Nun ade, Mühle und Schloß und Portier! Nun gings, daß mir der Wind am
Hute pfiff. Rechts und links flogen Dörfer, Städte und Weingärten
vorbei, daß es einem vor den Augen flimmerte; hinter mir die beiden
Maler im Wagen, vor mir vier Pferde mit einem prächtigen Postillion, ich
hoch oben auf dem Kutschbock, daß ich oft ellenhoch in die Höhe flog.
Das war so zugegangen: Als wir vor B. ankamen, kommt schon am Dorfe ein
langer, dürrer, grämlicher Herr im grünen Flauschrock uns entgegen,
macht viele Bücklinge vor den Herren Malern und führt uns in das Dorf
hinein. Da stand unter den hohen Linden vor dem Posthause schon ein
prächtiger Wagen mit vier Postpferden bespannt. Herr Leonhard meinte
unterwegs, ich hätte meine Kleider ausgewachsen. Er holte daher
geschwind andere aus seinem Mantelsack hervor, und ich mußte einen ganz
neuen schönen Frack und Weste anziehn, die mir sehr vornehm zu Gesicht
standen, nur daß mir alles zu lang und weit war und ordentlich um mich
herumschlotterte. Auch einen ganz neuen Hut bekam ich, der funkelte in
der Sonne, als wär er mit frischer Butter überschmiert. Dann nahm der
fremde grämliche Herr die beiden Pferde der Maler am Zügel, die Maler
sprangen in den Wagen, ich auf den Bock, und so flogen wir schon fort,
als eben der Postmeister mit der Schlafmütze aus dem Fenster guckte. Der
Postillion blies lustig auf dem Horne, und so ging es frisch nach
Italien hinein.
Ich hatte eigentlich da droben ein prächtiges Leben, wie der Vogel in
der Luft, und brauchte doch dabei nicht selbst zu fliegen. Zu tun hatte
ich auch weiter nichts, als Tag und Nacht auf dem Bocke zu sitzen und
bei den Wirtshäusern manchmal Essen und Trinken an den Wagen
herauszubringen, denn die Maler sprachen nirgends ein, und bei Tage
zogen sie die Fenster am Wagen so fest zu, als wenn die Sonne sie
erstechen wollte. Nur zuweilen steckte der Herr Guido sein hübsches
Köpfchen zum Wagenfenster heraus und diskurierte freundlich mit mir und
lachte dann den Herrn Leonhard aus, der das nicht leiden wollte und
jedesmal über die langen Diskurse böse wurde. Ein paarmal hätte ich bald
Verdruß bekommen mit meinem Herrn. Das eine Mal, wie ich bei schöner,
sternklarer Nacht droben auf dem Bock die Geige zu spielen anfing, und
sodann späterhin wegen des Schlafes. Das war aber auch ganz zum
Erstaunen! Ich wollte mir doch Italien recht genau besehen und riß die
Augen alle Viertelstunden weit auf. Aber kaum hatte ich ein Weilchen so
vor mich hingesehen, so verschwirrten und verwickelten sich mir die
sechzehn Pferdefüße vor mir wie ein Filet so hin und her und übers
Kreuz, daß mir die Augen gleich wieder übergingen, und zuletzt geriet
ich in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, daß gar
kein Rat mehr war. Da mocht es Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein,
Tirol oder Italien sein, ich hing bald rechts, bald links, bald
rücklings über den Bock herunter, ja manchmal tunkte ich mit solcher
Vehemenz mit dem Kopfe nach dem Boden zu, daß mir der Hut weit vom Kopfe
flog und der Herr Guido im Wagen laut aufschrie.
