zu sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald
jammerte er wieder in den kläglichsten Tönen und mischte die Konsols,
die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf herzbrechende
Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hörte ihn sein
Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die Stunde, in
welcher er durch die neue Judenstraße promenierte.
Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal
trat, auf einen Stuhl: »Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,«
flüsterte er, »zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer.« Ich setzte mich,
ich betrachtete ihn von der Seite; wie man sich täuschen kann! Ich
hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstigem Aussehen
erwartet, wie man sie heutzutage in großen Städten und Romanen trifft,
etwa bleichschmachtend und fein wie Eduard von der Verfasserin der
Urika, oder von schwächlichem, beinahe liederlichem Anblick, wie einige
Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das Gegenteil,
ich fand einen Untersetzten, runden, jungen Mann mit frischen,
wohlgenährten Wangen und roten Lippen, der aber die trüben Augen
beinahe immer niederschlug und um den hübschen Mund einen weinerlichen
Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht paßte.
Ich versuchte, während ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot,
einigemal mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber immer vergebens;
er antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem
halbunterdrückten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl
die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken, er warf nur einen
scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf
seinen Teller.
Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, daß sie einem
Herrn gelten mußten, der uns gegenüber saß und schon zuvor meine
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon
etwas kahle, gefurchte Stirne, sein bräunliches, eingeschnurrtes
Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weithervortretende Nase
deuteten darauf hin, daß er die fünfundvierzig Jährchen, die er haben
mochte, etwas _schnell_ verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast mit
diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen bildete ein
ruhiges, süßliches Lächeln, das immer um seinen Mund schwebte, die
zierliche Bewegung seiner Arme und seines Körperchens, wie auch seine
sehr jugendliche und modische Kleidung.
Es saßen etwa fünf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
zärtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem süßen Lächeln, womit er
seine Blicke begleitete, zu urteilen, mußte er mit allen in genauen
Verhältnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der abgestorbenen,
knöchernen Hand einen Spargel zum Munde führte und süßlich dazu
lächelte, die größte Aehnlichkeit mit einem rasierten Kaninchen,
während mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch anzusehen
war.
Warum übrigens der Seufzer das Kaninchen mit so finsteren Augen maß,
konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars
düsterer und länger als gewöhnlich auf jenem ruhten, fing das Kaninchen
an, die Schultern und Arme graziös hin und her zu drehen, den Rücken
auf künstliche Art auszudehnen und das spitzige Köpfchen nach uns
herüber zu drehen; mit süßem Lächeln fragte er: »Noch immer so
düster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eifersüchtig auf meine
Wenigkeit?«
An dem zarten Lispeln, an der künstlichen Art, das r wie gr
auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen zu
erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen. Und
so war es, denn mein Nachbar antwortete: »Eifersüchtig, Herr Graf? Auf
_Sie_ in keinem Fall.«
Graf Rebs -- so hörte ich ihn später nennen -- faltete sein Mäulchen
zu einem feinen Lächeln, drückte die Augen halb zu, bog die Spitznase
auf komische Weise seitwärts, strich mit der Hand über sein langes,
knöchernes Kinn und kicherte.
»Das ist schön von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
eifersüchtig? Und doch habe ich die schöne Rebekka erst gestern abend
noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und
schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes
Ragout bitten, mein Herr?«
»Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwärts aufs Theater,
und nicht rückwärts gesehen, am wenigsten mit melancholischen Blicken.«
»Herr Oberkellner,« lispelte der Graf, »Sie haben die Trüffeln gespart.
Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich täuschen kann! Ich hätte
auf Ehre geglaubt, Sie schauen herauf in die Loge mit melancholischen
Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Fräulein von Rothschild,
denn als ich auf Sie hinabwies -- Kellner, ich trinke heute lieber
roten Ingelheimer, ein Fläschchen -- ja, wollte ich sagen -- das ist
mir nun während des Ingelheimers gänzlich entfallen; so geht es, wenn
man soviel zu denken hat.«
Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedächtnis des
Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch
abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als
daß er nicht weiter geforscht hätte. »Nun, auch Fräulein von Rothschild
hat bemerkt, daß ich melancholisch hinaufsah?« fragte er, indem er
seine bitteren Züge durch eine Zutat von Lächeln zu versüßen suchte;
»freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette --«
»Richtig, das war es,« erwiderte Rebs, »das war es; ja, als ich auf Sie
hinabwies und Rebekkchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug sie
mich mit ihrem Jokofächer auf die Hand und nannte mich einen Schalk.«
Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen röteten sich noch
mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich noch
durch wilden Trotz, der in ihm wütete. Er zog den Kopf tief in die
Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem grimmigen
Blick an. Er hatte nie so große Aehnlichkeit mit einem angenehmen
Froschjüngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf dem Teichel
sitzt, als in diesem Augenblicke.
Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das
r noch mehr schnurren ließ als zuvor, sprach er: »Werter Monsieur
Zwerner, Sie dürfen aus dem Schlag mit dem Jokofächer keine argen
Folgerungen ziehen. Es ist nur eine ~Façon de parler~ unter Leuten
von gutem Ton. Wegen meiner dürfen Sie ruhig sein. Zwar solange man
jung ist,« fuhr er fort, indem er den Halskragen höher heraufzog und
schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch, »zwar
solange man jung ist, macht man sich hie und da ein Späßchen. Aber ein
ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben Sie schon
die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit drei Tagen
hier in Frankfurt ist?«
»Nein,« antwortete mein Nachbar, leichter atmend.
»Oh, ein deliziöses Kind! Augenbrauen wie, wie -- wie mein Rock hier,
einen Mund zum Küssen, und in dem schönen Gesicht so etwas Pikantes,
ich möchte sagen, soviel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter uns,
ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte es
nicht sagen, es beschämt mich, aber auf Ehre, Sie können sich drauf
verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, übrigens hoffe ich
mich auf Ihre Diskretion verlassen zu können; nein, es ist wirklich
auffallend, in drei Tagen ...«
»Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen Sie
denn sagen?«
Es war ein eigener Genuß, das Kaninchen in diesem Augenblick anzusehen.
Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln, denn er kniff die Aeuglein zu, sein
Kinn verlängerte sich, seine Nase bog sich abwärts nach den Lippen,
und sein Mund war nur noch eine dünne, zarte Linie; dazu arbeitete
er mit dem zierlich gekrümmten Rücken und den Schulterblättern, als
wolle er anfangen zu fliegen, und mit den abgelebten Knöchlein seiner
Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch einmal mußte der Seufzer ihn
ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben, bis er endlich hervorbrachte:
»Sie ist in mich verliebt! Sie staunen; ich kann es Ihnen nicht
übelnehmen, auch mir wollte es anfangs sonderbar bedünken, in so kurzer
Zeit; aber ich habe meine sicheren Kennzeichen, und auch andere haben
es bemerkt.«
»Sie Glücklicher!« rief der Seufzer nicht ohne Ironie. »Wo Sie nur
hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; übrigens rate ich, diese
Engländerin ernstlicher zu verfolgen; so bedenken Sie, eine so solide
Partie --«
»Merke schon, merke schon,« entgegnete Rebs mit schlauem Lächeln, »es
ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gänzlich aus dem
Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, daß ich
schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebekkchen dürfen
Sie ruhig sein; ich ziehe mich gänzlich zurück. Und sollte vielleicht
eine vorübergehende Neigung in dem Mädchen -- Sie verstehen mich schon
-- das wird sich bald geben, ich glaube nicht, daß sie mich ernstlich
geliebt hat.«
»Ich glaube auch nicht,« entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in
welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand
auf, wir folgten. Graf Rebs tänzelte lächelnd zu den Damen, welchen er
während der Tafel so zärtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem
unglücklichen Seufzer.
2.
Trost für Liebende.
»Was war doch dies für ein sonderbarer Herr?« fragte ich meinen
Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschloß. »Findet er wirklich bei
den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrückt?«
»Ein Geck ist er, ein Narr!« rief der Seufzende, indem er mit dem
Kopf aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. »Ein alter
Junggeselle von fünfundvierzig und spielt noch den ersten Liebhaber.
