stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher
Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete,
sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen.
Ich verstand soviel von der Welt, daß ich einsah, es würde weniger
auffallend sein, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem
älteren Mann gehen sieht als allein. Der Mann entlockte mir bald die
Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien
sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von
Garnmacher in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. ›Euer Onkel ist
ja schon seit zwei Monaten tot!‹ erwiderte er. ›O, du armer Junge, seit
zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von
ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!‹
Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken,
ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach
und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: ›Erinnerst du dich
gar nicht, mich gesehen zu haben?‹ fragte er; ich sah ihn an, besann
mich, verneinte. ›Ei, man hat mich doch in Dresden soviel gesehen,‹
fuhr er fort; ›alle Alten und besonders die Jugend strömte zu mir und
meinem jungen Griechen.‹
Jetzt fiel mir mit einemmale bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor
wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen
Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ den jungen
Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der
Ueberschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch
mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen Knaben sehen
zu können. Ich bezeigte dem Manne meine Verwunderung, daß er nicht mehr
mit dem Griechen reise.
›Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner
Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm
nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, mein Söhnchen, wenn du mein
Grieche würdest?‹ Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber
er gestand, mir, daß der andere ein ehrlicher Münchener gewesen sei,
den er abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die
griechische Sucht hätten.«
»Wie?« unterbrach ihn der Engländer, »selbst in Deutschland nahm man
Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich
ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hält und die Griechen
untergehen läßt.«
»Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland,« antwortete Baron von
Garnmacher, des Schneiders Sohn, »was einmal in einem anderen Lande
Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders.
Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher
die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies
erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bücher darüber
und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab
es bei uns, und man sah diese Leute mit großen Bärten, einen Säbel an
der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn
man sie fragte: ›Wohin?‹ so antworteten sie: ›In den heiligen Krieg,
nach Hellas gegen die Osmanen!‹ Bat sich nun etwa eine Frau oder ein
Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nähere
Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach Griechenland gegen die Türken
gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wünschten dem Philhellenen einen
guten Morgen und flüsterten, wenn er mit dröhnenden Schritten einen
Fußpfad nach Hellas einschlug: ›Der muß wenig taugen, daß er im Reich
keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.‹«
»Ist's möglich?« rief der Marquis. »So teilnahmlos sprachen die
Deutschen von diesen Männern?«
»Gewiß; es ging mancher hin mit dem schönen Gefühl, einer unterdrückten
Sache beizustehen; mancher, um sich Kriegsruhm zu erkämpfen, der nun
einmal auf den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber
alle barbierte man über einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte,
und schalt sie Landläufer.«
»Mylord,« sagte der Franzose, »es sind doch dumme Leute, diese
Deutschen!«
»O ja,« entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas
gegen das Licht hielt; »zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen
unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen.«
Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: »Auf diese
Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft
muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen,
dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan,
für ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: ›Es war
ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues
machen wollen?‹ oder sie sagen: ›Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie
die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas tun.‹ Fällt aber
etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes mit eigenen
Augen sehen, so lassen sie es sich ›etwas kosten‹.
Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar,
daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe,
eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier
traktieren konnten.
Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte
nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein
Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander wurden,
daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle
Gegenstände auf neugriechisch nennen, bläute mir einige Floskeln
in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war,
schwärzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, färbte mein
Gesicht gelblich, und -- ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders
das für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von
Seide. So zogen wir im Lande umher und gewannen viel Geld.«
»Aber mein Gott,« unterbrach ihn der Franzose, »sagen Sie doch,
in Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben, die sogar
Griechisch schreiben. Diese müssen doch auch sprechen können; wie haben
Sie sich vor diesen durchbringen können?«
»Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen
größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut,
daß sie vor zweitausend Jahren mit Thukydides hätten korrespondieren
können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten
zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen
wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen,
eine herrliche Floskel bereit: -- -- -- ›Mein Herr, das ist nicht
griechisch.‹ Mein Führer unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt,
dem Publikum ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen
gewöhnlich über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß
sie es nie wieder wagten, Griechisch zu sprechen.
So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze
Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und
hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit
einem Band im Knopfloch auf, der mir große Aehnlichkeit mit meinem
Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken
Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher
tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten,
ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle,
wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als
königlich sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine
rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche
auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der
mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen Vater,
den ~Marchand tailleur~, erinnert sein wollte, die Wut meines Führers,
alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor.
Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir
Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich
eine neue Katastrophe.«
2.
Der Baron wird ein Rezensent.
»Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein
berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen,
und ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins reine
zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels
Geist denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und
bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche
Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei,
über welche ich übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
interessieren.«
»Nein, nein!« rief der Lord. »Ich habe schon öfters von dieser
kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. in
Edinburg und London, einige Anstalten dieser Art, aber sie werden, höre
ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen.«
»Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare,
aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer
noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht das,
was leicht und gesellig, sondern was mit einem recht schwerfälligen
gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt,
so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der Literatur.
Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der
Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht an ein
öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin zu viel zu
wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute
Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der
Chorus des Publikums einfällt.«
»Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?«
unterbrach ihn der Lord. »Ich finde das recht hübsch. Man braucht
selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann
dennoch in der Gesellschaft mitstimmen.«
»Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So
aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt
irgend eine Partie und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in
der Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer, Vossiden oder
Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz, für einen Yaner
gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partei an und haut und sticht
mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem oder jenem
großen Buchhändler. Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel
gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden; oft
muß man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen, es mit keinem ganz
verderben, auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und, indem man
einem freundlich ein Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein
Bein unterschlagen.«
»Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik
und Literatur zu handhaben?« fragte der Marquis. »Ich muß gestehen, in
Frankreich würde man ein solches Wesen verachten.«
»Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Uebrigens
sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die
eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen,
gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt.
Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs
der Literatur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gründlich und mit
Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie
umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch
dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie rezensieren anonym, und
nur _einer_ unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem
Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.«
»Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!« rief der Lord lächelnd.
»Ein Matador in jedem Sinne des Wortes. Auf spanisch -- ein
Totschläger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig,
er ist der höchste Trumpf, dieser Matador, und zählt für zehn, wenn er
~Pacat ultimo~ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er
Matador! Denn er, der Hauptkämpfer, ist es, der dem armen gehetzten und
gejagten Stier den Todesstoß gibt.«
»Gestehen Sie, Sie übertreiben; -- Sie haben gewiß einmal den
unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig
vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?«
Der junge Deutsche errötete: »Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben,
doch war es nur eine Novelle, und leider nicht so bedeutend, daß es
wäre rezensiert worden; aber nein; ich selbst habe einige Zeit unter
meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht
und kenne diese Affären genau. Nun, mein Onkel brachte mir also
die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die _erste_ war die
_sanftlobende_ Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk,
lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen
Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller,
die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für
sich gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge,
schriftstellerische Damen.«
»Wie?« erwiderte der Lord. »Haben Sie deren so viele, daß man eine
eigene Klasse für sie macht?«
»Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jüngere
und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene Klasse
machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr Anbeter
und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die _zweite_ Klasse
ist die _lobposaunende_. Hier werden entweder die Verlagsartikel des
Buchhändlers, der das Blatt bezahlt oder die Parteimänner gelobt. Man
preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich, daß die Nation
einen solchen Mann aufweisen kann. Die _dritte_ Klasse ist dann die
_neutrale_. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit
geraten mag, etwas kühl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr
über das ~Genus~ ihrer Schrift und über ihre Tendenz, als über sie
selbst, und gibt sich Mühe, in recht vielen Worten _nichts_ zu sagen,
ungefähr wie in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse
spricht und sich doch mit keinem Wort verraten will.
Die _vierte_ Klasse ist die _lobhudelnde_. Man sucht entweder einen,
indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein
wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand
und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden oder
doch lächerlich machen. Die _fünfte_ Klasse ist die _grobe, ernste_;
man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Roß und schaut
hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte des
Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen
Schriften zu finden, was zu gefährlich ist, als daß man öffentlich
davon sprechen möchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen
Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der
Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfüllt. Die _sechste_
Klasse ist die _Totschlägerklasse_. Sie ist eine Art von Schlachtbank,
denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne
Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und Stampfmühle, denn der
Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein
und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie.«
»Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen
Vertilgungssystem?« fragte Lasulot.
»Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen
die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es
freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen
aufeinander anrennen sieht, und -- wenn die Rippen krachen, wenn einer
sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ›Ein
Stier, ein Stier, ruft's dort und hier!‹ In Spanien treibt man das
in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar
tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden
an ihm beißen, wenn der _Matador_ von der Galerie hinab in den Zirkus
springt,
und zieht den Degen
und fällt verwegen
zur Seite den wütenden Ochsen an --
da freut sich das liebe Publikum, und von ›Bravo!‹ schallt die Gegend
wider!«
»Das ist köstlich!« rief der Engländer, doch war man ungewiß, ob sein
Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.
»Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?«
»Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet;
wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei
befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem Vormittag
ein Buch las und sechs Rezensionen darüber schrieb, und oft traf es
sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er
zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer
aus Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, daß es große
Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen
beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer
düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse
frischer an, warf in der fünften einen so großen Holzstoß zu, als die
Sancta simplicitas in Konstanz dem Huß, und fing dann zum sechsten an,
den Unglücklichen an dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu
rösten, bis er ganz schwarz war.«
»Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
Meinungen über _einen_ Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!«
»Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die
ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten
eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat, und ihm morgen
der Herr von ... einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegrikus
gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen
Vorzimmer gelebt.«
»Aber dann geht er förmlich über;« bemerkte der Marquis; »aber Ihr
Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf Augen,
die Hälfte mehr als der Höllenhund.«
»Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und
Handarbeiten weit gebracht,« erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann,
»so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht
hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden
durchlesen, sondern auch den Inhalt einer _unaufgeschnittenen_ Schrift
auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie
war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ›Ich will dir,‹ sagte er, ›die
erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie
nun einmal heutzutage ist, kann nichts mit Maß tun. Sie lobt entweder
über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche
Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß haben, sind übrigens
oft nicht mit Geld zu bezahlen. Man legt sie an die Kette, bis man sie
braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf
den Mann dressiert, trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu
dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber
sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.‹
So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das
Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von früh acht bis ein Uhr
rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es
schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden
Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun
schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu
exequieren, so ließ er mir sagen: ›Mein lieber Neffe! nur immer Nr. 5
und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen
tüchtig durch,‹ und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung
bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die
Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der
Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter
zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil- und
unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale.«
»~Goddam!~ Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?« rief der Lord
mit wahrem Grauen. »Aber wenn Sie alle Tage nur _ein_ Buch rezensieren,
das macht ja im Jahr 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jährlich
selbst nur ein Dritteil dieser Summe?«
»Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
fragen. So viele gibt es in _einer_ Messe, und wir haben jährlich zwei.
Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte
Lust- und Trauerspiele, hundert schöne und miserable Erzählungen,
Novellen, Historien, Phantasien etc., dreißig Almanache, fünfzig Bände
lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder
Hexametern, vierhundert Uebersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen,
und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbücher, die
Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten Champagners aus Obst,
zu Verlängerung der Gesundheit, die Betrachtungen über die Ewigkeit,
und wie man auch ohne Arzt sterben könne usw. sind nicht zu zählen;
kurz, man kann in meinem Vaterland annehmen, daß unter fünfzig Menschen
immer einer Bücher schreibt; ist einer einmal im Meßkatalog gestanden,
so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf. Sie können
also leicht berechnen, meine Herren, wieviel bei uns gedruckt wird.
Welcher Reichtum der Literatur, welches weite Feld für die Kritik!«
Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht,
mit einer Andacht gesprochen, die sogar _mir_ höchst komisch vorkam;
der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je
verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz
gesteigert zu werden.
»Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von
Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ,« sagte der Marquis,
»aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir
unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu
lachen. Ihr seid sublime Leute! Das muß man euch lassen.«
»Und der Herr hier hat recht,« bemerkte Mylord mit feinem Lächeln.
»Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste
ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So
fuhr ich einmal auf meiner ~Grand tour~ in einem deutschen Ländchen.
Der Weg war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ
endlich durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den
Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er
uns so miserable Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: ›Was das
Post- und Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.‹ Wir waren
verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch
Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe? ›Er
schreibt!‹ war die kurze Antwort des Kerls. ›Wie? Briefverzeichnisse,
Postkarten?‹ -- ›Ei, behüte,‹ sagte er, ›Bücher, gelehrte Bücher.‹ --
›Ueber das Postwesen?‹ fragten wir weiter. ›Nein,‹ meinte er; ›Verse
macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang
als mein Arm!‹ und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brüder des
Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in
der Seele wehe tat. ›~Goddam!~‹ sagte mein Begleiter. ›Wenn der Herr
Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager
auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage fördern!‹
Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten Station
erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter wie Sie, Mr. Garnmacher,
ein großer Kritiker.«