So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie
dort Lombardei nennen, durchgekommen, als wir an einem schönen Abend vor
einem Wirtshause auf dem Lande stillhielten. Die Postpferde waren in dem
daranstoßenden Stationsdorfe erst nach ein paar Stunden bestellt, die
Herren Maler stiegen daher aus und ließen sich in ein besonderes Zimmer
führen, um hier ein wenig zu rasten und einige Briefe zu schreiben. Ich
aber war sehr vergnügt darüber und verfügte mich sogleich in die
Gaststube, um endlich wieder einmal so recht mit Ruhe und Kommodität zu
essen und zu trinken. Da sah es ziemlich liederlich aus. Die Mägde
gingen mit zerzottelten Haaren herum und hatten die offenen Halstücher
unordentlich um das gelbe Fell hängen. Um einen runden Tisch saßen die
Knechte vom Hause in blauen Überziehhemden beim Abendessen und glotzten
mich zuweilen von der Seite an. Die hatten alle kurze, dicke Haarzöpfe
und sahen so recht vornehm wie die jungen Herrlein aus. -- Da bist du
nun, dachte ich bei mir und aß fleißig fort, da bist du nun endlich in
dem Lande, woher immer die kuriosen Leute zu unserm Herrn Pfarrer kamen,
mit Mausefallen und Barometern und Bildern. Was der Mensch doch nicht
alles erfährt, wenn er sich einmal hinterm Ofen hervormacht!
Wie ich noch eben so esse und meditiere, wuscht ein Männlein, das bis
jetzt in einer dunklen Ecke der Stube bei seinem Glase Wein gesessen
hatte, auf einmal aus seinem Winkel wie eine Spinne auf mich los. Er war
ganz kurz und bucklicht, hatte aber einen großen grauslichen Kopf mit
einer langen römischen Adlernase und sparsamen roten Backenbart, und die
gepuderten Haare standen ihm von allen Seiten zu Berge, als wenn der
Sturmwind durchgefahren wäre. Dabei trug er einen altmodischen,
verschossenen Frack, kurze plüschene Beinkleider und ganz vergelbte
seidene Strümpfe. Er war einmal in Deutschland gewesen und dachte wunder
wie gut er Deutsch verstünde. Er setzte sich zu mir und frug bald das,
bald jenes, während er immerfort Tabak schnupfte: ob ich der Servitore
sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? Aber das wußte ich alles
selber nicht und konnte auch sein Kauderwelsch gar nicht verstehn.
»_Parlez-vous français?_« sagte ich endlich in meiner Angst zu ihm. Er
schüttelte mit dem großen Kopfe, und das war mir sehr lieb, denn ich
konnte ja auch nicht Französisch. Aber das half alles nichts. Er hatte
mich einmal recht aufs Korn genommen, er frug und frug immer wieder; je
mehr wir parlierten, je weniger verstand einer den andern, zuletzt
wurden wir beide schon hitzig, so daß mirs manchmal vorkam, als wollte
der Signor mit seiner Adlernase nach mir hacken, bis endlich die Mägde,
die den babylonischen Diskurs mit angehört hatten, uns beide tüchtig
auslachten. Ich aber legte schnell Messer und Gabel hin und ging vor die
Haustür hinaus. Denn mir war in dem fremden Lande nicht anders, als wäre
ich mit meiner deutschen Zunge tausend Klafter tief ins Meer versenkt
und allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der
Einsamkeit um mich her und glotzte und schnappte nach mir.
Draußen war eine warme Sommernacht, so recht um gassatim zu gehen. Weit
von den Weinbergen herüber hörte man noch zuweilen einen Winzer singen,
dazwischen blitzte es manchmal von ferne, und die ganze Gegend zitterte
und säuselte im Mondschein. Ja, manchmal kam es mir vor, als schlüpfte
eine lange dunkle Gestalt hinter den Haselnußsträuchern vor dem Hause
vorüber und guckte durch die Zweige, dann war alles auf einmal wieder
still. -- Da trat der Herr Guido eben auf den Balkon des Wirtshauses
heraus. Er bemerkte mich nicht und spielte sehr geschickt auf einer
Zither, die er im Hause gefunden haben mußte, und sang dann dazu wie
eine Nachtigall:
»Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.«
Ich weiß nicht, ob er noch mehr gesungen haben mag, denn ich hatte mich
auf die Bank vor der Haustür hingestreckt und schlief in der lauen Nacht
vor großer Ermüdung fest ein.
