durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel
stiegen in mir auf, und -- nun, Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich
fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein
gewisses Etwas, ja -- so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch
versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daran rücken und einen
Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!«
3.
Ein Schabbes in Bornheim.
Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die
Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen,
wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür
wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon
in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende
Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem
ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem Dessauer,
oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor einem Mann
bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wußte,
der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.
Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,
noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen, und lud mich ein,
mit ihm nach _Bornheim_ zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt
des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt alle Stämme
Israels versammelt habe.
Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden
zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der
Hoffnung, sein Auge hob sich freier; um seine Stirne, seinen Mund war
jede Melancholie verschwunden, sein großer runder Kopf steht nicht mehr
zwischen den Schultern, er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er
sagen: »Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus
Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der
Börse, und wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in der
neuen Judenstraße!«
Aus dem Garten des goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die zitternden
Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter Violinen
entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien wie einst
ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da saßen sie,
die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden
Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus
_einer_ Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich plaudernd
und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser
zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter den Bäumen, und
der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das
der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volk verheißen hatte. Wie sich
doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld!
Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen
Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern
bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mußten,
wenn man ihnen zurief: »Jude, sei artig, mach' dein Kompliment!«
dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt
Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier.
Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen. Ueberladen mit Putz
und köstlichen Steinen saßen die Frauen und Judenfräulein; die Männer,
konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen
Kniee ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen,
soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu
kopieren, die Männer hatten sich sonntäglich und schön angetan, ließen
schwere goldne Ketten über die Brust und den Magen herabhängen,
streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs besteckt, von
sich, als wollten sie zu verstehen geben: »Ist das nicht was ganz
Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk? Wer hat denn alles Geld,
gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König
schuldig, wem anders als uns?«
»Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
Morgens,« rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am
Arme; »schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der
mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr
ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau
rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist
die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft zu
separieren nach und nach.«
»Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? ich sehe sie noch nicht --«
»Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir
bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
Ratgeber?«
»Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien,« gab ich ihm zur
Antwort, »reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz.«
»Ah,« rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den Hut
gegriffen hatte, »Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß Titular
ums liebe Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen.
Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar tiefen
Blick in die Staatsaffairen. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen
können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettmäßiges in Dero Visage.«
»Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe, Ihnen
nützlich sein zu können.«
Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter
errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten
ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor
dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote
Herzkirsche. Die Tante, »das neidische Gewölk,« erhob sich, und nun
ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die
Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel. -- Sie
hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen
konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur
Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.
Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der
Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die
Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten.
Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. »Haben
da ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmelzlein,« bemerkte er
wohlgefällig lächelnd; »habe immer eine Inklination für die Diplomatik
gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter
oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand!
Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für
Geschäfte machen!«
»Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
Kopf umher.«
Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,
nehme ich es auch noch auf. »Zeviel?« sagte er. »Ich für meinen
Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein
Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun als eine
lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, _Sie_ stehen solide in Wien. Ihr
Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem
Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.«
»Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!«
»Gut, ~très bien bon~! Gut gegeben, hi! hi! hi! ~à propos~, wissen Sie
Neues aus daher?« Er rückte mir noch näher und wurde verfänglicher.
»Herr Simon,« sagte ich mit Artigkeit ausweichend, »Sie wissen, es gibt
Fälle --«
»Wie!« rief er erschrocken, »Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
Herrn gewesen? Waas?«
»Um Jottes willen, Papa!« schrie Rebekka, indem sie den Arm des
zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. »Doch kein Unglück? Mein
Jott! Doch nicht hier in Frankfort?«
»Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem Herrn
Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich holter
nicht recht verstanden.«
Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den
erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.
»Nee! Was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
Bejriff von!« lispelte sie. »Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen
Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden
und wären melancholisch jewesen?«
Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
Seufzers wurden feuriger, er zog, als »das Gewölke« ein wenig im Garten
auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und gestand
ihr, wenn ich anders recht gehört hatte, daß nächstens die Metalliques
und die ... um drei Prozent steigen werden.
»Herr von Schmelzlein!« sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
Wein zu sich genommen hatte, »Sie haben mir da einen Schreck in den
Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch nur
dies Wort in Gesellschaft aussprechen! Nun, Sie wollten sagen?«
»Es gibt Affairen,« fuhr ich fort, »wo der Diplomat schweigen muß.
Ueber das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht
befragen wollen; nur soviel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im
engsten Vertrauen --«
»Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!« rief er feierlich. »So
ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner
Tochter das geringste --«
»Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, soviel kann ich Ihnen
sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; _ganz_ zu
allernächst. _Für_ oder _gegen_ wen, darf ich nicht sagen; doch Herr
von Zwerner --«
»_Von_ Zwerner?«
»Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war
ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders
richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien
bekommen.«
»Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar, ich sagte immer,
hinter _dem_ steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat
wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei,
sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf,
es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?«
»Ja.«
»Ei, darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Efendi? Hat er?«
»Mein Herr Simon, ich bitte --«
»O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik,
aus Politik, aber er hat, er hat?«
»Trauen Sie auf nichts, ich _warne_ Sie, auf keine Nachricht trauen
Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei und
hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten.«
»Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
Zwerner aus Dessau; zwar, er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,
aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm
machen ließe?« setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase
herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß
sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Dies war der
Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab dem
Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm seinen
Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.
4.
Das gebildete Judenfräulein.
Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich
kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.
»Ich liebe die Tiplomattiker,« sagte sie unter anderem mit feinem
Lächeln und vielsagendem Blick. »Es is so etwas Feines, Jewandtes in
ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von
ferne an, und wie angenehm riechen sie nach ~Eau de Portugal~!«
»O gewiß, auch nach ~Fleur d'orange~ und dergleichen. Wie nehmen sich
denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?«
»Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis
sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen
hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie
müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen
das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun
solche junge Herren Tiblomen sind, das sein ganz scharmante Leute,
wohnen in die ~Chambres garnies~, essen an die ~Tables d'hôte~, jehen
auf die Promenade schön ausstaffiert ~comme il faut~, haben zwar
jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.«
»Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er
wohl echt?«
»Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen,
als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir gekostet achthundert
Gulden, die ich in die Rothschildschen Los gewunnen. Und sehen Sie,
dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring
zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von
den jutem Ton wie unsereine.«
»Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein
Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?«
»Finden Sie das ooch?« erwiderte sie anmutig lächelnd. »Ja, man hat mir
schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie,
ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf
die Art meinen Jeist und mein Orkan aus.«
»Was lesen Sie? wenn man fragen darf.«
»Nu, ~Bellettres~, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abbonniert
bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der weißen Schlange, und der
verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher.«
»Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?«
»Nee, das tu' ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte
in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich
natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was
Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich
nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu
die Baronin -- ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich
vor --«
»Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesen
Gedanken eine erstaunliche Tiefe -- ein Chaos von Möglichkeiten --«
»Nu, kurz, den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der
Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens
und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und
dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere
vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit
Trillern, die kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der
Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen
kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas Herrliches!«
»Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
Schriftsteller über alles. Diese anderen, besonders ein Schiller,
wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte
meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines
anderen Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der
mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt
mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen
zubereitet. Der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt er
auch im Grunde viele Hefen an, so ›brüsselt‹ er doch mit allerliebsten
tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht
die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein.«
»O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen
mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte,
jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in
das Janze, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet,
wie es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich, und ist
ein wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling.
Und das angenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu
denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper,
der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie anjenehm läßt es sich dabei
einschlafen!«
»Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen,« rief
lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns trat.
»Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur
Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.«
»Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe
Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören? Wie werden sie
in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es
erraten?«
»Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten
werden! Muß _einen_ großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr
von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie
ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die
Rebekkchen.«
Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen
Beinchen heran? Was lächelt schon von weitem so freundlich nach der
Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte,
freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle
bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt.
