die wir gesehen, stieß den Kapitän zurück. »Fort mit dir!« rief er,
»gehe zu den Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters.
Du hast deine Rolle künstlich gespielt; um diese Blume zu pflücken,
mußtest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibes noch einmal
entreißen. Hinweg mit dir, du Ehrloser!«
»Was sprechen Sie da?« schrie der Kapitän schäumend; es mochte in der
Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beißender
war. »Welche Absichten legen Sie mir unter? Was hätte ich getan.
Erklären Sie sich deutlicher!«
»Jetzt hast du Worte, Schurke, aber als dieser Engel zu dir flehte, da
hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rühre sie nicht an, oder
ich schlage dich nieder!«
»Das kann dir geschehen,« entgegnete jener, und einem Blitze gleich
fuhr er mit etwas Glänzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen
Mannes. -- In Spanien lernt man gut stoßen. Der Berliner hatte einen
Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu
lassen, in die Knie.
Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewiß katholisch! war mein Gedanke,
als das Herzblut des jungen Mannes hervorströmte; jetzt wird er sich
bergen im Schoße der Kirche! Und es schien so zu kommen. Denn willenlos
ließ sich der Kapitän von Ines und dem Kardinal wegführen, und die
Barke stieß vom Lande.
* * * * *
Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an
welchem der Papst vor dem versammelten Volk mir, dem Teufel, alle
Seelen der Ketzer übermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung
noch nie eine erhalten und weiß nicht, ob Seine Heiligkeit falliert
haben und nun auf der Himmelsbörse keine Geschäfte mehr machen, also
wenig Einfluß auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob
vielleicht diese Verwünschung nur zur Vermehrung der Rührung dient, um
den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
zu geben, daß sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, den Beutel
der Engländer, Schweden und Deutschen zu schröpfen, da ihre Seelen doch
einmal verloren seien.
An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzuströmen, besonders
die Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen.
Man drängt und schlägt sich auf dem großen Platz, man hascht nach
dem Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl
herabschleudert, durchzückt ein mächtiges Gefühl jedes Herz, und alle
schlagen an die Brust und sprechen: »Wohl mir, daß ich nicht bin wie
dieser einer.« An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz
besondere Bedeutung; man sprach nämlich in allen Zirkeln, in allen
Kaffeehäusern, auf allen Straßen davon, daß ein berühmter, tapferer,
ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser
Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hieß
es, er sei Kapitän, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er
Oberst, und wenn man am Donnerstag früh ein schönes Kind auf der Straße
anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man auf die
Antwort rechnen: »Ei, wißt Ihr nicht, daß zur Ehre Gottes ein General
der Ketzer sich taufen läßt und ein guter Christ wird, wie ich und Ihr?«
Wer der berühmte Täufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach
der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwürfen, Bitten,
Drohungen, Versprechungen und Tränen bestürmt, daß er einwilligte,
besonders, da er durch den Uebertritt nicht nur Absolution für seine
Seele, was ihm übrigens wenig helfen wird, sondern auch Schutz für die
Justiz bekam, die ihm schon nachzuspüren anfing, da der Berliner einige
Tage zwischen Leben und Tod schwebte und sein Gesandter auf strenge
Ahndung des Mordes angetragen hatte.
Ich stellte mich auf dem Platze so, daß der Zug mit dem Täufling an
mir vorüberkommen mußte. Und sie nahten! Ein langer Zug von Mönchen,
Priestern, Nonnen, andächtigen Männern und Frauen kamen heran. Ihre
halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lüfte. Sie
zogen im Kreis um den ungeheuren Platz, und jetzt wurden die Römer
um mich her aufmerksamer. »~Ecco, ecco lo!~« flüsterte es von allen
Seiten; ich sah hin -- in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche
bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Händen, nahte mit unsicheren
Schritten der Kapitän. Zwei Bischöfe in ihren violetten Talaren gingen
vor ihm, und Chorknaben aller Art und Größe folgten seinen Schritten.