Es mochten wohl ein paar Stunden ins Land gegangen sein, als mich ein
Posthorn aufweckte, das lange Zeit lustig in meine Träume hereinblies,
ehe ich mich völlig besinnen konnte. Ich sprang endlich auf, der Tag
dämmerte schon an den Bergen, und die Morgenkühle rieselte mir durch
alle Glieder. Da fiel mir erst ein, daß wir ja um diese Zeit schon
wieder weit fort sein wollten. Aha, dachte ich, heut ist einmal das
Wecken und Auslachen an mir. Wie wird der Herr Guido mit dem
verschlafenen Lockenkopfe herausfahren, wenn er mich draußen hört! So
ging ich den kleinen Garten am Hause dicht unter die Fenster, wo meine
Herren wohnten, dehnte mich noch einmal recht ins Morgenrot hinein und
sang fröhlichen Mutes:
»Wenn der Hoppevogel schreit,
Ist der Tag nicht mehr weit,
Wenn die Sonne sich auftut,
Schmeckt der Schlaf noch so gut!« --
Das Fenster war offen, aber es blieb alles still oben, nur der Nachtwind
ging noch durch die Weinranken, die sich bis in das Fenster
hineinstreckten. -- »Nun, was soll denn das wieder bedeuten?« rief ich
voll Erstaunen aus und lief in das Haus und durch die stillen Gänge nach
der Stube zu. Aber da gab es mir einen rechten Stich ins Herz. Denn wie
ich die Tür aufreiße, ist alles leer darin, kein Frack, kein Hut, kein
Stiefel. -- Nur die Zither, auf der Herr Guido gestern gespielt hatte,
hing an der Wand, auf dem Tische mitten in der Stube lag ein schöner
voller Geldbeutel, worauf ein Zettel geklebt war. Ich hielt ihn näher
ans Fenster und traute meinen Augen kaum, es stand wahrhaftig mit großen
Buchstaben darauf: »Für den Herrn Einnehmer!«
Was war mir aber das alles nütze, wenn ich meine lieben lustigen Herren
nicht wiederfand? Ich schob den Beutel in meine tiefe Rocktasche, das
plumpte wie in einen tiefen Brunnen, daß es mich ordentlich
hintenüberzog. Dann rannte ich hinaus, machte einen großen Lärm und
weckte alle Knechte und Mägde im Hause. Die wußten gar nicht, was ich
wollte, und meinten, ich wäre verrückt geworden. Dann aber verwunderten
sie sich nicht wenig, als sie oben das leere Nest sahen. Niemand wußte
etwas von meinen Herren. Nur die eine Magd -- wie ich aus ihren Zeichen
und Gestikulationen zusammenbringen konnte -- hatte bemerkt, daß der
Herr Guido, als er gestern abends auf dem Balkon sang, auf einmal laut
aufschrie und dann geschwind zu dem andern Herrn ins Zimmer
zurückstürzte. Als sie hernach in der Nacht einmal aufwachte, hörte sie
draußen Pferdegetrappel. Sie guckte durch das kleine Kammerfenster und
sah den buckligen Signor, der gestern mit mir so viel gesprochen hatte,
auf einem Schimmel im Mondschein quer übers Feld galoppieren, daß er
immer ellenhoch überm Sattel in die Höhe flog und die Magd sich
bekreuzte, weil es aussah wie ein Gespenst, das auf einem dreibeinigen
Pferde reitet. -- Da wußt ich nun gar nicht, was ich machen sollte.
Unterdes aber stand unser Wagen schon lange vor der Tür angespannt, und
der Postillion stieß ungeduldig ins Horn, daß er hätte bersten mögen,
denn er mußte zur bestimmten Stunde auf der nächsten Station sein, da
alles durch Laufzettel bis auf die Minute vorausbestellt war. Ich rannte
noch einmal um das ganze Haus herum und rief die Maler, aber niemand gab
Antwort, die Leute aus dem Hause liefen zusammen und gafften mich an,
der Postillion fluchte, die Pferde schnaubten, ich, ganz verblüfft,
springe endlich geschwind in den Wagen hinein, der Hausknecht schlägt
die Tür hinter mir zu, der Postillion knallt, und so gings mit mir fort
in die weite Welt hinein.