Als ich wieder erwachte, spielten schon die ersten Morgenstrahlen an den
grünen Vorhängen über mir. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich
eigentlich wäre. Es kam mir vor, als führe ich noch immer fort im Wagen,
und es hätte mir von einem Schlosse im Mondschein geträumt und von einer
alten Hexe und ihrem blassen Töchterlein.
Ich sprang endlich rasch aus dem Bette, kleidete mich an und sah mich
dabei nach allen Seiten in dem Zimmer um. Da bemerkte ich eine kleine
Tapetentür, die ich gestern gar nicht gesehen hatte. Sie war nur
angelehnt, ich öffnete sie und erblickte ein kleines nettes Stübchen,
das in der Morgendämmerung recht heimlich aussah. Über einem Stuhl waren
Frauenkleider unordentlich hingeworfen, auf einem Bettchen daneben lag
das Mädchen, das mir gestern abends bei der Tafel aufgewartet hatte. Sie
schlief noch ganz ruhig und hatte den Kopf auf den weißen bloßen Arm
gelegt, über den ihre schwarzen Locken herabfielen. »Wenn die wüßte, daß
die Tür offen war!« sagte ich zu mir selbst und ging in mein
Schlafzimmer zurück, während ich hinter mir wieder schloß und
verriegelte, damit das Mädchen nicht erschrecken und sich schämen
sollte, wenn sie erwachte.
Draußen ließ sich noch kein Laut vernehmen. Nur ein früh erwachtes
Waldvöglein saß vor meinem Fenster auf einem Strauch, der aus der Mauer
herauswuchs, und sang schon sein Morgenlied. »Nein,« sagte ich, »du
sollst mich nicht beschämen und allein so früh und fleißig Gott loben!«
-- Ich nahm schnell meine Geige, die ich gestern auf das Tischchen
gelegt hatte, und ging hinaus. Im Schlosse war noch alles totenstill,
und es dauerte lange, ehe ich mich aus den dunklen Gängen ins Freie
herausfand.
Als ich vor das Schloß heraustrat, kam ich in einen großen Garten, der
auf breiten Terrassen, wovon die eine immer tiefer war als die andere,
bis auf den halben Berg herunterging. Aber das war eine liederliche
Gärtnerei. Die Gänge waren alle mit hohem Grase bewachsen, die
künstlichen Figuren von Buchsbaum waren nicht beschnitten und streckten,
wie Gespenster, lange Nasen oder ellenhohe spitzige Mützen in die Luft
hinaus, daß man sich in der Dämmerung ordentlich davor hätte fürchten
mögen. Auf einige zerbrochene Statuen über einer vertrockneten
Wasserkunst war gar Wäsche aufgehängt, hin und wieder hatten sie mitten
im Garten Kohl gebaut, dann kamen wieder ein paar ordinäre Blumen, alles
unordentlich durcheinander und von hohem, wildem Unkraut überwachsen,
zwischen dem sich bunte Eidechsen schlängelten. Zwischen die alten,
hohen Bäume hindurch aber war überall eine weite, einsame Aussicht, eine
Bergkoppe hinter der andern, so weit das Auge reichte.
Nachdem ich so ein Weilchen in der Morgendämmerung durch die Wildnis
umherspaziert war, erblickte ich auf der Terrasse unter mir einen
langen, schmalen, blassen Jüngling in einem langen braunen Kaputrock,
der mit verschränkten Armen und großen Schritten auf und ab ging. Er
tat, als sähe er mich nicht, setzte sich bald darauf auf eine steinerne
Bank hin, zog ein Buch aus der Tasche, las sehr laut, als wenn er
predigte, sah dabei zuweilen zum Himmel und stützte dann den Kopf ganz
melancholisch auf die rechte Hand. Ich sah ihm lange zu, endlich wurde
ich doch neugierig, warum er denn eigentlich so absonderliche Grimassen
machte, und ging schnell auf ihn zu. Er hatte eben einen tiefen Seufzer
ausgestoßen und sprang erschrocken auf, als ich ankam. Er war voller
Verlegenheit, ich auch, wir wußten beide nicht, was wir sprechen
sollten, und machten immerfort Komplimente voreinander, bis er endlich
mit langen Schritten in das Gebüsch Reißaus nahm. Unterdes war die Sonne
über dem Walde aufgegangen, ich sprang auf die Bank hinauf und strich
vor Lust meine Geige, daß es weit in die stillen Täler herunterschallte.