Eitel, töricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen Aeuglein
anblinzelt, sei in ihn verliebt, drängt sich überall an und ein --«
»Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lächerliche Rolle in der
Gesellschaft, da wird er wohl überall verhöhnt und abgewiesen?«
»Ja, wenn die Damen dächten wie Sie, wertgeschätzter Herr! aber so
lächerlich dieser Gnome ist, so töricht er sich überall gebärdet, so --
o Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht.«
»Ei, ei!« sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschloß und den
Verzweifelnden hineinschob, »ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
Beschuldigungen ausstoßen? Und auf Fräulein Rebekka -- setzen Sie sich
doch gefälligst aufs Sofa -- auf das Fräulein sollte er auch Eindruck
gemacht haben, dieser Gliedermann?«
»Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, daß er lächerlich ist und
geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern mit
seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu sehen
oder auf der Promenade von ihm begrüßt zu werden, vielleicht wenn sie
eine Christin wäre, hätte sie einen solideren Geschmack.«
»Wie, das Fräulein ist eine Jüdin?«
»Ja, es ist ein Judenfräulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der
neuen Judenstraße. Das große gelbe Haus neben dem Herrn von Rothschild,
und eine Million hat er, das ist ausgemacht.«
»Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gespräch des
Grafen bemerkt habe, können Sie sich einige Hoffnung machen?«
»Ja,« erwiderte er ärgerlich, »wenn nicht der Satan das Papierwesen
erfunden hätte. So stehe ich immer zwischen Türe und Angel. Glaube
ich heute einen festen Preis, ein sicheres Vermögen zu haben, um vor
Herrn Simon treten und sagen zu können: ›Herr! wir wollen ein kleines
Geschäft machen miteinander, ich bin das Haus Zwerner und Komp. aus
Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?‹ Glaube
ich nun, so sprechen zu können, so läßt auf einmal der Teufel die
Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um soviele Prozente
höher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken.«
»Aber kann denn nicht der Fall eintreten, daß Sie gewinnen?«
»Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist
von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder
jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit
ihm anzufangen, denn er ist ein ausgemachter Narr und reif für das
Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebekkchen, so gut sie sonst
ist, guckt auf allen Seiten der jüdische Geldteufel heraus.«
»Wie? sollte es möglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
sehen?«
»Da kennen Sie die Mädchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,«
erwiderte er seufzend. »Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es,
was sie wollen. Können sie sich durch einen Leutnant zur gnädigen Frau
machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld,
so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewöhnlich keines
hat.«
»Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner und Komp. in Dessau _hat_ Geld,
woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fräuleins?«
»Ja, ja!« sagte er etwas freundlicher, »wir haben Geld, und soviel,
um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien, aber
Sie kennen die Frankfurter Mädchen nicht, werter Herr! Ist von einem
angenehmen, liebenswürdigen jungen Mann die Rede, so fragen sie: wie
steht er? Steht er nun nicht nach allen Börsenregeln solid, so ist er
in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken muß.«
»Und Rebekka denkt auch so?«
»Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen
Judenstraße? Ach! ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Kurs der
Börsenhalle! Man weiß hier, daß ich mich verführen ließ, viele
Metalliques und preußische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein
Interesse geht mit dem der hohen Mächte und mit dem Wohl Griechenlands
Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein
reicher Mann. Gewinnt der Großtürke und sein Reis-Efendi, so bin ich
um zwanzigtausend Kaisergulden ärmer und nicht mehr würdig, um sie zu
freien. Das weiß nun das liebenswürdige Geschöpf gar wohl, und ihr Herz
ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald möchte sie gerne, daß die
Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glück zu fördern. Bald denkt
sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn von
Metternich verlieren könnte, und wünscht dem Efendi soviel Verstand als
möglich. Ich Unglücklicher!«
»Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschöpf?« fragte ich.
Tränen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus
seiner Brust. »Wie sollte ich sie nicht lieben?« antwortete er.
»Bedenken Sie, fünfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod
eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine
ganze. Und dabei ist sie vernünftig und liebenswürdig, hat so was
Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine kühn
geschwungene Nase, frische Lippen, der Teint, wie ich ihn liebe, etwas
dunkel und dennoch rötlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte man
ein solches Geschöpf nicht lieben?«
»Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?«
»O, einige Judenjünglinge, bedeutende Häuser, buhlen um sie, aber ihr
Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie weiß, daß bei uns alles
nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schämt sich, in guter
Gesellschaft für eine Jüdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den
Frankfurter Dialekt ganz abgewöhnt und spricht Preußisch. Sie sollten
hören, wie schön es klingt, wenn sie sagt, ›Ißßt es möchlich?‹ oder:
›es jinge wohl, aber es jeht nich.‹«
Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese
jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem Ladentisch
eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten Romanen der
Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die Gesellschaft
nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade gehen, oder
Sonntags, gekleidet wie Herren ~comme il faut~, auf Kirchweihen oder
sonstigen Bällen sich amüsieren. Reisen sie hernach, so dreht sich
ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schöne Wirtin der nächsten
Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgänger empfohlen ist,
oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie sie glauben,
noch lange um den schönen, wohlgewachsenen jungen Mann weinen wird. Sie
haben irgendwo gelesen oder gehört, daß der Handelsstand gegenwärtig
viel zu bedeuten habe; darum sprechen sie mit Ehrfurcht von sich und
ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, daß einer von sich sagte:
»Kaufmann oder Bänderkrämer«, sondern: »Ich reise in Geschäften des
Hauses Bäuerlein oder Zwierlein,« und fragt man, in welchen Artikeln,
so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie ganz bescheiden antworten
zu hören: »Knöpfe, Haften und Haken, Tabak, Schnupf- und Rauch- und
dergleichen bedeutende Artikel.« Haben sie nun gar im Städtchen ihrer
Heimat ein Schätzchen zurückgelassen, so darf man darauf rechnen,
sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre sehr interessante
Geschichte erzählen, wie sie Fräulein Jettchen beim Mondschein kennen
gelernt haben, sie werden die Brieftasche öffnen, unter hundert
Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthöfen etc. ein Seidenpapier
hervorziehen, das ein Pröbchen Haar von der Stirne der Geliebten
enthält.
Glückliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden
Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukommt, mit
eingelegter Lanze ~à la~ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schönheit
zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger
Verwüstung an wie jener mannhafte Ritter und seid überdies meist euer
eigener Sancho Pansa an der Tafel.
Eine solche liebenswürdige Erziehung aus Kontorspekulationen, Romanen,
Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien nun auch mein
Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte ihm, er war zu
ehrlich. Wie leicht wäre es für einen Mann von Zweimalhunderttausend
gewesen, Kuriere nicht von _Höchst_ oder von _Langen_, sondern von
Wien, sogar mit _authentischen_ Nachrichten kommen zu lassen, um seinem
Glücke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht alles um Geld feil? Und
wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann, warum sollte es ein anderer
nicht auch können, wenn sein Geld ebenso gut ist als das des großen
Makkabäers?
Zwar _ein_ solcher Sperling macht keinen Sommer. _Eine_ solche
Handelsseele mehr oder weniger mein kann mir nicht nützen. Doch die
Nüancen ergötzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
ins Netz geht, und darum beschloß ich, ihm zu nützen, ihn zu fangen.
»Ich bin,« sagte ich zu ihm, »ich bin selbst einigermaßen
Papierspekulant, daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre bisherige
Verfahrungsart etwas sonderbar finde.«
»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert. »Als ich in Dessau war,
ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier,
gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag
in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?«
»Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der
etwas wagen will, muß _selbst_ eingreifen in den Lauf der Zeiten.«
»Aber mein Gott,« rief er verwunderungsvoll, »das kann ja jetzt niemand
als der Rothschild, der Reis-Efendi und der Herr von Metternich. Wie
meinen Sie denn?«
»Ueber Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine
einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum
verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine Krisis sich
bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil, können Sie durch eine
solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen.«
»Gewiß, gewiß,« seufzte er. »Aber ich sehe nur noch nicht recht ein --«
»Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das
Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht
und dem _großen Portier_ ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt
noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fährt und
fliegt nach Frankfurt, und bringt die Depesche, wem?«
»Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!«
»Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen
um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort
mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu
sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen
Krisis, eines bedeutenden Vorfalls kommen --«
»Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
Rußland sei plötzlich --«
»Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute glauben!
Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muß auf der Börse wirken!« --
»Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden? habe dem Islam
geschworen?«
»Ich sage Ihnen, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte
habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht
mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier
sogleich ein paar Stationen weiterreisen, lassen Sie den Brief einige
Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle,
so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre
Papiere mit Gewinn ab.«
»Aber, lieber Herr,« erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, »das
wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für
einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von
Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben.«
»Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß,
und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten
Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.«
»Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das
Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber
wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine
falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele Häuser
können fallieren, andere wanken und im Kredit verlieren, und das wäre
dann meine Schuld!«
»So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen
Seele. »So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man
auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht?
Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie
zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht
scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine
Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im weißen Schwanen wohnt
und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen
Rebs, grollt?«
»Aber, mein Herr,« rief der Seufzer etwas pikiert, »ich weiß gar nicht,
was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme erzeigen; ich
weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?«
»Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre
Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort.
Uebrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das Treffliche und
Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten
Anblick solches gefunden zu haben.«
»Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die
meine --«
»Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender
Geist --«
»Finden Sie das wirklich?« rief er, indem er lächelnd meine Hand
faßte und verstohlen nach dem Spiegel blickte; »es ist wahr, man hat
mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mir sogar
versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße aufgefallen,
und er sei eigens deswegen einigemal in den König von England gekommen,
um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen.«
»Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen,
so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem
mutigen Auge zu finden!«