»Ein schöner Ketzer, bei St. Peter! ein schmucker Mann!« hörte ich die
Weiber um mich her sagen. »Welch ein frommer Soldat!«
»Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele
entrissen wird!« --
»Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?« --
»Vorher,« antwortete ein schönes, schwarzlockiges Mädchen, »vorher,
denn nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da würde er
ihn ja auf ewig verdammen und nachher segnen und taufen.«
»Ach, das verstehst du nicht,« sagte ihr Vater, »der Papst kann alles,
was er will, so oder so.«
»Nein, er kann nicht alles,« erwiderte sie schelmisch lächelnd, »nicht
alles!«
»Was kann er denn nicht?« fragten die Umstehenden. »Er kann alles; was
sollte er denn nicht können?«
»Er kann nicht heiraten!« lachte sie; doch nicht so schnell folgt der
Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.
»Was, du versündigst dich, Mädchen?« schrie er. »Welche unheiligen
Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst
heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall.«
Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strömen; und auch ich
folgte dorthin. Es ist eine lächerliche, materielle Idee, wenn die
Menschen sich vorstellen, ich könne in keine christliche Kirche kommen.
So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior, Balthasar) über
ihre Türen und glauben, die drei Könige aus Morgenland werden sich
bemühen, ihre schlechte Hütte gegen die Hexen zu schützen.
Ich drängte mich so weit wie möglich vor, um die Zeremonien dieser
Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitän hatte jetzt sein graues
Gewand mit einem glänzend weißen vertauscht und kniete unweit des
Hochaltars. Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe standen umher, der
ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter,
der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgaben sie mit einem
ehrwürdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit
aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schönen Frauen Donna
Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, und
wer Luisen und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte dem
Täufling verzeihen, daß er sich durch dieses schöne Weib und einen
listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen ließ.
Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie stützte sich mit
einer Hand an eine Säule, und ich glaube, sie wäre ohne diese Hilfe
auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft.
Der Schleier war zu dicht, als daß ich ihre Züge erkennen konnte. Doch
sagte mir eine Ahnung, wer es sein könnte. Jetzt erhoben die Priester
den Gesang, er zog mit den blauen Wölkchen des arabischen Weihrauchs
hinauf durch die Gewölbe und berauschte die Sinne der Sterblichen,
übertäubte ihre Seelen und riß sie hin zu einer Andacht, die sie zwar
über das Irdische, aber auch über die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
hinwegführt.
Die Priester sangen. Jetzt fing er an, sein Glaubensbekenntnis zu
sprechen.
»Er hat mich nie geliebt,« seufzte die Dame an meiner Seite, »er hat
dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Sünde!«
Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher
gelebt.
»Gib Frieden seiner Seele,« flüsterte sie; »wir alle irren, solange wir
sterblich sind; vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! Laß ihn
Frieden finden, o Herr!«
Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Töne drangen
schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm
vollzogen, der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Würde, segnete
ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Grüße zu.
»Vater, laß ihm mein Bild nie erscheinen,« betete die Dame an meiner
Seite, »daß nie der Stachel der Reue ihn quäle! Laß ihn glücklich
werden!«
Und mit dem Pomp des heiligen Triumphes schloß die Taufe, und der
Kapitän stand auf, zwar als ein so großer Sünder wie zuvor, doch als
ein rechtgläubiger katholischer Christ. Das Volk drängte sich herzu
und drückte seine Hände, und Donna Ines führte ihm mit holdem Lächeln
ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi
führte den Getauften an die Stufen des Altars, stieg die heiligen
Stufen hinan und las die Messe.
Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles
sah; ihre Knie fingen an, zu wanken. »Wer Ihr auch seid, mein Herr!«
flüsterte sie mir plötzlich zu, »seid so barmherzig und führt mich aus
der Kirche, ich fühle mich sehr unwohl.« Ich gab ihr meinen Arm, und
die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet
vom Teufel.
Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
Equipage, die unfern hielt. Ich führte sie dorthin, ich öffnete ihr
den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen
Schleier zurück, es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die
bleichen, schönen Züge Luisens. »Ich danke Euch, Herr!« sagte sie, »Ihr
habt mir einen großen Dienst erwiesen.« Noch zitterte ihre Hand in der
meinigen, ihre schönen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter
und füllten sich dann mit einer Träne. Aber schnell schlug sie den
Schleier nieder und schlüpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich
habe sie -- nie wiedergesehen.
* * * * *
Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte,
welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich
an diesem Tage nach ..., wo ich mit einem berühmten Staatsmann eine
Konferenz halten mußte. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten
Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte
nicht erst nötig, ihn zu überzeugen, daß die Türken seine natürlichen
Alliierten seien. Von ... eilte ich zurück nach Rom. Ich gestehe, ich
war begierig, wie sich die Verhältnisse lösen würden, in welche ich
verflochten war, und die mir durch einige Situationen so interessant
geworden waren.
Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
Kaufmann. Er saß in einem schönen Wagen und hatte, wie es schien,
Streit mit einigen päpstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als Stobelberg
zu ihm. »Lieber Bruder,« sagte ich, »es scheint, du willst Sodom
verlassen gleich dem frommen Lot?«
»Ja, fliehen will ich aus dieser Stätte des Satan!« war seine Antwort;
»und hier läßt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal
anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentum
unterweisen wollte.«
Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die
Polizei hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grund, den Wagen noch
einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoßen und hatte den
Pietisten gefragt, was es enthalte. »Geistliche Bücher,« antwortete
er. Man glaubte nicht, schloß auf, und siehe da, es war ein gutes
Flaschenfutter, und die Polizeimänner wollten wegen seines Betruges
einige Skudi von ihm nehmen.
»Aber, Bruder,« sagte ich zu ihm. »Eine fromme Seele sollte nach nichts
dürsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern, als nach dem
Manna des Wortes, und doch führst du ein Dutzend Flaschen mit dir, und
hier liegt ein ganzer Pack Salamiwürste? Pfui, Bruder, heißt es nicht:
›Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem allen fragen
die Heiden?‹«
»Bruder,« erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel! »Bruder, bei
dir muß es noch nicht völlig zum Durchbruch gekommen sein, daß du einem
Manne von so felsenfestem Glauben, daß du _mir_ solche Fragen vorlegst.
Gerade, daß ich nicht zu seufzen brauche: ›Was werden wir essen, was
werden wir trinken, womit uns kleiden?‹ gerade deswegen habe ich mir
den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller gefüllt und die
aus Eselsfleisch bereiteten Würste gekauft; es geschah also aus reinem
Glaubensdrang, und der Geist hat es mir eingegeben. Da, ihr lumpigen
Söhne von Astaroth, ihr Brut des Basilisken, so auf dem Stuhl des
Lammes sitzt und an seinen Klauen Pantoffeln führt, da nehmet diesen
holländischen Dukaten und lasset mir meine geistlichen Bücher in Ruhe!
-- So, nun lebe wohl, Bruder! Der Geist komme über dich und stärke
deinen Glauben!«
Da fuhr er hin, und wieder wurde ich in dem Glauben bestärkt, daß diese
christlichen Pharisäer schlimmer sind, als die Kinder der Welt. Ich
ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Straßen begegnete mir
der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien sehr
krank zu sein, denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo nicht die
Schleppe nach, sondern führte ihn unter dem Arm, und dennoch wankte
Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glühend, seine
Augen halb geschlossen, und der rote Hut saß ihm etwas schief auf dem
Ohr.