Er schnupfte und ächzte, als er herankam, und doch konnte er auch in
dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein
liebliches, süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet
neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit
zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten,
sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: »Habe die Ehre,
vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!«
»Mein Jott! Herr Israel! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen
sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet nich!
Herr Tipplomat, ~Eau de Cologne~! Haben Sie keines bei sich in die
Tasche?«
So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen
mit zarter Sorgfalt. Da ich kein ~Eau de Cologne~ bei mir trug, so
begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von dem
Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater
wußte bessern Rat: »Da geht einer,« rief er freudig, »da geht ein
scharmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der trägt
beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!«
Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
schrecklichen Gebärden das ~Eau de Cologne~-Fläschchen abforderte,
anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer beraubt. Maria
Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen wieder zu sich. Er
schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte. »Mich gehorsamst
zu bedanken,« lispelte er mit zitternder Stimme, »für die gütigst
geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut. Fast als hätte ich
mehr Bier getrunken als dienlich.«
»Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?« fragte Rebekka, ihn etwas
mißfällig betrachtend.
»Mit nichten und im Gegenteil,« erwiderte er, indem er den Rücken
zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust
herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. »Mit nichten, habe
sonsten eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der
dicke Pfarrer ...«
Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder wie immer,
wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von
Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem
die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich
boshaft, ob er etwa im goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas
betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und
kirchlichen Skandal angefangen, nach seiner Gewohnheit?
»Nach meiner Gewohnheit?« rief das Kaninchen erschrocken, »ich ein
Unruhestifter oder Säufer, ich in dem goldenen Brunnen, ich, der ich
nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den
Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den weißen Schwanen mit meinem
Besuch beehre? Nein! er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an
mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: ›Das
ist auch so ein _Stein des Anstoßes_, auch so ein Mystiker.‹ -- ›Herr
Pfarrer,‹ sagte ich, ›guten Abend, aber ein Mystiker bin ich nicht und
will auch für keinen gelten, am wenigsten öffentlich, auf der Chaussee
nach Bornheim.‹ -- ›Sie wollen keiner sein?‹ antwortete er, indem er
näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und das Cachet seiner Uhr mir
gerade auf die Brust zu sitzen kamen und mich heftig drückten. ›Wollen
keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht mehr ins Museum? Warum haben
Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im Pariser, Weiden- und anderen Höfen
geschimpft über mich, daß ich ein gewisses Gedicht von Langbein in
besagter Gesellschaft vorgelesen?‹ Es ist wahr, ich hatte mich ziemlich
stark darüber ausgesprochen, aber nicht aus Mystizismus, sondern weil
ich glaubte, es könne zarte Damenohren und weiche Gemüter unangenehm
berühren, jenes Gedicht. Aber er nahm keine Entschuldigung an. Ich
schlüpfte ihm unter dem Bauch weg und wollte schnell weitergehen,
aber er setzte mir mit weiten Schritten nach, ging neben mir her und
beschuldigte mich, seinem Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer
reichen Frau verholfen zu haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden
Morgen, statt des Frühstücks, magnetisieren lasse und dergleichen. Und
erst hier an der Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von
mir ab.«
»Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?« fragte ich. »Halten denn
die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit
der Apostel?«
»In Frankfurt,« belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, »in Frankfurt
ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre
Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten
sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur
Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur
in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und
Trinkstuben, auf Chausseen und Kasinos wird gekämpft, und so konnte es
leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in die
Hände fiel. -- Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt dort
der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem Garten, sie
steigen aus?«
»Ah, sie hat mich bemerkt,« rief das Kaninchen sehr freundlich,
»sie schaut schon herüber und wedelt, wenn ich nicht irre, mit dem
Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß ich mich entferne. Miß
Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie wissen selbst, bei solchen
Affären --«
Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die
junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens
dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen, denn ihr
Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der
Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.
Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß
es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen
vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte
das Glück, Rebekkchen in den Wagen heben zu dürfen und kam mit ganz
verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die
Hand gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz
fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen
und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.
5.
Der Kurier aus Wien kommt an.