Wir fuhren nun über Berg und Tal Tag und Nacht immerfort. Ich hatte gar
nicht Zeit, mich zu besinnen, denn wo wir hinkamen, standen die Pferde
angeschirrt, ich konnte mit den Leuten nicht sprechen, mein
Demonstrieren half also nichts; oft, wenn ich im Wirtshause eben beim
besten Essen war, blies der Postillion, ich mußte Messer und Gabel
wegwerfen und wieder in den Wagen springen und wußte doch eigentlich gar
nicht, wohin und weswegen ich just mit so ausnehmender Geschwindigkeit
fortreisen sollte.
Sonst war die Lebensart gar nicht so übel. Ich legte mich, wie auf einem
Kanapee, bald in die eine, bald in die andere Ecke des Wagens und lernte
Menschen und Länder kennen, und wenn wir durch Städte fuhren, lehnte ich
mich auf beide Arme zum Wagenfenster heraus und dankte den Leuten, die
höflich vor mir den Hut abnahmen, oder ich grüßte die Mädchen an den
Fenstern wie ein alter Bekannter, die sich dann immer sehr verwunderten
und mir noch lange neugierig nachguckten.
Aber zuletzt erschrak ich sehr. Ich hatte das Geld in dem gefundenen
Beutel niemals gezählt, den Postmeistern und Gastwirten mußte ich
überall viel bezahlen, und ehe ich michs versah, war der Beutel leer.
Anfangs nahm ich mir vor, sobald wir durch einen einsamen Wald führen,
schnell aus dem Wagen zu springen und zu entlaufen. Dann aber tat es mir
wieder leid, nun den schönen Wagen so allein zu lassen, mit dem ich
sonst wohl noch bis ans Ende der Welt fortgefahren wäre.
Nun saß ich eben voller Gedanken und wußte nicht aus noch ein, als es
auf einmal seitwärts von der Landstraße abging. Ich schrie zum Fenster
heraus auf den Postillion: wohin er denn fahre? Aber ich mochte
sprechen, was ich wollte, der Kerl sagte immer bloß: »Si, si, Signore!«
und fuhr immer über Stock und Stein, daß ich aus einer Ecke des Wagens
in die andere flog.
Das wollte mir gar nicht in den Sinn, denn die Landstraße lief gerade
durch eine prächtige Landschaft auf die untergehende Sonne zu, wohl wie
in ein Meer von Glanz und Funken. Von der Seite aber, wohin wir uns
gewendet hatten, lag ein wüstes Gebirge vor uns mit grauen Schluchten,
zwischen denen es schon lange dunkel geworden war. -- Je weiter wir
fuhren, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Endlich kam der Mond
hinter den Wolken hervor und schien auf einmal so hell zwischen die
Bäume und Felsen herein, daß es ordentlich grauslich anzusehen war. Wir
konnten nur langsam fahren in den engen steinichten Schluchten, und das
einförmige, ewige Gerassel des Wagens schallte an den Steinwänden weit
in die stille Nacht, als führen wir in ein großes Grabgewölbe hinein.
Nur von vielen Wasserfällen, die man aber nicht sehen konnte, war ein
unaufhörliches Rauschen tiefer im Walde, und die Käuzchen riefen aus der
Ferne immer fort: »Komm mit, komm mit!« -- Dabei kam es mir vor, als
wenn der Kutscher, der, wie ich jetzt erst sah, gar keine Uniform hatte
und kein Postillion war, sich einigemal unruhig umsähe und schneller zu
fahren anfing, und wie ich mich recht zum Wagen herauslegte, kam
plötzlich ein Reiter aus dem Gebüsche hervor, sprengte dicht vor unsern
Pferden quer über den Weg und verlor sich sogleich wieder auf der
anderen Seite im Walde. Ich war ganz verwirrt, denn, soviel ich bei dem
hellen Mondschein erkennen konnte, war es dasselbe bucklige Männlein auf
seinem Schimmel, das in dem Wirtshause mit der Adlernase nach mir
gehackt hatte. Der Kutscher schüttelte den Kopf und lachte laut auf über
die närrische Reiterei, wandte sich aber dann rasch zu mir um, sprach
sehr viel und sehr eifrig, wovon ich leider nichts verstand, und fuhr
dann noch rascher fort.
