersten
Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan!
Aber auch jetzt bei größerer Ruhe ging das Schloß nicht auf, und Klärchen
mußte die auf's Höchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett
nehmen.
Am andern Morgen ging sie, wie gewöhnlich, im Schlafzimmer der Generalin
einzuheizen. Wie gewöhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der
Schreibtisch-Schlüssel. Ruhig hatte ihn Klärchen immer dort liegen
sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlüssel, verließ
das Schlafzimmer, schloß die Thür hinter sich, auch die nach dem Vorsaal,
obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas zu thun hatte, und
nun schloß sie mit Leichtigkeit das Schlößchen auf. Da stand ein volles
Geldkästchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber
der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte
den Sohn vor dem eignen Herzen: sie möchte ihn vor einer Liebe bewahren,
die ihn, wenn auch nicht für Jahre, doch für Tage unglücklich machen könne.
Darauf schilderte sie Klärchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit,
daß Klärchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge
Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, überbildeten
Träumereien durchschaut. »Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleißig,«
schloß die Generalin diese Schilderung, »darum werde ich sie jetzt nicht
gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu
überwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden
soll.«
Klärchen war in großer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe
Stelle, schloß den Kasten und legte den Schlüssel zurück an seinen Platz.
Die Sache war herrlich geglückt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus
dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte
sie, die Mutter fürchtete. Ihre größte Begierde war von jetzt an, die
Antwort des Sohnes zu lesen; mit höchster Aufmerksamkeit kontrollirte
sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich
entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die
Generalin nahm den Brief in höchster Spannung aus Klärchens Hand und
erbrach ihn schnell. Klärchen aber räumte den Frühstückstisch ab, ordnete
hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die
Leserin, deren Züge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden
und sich endlich in eine fröhliches Lächeln auflösten. Dies Lächeln war ein
Dolchstoß in Klärchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden
als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststück mit der
Eröffnung des Tisches nicht wiederholen.
Doch der Morgen kam, Klärchen heitzte eine halbe Stunde früher als
gewöhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klärchen nahm
den Schlüssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie öffnete schnell
und las:
»Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich
leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, daß es unnöthig war.
Ich leugne nicht, daß mich im Anfange das hübsche Mädchen interessirte und
ich neugierig war, ob wirklich hinter der schönen Hülle das verborgen
sei, was man wünschen und vermuthen mußte. Ich stimme aber ganz mit Dir im
Urtheil über ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke
in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn
überzeugten. Ich fürchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu
überwachen. Graf Bründel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und
Mühe sparen, ein Verhältniß anzuknüpfen,« --
Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie
lauschte, es schien ihr wieder still; aber ihre Angst war groß und sie sah
nur noch nach dem Ende des Briefes:
»Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschäftigt, ehe ich zu Dir
kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem überwältigt, ich
hoffe Dir bald eine würdige Tochter« --
Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klärchen legte
den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und
schloß eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!
Schmerz und Zorn bewegten Klärchens Herz. Hier war also nichts zu
machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas
Ungewöhnliches der Welt gegenüber zu thun! Alle Qualen unglücklicher Liebe,
die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen über sie. Zum Glück
nicht für sehr lange.
* * * * *
Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal
mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte
hell auf den weißen Dächern, die Leute trippelten an einander vorüber,
konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an
den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab.
Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie saß ihrer Mutter
gegenüber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein
Fensterchen in den Eisgrund, schaute, daß der Himmel blau, die Sonne golden
war, dachte an den Frühling, an Blüthen, Bäume und Vögelgesang und andere
schöne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen.
Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines
Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe;
oder ein Vogel hüpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krümlein hin.
Aber auch die Vögel im Garten wurden gefüttert; ein Stückchen Brod war ja
immer übrig vom Frühstück und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus
kam, rief Benjamin einen »guten Tag« aus dem Schiebfensterchen, oder sonst
ein gutes fröhliches Wort.
Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geöffnet, und
die Eisblumen regten und rührten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter,
es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mußte sich
nach ihm erkundigen. -- Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen
Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, daß Fritz
Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nähern wollte. Ihr Zartgefühl
erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben;
aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte
Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt
verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er
dem Jungen nicht, und wußte nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit
der er früher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. -- Heute
aber war von all' den Rücksichten nicht die Rede, Benjamin mußte gepflegt
werden und Gretchen sich auf den Weg zu ihm machen. Sie that es so gern,
und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg führte durch die Werkstatt.