»Siehe da, ein bekanntes Gesicht!« rief er, als er mich sah, und blieb
stehen. »Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir uns
nicht schon irgendwo gesehen?«
»O ja, und ich hoffe noch öfter das Vergnügen zu haben; ich hatte die
Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen.«
»Ja, ja! ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr,
woher ich komme? Geradeswegs von dem Hochzeitsschmause des lieben
Paares!«
Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklären; die
spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und
Piccolo mußte ihn jetzt führen. »Ihr waret wohl recht vergnügt?« fragte
ich ihn; »es ist doch Euer Werk, daß die Donna den Kapitän endlich
doch noch überwunden hat?«
»Das ist es, lieber Ketzer,« sagte er, stolz lächelnd. »Mein Werk ist
es, kommet, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen! -- Was
wollte ich sagen? Ja -- mein Werk ist es, denn ohne mich hätte die
Donna gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, daß er sich in
Rom befinde. Ohne mich wäre ihre frühere Ehe nicht für ungültig erklärt
worden; ohne mich wäre der Kapitän nicht rechtgläubig geworden, was zur
Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wäre er nicht von seiner
Ketzerin losgekommen -- kurz, ohne mich -- ja, ohne mich stünde alles
noch wie zuvor.«
»Es ist erstaunlich!«
»Höret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hört einmal, werdet auch
rechtgläubig. Brauchet Ihr Geld? Könnet haben, soviel Ihr wollt, gegen
ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O! damit kann man einen
köstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schöne, frische,
reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr
Ehren und Würden? Ich will Euch ~pro primo~ den goldenen Sporenorden
verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Skudi kaufen -- aber
Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer barbarischen Heimat
große Ehrenstellen? Dürfet nur befehlen. Wir haben dort großen Einfluß,
geheim und öffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?«
»Der Vorschlag ist nicht übel,« erwiderte ich. »Ihr seid nobel in Euren
Versprechungen. Ich glaube, Ihr könntet den Teufel selbst katholisch
machen?«
»~Anathema sit! anathema sit!~ Es wäre uns übrigens nicht schwer,«
antwortete der Kardinal. »Wir können ihn von seinen zweitausendjährigen
Sünden absolvieren und dann taufen. Ueberdies ist er ein dummer Kerl,
der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer überlisten lassen!«
»Wisset Ihr das so gewiß?«
»Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennt Ihr die Geschichte, die er
mit einem Franziskaner gehabt?«
»Nein, ich bitte Euch, erzählet!«
»Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele.
Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Maß
ihrer Sünden das Recht dazu. Der Mönch aber wollte sie ~in majorem dei
gloriam~ für den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan vor,
sie wollen würfeln; wer die meisten Augen mit drei Würfeln werfe,
solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein falscher
Spieler ist, warf er achtzehn, er lachte den Franziskaner aus. Doch
dieser ließ sich nicht irre machen. Er nahm die Würfel und warf --
neunzehn. Und die Seele war sein.«
»Herr! das ist erlogen,« rief ich, »wie kann er mit drei Würfeln
neunzehn werfen?«
»Ei, wer fragt nach Möglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann
den Unterricht beginnen.«
Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco! dachte
ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir läßt sich der Satan
nicht überlisten. Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners
zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner großen
Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen und werde wohl vor Nacht
nicht zurückkehren. So mußte ich den Gedanken aufgeben, heute noch zu
erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Fräulein sich befinde, ob er
wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitän auf immer für sie verloren
sei, sie für sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit, ihn heute noch
zu sehen, denn den Abend über wußte ich ihn nicht zu finden, und auf
die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit jenen kleineren
Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt durchstreifen.
Ich trat zu diesem Zweck, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum,
denn dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die
Stunde nicht da, aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den
Trümmern einer großen Vorzeit meinen Gedanken über das Geschlecht
der Sterblichen nachzuhängen. Wie erhaben sind diese majestätischen
Trümmer in einer schönen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren
Raum. Aus dem blauen, unbewölkten Himmel blickte der Mond durch die
gebrochenen Wölbungen der Bogen herein, und die hohen überwachsenen
Mauern der Ruine warfen lange Schatten über die Arena. Dunkle Gestalten
schienen durch die verfallenen Gänge zu schweben, wenn ein leiser
Wind die Gesträuche bewegte und ihre Schatten hin und wider zogen. Wo
sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein fröhliches Volk,
schöne Frauen, tapfere Männer und die ernste, feierliche Pracht der
kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese
Mauern allein überdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen
diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich größer der Sinn jenes
Volkes war, das einst, ein Jahrtausend vor ihnen, um diese Stätte
lebte. Die ernste Würde der Konsuln und des Senates, der kriegerische
Prunk der Cäsaren und -- _dieser_ römische Hof und _diese_ Römer!