Ich aber war froh, als ich bald darauf von fern ein Licht schimmern sah.
Es fanden sich nach und nach noch mehrere Lichter, sie wurden immer
größer und heller, und endlich kamen wir an einigen verräucherten Hütten
vorüber, die wie Schwalbennester auf dem Felsen hingen. Da die Nacht
warm war, so standen die Türen offen, und ich konnte darin die
hellerleuchteten Stuben und allerlei lumpiges Gesindel sehen, das wie
dunkle Schatten um das Herdfeuer herumhockte. Wir aber rasselten durch
die stille Nacht einen Steinweg hinan, der sich auf einen hohen Berg
hinaufzog. Bald überdeckten hohe Bäume und herabhängende Sträucher den
ganzen Hohlweg, bald konnte man auf einmal wieder das ganze Firmament
und in der Tiefe die weite stille Runde von Bergen, Wäldern und Tälern
übersehen. Auf dem Gipfel des Berges stand ein großes altes Schloß mit
vielen Türmen im hellsten Mondschein. -- »Nun Gott befohlen!« rief ich
aus und war innerlich ganz munter geworden vor Erwartung, wohin sie mich
da am Ende noch bringen würden.
Es dauerte wohl noch eine gute halbe Stunde, ehe wir endlich auf dem
Berge am Schloßtore ankamen. Das ging in einen breiten, runden Turm
hinein, der oben schon ganz verfallen war. Der Kutscher knallte dreimal,
daß es weit in dem alten Schlosse widerhallte, wo ein Schwarm von Dohlen
ganz erschrocken plötzlich aus allen Luken und Ritzen herausfuhr und mit
großem Geschrei die Luft durchkreuzte. Darauf rollte der Wagen in den
langen, dunklen Torweg hinein. Die Pferde gaben mit ihren Hufeisen Feuer
auf dem Steinpflaster, ein großer Hund bellte, der Wagen donnerte
zwischen den gewölbten Wänden. Die Dohlen schrien noch immer dazwischen
-- so kamen wir mit einem entsetzlichen Spektakel in den engen
gepflasterten Schloßhof.
Eine kuriose Station! dachte ich bei mir, als nun der Wagen stillstand.
Da wurde die Wagentür von draußen aufgemacht, und ein alter langer Mann
mit einer kleinen Laterne sah mich unter seinen dicken Augenbrauen
grämlich an. Er faßte mich dann unter den Arm und half mir, wie einem
großen Herrn, aus dem Wagen heraus. Draußen vor der Haustür stand eine
alte, sehr häßliche Frau in schwarzem Kamisol und Rock, mit einer weißen
Schürze und schwarzen Haube, von der ihr ein langer Schnipper bis an die
Nase herunterhing. Sie hatte an der einen Hüfte einen großen Bund
Schlüssel hängen und hielt in der andern einen altmodischen Armleuchter
mit zwei brennenden Wachskerzen. Sobald sie mich erblickte, fing sie an,
tiefe Knickse zu machen, und sprach und frug sehr viel durcheinander.
Ich verstand aber nichts davon und machte immerfort Kratzfüße vor ihr,
und es war mir eigentlich recht unheimlich zumute.