Während dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die
Straße, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause sähe; und wirklich es glückte,
die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen.
Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mürrische Magd, er verlange
aber gar nichts, er wolle die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht
ab, sich zu rüsten. Das Näpfchen mit der warmen Suppe unter dem Mantel
ging sie hinüber zu dem alten Freunde. Die Sonne schien so hell in die
Werkstatt, die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, Fritz
in weißen Hemdsärmeln und schwarzer Tuchweste stand mit Gesellen und
Lehrburschen rüstig bei der Arbeit. Als die Thür sich öffnete und Gretchen
mit dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmütze hineinschaute,
erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen und reichte ihr freundlich die
Hand.
Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen etwas scheu.
Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und seufzte: ja er ist krank, und
es ist recht schlecht von mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das
Näpfchen tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu.
Gretchen ließ es sich gefallen und folgte ihm nun die Treppe hinan. Aus der
warmen Werkstatt traten sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief
in den Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem Bett mit trauriger
Miene, der Dompfaff pickte eben vergebens am zugefrorenen Trinknäpfchen.
Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die Thür sich öffnete, -- armer
Schuster!
Benjamin's Nachtmütze bewegte sich jetzt, und sein freundlich Gesicht kam
zum Vorschein.
Dacht' ich's doch, daß Du kommen würdest, sagte er zu Gretchen, und nun
gieb erst den Vögeln Futter. Dorthe ist schlechter Laune und ist seit
gestern Abend nicht herauf gekommen.
Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, aber vergebens; Fritz
merkte, was sie suchte, und verließ das Zimmer. Eilig kam er wieder mit
einem Töpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe Kohlen. Schweigend
reichte er ihr das Wasser, schweigend machte er Feuer in den Ofen und
sah dann, wie Gretchen die Trinknäpfe der Vögel aufthaute, wie sie ihnen
frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin die Kissen zurechtlegte, ihm den
Tisch vor dem Bette deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend
und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet sprach und Gretchen
mit gefalteten Händen dabei stand, faltete auch er die Hände und betete
mit. Nachdem sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die Hand und
sagte mit bewegter Stimme:
Benjamin, verzeihe mir, daß ich Dich so vergessen konnte, ich bin recht
traurig darüber.
Benjamin nahm seine Hand in beide Hände und drückte sie herzlich. Dann
wandte sich Fritz zu Gretchen:
Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme mich vor Euch und vor Gott, daß
ich so lieblos sein konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen.
Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und
auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. -- Herr, dein Wille geschehe!
-- Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so versöhnlichem
Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden, er fühlte, wohin der Herr
ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken
seines Herzens mußte er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte
wuchern lassen!
Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mußte aber das Versprechen
geben, wieder zu kommen.
Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um
Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen
Fehler gut gemacht habe.
Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen
Leute verließen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile,
um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal zu Euch kommen wollen,
-- aber das böse Wetter, -- man ist so eingeschneit.
Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen.
Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im
Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten
Geranientopf legte, ward er noch verlegener. -- Den armen Topf habe ich
auch vergessen, aber ich will ihn doch begießen. -- Gretchens Hand fuhr
erschrocken zurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In
diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen,
obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der
geringste Anstoß mußte es hinunter stoßen.
Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei kamen, nöthigte Gretchen,
den Vater zu begrüßen. Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl
mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen
Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich
stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein
Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide
Hände entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja
schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie viele Tage er noch
zu zählen hat! Aber er soll glücklich sein, Gretchens Hand soll seines
Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem
Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus
seinem Herzen verschwunden.
Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig
gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der
Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein
Buchladen, und als Fritz oben sein Geschäft beendet, trat er unten in den
Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen
es gern, wenn er sich hin und wieder hübsche Bücher ansah, denn nicht
selten kaufte er auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert
und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung, als er den Laden
verließ. Sein Weg führte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der
Kälte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte
er zwischen den Leuten Klärchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht
widerstehen, er mußte erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und
Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und
schön mit dunkelblondem Haar und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging
das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte sich, aber er
konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer
halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb
nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen
Zettelträger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Bründel,
war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er
wohl gehört: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison,
-- Klärchen seine Geliebte! -- Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen
beschäftigt, als Benjamin krank war; darüber hatte er Alles um sich her
vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf
Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei.