Nur wir sind fromme Seelen;
Wir kommen in des Himmels Stall,
Uns kann es gar nicht fehlen;
Denn nach kurzem Schlafe
Ziehn wir frommen Schafe
In den Pferch, für uns bereitet,
Wo der Hirt die Schäflein weidet.
Dort scheidet er die Böcke aus --«
Man kann eben nicht sagen, daß der Fromme wie eine Nachtigall sang,
aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geist getrieben,
dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitäns wechselten Scham und Zorn,
und man war ungewiß, ob er mehr über die Unverschämtheit dieses
Proselytenmachers staunte oder mehr über den Inhalt der frommen Hymne
erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten
Vers anhub, ging die Tür auf, und die hohe, majestätische Gestalt
des Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weißen,
faltenreichen Gewand, und der Purpur, der über seine Schultern
herabfloß, gab ihm etwas Erhabenes, Fürstliches. Er übersah uns
mit gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte
vielleicht den ehrwürdigen Kuß eines Gläubigen erwarten.
Der Kapitän war in sichtbarer Verlegenheit. Er fühlte, daß der Kardinal
uns den Protestantismus sogleich anriechen, daß es ihn erzürnen werde,
seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu sehen. Er nannte
der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn von S. erblickte, trat er
erschrocken einen Schritt zurück und flüsterte dem Frater Piccolo in
der violetten Kutte zu: »Das ist wohl der Teufel, den du im Traume
gesehen?«
Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ängstlich auf seinen
Leib zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen
aus dem Exorzismus zu beten. Während dieser Szene hatte sich der
fromme Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war,
wieder erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses
Kirchenfürsten, doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem
er bei sich zu dem Resultate gelangt war, daß nur ein frommer
protestantisch-mystischer Christ zur Seligkeit gelangen könne. Er hub
im heulenden Predigerton auf italienisch an: »Siehe da, ein Sohn der
Babylonischen, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit
Seide und Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg,
Satanas!«
»Ist der Mensch ein Narr?« fragte der Kardinal, indem er näher trat
und den Prediger ruhig und groß anschaute. »Piccolo, merke dir diesen
Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen.«
Der Pietist geriet in Wut: »Baalspfaffe, Götzendiener, Antichrist!«
schrie er. »Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kommt der Geist
erst recht über mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter!
Ich will dich lehren die Hauptstücke der Religion, daß du deine
ketzerischen Irrtümer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur
ab, zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem
Herrn besser, wenn du violette Strümpfe anhast? O du Tor! das sind die
eiteln Lehren des Antichrist, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt; in
Sack und Asche mußt du Buße tun.«
Jetzt glühte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen,
seine Wangen glühten. »Jetzt sehe ich, Kapitän,« rief er, »was Euch so
lange zögern macht. Ihr haltet Zusammenkünfte mit diesen wahnsinnigen
Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestärken. Ha, bei der heiligen
Erde, Ihr habt uns tief gekränkt.«
»Herr Kardinal!« fiel ihm Herr von S. in die Rede, »ich bitte, uns
nicht alle in _eine_ Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb
in sich fühlt, alle Welt zu bekehren, so können wir ihn nicht daran
verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darüber zu beklagen,
denn Eure Eminenz wissen, daß es gleichsam nur Repressalien für die
Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwärtig alle
Welt überschwemmt.«
Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt
es, sie zu verwickeln, um sie nachher desto länger trauern zu lassen.
»Herr von S.,« sagte ich, »der Herr Kapitän will, denke ich, durch sein
Schweigen beweisen, daß er Seiner Eminenz recht gebe. Zwar schließt
mich mein Bewußtsein von den wahnsinnigen Ketzern aus, ich mache keine
Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer werten
Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rückkehr sagen können --«
»Stille!« rief der Pietist mit feierlicher Stimme. »Bruder, Mann
Gottes, willst du dich so versündigen, mit dem Baalspfaffen zu
rechten? Er geht einher wie ein Pharisäer, aber es wäre ihm besser,
ein Mühlstein hinge an seinem Hals und er würde ertränket, wo es am
tiefsten ist.«
»Hüte dich, einen Pfaffen zu beleidigen,« ist ein altes Sprichwort, und
der Kapitän mochte auch so denken. Ich sah, daß Beschämung vor uns, von
Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die Furcht, ihn zu
beleidigen, in seinem Gesichte kämpften.
