und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen
gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin versicherte ihre
Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern
geglaubt wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig zeigte.
Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wäre und oft
nicht ganz unbefangen aus den Augen sähe; doch tröstete sich die Generalin
mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und ließ sich nichts
merken, und Weihnachten ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das
war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei
den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte
sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß vom Lohn und vom
Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber
bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird ein andermal
gesorgt; hatte sie doch den unächten Shawl, die Brosche und den Sammethut
sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie
nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am
Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine
wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie
hatte hier öfters mit ihm flüchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit
hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der
Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu, drückte ihr einen Brief in die
Hand und eilte die Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug ihr
Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen
geschrieben werden, um thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu
machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem
andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mädchen
eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die Empfängerin aber meint,
das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie
ist vor vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen von heißer
Liebe, von unerträglichen Qualen und ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr
glaubwürdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte aber ein
Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man muß ihn wieder
lieben. Schmerz oder Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle
sind ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese Ewigkeit der
Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man
hat zwar schon oft davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese
Schilderungen müssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klärchen, als sie ihren
Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte
sie es so weit gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht
länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie hätte gern gleich
geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte
versprochen um 6 Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine
Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn
auch in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natürlich auf dem
Herzen.
Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es
Punsch und Kuchen, und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und sang,
ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für die jungen Leute gab es
mancherlei Spaß, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr
heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute
nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als
ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken,
schmunzelte aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter müsse etwas
stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gästen war, sah sie scharf an
bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man
lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte Klärchens Schweigsamkeit
nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr
unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das
er sagte: selbst Klärchen mußte gestehen, daß er ein ausgezeichneter
Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine
Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet, sie wußte selbst nicht
wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie
beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und männlich.
Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gönnen, obgleich sie selbst
himmelhoch über ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und
solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen
trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben:
er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mädchen den
Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane
zu finden ist, für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell
vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen.
Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend;
es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner
guten Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl
die Neugierigste bin.
Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte
einen großen Napf mit Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte
sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte
dafür kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden
Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die
anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und
Gretchen und Klärchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der
Hauptspaß war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben
sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich
drückten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler
scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise
Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu schoß und nicht wieder von ihr
ließ, was auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das Schütteln
aber hatte zur Folge, daß die anderen vier Schiffe sich zu einem Häufchen
gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber
stand.
Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der
die Herzen seiner Freunde prüft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar
nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen;
doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen es, den Schiffchen Namen zu
geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie
besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn
das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere
junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten:
das passe sich gar nicht, wenn er da großartig in der Mitte stehe, und sie
sollten sich um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur für Mädchen.
Klärchen aber war ganz erhoben über diesen Spaß, ihre Gedanken waren
längst nicht mehr hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe und
Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen
nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog
hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen
auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klärchen warf
die Lippen auf und warf einen verächtlichen Seitenblick auf den
Tischlergesellen, so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden
mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort
auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es
sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mädchen stießen sich an, Klärchen
hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau
Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen,
bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst
gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht muß ein jedes Mädchen
stolz und spröde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden.
Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert, und die Sache war
abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch längst
Klärchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere
Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein
guter bald ein böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten
und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen
so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner
Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben
und Treiben -- die Augen der Liebe sehen scharf --, auch wußte er daß der
Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten
Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz
ward von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt.
Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde
ernsthafter. Die Alten erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war
das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er übernahm
es auch später gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem
90. Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller,
die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre
uns bedenken daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, -- schaute
er auf und sah Klärchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klärchen konnte den
Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam.
Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschluß passend, und dann das
schöne Lied:
Jahre gehn und fliehen,
Blumen, die da blühen,
Welken traurig ab!
Was da grünend stehet,
Wandelt und vergehet
In ein düstres Grab!
Bleiben _wir_ wohl ewig hier? --
Was genommen ist von Erden,
Muß zur Erde werden.
Eines unter Allen
Kann nicht fliehn und fallen,
Wenn auch Alles fällt:
Was aus Gott geboren,
Gehet nicht verloren
In dem Grab der Welt;
Seine Zeit heißt Ewigkeit --
Selig, wer in guten Stunden
Dieses Eine funden.