Der Mond war, während ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand jetzt
gerade über dem Zirkus. Ich sah mich um, da gewahrte ich, daß ich nicht
allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt saß seitwärts auf dem
gebrochenen Schaft einer Säule. Ich trat näher zu -- es war Otto von
S... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich schnell in
den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich redete ihn an und
wünschte ihm Glück, ihn so gesund zu sehen. Er richtete sich auf, der
Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht, weinende Augen blickten mich
wehmütig an, schweigend sank er an meine Brust.
»Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!« sagte ich. »Sie sind
noch sehr bleich, die Nachtluft wird Ihnen schaden!«
Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem
armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?
»Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gänzlich zu heilen,« fuhr ich fort.
»Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich
so spröde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie müssen
Mut fassen, Luise wird Sie erhören, und dann ziehen Sie mit ihr aus
dieser unglücklichen Stadt, führen sie nach Berlin zu der Tante. Wie
werden sich die ästhetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf
diese Art schließen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
persönlich einführen!«
Er schwieg, er weinte stille.
»Oder wie! haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie
abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Spröden fortspielen?«
»Sie ist tot!« antwortete der junge Mann.
»Ist's möglich! höre ich recht? So plötzlich ist sie gestorben?«
»Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben.«
Er sagte es, drückte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch die
Ruinen des Kolosseums.
Mein Besuch in Frankfurt.
1.
Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen sah.
Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte
man meinen, es gäbe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn
sie feiern daselbst nicht wie z. B. in Bayern anderthalb oder, wie
im Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier
Feiertage; die Juden haben deren sogar fünf, denn sie fangen in
Bornheim ihre heiligen Uebungen schon am Samstag an, und der Bundestag
hat sogar acht bis zehn.
Die Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
Sprachkünsten der Apostel als mir. Was die berühmtesten Mystiker am
Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die
immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkündet hatten, das
war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: »Ob man am Montag
oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins _Wäldchen_
gehen, ob es nicht anständiger wäre, ins Wilhelmsbad zu fahren, ob man
am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall gehen solle, oder
beides,« diese Fragen schienen bei weitem wichtiger als jene, die doch
für andächtige Feiertagsleute viel näher lag: »Ob die Apostel damals
auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?«
Muß ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreuen, der an solchen
Tagen mehr Seelen für sich gewinnt, als das ganze Judenquartier in
einer guten Börsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu
Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berühmten Belletristen
verwöhnt, alles bis aufs kleinste Detail wissen wollen, diene zur
Nachricht, daß ich im weißen Schwanen auf Nr. 45 recht gut wohnte, an
der großen Table d'hote in angenehmer Gesellschaft trefflich speiste;
den Küchenzettel mögen sie sich übrigens von dem Oberkellner ausbitten.
Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Stöhnen, das
aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat näher, ich hörte
deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen
und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzählte und dann
wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe für die
Schule nicht mächtig ist.
Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte ihn,
wer der Herr sei, der nebenan so überaus kläglich sich gebärde?
»Nun,« antwortete er, »das ist der stille Herr.«
»Der stille Herr? Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschluß, wer
ist er denn?«
»Wir nennen ihn hier im Schwanen den stillen Herrn oder auch den
Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und
wohnt schon seit vierzehn Tagen hier.«
»Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglück zugestoßen, daß er gar so
kläglich winselt?«
»Ja! das weiß ich nicht,« erwiderte er, »aber seit dem zweiten Tag,
daß er hier ist, ist sein einziges Geschäft, daß er zwischen zwölf und
ein Uhr in der neuen Judenstraße auf und ab geht, und dann kommt er zu
Tisch, spricht nichts, ißt nichts, und den ganzen Tag über jammert er
ganz stille und trinkt Kapwein.«
»Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft,« sagte ich, »setzen Sie mich
doch heute mittag in seine Nähe.« Der Kellner versprach es, und ich
lauschte wieder auf meinen Nachbar.
»Den zwölften Mai,« hörte ich ihn stöhnen, »Metalliques 84¾,
österreichische Staatsobligationen 87⅜, Rothschildsche Lotterielose,
der Teufel hat sie erfunden und gemacht! 132, preußische
Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka! Wo will das hinaus! 81! Die
Preußen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit im Himmel?«