und Interessante erzählen, was ich in der freien Stadt Frankfurt
erlebte. Nicht von früheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Stühlen
der Kurfürsten stand und den Kaiser wählen half, wo ich so oft unter
guten Freunden im Römer und beim Römer saß, wenn das neue Haupt
des vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone
geschmückt worden war. Nein, von den heutigen Tagen könnte ich dir
viel erzählen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,
von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht
wird, ich meine den deutschen Bundestag, von dem herrlichen Treiben und
Blühen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschürte zwischen seinen
Anhängern und Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum goldenen
Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden
Parteien, das heißt -- nur mit schneidenden Zungen und stechenden
Blicken. Ich könnte dir erzählen, wie ich in einem Institut, woselbst
man junge Fräulein für die Welt zustutzt, nützlichen Unterricht gab im
Gitarrespielen und anderen Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
muß, wenn sie in die Welt tritt. Ich könnte dir erzählen von jener
Straße, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren
der geringste über Millionen gebietet.
Doch ich schweige von diesem allen, weil ich mir vorgenommen, dir einen
kleinen Abriß zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen, seufzenden
Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der erste Schritt
vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein
und dennoch bedeutend, weil man leicht sozusagen in Schuß kommt und
unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher im Galopp.
Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit einem ehrlichen
Gemüt geerbt. Er ging in seinen Geschäften den geraden, ehrlichen Weg,
nicht weil er ihm angenehmer war, sondern weil er es unbequem finden
mochte, Winkelzüge und Umwege zu machen.
Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war, und
daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend
ist.
Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los, sondern
die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon machte ihn straucheln,
oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die süße Art, wie ich es
ihm eingab. Jetzt ist, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, aus
dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden. Er wird, weil es ihm diesmal
leicht wird, zu betrügen, das nächste Mal Aehnliches versuchen. Das
Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die Selbstzufriedenheit ist ja
doch schon zum Teufel, warum soll er sich also genieren? Der große
Gewinn für mich liegt aber darin, daß die ersten Versuche des ehrlichen
Mannes, ein Betrüger zu werden, gewöhnlich gut ausfallen und zur
Wiederholung locken. Denn wer mit mir Geschäfte macht, kann, solange es
tunlich ist, darauf rechnen, sie mit Glück zu machen, und unglückliche
Spekulanten, von denen die Sage geht, daß sie sich erhängt oder ersäuft
haben, hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren, hatten
mir zu wenig vertraut, und nicht ich war es, der sie verließ, sie
hatten sich selbst verlassen.
Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken
lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit psychologischen
Abhandlungen meinen Leser zu ermüden oder sogar abzuschrecken?
Oder wie, ließ ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten
Leute verführen, die behaupteten, es liege zu wenig psychologische
Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren, ich sei für
einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich mich im Leipziger
Meßkatalogus einregistrieren lassen, nicht gründlich genug?
Der Teufel soll es holen! möchte ich mir selbst zurufen. Sobald
man vom Wege abgeht, gerät man immer mehr auf Abwege, so auch im
Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.
Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
Reis-Efendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über
das russische Ultimatum geäußert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte
selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch
das sogenannte Gleichgewicht etwas auf die Spitze gerückt zu werden
schien und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das
von Revolutionen und anderen lustigen Artikeln nur _träumt_ und im
_Schlafe_ spricht. Ich hatte diese Nachricht früher vernommen, als
sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand lag
es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der schönen
Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene
Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, daß er beim geringsten
Steigen der -- -- auf großen Gewinn zählen konnte. Große Spannung
herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Der
Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, »das neidische Gewölk«,
mochte ahnen, was vorging, und schlich trübe und ächzend im Haus
umher. Die Kalle war die Mutigste von allen. Zwar war auch sie in
einiger Bewegung, denn sie las nicht mehr, weder in Clauren noch
in verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht
ansehen, sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie
das Köpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede die
zagenden Bundestruppen.
Der Seufzer war gänzlich vom Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig
und zweifelte an seinem Glück, besonders in der Nähe der schönen Jüdin,
wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit, den Besitz der lieblichen Kalle
dachte. Dann war er wieder ausgelassen fröhlich und sprach allerlei
verwirrtes Zeug, wie er ein Millionär zu werden gedenke, wie und wo
er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen überschwengliche
Gedanken mehr waren, der Kalle aber flüsterte er ins Ohr, daß er sich
wolle adeln lassen und sie zur gnädigen Frau Baronesse von Zwerner zu
Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln
wäre.
Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die Mädchen
und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main, um sich
übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen, und die Männer riefen ihnen
nach, nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst, weil sie nur noch auf
die Börse gingen und bald nachkämen, indem heute nichts Bedeutendes
vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnöde Hexe, zog hinaus, doch
diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem eleganten Wagen.
Sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und nickte mir freundlich
zu, als wollte sie sagen: »Dich kenne ich wohl, Satan, obgleich du
jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen einherzuwandeln
beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind, praktische
Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur hinaus ins
Wäldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen.« Da fuhr sie
hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner Großmutter, und
sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der Walpurgisnacht;
da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter
Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem Herzen trugen: »Du sollst
den Feiertag heiligen, und an Pfingsten auch den dritten und vierten.«
Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich allgemein
mit dem Gerücht getragen, daß die Pforte das Ultimatum nicht annehmen
werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da jagte um elf
Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schweiß und Staub bedeckt, er
sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die Straße, Million
genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier, die Leute rissen
die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus, um zu schauen nach
dem schrecklichen Trompeten- und Straßenlärm. »Wo kümmt er här? Wo
will er hün?« riefen sie. »In weißen Schwanen,« schrie er, »ich habe
den Weg verfehlt, wo geht's in weißen Schwanen?« -- »Der Herr is wohl
ä Korrier?« -- »Freilich, nur schnell,« rief er und zog einen Brief
mit großem Sigill aus der Tasche, »das kommt von Wien und ist an den
Herrn Zwerner aus Dessau im weißen Schwanen.« -- »Da an der Ecke geht's
rechts, dann die Straße links, dann kommt Er auf die Zeile, da reitet
Er bis an die Hauptwache, und von dort ist's nimmer weit.« So riefen
sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte,
und besprachen sich dann über die Straße hinüber, was wohl die Depesche
aus Wien enthalten möchte. Der Kurier aber war niemand anders als einer
meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen Postillons
gekleidet.
6.
Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle.
Im Briefe stand mit dürren Worten, daß der Reis-Efendi dem Herrn von
Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht
habe, daß die Pforte das Ultimatum, soweit es Rußland betreffe,
annehmen werde.
Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion, was er zu tun hatte. Er
fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von
R..., dem Papst der Börse, dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren
papierenen Kirche. Dieser prüfte die Depesche genau. Er selbst hatte
schon zu oft ähnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere aus Mainz, und
Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als daß er so leicht konnte
hintergangen werden. Er ließ daher ein Licht bringen und prüfte zuerst
Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks. »Gotts Wunder!« sprach er
bedächtlich riechend, »Gotts Wunder! das ist echtes Kaisersiegellack,
wie es nur in Wien selbst zubereitet wird, und was Eingeweihte zu
solchen Depeschen zu verwenden pflegen.« Dann betrachtete er genau
das Kuvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder
Poststation von Wien bis Frankfurt, und keines fehlte. Er verglich
sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen, die er zur Hand
hatte, und -- sie waren richtig.
Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein
kleines Paarmalhunderttausendguldenmännchen so obenhin behandelt, wie
der Löwe das Hündchen, so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher
Schnelle. Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt
der inhaltschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ändern war,
machte er gute Miene zum bösen Spiel, dankte, daß man ihn sogleich von
der wichtigen Nachricht avertiert habe, und berechnete dabei, welche
Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte, indem er
annahm, dieser Kaufmann müsse die Preise, die _er_ in Wien für solche
Winke bezahlte, überboten haben. Es war Börsenzeit, er selbst fuhr mit
auf die Börsenhalle.