Der für uns gestorben,
Hat es uns erworben
Einst mit seinem Blut;
Jesus, unser Leben,
Kann dem Sünder geben
Dieses Eine Gut;
Seine Kraft bewirkt und schafft,
Daß geweihet sei die Seele
Mit dem Lebensöle.
Weichet, Lust und Sünde!
Einem Gotteskinde
Habt ihr nichts mehr an.
Denn dem Gott der Ehren
Muß mein Herz gehören,
Ihm dem Schmerzensmann.
Ihm erkauft, auf ihn getauft,
Steh ich in dem Grund der Gnaden.
Was kann da mir schaden?
Tage, Jahre, fliehet!
Lust und Glanz, verblühet!
Gräber, öffnet euch!
Wenn die Glieder sterben,
Werd ich ja ererben
Meines Heiland's Reich!
Wär sie nah', ach wär sie da,
Jene Zeit, da ich erstritten
Gottes ew'ge Hütten!
Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht hinzuhören und sich mit
anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme
klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so ernst, sie mußte hören,
und je länger er las, desto aufmerksamer hören. Von Sterben -- Grab -- und
Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr abergläubig Herz
nahm die Bangigkeit für böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der
Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht
und nicht die ewigen Hütten; nein, über den Tod hinaus geht keine Hoffnung.
O, so häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben, und gerade heute
das anzuhören ist sehr störend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig
aus, als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein
Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demüthig zu ihm aufschaut -- solche
Blicke müssen sein Herz rühren.
Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten sich zum Gebet. Auch
Klärchen mußte so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der
Teufel hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der
Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die
Lust und Unruhe der Welt.
Beim Heimgehen fand es sich, daß Frau Krauter mit den Andern einen Weg
hatte, und nur Klärchen allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite
mußte; es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause führen. Sie aber
sträubte sich, denn nichts wäre ihr drückender gewesen, als ein einsamer
Weg mit diesem sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der
Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige auf den Straßen zu finden
sind, darf kein junges Mädchen allein gehen, hieß es, und Klärchen mußte
sich fügen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich eben zu sehr in
eine Gottes-Welt vertieft, als daß ihn die kleinen Bewegungen der irdischen
Welt hätten berühren können. Er sah Klärchen ruhig und fest in die Augen
und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: doch wehten außen Sturm und
Regen so sehr, und Klärchen ging so rasch, daß er schweigen mußte. Jetzt
standen sie vor der Hausthür. Klärchen nahm den Schlüssel und schloß auf.
Der Mond brach eben durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz und
Klärchen, sie sah unwillkürlich auf zu ihm: da ruheten seine dunklen Augen
so traurig auf ihrem frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mußte
ihre hineinlegen. Klärchen, sagte er mit bewegter Stimme, wir stehen jetzt
am Anfang eines neuen Jahres. Der Herr wolle uns segnen, daß wir am Ende
desselben mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter Ehre
mögen darauf zurückschauen. Der Herr behüte Sie!
Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das Haus, aber mußte erst
einige Augenblicke sich vom Schrecken erholen.
Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da will ich selbst für sorgen.
Und das Gewissen? ich werde doch kein Verbrechen begehen? -- Sie suchte mit
Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschütteln, und das sollte ihr
leider nicht schwer werden. Als sie die erste Treppe hinauf war und eben
den Zugang, der zur Etage bei Generalin führte, öffnen wollte, kam Jemand
von oben herunter. Sie zögerte, -- ja es war der Mediziner. Er hatte den
Sylvester-Abend etwas lauter und wilder gefeiert als Klärchen, sein Gesicht
glühte von Wein und Punsch, und seit geraumer Zeit hatte er mit Ungeduld
auf Klärchens Rückkehr gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer
von den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, diese Ausdrücke von
erhabenen Gefühlen -- Klärchen konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte
flüsternd süße Liebesphrasen, duldete, daß er sie küßte, und als sie sich
endlich losriß, mußte sie ihm das Versprechen geben, für eine recht baldige
ungestörte Zusammenkunft zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer
Mutter konnten sie das haben; denn die wird dem Glück der Tochter nichts
entgegensetzen. Und, fügte Klärchen hinzu, es ist auch nöthig daß wir
besprechen, wie es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da
manches zu thun. --
Närrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird denn an so alberne Dinge
denken? Wir leben in der Gegenwart, das andere fügen die Götter. -- Dann
fügte er einige zärtliche Worte hinzu und ging die Treppe hinauf.