Die Alte mit dem Schlüsselbunde, die mich schon ängstlich im ganzen
Schlosse zum Frühstück aufgesucht hatte, erschien nun auf der Terrasse
über mir und verwunderte sich, daß ich so artig auf der Geige spielen
konnte. Der alte grämliche Mann vom Schlosse fand sich dazu und
verwunderte sich ebenfalls, endlich kamen auch noch die Mägde, und alles
blieb oben voller Verwunderung stehen, und ich fingerte und schwenkte
meinen Fiedelbogen immer künstlicher und hurtiger und spielte Kadenzen
und Variationen, bis ich endlich ganz müde wurde.
Das war nun aber doch ganz seltsam auf dem Schlosse! Kein Mensch dachte
da ans Weiterreisen. Das Schloß war auch gar kein Wirtshaus, sondern
gehörte, wie ich von der Magd erfuhr, einem reichen Grafen. Wenn ich
mich dann manchmal bei der Alten erkundigte, wie der Graf heiße, wo er
wohne, da schmunzelte sie immer bloß wie den ersten Abend, da ich auf
das Schloß kam, und kniff und winkte mir so pfiffig mit den Augen zu,
als wenn sie nicht recht bei Sinne wäre. Trank ich einmal an einem
heißen Tage eine ganze Flasche Wein aus, so kicherten die Mägde gewiß,
wenn sie die andere brachten, und als mich dann gar einmal nach einer
Pfeife Tabak verlangte, ich ihnen durch Zeichen beschrieb, was ich
wollte, da brachen alle in ein großes unvernünftiges Gelächter aus. --
Am verwunderlichsten war mir eine Nachtmusik, die sich oft, und gerade
immer in den finstersten Nächten, unter meinem Fenster hören ließ. Es
griff auf einer Gitarre immer nur von Zeit zu Zeit einzelne, ganz leise
Klänge. Das eine Mal aber kam es mir vor, als wenn es dabei von unten:
»Pst! pst!« heraufrief. Ich fuhr daher geschwind aus dem Bett und mit
dem Kopf aus dem Fenster. »Holla! heda! wer ist da draußen?« rief ich
hinunter. Aber es antwortete niemand, ich hörte nur etwas sehr schnell
durch die Gesträuche fortlaufen. Der große Hund im Hofe schlug über
meinen Lärm ein paarmal an, dann war auf einmal alles wieder still, und
die Nachtmusik ließ sich seitdem nicht wieder vernehmen.
Sonst hatte ich hier ein Leben, wie sichs ein Mensch nur immer in der
Welt wünschen kann. Der gute Portier! er wußte wohl, was er sprach, wenn
er immer zu sagen pflegte, daß in Italien einem die Rosinen von selbst
in den Mund wüchsen. Ich lebte auf dem einsamen Schlosse wie ein
verwunschener Prinz. Wo ich hintrat, hatten die Leute eine große
Ehrerbietung vor mir, obgleich sie schon alle wußten, daß ich keinen
Heller in der Tasche hatte. Ich durfte nur sagen: Tischchen, deck dich!
so standen auch schon herrliche Speisen, Reis, Wein, Melonen und
Parmesankäse da. Ich ließ mirs wohlschmecken, schlief in dem prächtigen
Himmelbett, ging im Garten spazieren, musizierte und half wohl auch
manchmal in der Gärtnerei nach. Oft lag ich auch stundenlang im Garten
im hohen Grase, und der schmale Jüngling (es war ein Schüler und
Verwandter der Alten, der eben jetzt hier zur Vakanz war) ging mit
seinem langen Kaputrock in weiten Kreisen um mich herum und murmelte
dabei, wie ein Zauberer, aus seinem Buche, worüber ich dann auch
jedesmal einschlummerte. -- So verging ein Tag nach dem andern, bis ich
am Ende anfing, von dem guten Essen und Trinken ganz melancholisch zu
werden. Die Glieder gingen mir von dem ewigen Nichtstun ordentlich aus
allen Gelenken, und es war mir, als würde ich vor Faulheit noch ganz
auseinanderfallen.
In dieser Zeit saß ich einmal an einem schwülen Nachmittag im Wipfel
eines hohen Baumes, der am Abhange stand, und wiegte mich auf den Ästen
langsam über dem stillen, tiefen Tale. Die Bienen summten zwischen den
Blättern um mich herum, sonst war alles wie ausgestorben, kein Mensch
war zwischen den Bergen zu sehen, tief unter mir auf den stillen
Waldwiesen ruhten die Kühe auf dem hohen Grase. Aber ganz von weitem kam
der Klang eines Posthorns über die waldigen Gipfel herüber, bald kaum
vernehmbar, bald wieder heller und deutlicher. Mir fiel dabei auf einmal
ein altes Lied recht aufs Herz, das ich noch zu Hause auf meines Vaters
Mühle von einem wandernden Handwerksburschen gelernt hatte, und ich
sang:
»Wer in die Fremde will wandern,
Der muß mit der Liebsten gehn,
Es jubeln und lassen die andern
Den Fremden alleine stehn.