_Börsenhalle!_ unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde, der
diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitläufiges Gebäude vor, wie
es der Stadt Frankfurt würdig wäre, mit weiten Sälen, Seitengängen,
schönen Portalen und dergleichen, wie wundert er sich aber und lächelt,
wenn er in _diese_ Börsenhalle tritt! Man stelle sich einen ziemlich
kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen,
vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen reinigen,
waschen, Hühner und Gänse füttern und dergleichen solide häusliche
Hantierungen verrichten könnte. Statt des ehrwürdigen Truthahns,
statt der geschwätzigen Hühner und Gänse, statt des Stallknechts mit
dem Besen in der Faust, statt der Küchendame, die hier ihren Salat
wäscht -- sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein
buntes Gedränge. Männer mit dunkelgefärbten, markierten Gesichtern,
mit schwarzen Bärten und lauernden Augen, mit kühn gebogenen Nasen
und breiten Mäulern, mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung
schleichen, mit gebogenen, schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen,
den Hut in den Nacken zurückgedrückt, umher und fragen einander:
»Nun, wie stehen sie heute?« Du wandelst staunend durch dieses Gewühl
und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer, wenn dich eine der
unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift. Du begreifst zwar,
daß du dich unter den Kindern Israels befindest, aber zu welchem
Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof
umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein Wirtshausschild
anzusehen, gewahr. Drauf steht mit goldnen Buchstaben deutlich zu
lesen: -- Börsenhalle. Also in der Börsenhalle der freien Stadt
Frankfurt befindest du dich. Du hörst heute ein sonderbares Gemunkel
und Geflüster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit Blicken
als mit Worten fragend: »Ae Korrier es Wien?« »Gotts Wunder!« »Wer
hat'n gekriecht?« »Ae Fremder, der Zwerner von Dessau.« »Wie? kaner
von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der grauße Baron, nicht der
Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?«
»Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?«
»Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus
Dessau nicht ist auf der Börsenhalle!«
»Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis-Efendi? Hat er oder hat
er nicht? Wie werden se stehen?«
»Ich hab's genug, 's is a Vertel auf eins, und noch will keiner
verkaufen, aus Schreck vor die Korrier. Wär' nur der Zwerner aus Dessau
da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue
Straße. Wirst sehen, 's wird geben ä grauße Operation! Der Herr wird
verstockt haben das Herz des Efendi, aß er hat nicht angenomme das
Oltematum von dem Moskeviter?«
»Bethmännische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um
Vertelpurzent!«
»Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie
stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie
stehen se?«
»Aß ich der sag, ich weiß nicht, wo mer steht der Kopf, weiß heut
keiner, wer iß Koch oder Kellner? Aß ich nicht kann riechen, wie se
stehen, die Metalliques!«
Plötzlich entsteht ein Geräusch, ein Gedränge nach der Türe zu. Ein
Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange
Hälse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Männer arbeiten sich
durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihren Platz
zur Seite, wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch
ist, wo nur die Mäkler umherlaufen und sich drängen. Es war der große
Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des Tages,
der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen,
denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche
ausführen zu wollen, während er doch die Sinne bedächtlich und gesetzt
beisammen behalten mußte, um sich nicht zu verrechnen. Zur Linken stand
der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbater Rock und einer schneeweißen
Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene, so daß sein Volk
gleich sah, es müsse was ganz Außerordentliches sich zugetragen haben.
Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer und fragten nach den Preisen. Sie
wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher.
Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die Finger
in den Mund, sie fluchten Hebräisch und Syrisch auf den Christen, der
sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, der den Kurier gezeugt,
auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht, auf
seinen Kopf, auf seine vier Füße, kurz auf alles, selbst auf Sonne,
Mond und Sterne und auf Frankfurt und die Börsenhalle. Jetzt merkte
man, warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen
umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus
Dessau erklären --! »Das Ultimatum ist angenommen,« scholl es durch
den Hof, »der Reis-Efendi hat zugesagt,« hallte es durch die Ecken;
und obgleich die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief
anspielten, nur einige nähere Umstände angaben, nichts Bestimmtes
aussprachen, so stiegen doch die österreichischen, die Rothschildschen
und wenige andere Papiere, von welchen durch Zwerners und des alten
Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren, in Zeit von
einer halben Stunde um vier und ein halb Prozent. Mehrere Häuser, die
sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken, eins lag schon halb
und halb und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem
regierenden (Börsen-) Hause zu verdanken, daß ihm noch einige Stützen
untergeschoben wurden.
Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der
Frankfurter Börsenhalle:
Metalliques 87⅜.
Bethmännische 75½.
Rothschildsche Lose 132.
Preußische Staatsschuldscheine 84.
In den übrigen war nichts geändert worden.
7.
Die Verlobung.
Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des
Seufzers aus Dessau. In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch
die große Menge Metalliques, die er in Händen hatte, mächtig auf
den Gang der Geschäfte, und als einige Tage nachher Herr von
Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine
Nachrichten vollkommen bestätigt wurden, da drängte sich alles um den
hoffnungsvollen, spekulativen Jüngling, um den genialen Kopf, der auf
unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können.
Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik,
seine Schüchternheit, sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für
Tiefsinn, und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben, um mit
diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden. Da aber die Polygamie in
Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist und das Herz
des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit großer Tapferkeit alle
Stürme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile, aus den Trancheen
der Million, selbst aus den Salons der neuen Mainzerstraße mit
glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht wurden.
Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld
und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur
besondern Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, er
sah es als eine glückliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen
zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an,
die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Mann Europas machen mußte; denn,
wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte,
glaubte er nie fehlen zu können.
Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein, die
ihr der Zärtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung verspürte,
ein Jude zu werden, so hielt er es für notwendig, daß sie sich taufen
lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem
Herrn Pastor Stein und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden
auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert
würde, da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte
bezahlen müssen. Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung auf,
daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen
und in dem jöttlichen Frankfort leben müsse.
Er ging es freudig ein und überließ mir dieses diplomatische
Geschäft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pünktlich ein, was
ich vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein
Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B., daß das ganze
Geschäft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande
kommen können. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war
auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten
Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern selbst
daran, wurde aufgeblasen, sah mich über die Achsel an und erinnerte
sich meiner sehr gütig als eines Menschen, mit welchem er im weißen
Schwanen einigemal zu Mittag gespeist habe.
Was mich übrigens am meisten freute, war, daß er die Strafe seines
Undankes in sich und seinen Verhältnissen trug. Es war vorauszusehen,
daß seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange
halten konnten. Mißglückten nur erst einige Spekulationen, die er,
auf sein blindes Glück und seinen noch blindern Verstand trauend,
unternahm, verlor er erst einmal fünfzig- oder hunderttausend und zog
seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hölle für ihn
schon auf Erden an.
Rebekkchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit
dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst
gnädige Frau von Zwerner, so war zu erwarten, daß die Liebesintrigen
sich häufen werden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Sünder wie
Graf Rebs, fremde Majors mit glänzenden Uniformen waren dann willkommen
in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das Vergnügen,
zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel, Rebekka, sich gestalten
zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachläßt und damit
zugleich sein Vermögen, wenn man das glänzende Hotel in der Zeile, die
Loge im ersten Rang, die Equipage und die hungernden Liebhaber samt
der köstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach Dessau ziehen muß in
den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp., wenn die gnädige Frau
herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau
wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren, wie es nobel ist und
groß, mit Ellenwaren und Bändern, ganz klein und unnobel handeln sieht!
Welche Perspektive!
Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an
dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße. Da
war ein Hin- und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es
wurde ungemein viel Gänseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu
verfertigen; ein Hammel wurde geschächtet, um köstliche Ragouts zu
bereiten.
Der geneigte Leser errät wohl, was vorging in dem gesegneten Hause.
Nämlich, nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.
Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon
nicht treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gänsefett
abgerechnet, nicht trefflich? Hatte er nicht die schönsten jüdischen
und christlichen Fräulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu
unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?
Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur _das_
brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß nicht weniger als zwanzig
Frauen und Fräulein zugegen waren, mit denen er schon in zärtlichen
Verhältnissen gestanden hatte. Er half sich durch ausdrucksvolle
Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch durch die eigene
Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er überall umherhüpfte und
jeder Dame zuflüsterte, sie allein sei es eigentlich, die sein zartes
Herz gefesselt. Die übergroße Anstrengung, zwanzig auf einmal zu
lieben, da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte, richtete ihn aber
dergestalt zu Grunde, daß er endlich elendiglich zusammensank und in
einem Wagen nach Hause gebracht werden mußte.
Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig, denn als er am
Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
das Silber ordnete und zählte, riefen sie einmütig und vergnügt:
»Gotts Wunder! Gotts Wunder! Was war das für noble Gesellschaft, für
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht _ein_ Kaffeelöffelchen, kein
Dessertmesserchen oder Zuckerlämmerchen ist uns abhanden gekommen!
Gotts Wunder!«
Der Festtag im Fegefeuer.
Am Horizont in diesem Jahr
Ist es geblieben, wie es war.
_M. Claudius._
(Fortsetzung.)
1.
Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen.
Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren
dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten
Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen
Schneiderbarons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden
entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen
und erzählt, was ihm unterwegs begegnete.