Diese letzten Worte gingen Klärchen eisig über die grünen Auen ihres
Glückes, doch dachte sie nicht weiter darüber nach und legte sich in süßer
Betäubung zur Ruhe.
Am anderen Morgen wachte sie später auf als gewöhnlich. Ihre gütige
Dame hatte sie nicht zur gewöhnlichen Zeit wecken lassen, damit sie den
versäumten Schlaf nachholen möge. Und dennoch konnte sie sich nicht zurecht
finden. Es war ihr so wüst im Kopfe und so nüchtern im Herzen, sie mußte
sich ordentlich erst klar machen, daß sie sehr glücklich sei, und trotz des
Vorredens blieb sie unruhig. Wird er Ernst machen? Wird er sich öffentlich
verloben? Wird er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie thöricht
genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer Seite immer noch große
Vorsicht, das Alles zu erreichen. So dumm wie ihre Mutter, der der
Rechtsgelehrte unter den Händen entwischt ist, wollte sie nicht sein,
dachte Klärchen; und so denken alle thörichten Mädchen, die leichsinnige
Liebschaften anknüpfen. Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen
meistens ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu Ende bringen, bis
ihnen dann das reine Herz, Ehre, und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber
unter den Händen entschlüpft sind.
Als Klärchen zur Frau Generalin ging, um ihr wie gewöhnlich bei der
Toilette behülflich zu sein, fand sie dieselbe schon fertig angekleidet
beim Frühstück, und neben ihr saß bei demselben ein junger schöner
schlanker Mann in Gardeuniform. Klärchen entschuldigte sich wegen des
späten Kommens; die Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei:
Ich habe gestern Abend auch eine große Ueberraschung gehabt, mein Sohn kam
unerwartet an. -- Der junge Mann war bei Klärchens Eintreten aufgestanden,
ihre Schönheit und ihr feines Wesen bestimmten ihn, höflicher zu
grüßen, als er es gethan haben würde, hätte er gewußt daß seiner Mutter
Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas verlegen, Klärchen merkte
Alles, -- ein koquettes Mädchen ist sehr feinfühlend in solchen Dingen --
und ihr ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen Manne angepaßt. Sie
ging ordnend im Zimmer hin und her, that, was in der Schlafstube nebenan
zu thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu machen. Sie wußte selbst
nicht recht wie sie dazu kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen
dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner war wirklich häßlich
dagegen zu nennen, und wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen!
Freilich, tröstete sie sich, er ist ein Student, und die meinen, sie müssen
burschikos sein; wenn er bei seiner Mutter, der Frau Präsidentin sitzt,
wird er auch anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders sein, dachte
sie weiter, er soll fein und nobel werden wie der Gardelieutenant!
Das Haus war durch die Neujahrs-Glückwünschenden so belebt, daß es dem
Mediziner unmöglich ward, Klärchen zu sehen. Auch den Abend war große
Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort Bewegung auf der
Treppe. Er war sehr ungeduldig und wußte kaum wie er die Zeit hinbringen
sollte. Klärchen ging es nicht so, sie war heut so beschäftigt und
hingenommen, daß sie kaum Zeit hatte an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt
hatte sie fast nur alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge
Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. Klärchen, im
hellblauen Musselin-Kleide mit freiem Hals und freien Armen, stand vor der
singenden Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten und wohl
durchdufteten Zimmern hin und her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie
geworden: die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie ging, bis
leider die Generalin sehr ernste Blicke auf sie warf und ihr huldreich
sagte, sie möchte sich nicht weiter bemühen, der Bediente solle allein
aufwarten. Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. Kaum
hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als er sein Fenster öffnete und
leise mit den Händen klappte. Klärchen hatte eigentlich nicht große Lust
ihn jetzt zu sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand sich gar
zu schön, der Mediziner mußte sie sehen, mußte sich überzeugen, daß sie mit
ihrer Erscheinung in die Salons einer Präsidentin passe, ja ihr Hochmuth
und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, daß sie meinte, er müsse
sich glücklich schätzen sie zu gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr
nicht noch ein größeres Glück bestimmt gewesen. Der junge Graf, der heut
mit in der Gesellschaft war, hatte sie nicht aus den Augen gelassen, und
der Generalin Sohn, der außer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut in
Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewiß schon sterblich in sie
verliebt. Klärchen hatte viel Romane gelesen, sie wußte, daß nicht selten
arme Mädchen vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte Ahnung
einer großen Zukunft. Mit solchen Gedanken trat sie auf den Flur,
der Mediziner stand schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes,
herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schönheit, verschluckte er die groben
ungeduldigen Liebesvorwürfe, die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich
nur, daß er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klärchen entgegnete,
dies sei ein unschicklicher Platz sich zu sprechen, und beschied ihn zum
nächsten Abend zu ihrer Mutter. Daß er sie küßte und zärtlich ward, litt
sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schützen nicht vor bösen Herzensgelüsten,
nein, es sind gerade sehr verträgliche Schwestern, die sich gegenseitig
hegen und pflegen.