Was wisset ihr, dunkele Wipfel,
Von der alten, schönen Zeit?
Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
Wie liegt sie von hier so weit!
Am liebsten betracht ich die Sterne,
Die schienen, wenn ich ging zu ihr,
Die Nachtigall hör ich so gerne,
Sie sang vor der Liebsten Tür.
Der Morgen, das ist meine Freude!
Da steig ich in stiller Stund,
Auf den höchsten Berg in die Weite,
Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!«
Es war, als wenn mich das Posthorn bei meinem Liede aus der Ferne
begleiten wollte. Es kam, während ich sang, zwischen den Bergen immer
näher und näher, bis ich es endlich gar oben auf dem Schloßhofe schallen
hörte. Ich sprang rasch vom Baume herunter. Da kam mir auch schon die
Alte mit einem geöffneten Pakete aus dem Schlosse entgegen. »Da ist auch
etwas für Sie mitgekommen«, sagte sie und reichte mir aus dem Paket ein
kleines, niedliches Briefchen. Es war ohne Aufschrift, ich brach es
schnell auf. Aber da wurde ich auch auf einmal im ganzen Gesicht so rot
wie eine Päonie, und das Herz schlug mir so heftig, daß es die Alte
merkte, denn das Briefchen war von -- meiner schönen Frau, von der ich
manches Zettelchen bei dem Herrn Amtmann gesehen hatte. Sie schrieb
darin ganz kurz: »Es ist alles wieder gut, alle Hindernisse sind
beseitigt. Ich benutzte heimlich diese Gelegenheit, um die erste zu
sein, die Ihnen diese freudige Botschaft schreibt. Kommen, eilen Sie
zurück. Es ist so öde hier, und ich kann kaum mehr leben, seit Sie von
uns fort sind. Aurelie.«
Die Augen gingen mir über, als ich das las, vor Entzücken und Schreck
und unsäglicher Freude. Ich schämte mich vor dem alten Weibe, die mich
wieder abscheulich anschmunzelte, und flog wie ein Pfeil bis in den
allereinsamsten Winkel des Gartens. Dort warf ich mich unter den
Haselnußsträuchern ins Gras hin und las das Briefchen noch einmal, sagte
die Worte auswendig für mich hin und las dann wieder und immer wieder,
und die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Blättern hindurch über den
Buchstaben, daß sie sich wie goldene und hellgrüne und rote Blüten vor
meinen Augen ineinanderschlangen. Ist sie am Ende gar nicht verheiratet
gewesen? dachte ich, war der fremde Offizier damals vielleicht ihr Herr
Bruder, oder ist er nun tot, oder bin ich toll, oder -- »Das ist alles
einerlei!« rief ich endlich und sprang auf, »nun ists ja klar, sie liebt
mich ja, sie liebt mich!«
Als ich aus dem Gesträuch wieder hervorkroch, neigte sich die Sonne zum
Untergange. Der Himmel war rot, die Vögel sangen lustig in allen
Wäldern, die Täler waren voller Schimmer, aber in meinem Herzen war es
noch viel tausendmal schöner und fröhlicher!
Ich rief in das Schloß hinein, daß sie mir heut das Abendessen in den
Garten herausbringen sollten. Die alte Frau, der alte grämliche Mann,
die Mägde, sie mußten alle mit heraus und sich mit mir unter dem Baum an
den gedeckten Tisch setzen. Ich zog meine Geige hervor und spielte und
aß und trank dazwischen. Da wurden sie alle lustig, der alte Mann strich
seine grämlichen Falten aus dem Gesicht und stieß ein Glas nach dem
andern aus, die Alte plauderte in einem fort, Gott weiß was; die Mägde
fingen an auf dem Rasen miteinander zu tanzen. Zuletzt kam auch noch der
blasse Student neugierig hervor, warf einige verächtliche Blicke auf das
Spektakel und wollte ganz vornehm wieder weitergehen. Ich aber, nicht zu
faul, sprang geschwind auf, erwischte ihn, eh er sichs versah, bei
seinem langen Überrock und walzte tüchtig mit ihm herum. Er strengte
sich nun an, recht zierlich und neumodisch zu tanzen, und füßelte so
emsig und künstlich, daß ihm der Schweiß vom Gesicht herunterfloß und
die langen Rockschöße wie ein Rad um uns herumflogen. Dabei sah er mich
aber manchmal so kurios mit verdrehten Augen an, daß ich mich ordentlich
vor ihm zu fürchten anfing und ihn plötzlich wieder losließ.
Die Alte hätte nun gar zu gern erfahren, was in dem Briefe stand und
warum ich denn eigentlich heut auf einmal so lustig war. Aber das war ja
viel zu weitläufig, um es ihr auseinandersetzen zu können. Ich zeigte
bloß auf ein paar Kraniche, die eben hoch über uns durch die Luft zogen,
und sagte: ich müßte nun auch so fort und immer fort, weit in die Ferne!
-- Da riß sie die vertrockneten Augen weit auf und blickte wie ein
Basilisk bald auf mich, bald auf den alten Mann hinüber. Dann bemerkte
ich, wie die beiden heimlich die Köpfe zusammensteckten, sooft ich mich
wegwandte, und sehr eifrig miteinander sprachen und mich dabei zuweilen
von der Seite ansahen.
Das fiel mir auf. Ich sann hin und her, was sie wohl mit mir vorhaben
möchten. Darüber wurde ich stiller, die Sonne war auch schon lange
untergegangen, und so wünschte ich allen gute Nacht und ging
nachdenklich in meine Schlafstube hinauf.
Ich war innerlich so fröhlich und unruhig, daß ich noch lange im Zimmer
auf und nieder ging. Draußen wälzte der Wind schwere, schwarze Wolken
über den Schloßturm weg, man konnte kaum die nächsten Bergkoppen in der
dicken Finsternis erkennen. Da kam es mir vor, als wenn ich im Garten
unten Stimmen hörte. Ich löschte mein Licht aus und stellte mich ans
Fenster. Die Stimmen schienen näher zu kommen, sprachen aber sehr leise
miteinander. Auf einmal gab eine kleine Laterne, welche die eine Gestalt
unterm Mantel trug, einen langen Schein. Ich erkannte nun den grämlichen
Schloßverwalter und die alte Haushälterin. Das Licht blitzte über das
Gesicht der Alten, das mir noch niemals so gräßlich vorgekommen war, und
über ein langes Messer, das sie in der Hand hielt. Dabei konnte ich
sehen, daß sie beide eben nach meinem Fenster hinaufsahen. Dann schlug
der Verwalter seinen Mantel wieder dichter um, und es war bald alles
wieder finster und still.
Was wollen die, dachte ich, zu dieser Stunde noch draußen im Garten?
Mich schauderte, denn es fielen mir alle Mordgeschichten ein, die ich in
meinem Leben gehört hatte, von Hexen und Räubern, welche Menschen
abschlachten, um ihre Herzen zu fressen. Indem ich noch so nachdenke,
kommen Menschentritte erst die Treppe herauf, dann auf dem langen Gange
ganz leise, leise auf meine Tür zu, dabei war es, als wenn zuweilen
Stimmen heimlich miteinander wisperten. Ich sprang schnell an das andere
Ende der Stube hinter einen großen Tisch, den ich, sobald sich etwas
rührte, vor mir aufheben und so mit aller Gewalt auf die Tür losrennen
wollte. Aber in der Finsternis warf ich einen Stuhl um, daß es ein
entsetzliches Gepolter gab. Da wurde es auf einmal ganz still draußen.
Ich lauschte hinter dem Tisch und sah immerfort nach der Tür, als wenn
ich sie mit den Augen durchstechen wollte, daß mir ordentlich die Augen
zum Kopfe herausstanden. Als ich mich ein Weilchen wieder so ruhig
verhalten hatte, daß man die Fliegen an der Wand hätte können gehen
hören, vernahm ich, wie jemand von draußen ganz leise einen Schlüssel
ins Schlüsselloch steckte. Ich wollte nun eben mit meinem Tische
losfahren, da drehte es den Schlüssel langsam dreimal in der Tür um, zog
ihn vorsichtig wieder heraus und schnurrte dann sachte über den Gang und
die Treppe hinunter.
Ich schöpfte nun tief Atem. Oho, dachte ich, da haben sie dich
eingesperrt, damit sie's kommode haben, wenn ich erst fest eingeschlafen
bin. Ich untersuchte geschwind die Tür. Es war richtig, sie war fest
verschlossen, ebenso die andere Tür, hinter der die hübsche, bleiche
Magd schlief. Das war noch niemals geschehen, solange ich auf dem
Schlosse wohnte.