»Ich muß Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz,« entgegnete er. »Diesen
Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann
er will; denn seine schwärmerischen Reden sind mir zum Ekel, aber
über diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von
Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr von S.
besucht mich. Ich weiß nicht, welche bösliche Absicht Sie darein legen
wollen.«
Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besänftigen, brachte
er ihn nur noch mehr auf, doch bezähmte er laute Ausbrüche desselben,
und seine stille Wut wurde nur in kaltem Spott sichtbar. »Ja, ich
habe mich freilich höchlich geirrt,« sagte er lächelnd, »und bitte um
Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religiöse
Gegenstände, doch nun merke ich, daß es friedlichere Absichten sind,
was Sie herführt. Herr von S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitän
wieder in die süßen Fesseln des deutschen Fräuleins legen wollen?
Trefflich! Ob auch eine andere Dame darüber sterben wird, es ist ihm
gleichgültig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmütigkeit, Capitano,
daß Sie sich von demselben Mann zurückführen lassen, der Sie so
geschickt aus dem Sattel hob!«
Zu welch sonderbaren Sprüngen steigert doch den Sterblichen die
Beschämung. Gefühl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle
Leidenschaften seiner Seele hätten den Kapitän wohl nicht so außer sich
gebracht als das Gefühl der Scham, vor deutschen Männern von einem
römischen Priester so verhöhnt zu werden. »Die Achtung, Signor Rocco,«
sagte er, »die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schützt mich,
Ihnen zu erwidern, was Sie mir in _meinem_ Zimmer über mich gesagt
haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten über mich hinlänglich und wundere
mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viel Mühe geben wollten.
Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob, werde ich
folgen. Doch wissen Sie, daß, was er getan hat, mit meiner Zustimmung
geschah; ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht in meiner
Absicht lag. Nur um Ihnen zu zeigen, daß weder Ihr Spott noch Ihre
Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein andermal wieder
einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate ich Ihnen, Ihren
Spott oder Ihren Zorn zurückzuhalten, bis er im Schoße der Kirche ist.«
Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so weiß geworden als sein
seidenes Gewand. »Geben Sie sich keine Mühe,« entgegnete er, »mir zu
beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert.
Glauben Sie mir, die Kirche hat höhere Zwecke, als einen Kapitän West
zu bekehren --«
»Wir kennen diese schönen Zwecke,« rief der Berliner mit sehr
überflüssigem Protestantismus; »Ihre Pläne sind freilich nicht auf
einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie
möchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was
noch zum Evangelium hält, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber
Sie kommen hundert Jahre zu spät, oder zu früh; noch gibt es, Gott sei
Dank, Männer genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein
wollen, als den heiligen Stuhl anbeten.«
»Bringe mir meinen Hut, Piccolo!« sagte der Priester sehr gelassen,
»Ihnen, mein Herr von S., danke ich für diese Belehrung; doch lag uns
an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der
Erbärmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann Sie
versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England über
kurz oder lang zur alleinseligmachenden Kirche zurückkehrt, dann werden
auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren. Drum leben
Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen.« Die Züge des Kardinals hatten
etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so sichtbar wurde als
in diesem Moment. Ich mußte gestehen, er hatte sich gut aus der Sache
gezogen und verließ als Sieger die Walstatt. Frater Piccolo setzte ihm
den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines Talars, und mit Anstand
und Würde grüßend, schritt der Kardinal aus dem Zimmer.
Der Berliner fühlte sich beschämt und sprach kein Wort; der Pietist
murmelte Stoßgebetlein und war augenscheinlich düpiert, denn der
Streit ging über seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem
Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen, der
babylonischen Dame, dem ewigen Höllenpfuhl und dem Paradiesgärtlein, in
lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.
Dem Kapitän schien übrigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein.
Ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß er von Donna Ines und diesem
Priester bedeutende Vorschüsse empfangen habe, die er nicht zahlen
konnte; es war zu erwarten, daß sie ihn von dieser Seite bald quälen
würden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der
Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein
Leichtsinn verleitet, denn hätte er bedacht, was für Folgen für ihn
daraus entstehen können -- er hätte sich von falscher Scham nicht so
blindlings hinreißen lassen. Der Berliner fuhr übrigens bei dieser
Partie ebenso schlimm. Ich wußte wohl, daß er die Hoffnung auf Luisens
Besitz nicht aufgegeben hatte, daß er sie mächtiger als je nährte, da
sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wußte auch, daß sie den Kapitän
nicht gerade zu sich zurückwünschte, sondern ihn nur nicht katholisch
wissen wollte, ich wußte, daß sie dem Berliner vielleicht bald geneigt
worden wäre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemühe;
und jetzt hatte der Kapitän vor uns allen ausgesprochen, daß er das
Fräulein wiedersehen wolle; und so war es.
»Es ist mein voller Ernst, Herr von S.,« sagte er, »ich sehe ein, daß
ich mich diesen unwürdigen Verbindungen entreißen muß. Können Sie mir
Gelegenheit geben, das Fräulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu
erbitten?«
»Ich weiß nicht, wie Fräulein von Palden darüber denkt,« antwortete der
junge Mann etwas verstimmt und finster; »ich glaube nicht, daß nach
diesen Vorgängen --«
»O! Ich habe die beste Hoffnung,« rief jener, »ich kenne Luisens gutes
Herz und kann nicht glauben, daß sie aufgehört habe, mich zu lieben.
Hören Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der
Tiber; bitten Sie das Fräulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu
kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle können zugegen
sein; ich will ja nichts als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort
von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel
zu versöhnen. Ach, wie schmerzlich fühle ich meine Verirrungen!«
»Gut, ich will es sagen,« erwiderte der Berliner, indem er mit Mühe
nach Fassung rang. »Soll ich Ihnen Antwort bringen?«
»Ist nicht nötig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr
als reuiger Sünder in dem Garten an der Tiber.«
* * * * *
Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das
Verhängnis zog ihn in diese Verhältnisse, seine Gestalt, sein Gesicht,
zufällig dem Kapitän West sehr ähnlich, bringt ihm Glück und Unglück;
es zieht ihn in die Nähe des Mädchens; er lernt ihr Schicksal kennen,
er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden
heilt, bewirkt endlich, daß sie den Kapitän vielleicht nicht mehr so
sehnlich zurückwünscht; sie will nur, daß er jenen Schritt nicht tue,
den sie für einen törichten hält; sich selbst unbewußt, gibt sie dem
armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen
Bemühungen um ihre Wahl, und jetzt muß er den gefährlichen Nebenbuhler,
einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurückführen!
Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, daß
sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet zu sehen. Sie hatte
ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu begleiten,
weil er diese Szene allein nicht mit ansehen könne.
Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo
in den Weg, mit der Frage, wo er wohl den Kapitän finden könnte?
Ich forschte ihn aus, zu welchem Zweck er wohl den Kapitän suche,
und er sagte mir ohne Umschweife, daß er ihm von dem Kardinal einen
Schuldschein auf fünftausend Skudi zu überreichen habe, die jener
zwölf Stunden nach Sicht bezahlen müsse. »Wertester Frater Piccolo,«
erwiderte ich ihm, »das Sicherste ist, Ihr bemühet Euch nach sechs
Uhr in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen;
dort werdet Ihr ihn finden, dafür stehe ich Euch.« Er dankte und ging
weiter. Daß er diese Nachricht dem Kardinal, vielleicht auch Donna
Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussetzen zu dürfen. »Fünftausend
Skudi, zwölf Stunden nach Sicht!« sagte ich zu mir, »ich will doch
sehen, wie er sich heraushilft!«
Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu fühlen,
daß seine Hoffnungen auf ewig zerstört seien; doch nicht nur dies
Gefühl war es, was ihn unglücklich machte; er fürchtete, Luise werde
nicht auf die Dauer glücklich werden. »Dieser West!« rief er. »Ist es
nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr zurückführt!