Am andern Morgen saß Klärchen, wie gewöhnlich, nähend im Vorzimmer. Der
Lieutenant trat ein und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbörse wieder
zu befestigen. Während sie es mit den feinen geschickten Händen that, stand
er schweigend vor ihr. Auch Klärchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete.
Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, wie sie aufschaute,
ihm dann die Börse gab -- es mußte das Alles das Herz des Lieutenants
bestürmen. Klärchen merkte, daß er gern eine Unterhaltung mit ihr
angeknüpft hätte, doch die Schritte der Generalin waren im Nebenzimmer
hörbar, und er verließ sie mit einem kurzen verbindlichen Danke.
Der Tag verging mit Plänen für heut Abend; und wenn auch das Bild des
Lieutenants sich zuweilen dazwischen drängte, so schob sie es mit Gewalt
zurück. Der Mediziner muß sich heut Abend feierlich mit dir verloben, wo
möglich müssen wir heut Abend noch Brautvisite bei Tante Rieke machen.
Was wird die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen vor der
Schwiegertochter einer Frau Präsidentin. Der Mediziner mußte morgen früh
selbst die Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens ihr
eine andere Stellung geben; die Hälfte des Wechsels mußte er ihr gleich
überlassen, um für Toilette und Wäsche zu sorgen; sie war nun aus aller
Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig kaufen und so alle Sachen.
In dieser Weise flogen ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten,
und es war ihr recht unangenehm, daß sie ihrer Herrin noch von 6 bis 7 Uhr
vorlesen sollte. Die Frau Generalin aber war ganz allein, erwartete den
Sohn erst zum Abend zurück, und Klärchen mußte wie gewöhnlich ihr auf
diese Weise die Zeit vertreiben. Sie las heut besonders schlecht, und die
Generalin war eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thür sich öffnete
und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich in eine dunkle Ecke, und
die Mutter bemerkte: sie wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In
Klärchen schien plötzlich eine andere Kraft gefahren, sie las besonders
schön und mit ganz anderer, bewegter Stimme. Der Lieutenant wandte keinen
Blick von ihr, und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das Zimmer
verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne.
Lieber Alfred, sagte sie lächelnd, ich glaube, so lange Ihr jungen,
leichtfertigen Leute hier bei mir ein- und ausgeht, muß ich das Mädchen aus
dem Haus thun.
Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du fürchtest
doch nicht --
Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug wärest, ein Mädchen
thörichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich
nicht.
Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese Schönheit, und Graf
Bründel, glaube ich, früge allerdings nicht viel danach, ob er ein thöricht
Mädchen thörichter mache.
So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht, -- entgegnete die Mutter
besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, -- fügte sie zögernd
hinzu.
Gewiß, sagte Alfred treuherzig und reichte der Mutter die Hand; und sollte
es wirklich gefährlich werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, --
schloß er scherzend.
Diese Unterredung hatte Klärchen durch das Schlüsselloch mit angehört, denn
Horchen war in den zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in dich
verliebt, und Alfred ist doch der Schönste und Edelste. Seinen Spaß würde
er nie mit dir treiben: zeigt der dir Liebe, so wäre es Ernst. Sie seufzte.
Ja, hätte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, sie hätte es
wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich küssen lassen, hatte eine
Liebschaft an der Treppe gehabt; Frau von Trautstein konnte sie nicht
werden. Also nur kühn den Mediziner festgehalten, er ist auch ein Mann von
Bedeutung und so sehr verliebt, es läßt sich Alles mit ihm machen.