Da saß ich nun in der Fremde gefangen! Die schöne Frau stand nun wohl an
ihrem Fenster und sah über den stillen Garten nach der Landstraße
hinaus, ob ich nicht schon am Zollhäuschen mit meiner Geige
dahergestrichen komme, die Wolken flogen rasch über den Himmel, die Zeit
verging -- und ich konnte nicht fort von hier! Ach, mir war so weh im
Herzen, ich wußte gar nicht mehr, was ich tun sollte. Dabei war mirs
auch immer, wenn die Blätter draußen rauschten oder eine Ratte am Boden
knosperte, als wäre die Alte durch eine verborgene Tapetentür heimlich
hereingetreten und lauere und schleiche leise mit dem langen Messer
durchs Zimmer.
Als ich so voll Sorgen auf dem Bette saß, hörte ich auf einmal seit
langer Zeit wieder die Nachtmusik unter meinen Fenstern. Bei dem ersten
Klange der Gitarre war es mir nicht anders, als wenn mir ein
Morgenstrahl plötzlich durch die Seele führe. Ich riß das Fenster auf
und rief leise hinunter, daß ich wach sei. »Pst, pst!« antwortete es von
unten. Ich besann mich nun nicht lange, steckte das Briefchen und meine
Geige zu mir, schwang mich aus dem Fenster und kletterte an der alten,
zersprungenen Mauer hinab, indem ich mich mit den Händen an den
Sträuchern, die aus den Ritzen wuchsen, anhielt. Aber einige morsche
Ziegel gaben nach, ich kam ins Rutschen, es ging immer rascher und
rascher mit mir, bis ich endlich mit beiden Füßen aufplumpte, daß mirs
im Gehirnkasten knisterte.
Kaum war ich auf diese Art unten im Garten angekommen, so umarmte mich
jemand mit solcher Vehemenz, daß ich laut aufschrie. Der gute Freund
aber hielt mir schnell die Finger auf den Mund, faßte mich an der Hand
und führte mich dann aus dem Gesträuch ins Freie hinaus. Da erkannte ich
mit Verwunderung den guten, langen Studenten, der die Gitarre an einem
breiten seidenen Bande um den Hals hängen hatte. -- Ich beschrieb ihm
nun in größter Geschwindigkeit, daß ich aus dem Garten hinauswollte. Er
schien aber das alles schon lange zu wissen und führte mich auf allerlei
verdeckten Umwegen zu dem untern Tore in der hohen Gartenmauer. Aber da
war nun auch das Tor wieder fest verschlossen! Doch der Student hatte
auch das schon vorbedacht, er zog einen großen Schlüssel hervor und
schloß behutsam auf.
Als wir nun in den Wald hinaustraten und ich ihn eben noch um den besten
Weg zur nächsten Stadt fragen wollte, stürzte er plötzlich vor mir auf
ein Knie nieder, hob die eine Hand hoch in die Höhe und fing an zu
fluchen und zu schwören, daß es entsetzlich anzuhören war. Ich wußte gar
nicht, was er wollte, ich hörte nur immerfort: _Idio_ und _cuore_ und
_amore_ und _furore_! Als er aber am Ende gar anfing, auf beiden Knien
schnell und immer näher auf mich zuzurutschen, da wurde mir auf einmal
ganz grauslich, ich merkte wohl, daß er verrückt war, und rannte, ohne
mich umzusehen, in den dicksten Wald hinein.
Ich hörte nun den Studenten wie rasend hinter mir drein schreien. Bald
darauf gab noch eine andere grobe Stimme vom Schlosse her Antwort. Ich
dachte mir nun wohl, daß sie mich aufsuchen würden. Der Weg war mir
unbekannt, die Nacht finster, ich konnte ihnen leicht wieder in die
Hände fallen. Ich kletterte daher auf den Wipfel einer hohen Tanne
hinauf, um bessere Gelegenheit abzuwarten.
Von dort konnte ich hören, wie auf dem Schlosse eine Stimme nach der
andern wach wurde. Einige Windlichter zeigten sich oben und warfen ihre
wilden roten Scheine über das alte Gemäuer des Schlosses und weit vom
Berge in die schwarze Nacht hinein. Ich befahl meine Seele dem lieben
Gott, denn das verworrene Getümmel wurde immer lauter und näherte sich
immer mehr und mehr. Endlich stürzte der Student mit einer Fackel unter
meinem Baume vorüber, daß ihm die Rockschöße weit im Winde nachflogen.
Dann schienen sie sich alle nach und nach auf eine andere Seite des
Berges hinzuwenden, die Stimmen schallten immer ferner und ferner, und
der Wind rauschte wieder durch den stillen Wald. Da stieg ich schnell
von dem Baume herab und lief atemlos weiter in das Tal und die Nacht
hinaus.