Der alte Mann hatte unterdes mit seiner Laterne den Wagen von allen
Seiten beleuchtet und brummte und schüttelte den Kopf, als er nirgend
einen Koffer oder Bagage fand. Der Kutscher fuhr darauf, ohne Trinkgeld
von mir zu fordern, den Wagen in einen alten Schuppen, der auf der Seite
des Hofes schon offen stand. Die alte Frau aber bat mich sehr höflich
durch allerlei Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte mich mit ihren
Wachskerzen durch einen langen schmalen Gang, und dann eine kleine
steinerne Treppe herauf. Als wir an der Küche vorbeigingen, streckten
ein paar junge Mägde neugierig die Köpfe durch die halbgeöffnete Tür und
guckten mich so starr an und winkten und nickten einander heimlich zu,
als wenn sie in ihrem Leben noch kein Mannsbild gesehen hätten. Die Alte
machte endlich oben eine Tür auf, da wurde ich anfangs ordentlich ganz
verblüfft. Denn es war ein großes, schönes, herrschaftliches Zimmer mit
goldenen Verzierungen an der Decke, und an den Wänden hingen prächtige
Tapeten mit allerlei Figuren und großen Blumen. In der Mitte stand ein
gedeckter Tisch mit Braten, Kuchen, Salat, Obst, Wein und Konfekt, daß
einem recht das Herz im Leibe lachte. Zwischen den beiden Fenstern hing
ein ungeheurer Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte.
Ich muß sagen, das gefiel mir recht wohl. Ich streckte mich ein paarmal
und ging mit langen Schritten vornehm im Zimmer auf und ab. Dann konnt
ich aber doch nicht widerstehen, mich einmal in einem so großen Spiegel
zu besehen. Das ist wahr, die neuen Kleider vom Herrn Leonhard standen
mir recht schön, auch hatte ich in Italien so ein gewisses feuriges Auge
bekommen, sonst aber war ich gerade noch so ein Milchbart, wie ich zu
Hause gewesen war, nur auf der Oberlippe zeigten sich erst ein paar
Flaumfedern.
Die alte Frau mahlte indes in einem fort mit ihrem zahnlosen Munde, daß
es nicht anders aussah, als wenn sie an der langen herunterhängenden
Nasenspitze kaute. Dann nötigte sie mich zum Sitzen, streichelte mir mit
ihren dürren Fingern das Kinn, nannte mich »Poverina!« wobei sie mich
aus den roten Augen so schelmich ansah, daß sich ihr der eine Mundwinkel
bis an die halbe Wange in die Höhe zog, und ging endlich mit einem
tiefen Knicks zur Tür hinaus.
Ich aber setzte mich zu dem gedeckten Tisch, während eine junge hübsche
Magd hereintrat, um mich bei der Tafel zu bedienen. Ich knüpfte allerlei
galanten Diskurs mit ihr an, sie verstand mich aber nicht, sondern sah
mich immer ganz kurios von der Seite an, weil mirs so gut schmeckte,
denn das Essen war delikat. Als ich satt war und wieder aufstand, nahm
die Magd ein Licht von der Tafel und führte mich in ein anderes Zimmer.
Da war ein Sofa, ein kleiner Spiegel und ein prächtiges Bett mit
grünseidenen Vorhängen. Ich frug sie mit Zeichen, ob ich mich da hinein
legen sollte? Sie nickte zwar: ja, aber das war denn doch nicht möglich,
denn sie blieb wie angenagelt bei mir stehen. Endlich holte ich mir noch
ein großes Glas Wein aus der Tafelstube herein und rief ihr zu:
»_Felicissima notte!_« denn so viel hatt ich schon Italienisch gelernt.
Aber wie ich das Glas so auf einmal ausstürzte, bricht sie plötzlich in
ein verhaltenes Kichern aus, wird über und über rot, geht in die
Tafelstube und macht die Tür hinter sich zu. Was ist da zu lachen?
dachte ich ganz verwundert, ich glaube, die Leute in Italien sind alle
verrückt.
Ich hatte nun nur immer Angst vor dem Postillion, daß der gleich wieder
zu blasen anfangen würde. Ich horchte am Fenster, aber es war alles
still draußen. Laß ihn blasen! dachte ich, zog mich aus und legte mich
in das prächtige Bett. Das war nicht anders, als wenn man in Milch und
Honig schwömme! Vor den Fenstern rauschte die alte Linde im Hofe,
zuweilen fuhr noch eine Dohle plötzlich vom Dache auf, bis ich endlich
voller Vergnügen einschlief.