Wie leicht ist es möglich, wenn einmal die Reue über ihn kommt, die
Spanierin so unglücklich gemacht zu haben, wie leicht ist es möglich,
daß er auch Luisen wieder verläßt!«
Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht
zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen
sucht und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine
Künste anwendet. Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz
durchgemacht. Aber auch das Fräulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen
und ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Höllenkünsten nehmen, und der
gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden müssen!
Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhängnisvollen Garten der Signora
Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Fräulein sei ihm
unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause
des Kapitäns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine höhere
Leitung gefügt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche
zurücktreten, sondern auch als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren
wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lächeln
auf ihren schönen Zügen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude,
sie habe mit tausend Tränen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem
Garten zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht
heiter; eine sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung
habe sie befallen, sie habe ihm gestanden, daß sie der Gedanke an den
Fluch ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitäns werde, immer
verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst
so kindlich frohen Seele, als fürchte sie, trotz der Rückkehr des
Geliebten, dennoch nicht glücklich zu werden.
Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das
ganze weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genähert.
Er lag, von Bäumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco
empfing uns mit ihren Hündlein aufs freundlichste; sie erzählte, daß
sie das deutsche Geplauder der Versöhnten nicht mehr länger habe hören
können, und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden würden. Errötend,
mit glänzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schönen Gesicht,
trat uns das Fräulein entgegen. Der Kapitän aber schien mir ernster,
ja, es war mir, als müßte ich in seinen scheuen Blicken eine neue
Schuld lesen, die er zu den alten gefügt.
Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
schöne Mädchen für seine eifrigen Bemühungen ausdrückte. Sie umfing
ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen,
und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblick gefühlt, wie die
höchste Lust mit Schmerz sich paaren könne. Mir, ich gestehe es, war
diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nähere Beschreibung
davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine
Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger
langweilen dürfte: »Selige Stunden, welche auf die Versöhnung der
Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blöde und jungfräulich, der
Geliebte neu und verklärt, das Herz feiert seinen Mai, und die
Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen
Krieg nicht.« So sagt dieser große Mensch, und er kann recht haben, aus
Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen, nicht
mehr geliebt, und mit der Versöhnung will es nicht recht gehen.
Bei jener ganzen Szene ergötzte ich mich mehr an der Erwartung als an
der Gegenwart. Wenn jetzt mit einemmal, dachte ich mir, Frater Piccolo
durch die Bäume herbeikäme, um seinen Wechsel honorieren zu lassen
-- welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitän, welches Staunen,
welcher Mißmut bei dem Fräulein! Ich dachte mir allerlei dergleichen
Möglichkeiten, während die andern in süßem Geplauder mit vielen Worten
nichts sagten -- da hörte ich auf einmal das Plätschern von Rudern
in der Tiber. Es war nach sechs Uhr, es war die Stunde, um welche
ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wäre! -- Die
Ruderschläge wurden vernehmlicher, kamen näher, weder die Liebenden
noch der Berliner schienen es zu hören. Jetzt hörte man nur noch das
Rauschen des Flusses, die Barke mußte sich in der Nähe ans Land gelegt
haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hörte Stimmen in der
Ferne, es rauschte in den Bäumen, Schritte knisterten auf dem Sandweg
des Gartens, ich sah mich um -- Donna Ines und der Kardinal Rocco
standen vor uns.
Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein
Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem
schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu
begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei, und sank lautlos zurück,
indem sie die schönen Augen und das erbleichende Gesicht in den Händen
verbarg. Der Kapitän hatte den Kommenden den Rücken zugekehrt und sah
also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich
um, er begegnete zornsprühenden Blicken der Donna, die diese Gruppe
musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefühl seiner Schande,
die Angst, die Verwirrung schnürten ihm die Kehle zu.
