Miene, »und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Literatur erzogen worden.
Uebrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen,
nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Land möchte etwas dergleichen
auffallen, aber bei uns zulande ist das was anderes. Da kann jeder in
die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein
Gesetz, das einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn
er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines
Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schöne
romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne
mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander
die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verließe schleppen, wir
üben das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten literarische
Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie
ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren
und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben.«
»Herr von Garnmacker,« unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, »ich
würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn sie
nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen Sie
uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir
verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal
und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!«
»Sie haben recht,« sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
Sixpencestück zuwarf, »der Herr von Garnmacher weiß auf unterhaltende
Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele
Bekannte aus der Stadt hier sind?«
»Wie?« rief der junge Deutsche nicht ohne Ueberraschung, »Sie wollen
also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm
zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen
Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche
Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte
fängt jetzt erst an, interessant zu werden.«
»Sie können recht haben,« erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln,
»aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten
Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die
Sie uns zeigen können.«
»Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte,« sagte der
Marquis lachend, »aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die
Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante
Erzählung, möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir.«
»Gut,« erwiderte der deutsche Stutzer, resigniert und ohne beleidigt zu
scheinen. »Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft
sehr angenehm, denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre,
sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu
können.«
Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte
schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren
Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.
Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich -- es ist möglich,
daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in
manchem hervorbringen; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute
zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen,
wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So
kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff
zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen
Leutchen nur _ein_ Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem,
und es spricht und lacht, und geht und liebt wie im Prater, wie auf der
~Chaussée d'Antin~ oder im ~Palais royal~, wie Unter den Linden oder
wie in ...
Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer
aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und ~Merveilleuses~ aller Zeiten,
Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von
Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London; und sie alle in Streit
über ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: »Zu
unserer Zeit, ja! zu unserer Zeit war es doch anders!« Aber ach, meine
Stutzer kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von
Garnmacher einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner
Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier
zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die
Promenadenzeit verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater.
3.
Das Theater im Fegefeuer.
Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich
ist es weder ~Opera buffa~ noch ~seria~, weder Trauer- noch Lustspiel;
ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Akteurs und Aktricen, Tänzer
und Tänzerinnen genug; aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum
mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner
eine schauerlich-tragi-komisch-historisch-romantisch-heroische Komödie
aufführen -- wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen, um
von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar
nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben
lassen, etwa die Kleinstädter in der Hölle, wie würde man über
verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung
getroffen.
Mein Theater spielt große pantomimische Stücke, welche wunderbarerweise
nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben; aber
mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen
hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine einen Erlaubnisschein,
als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt
es mir? Was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen Frau, zum
Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt es dem Manne, der sich
schon um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine dringt --
Eine kalte weiße Hand,
Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
Die im Sterbekleide vor ihm stand?
Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse
helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit
dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement
schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten
pflegte, schlürfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem
Ohr; zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit
glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es
dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer
bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit
krampfhaft gekrümmten Fingern an den Fässern anpocht, die er bestohlen?
Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der
Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer,
um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt?
Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher
fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wäre
eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu
_lebenslänglicher_ Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, »_noch sechs Jahre
länger_« unterschrieb, weil er den Mann haßte. Aber sie würden mir auf
der andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir
manchen fromm zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der
zu Lebzeiten so viel getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken
wollte -- ich habe darin zu viele Erfahrungen gemacht und kann es in
neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker genug
tun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig
mehr in den _Häusern_, desto mehr aber in den _Köpfen_ spukt.
Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft
zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner
höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:
_Mit allerhöchster Bewilligung._
Heute als am Geburtsfeste
der Großmutter, diabolischen Hoheit:
Einige Szenen aus dem Jahr 1826.
Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.
Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen
Meisterwerken zusammengesucht von Rossini.
(Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr viele
allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird
gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und
Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie
der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwärts zu
überlassen.
Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters.
Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Haus. Ich bot mich
den drei jungen Herren als Cicerone an und führte sie glücklich durch
das Gedränge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die
erste, der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hätten
eintreten dürfen, fanden es diese drei Subjekte aber amüsanter, von
ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren.
Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, wenn
sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders Garnmacher
schien vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu können. »Nein,
ist es möglich?« rief er wiederholt aus. »Ist es möglich? Sehen Sie,
Marquis, jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den
roten Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame. Dieser starb
in Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem
unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe
ich sie gesehen und gesprochen? Sie war eine liebenswürdige fromme
Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den
Ball -- sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den
dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar
wollte man behaupten, sie sei in Teplitz an einem heimlichen Wochenbett
verschieden, aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das
glauben?«
»Ha! die Nase von Frankreich!« rief auf einmal der Marquis mit Ekstase.
»Heiliger Ludwig, auch Ihr unter Euern verlorenen Kindern? Ha! und
ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes Vaterland in die
Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene häßlichen, kriechenden
Menschen? Sehen Sie dort -- das sind berühmte Missionare, die uns
glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir. Dem Teufel sei es
gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich versammelt hat.«
»O, mein Herr,« sagte ich, »da hätten Sie nicht nötig gehabt, bis ins
Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich
zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts
Erbärmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im
~Café de Congrégation~ wimmelt es von diesen Herren, vom Kardinal bis
zum schlechten Pater. Sie können manche heilige Bekanntschaft dort
machen.«
»Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier,« erwiderte Mylord. »Sagen Sie
doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie unterhalten
sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es Engländer?«
»Verzeihen Sie,« antwortete ich, »es sind Soldaten und Offiziere von
der alten Garde, die sich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug
besprechen.«
Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen und wollten
mehr fragen, aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten
und Pauken der Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus.
Es war die herrliche Ouvertüre aus ~Il maestro ladro~, die Rossini
auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzückt über die
schönen Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und jedes
fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich
komponierten Stück. Ich halte auch außer der ~Gazza ladra~ den
~Maestro ladro~ für sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine
künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz ausgesprochen hat. Die
Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß von Mozarts Don Juan, dem
man, zur Vermehrung der Rührung, einen Nachsatz von Pauken, Trommeln
und Trompeten angehängt hatte, und -- der Vorhang flog auf.
Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Aengstlich drängten
sich die Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen
standen Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die
Papiere. Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte,
kamen in sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt.
Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem ~Pas de deux~
entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick erscheint
mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene.
Seine Mienen, seine Haltung drücken Verzweiflung aus. Man sieht,
seine Fonds sind erschöpft, sein Beutel leer, er muß seine Zahlungen
einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn ein, um
sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine Gebärdensprache ist
bezaubernd -- es hilft nichts. Da rafft er sich verzweiflungsvoll auf.
Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestät. Wie ein gefallener König
ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge reichen zu einer immensen
Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller fällt das Haus Goldsmith
in London. Komisch war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen,
deutschen und französischen Häuser, vorgestellt von den Herren vom
~Corps de ballet~, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten
künstlich und fielen noch künstlicher, besonders exzellierten hierbei
einige Berliner Börsenkünstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen
wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation im
Parterre erregten.
Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über.
Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier: »_Heil dem großen
Kaimakan_« ertönte. Ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren
und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war,
wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte
Stadt kommt. Man denkt nicht daran, daß der spekulative Kopf, der das
Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer ist, der den
Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren Preisen losschlägt. Man
denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den schützenden
Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten sich
mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den
Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berühmter
Könige und Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen,
der die transparente Inschrift: »_Seid umschlungen, Millionen!_« trug.
Ein Herr mit einer pikanten, morgenländischen Physiognomie, wohlbeleibt
und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und stellte den
Triumphator vor.
Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern
der Minister herab auf den Boden stieg. »Das ist Rothschild! Es lebe
Rothschild!« schrie man von den ersten Ranglogen und klatschte und
rief Bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer,
der diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte; besonders als er
mit dem englischen, österreichischen, preußischen und französischen
Ministerium einen Cosaque tanzte, übertraf er sich selbst. Rothschild
gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den
Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte sich mit einem
brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem
allerhöchsten ~cher cousin~ gemacht wurde.
Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über
diese Szene aus. »Es war zu erwarten,« sagte er, »daß diese Menschen
bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden, aber daß auf der
Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahr 1826, das
ist unglaublich.«
»Mein Herr!« erwiderte der Marquis lachend, »unglaublich finde ich
es nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht
einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt
erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige
in seinen Sack stecken kann?«
»Aber England, Alt-England! Ich bitte Sie,« rief der Lord schmerzlich.
»Ihr Frankreich, Ihr Deutschland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen
müssen! Aber, ~Goddam!~ das englische Ministerium mit diesem Hepphepp
einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist schmerzlich!«
»Ja, ja!« sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig.
»Es wird und muß so kommen. Freilich, ein bedeutender Unterschied
zwischen 1826 und der Zeit des Königs David!«
»Das finde ich nicht,« antwortete der Marquis, »im Gegenteil, Sie sehen
ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!«
»Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied,« erwiderte der
Deutsche. »Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur _einen_ König,
jetzt haben aber alle Könige nur _einen_ Juden.«
»Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was für eine
Szene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich
oder Italien kommt ans Brett.«
»Ich denke, Deutschland,« erwiderte Garnmacher. »Ich wenigstens
möchte wohl wissen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutschland sein
wird. Als ich die Erde verließ, war die Konstellation sonderbar. Es
roch in meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in
die Luft fliegt. Die Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die
feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen
geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Veränderungen geben?«
»Es wird heißen: Auch in diesem Jahre ist es geblieben, wie es war,«
antwortete ich dem guten Deutschen. »Um eine Lunte auszulöschen, bedarf
es keiner großen Künste. Man wird bleiben, wie man war, man wird
höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr
Vaterland in Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort
aussieht? Armer Herr, da müßte ich ja zuvor noch fragen, was für ein
Landsmann Sie sind?«
»Wie verstehen Sie das?« fragte der Baron unmutig.
»Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen,
da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen
zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen
Rezepten braut. Sind Sie ein Württemberger, so könnten Sie erfahren,
wie man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße, und drückt
Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren, denn an dem
Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken
Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot, aber denken Sie
nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in der
nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß
Ihnen die Haare zu Berge stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne
Taille bekommen -- --«
»Herr, sind Sie des Teufels!« fuhr der Baron auf. »Wollen Sie uns alles
Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie --«
»Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!« rief der
Marquis. »Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre Dame! Das
finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen
will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der
Kammer?«
Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang
und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange
Prozession, angeführt von den Missionaren, betrat die Bühne. Da sah
man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter
Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen
des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die ~à
la~ Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die
niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum
staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin
D--s, die Komtesse de M--u, die Fürstin T--d im Kostüm einer Büßenden
zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit
Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als
sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschälle, den Degen an der
Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die
Szene ging, da wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde
an unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und
wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte man faule Aepfel
oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe Portal von Notre Dame hatte
endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über
die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem
Arm eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als
Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare wie ein Kalb
führten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche
Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel
gezüchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versöhnen: »~Vive
le bon Dieu! vive la croix!~« So brachten sie ihn endlich mit großer
Mühe zur Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.
»Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu dem Lord. »Was ist
Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O, mein
Frankreich, mein armes Frankreich!«
»Es ist wahr,« antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die
Hand drückte, »Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an diese
tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter
den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks,
der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im
Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel
erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es ist
ein Blendwerk der Hölle!«
»Das möchte doch nicht so sicher sein,« sagte ich. »Das Vaterland des
Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der
Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen.«
»Aber was wollten Sie nur mit dem Affen in Notre Dame?« fragte der
Baron. »Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?«
»Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joko,
der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch
von den Missionaren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen
Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn
wohl in der Kirche taufen.«
»~Goddam!~ was Sie sagen. Doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion
bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird. Wenn es nichts
Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese
Pantomimen etwas langweilig.«
»Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,«
antwortete ich. »Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt,
das der Reis-Efendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest
der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus
Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das
Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen
Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird
ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er
sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner
mohammedanischen Majestät eröffnet.«
»Ei!« rief der Marquis. »Was wollen wir diese Schande der Menschheit
sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und
dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen!
Kommt, meine Freunde. Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn
von Garnmacher hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische
Diner betrachten!«
Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und
verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem
derben Fluche zurück und rief: »Wahrlich, es steht schlimm mit der
Zukunft von 1826!«
Inhalt.
Erster Teil.
Einleitung.
Seite
Erstes Kapitel. Der Herausgeber macht eine interessante
Bekanntschaft 5
Zweites Kapitel. Der schauerliche Abend 10
Drittes Kapitel. Der schauerliche Abend. (Fortsetzung) 17
Viertes Kapitel. Das Manuskript 24
Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ...en.
Fünftes Kapitel. Einleitende Bemerkungen 30
Sechstes Kapitel. Wie der Satan die Universität bezieht
und welche Bekanntschaften er dort machte 34