»Schändlich!« hub Ines an. »So muß ich dich treffen? Bei deiner
deutschen Buhlerin verweilest du und vergißt, was du deinem Weibe
schuldig bist? Ehrvergessener; statt meine Ehre, die du mir gestohlen,
durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschädigen für so großen
Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgest du in
den Armen einer andern?«
»Folget uns, Kapitän West!« sagte der Kardinal sehr strenge. »Es ist
Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke
wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische
Gesellschaft.«
»Du bleibst!« rief Luise, indem sie ihre schönen Finger um seinen
Arm schlang und sich gefaßt und stolz aufrichtete. »Schicke diese
Leute fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteuerin verschworen. Du
zauderst? Monsignor, ich weiß nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in
diesen Garten zu dringen; haben Sie die Güte, sich mit dieser Dame zu
entfernen.«
»Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?« entgegnete Rocco. »Diese
ehrwürdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehört der Garten, und es wird
sie nicht belästigen, wenn wir hier verweilen.«
»Ich bitte um Euren Segen, Eminenz,« sagte, sich tief verneigend,
Signora Campoco; »wie möget Ihr doch so sprechen? Meinem geringen
Garten ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin
umher!«
»Nicht gezaudert, Kapitän!« rief der Kardinal: »Werfet den Satan
zurück, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die
Pflicht Euch ruft. -- Ha! Ihr zaudert noch immer, Verräter? Soll
ich,« fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, »soll ich Euch etwa dies
Papier vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit
den fünftausend Skudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache
abholen lassen?« --
»Fünftausend Skudi?« unterbrach ihn der Berliner. »Ich leiste
Bürgschaft, Herr Kardinal, sichere Bürgschaft --«
»Mitnichten!« antwortete er mit großer Ruhe. »Ihr seid ein Ketzer;
~haeretico non servanda fides~; Ihr könnet leicht ebenso denken und mit
der Bürgschaft in die Weite gehen. Nein, -- Piccolo! Sende einen der
Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen.«
»Um Gottes willen, Otto! Was ist das?« rief Luise, indem ihr Tränen
entstürzten. »Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz
übergeben haben? O Herr! Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein
ganzes Vermögen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben,
als Ihr fordert --«
»Meinst du, schlechtes Geschöpf!« fiel ihr die Spanierin in die Rede.
»Meinst du, es handle sich hier um Gold? Mir, mir hat er seine Seele
verpfändet; er hat mich gelockt aus den Tälern meiner Heimat; er hat
mir ein langes, seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat
mich betrogen um diese Seligkeit; du -- du hast mich betrogen, deutsche
Dirne, aber sieh zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten
kannst, daß du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen
Würmern, den Vater!«
»Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!« sagte Luise von tiefer Wehmut
bewegt. »Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine würde; er nahte
schnell! Ich hätte dir ihn entrissen, unglückliches Weib? Nein, so tief
möchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich längst, ehe er
dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir gebrochen!«
»Von dieser Sünde werden wir ihn absolvieren,« sprach der Kardinal;
»sie ist um so weniger drückend für ihn, als Ihr selbst, Signora, mit
einem anderen, der hierneben sitzt, in Verhältnissen waret. Zaudere
nicht mehr, folge uns; bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt
nicht folgst, wirst du sehen, was es heiße, den heiligen Vater zu
verhöhnen!«
Der Kapitän war ein miserabler Sünder. So wenig Kraft, so wenig
Entschluß! Ich hätte ihn in den Fluß werfen mögen; doch es mußte zu
einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein:
»Wie? was ist dies für ein Geschrei von Kindern?« rief ich erstaunt.
»Es wird doch kein Unglück in der Nähe geben?«
»Ha! meine Kinder!« weinte die Spanierin. »O, weinet nur, ihr armen
Kleinen, der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich
gehe, ich werfe sie in die Tiber, und mich mit ihnen; so ende ich ein
Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!«
Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen, doch das Fräulein faßte
ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen führte sie
Donna Ines zu dem Kapitän und stürzte dann aus der Laube. Ich selbst
war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschluß
ausführen wollte, den die Donna für sich gefaßt; doch der Weg, den
sie einschlug, führte tiefer in den Garten, und sie wollte wohl nur
diesem Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ängstlich nach, und
als sich auch der Kapitän losriß, ihr zu folgen, stürzte die ganze
Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.
Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschöpft und ohnmächtig
zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last
nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitän verdrängen, er wollte
vielleicht seinen Entschluß zeigen, nur ihr anzugehören; er glaubte
heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen
Mannes, um den seinigen unterzuschieben.